Franz Tost - Alpha Tauri - F1 - 2020 Motorsport Images
Alpha Tauri AT02 - Präsentation 2021
Alpha Tauri AT02 - Präsentation 2021
Alpha Tauri AT02 - Präsentation 2021
Alpha Tauri AT02 - Präsentation 2021 23 Bilder

Alpha-Tauri-Teamchef Franz Tost im Interview

Alpha-Tauri-Teamchef Franz Tost im Interview „Liegen 2022 am Limit“

Alpha Tauri war 2020 nicht nur dank des Sieges in Monza eine der Überraschungen der Saison. Trotzdem zieht Teamchef Franz Tost im Interview mit auto motor und sport ein gemischtes Fazit. Mit dem neuen AT02 will man noch regelmäßiger im vorderen Mittelfeld landen.

Wie hat Corona die Entwicklung des neuen Autos behindert?

Tost: Die Ingenieure haben keine Ausrede, dass die Entwicklung in negativer Art beeinflusst wurde. Bei uns lief alles nach Plan. Ich möchte es nicht verschreien, aber bis jetzt haben wir auch noch keinen positiven Corona-Fall – bis auf einen Fahrer, aber der war weit weg in Dubai.

Sie kommen genau wie Red Bull aus Österreich. Die Fabrik befindet sich in Italien. Sind Heimatbesuche aktuell überhaupt möglich?

Tost: Ich würde schon mal gerne zurück in die Heimat, vor allem um Ski zu fahren. Aber das geht leider momentan nicht. Das Risiko ist viel zu groß. Ich bin auch über Weihnachten hiergeblieben und habe etwas Zeit in der Fabrik verbracht und zum Arbeiten genutzt. Das Skifahren muss noch ein Jahr warten.

Mit der engeren Red-Bull-Partnerschaft stiegen auch die Erwartungen. Wurden die Ziele letztes Jahr erfüllt?

Tost: Was die Platzierung in der Teamwertung angeht nicht. Die Punktezahl war okay. Der Sieg war natürlich auch gut und wichtig. Leider haben wir einige Rennen durch Fehler vermasselt. So ist Gasly in Imola mit einem defekten Kühler ausgeschieden, der überhaupt nicht ins Auto hätte kommen dürfen. Dazu kamen noch weitere technische Defekte, wie zum Beispiel bei Kvyat in Silverstone. Da war die Luftführung einer Bremshutze blockiert, was dazu führte, dass ein Reifen explodierte. Das Team muss, was die Haltbarkeit angeht, noch einen Schritt nach vorne machen. Damit war ich nicht zufrieden.

Aber vom Speed des Autos wäre mehr drin gewesen?

Tost: Ja, das Auto hat die nötige Performance gehabt. Wir hätten noch häufiger im vorderen Bereich des Mittelfelds fahren müssen.

Pierre Gasly - GP Italien 2020
xpb
Pierre Gasly musste auf eine Feier zum Monza-Sieg in der Fabrik verzichten.

Weil es von Monza direkt nach Mugello ging, fiel die Party damals aus. Wurde sie inzwischen nachgeholt?

Tost: Ich bin kein großer Fan von Feiern. Deshalb war ich froh, dass Mugello gleich danach kam. Für mich ist das Rennen mit der Zielflagge beendet. Selbst die Siegerehrung und solche Dinge sind für mich völlig uninteressant.

Alpha Tauri wollte die Red-Bull-Kooperation 2021 weiter vertiefen. Wird der Aufwärtstrend durch die Restriktionen bei der Entwicklung gebremst?

Tost: Das Team fühlt sich nicht benachteiligt. Wir haben gemeinsam vereinbart, dass das Chassis vom letzten Jahr übernommen wird. Was die Aerodynamik angeht, hat jedes Team noch Möglichkeiten für die Weiterentwicklung. Die Maßnahmen wurden aus Kostengründen so eingeführt, was ich für eine gute Entscheidung halte.

Das Auto für 2022 haben die Ingenieure auch noch im Hinterkopf. Gibt es überhaupt noch einen Upgrade-Plan für das aktuelle Modell?

Tost: Die Pläne für 2022 sind nicht nur im Hinterkopf, sondern ganz vorne angesiedelt. Wir müssen jetzt mal schauen, wo wir mit dem aktuellen Auto von der Performance her stehen. Ich hoffe, dass wir im vorderen Mittelfeld fahren können. Große Entwicklungen während der Saison sind nicht geplant. Der technische Direktor muss irgendwann die Entscheidung treffen, in welche Richtung es geht. Aber das Hauptaugenmerk richtet sich schon auf die Entwicklung des 2022er-Autos.

Also gibt es noch eine gewisse Flexibilität?

Tost: Es gibt noch keinen festen Punkt, ab dem wir die Entwicklung am aktuellen Auto einstellen. Aber spätestens ab Juni oder Juli verschieben wir sicher alle Ressourcen auf das 2022er-Auto.

Alpha Tauri AT02 - Präsentation 2021
Red Bull
Mit dem Alpha Tauri AT02 soll es 2021 noch einen Schritt weiter nach vorne gehen.

Können Sie bei den neuen 2022er-Autos vom Red-Bull-Knowhow profitieren?

Tost: Wir können natürlich nur innerhalb des Reglements mit Red Bull Technology zusammenarbeiten. Das heißt, dass wir auch 2022 das Getriebe, die Hydraulik und Teile der Hinterrad-Aufhängung übernehmen werden. Mir wäre es am liebsten, wenn der komplette hintere Teil von Red Bull stammen würde. Das wird zu Beginn mit dem neuen Reglement etwas schwieriger, aber mit der Zeit wird es dann wieder in diese Richtung gehen.

Reichen die Änderungen für 2022 aus, dass Alpha Tauri direkt ganz vorne mitfährt?

Tost: Da muss von unserer technischen Seite etwas mehr kommen. Vor allem unsere Infrastruktur ist noch nicht gut genug aufgestellt. Wir wollen uns mit dem neuen Reglement erst einmal stabilisieren. Ich hoffe, dass das Feld näher zusammenrückt, erwarte das aber erst ab 2023. Die Top-Teams dürfen ihre Mitarbeiter ja noch bis Juni 2021 behalten. Sie werden viel Zeit und Energie in die 2022er-Entwicklung investieren. Dieser technische Vorsprung wird auch noch 2023 mitgenommen. Aber danach rechne ich durch die Ausgabengrenze schon damit, dass das Feld näher zusammenkommt.

Müssen Sie sich mit dem neuen Finanzrahmen überhaupt einschränken?

Tost: Wir liegen aktuell unterhalb der Kostengrenze. Natürlich werden aber auch wir ein großes Augenmerk auf die Ausgaben legen, weil das Cost-Cap nächstes Jahr noch einmal um fünf Millionen reduziert wird und wir beim 2022er-Modell keine gebrauchten Teile von Red Bull übernehmen können. Deshalb liegen wir 2022 am Limit. Für 2023 sieht es dann etwas entspannter aus. Da können wir dann bereits gefahrene Teile von Red Bull Technology verwenden, was viel Geld spart.

Ab 2022 betreibt Red Bull die Honda-Motoren in Eigenregie. Ab 2025 gibt es ganz neue Motoren. Wie sieht der ideale Antrieb Ihrer Meinung nach aus?

Tost: Ich würde beim V6 bleiben, mit Turbo, aber ohne die MGU-H. Die MGU-K muss rein, weil wir ein Energie-Rückgewinnungs-System brauchen. Und dann sollte die Hauptkonzentration auf der Verwendung von CO2-neutralen E-Fuels liegen. Damit würden wir die Anforderungen in Sachen Emissionen einhalten und wären für die Zukunft gut aufgestellt. Wir brauchen mehr Hersteller. Der neue Motor muss deshalb auch finanziell tragbar sein und den Kostenrahmen genau definieren. Das Reglement sollte auch einem Cosworth oder einem Mario Illien den Bau eines Motors erlauben. Wenn die Türen für neue Hersteller offen sind, kommt es nicht mehr zu solch einer Zwangssituation, in der wir uns aktuell befinden. Um Kosten zu sparen, sollten die Materialien eingeschränkt werden. Der Motor sollte lange halten, damit insgesamt nicht so viele Motoren gebaut werden müssen. Das reduziert auch die Zahl der Prüfstandsläufe.

Franz Tost - Alpha Tauri - F1 - 2020
Red Bull
Mit den Gedanken ist Franz Tost schon bei der Saison 2022, die ein kleines Team wie Alpha Tauri vor besondere Herausforderungen stellt.

Red Bull hat mit Sergio Pérez einen Fahrer ohne Vergangenheit im Juniorkader verpflichtet. Hatte man bei der Talentauswahl zuletzt kein glückliches Händchen?

Tost: Ich denke schon, dass wir gute Fahrer ausgewählt haben. Wenn man sich nur Carlos Sainz anschaut, der jetzt bei Ferrari fährt. Oder Daniel Ricciardo bei McLaren. Pierre Gasly hat auch immerhin ein Rennen gewonnen. Am Ende war es eine Entscheidung, die von Red Bull getroffen wurde. Pérez ist ein erfahrener Pilot, der weiß, was ihm an der Seite von Verstappen blüht. Er wird mit der Situation deshalb vielleicht etwas besser umgehen.

Glauben Sie, dass Pierre Gasly noch eine Chance bekommt aufzusteigen?

Tost: Glauben heißt nicht wissen. Deshalb bin ich da vorsichtig. Pierre ist auf jeden Fall ein superguter Fahrer. Ich bin momentan einfach froh, dass er uns nicht weggenommen wurde. Mit unserer Paarung sind wir sehr gut aufgestellt.

Noch weiß niemand, wie die Saison 2021 abläuft. Wäre es ein Problem für Alpha Tauri, wenn wegen Corona wieder Rennen und damit auch Einnahmen wegbrechen?

Tost: Ich möchte nicht noch einmal eine Saison wie 2020 erleben, nach der wir eine ordentliche Summe an Geldern nicht bekommen haben, weil es weniger Rennen gab und die Zuschauer gefehlt haben. Wir haben diese Saison einen Risikofaktor berücksichtigt. Aber trotzdem ist das Jahr kritisch, weil wir ja zwei Autos parallel am Laufen haben. Die Entwicklung für 2022 ist sehr kostenintensiv. Deshalb hoffe ich schwer, dass alle Rennen stattfinden und dass im Laufe der Saison auch wieder Zuschauer kommen dürfen und die Organisatoren Einnahmen verzeichnen. Die Unsicherheit ist natürlich für alle unangenehm.

Aber das Überleben Ihres Rennstalls ist nicht akut gefährdet?

Tost: Unser Überleben ist nicht gefährdet. Aber ewig wird Red Bull natürlich nicht zuschauen, wenn die Teams im Minus arbeiten. Ich hoffe sehr, dass wir das irgendwie wieder in die Reihe bringen.

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