Gerhard Berger & Bernie Ecclestone - F1 - 2016 xpb
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Bernie Ecclestone - Max Verstappen - Formel 1 2016
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Gerhard Berger im Interview

„Bernie war der Vater unseres Geschäfts“

Gerhard Berger betrachtet das Geschehen in der Formel 1 mit Sorge. Im Interview erklärt der ehemalige Fahrer und Teamchef, was die Königsklasse des Automobilsports von der Motorrad-Konkurrenz lernen kann.

Die Formel 1 läuft ohne Bernie Ecclestone. Ihr erster Gedanke?

Berger: Wir haben alle eine enge und gute Beziehung zu Bernie, auch wenn er manchmal auf hart sein konnte und seine Spielchen gemacht hat. Unter dem Strich war er der Vater unseres Geschäfts. Uns ist es allen gut gegangen mit ihm über viele Jahre. Da ist schon eine gewisse Traurigkeit, wenn du siehst, dass eine Ära zu Ende geht. Aber es ist der Wunsch der neuen Besitzer. Jetzt müssen sie zeigen, wie sie die Formel 1 weiter entwickeln können.

Ist es eine Chance für die Formel 1?

Berger: Ich glaube, dass es eine Chance ist. In gewissen Bereichen haben sie ihre Stärken. Amerikanischer Markt, neue Medien. Es wäre eine noch größere Chance gewesen, wenn die neuen Besitzer eine Art Übergangsregel getroffen hätten und ihre Pläne mit Bernies Erfahrung gebündelt hätten. Mit Ross Brawn haben sie immerhin einen, der das Geschäft gut kennt.

Wo lauern die Gefahren?

Berger: Das Geschäft Formel 1 wird unterschätzt. Die Schwierigkeit besteht darin, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bringen. Da war Bernie, besonders im Zusammenspiel mit Max Mosley, der Meister. Alle Parteien auseinander dividieren, um sie zum Schluss wieder zusammenzubringen, und zwar so, dass es für das Geschäft richtig war.

Wie schwer ist es für die neuen Chefs zu erkennen, wo sich der Sport ändern muss und wo Änderungen nichts bringen?

Berger: Die Amerikaner werden anders an das Thema herangehen. CVC hat die Kuh in den letzten Jahren gemolken. Das Interesse von Liberty muss sein, einen Hebel zu kreieren, dass sich ihre Investition am Ende auszahlt. Dazu müssen sie am Anfang etwas investieren und vielleicht nicht gleich alles abschöpfen, so dass genug bei den Teams und den Veranstaltern bleibt.

Es gab Gerüchte, dass Ecclestone eine Konkurrenzserie plant. Wäre das klug?

Berger: Bernie braucht keine Beratung. Er weiß genau was er tut, wann er etwas tun muss und ob er damit Erfolg haben kann. Er ist der Cleverste, den ich je im Motorsport kennengelernt habe. Er hat nur einen Nachteil. Es geht ihm die Zeit aus.

Gerhard Berger & Maurizio Arrivabene - F1 - 2015
Wilhelm
Wann geht es mit Ferrari wieder aufwärts?
Kann das neue Reglement Mercedes stürzen?

Berger: Es kann sein, dass die Aerodynamik wieder wichtiger wird. In den letzten drei Jahren hast du einen Mercedes-Motor zum Gewinnen gebraucht. Vorher war die Aerodynamik zu dominant. Die Kunst ist es, ein Gleichgewicht zwischen Aerodynamik und Motor zu schaffen. Du musst mit dem zweitbesten Motor und der besten Aerodynamik gewinnen können. Das Zünglein an der Waage sollte am Ende immer der Fahrer sein.

Was passiert gerade bei Ferrari?

Berger: Ferrari reagiert empfindlich auf jede Kritik. Es ist irgendwie das goldene Kalb, das man nicht anfassen darf. Deshalb wird viel schöngeredet. Doch in Wirklichkeit dreht sich die Spirale nach unten. Mein Herz ist Ferrari, es tut weh sie zu kritisieren, aber die Realität ist nun mal so: Ferrari hat 2015 mit Glück den ein oder anderen Erfolg eingefahren, und sie sind davon ausgegangen, dass das ihre Leistung ist. Die ist aber in Wirklichkeit weit weg von Mercedes und Red Bull. Irgendwie steht Ferrari wieder dort, wo sie waren, als ich für sie gefahren bin.

Vettel wollte Schumacher nacheifern. War die Aufgabe zu groß?

Berger: Er hat unterschätzt, was Michael damals gemacht hat. Er ist zu Ferrari gegangen, aber mit Benetton-Leuten im Gepäck. Als er ankam, war Ferrari in dem Zustand von heute. Sebastian hätte den Schritt zu Ferrari nur machen sollen, wenn er genauso wie Michael damals Schlüsselfiguren von Red Bull hätte mitziehen können.

Wird es Vettel durchziehen?

Berger: Ich sehe nicht, dass sich bei Ferrari 2017 viel verändern wird. Dann muss sich Vettel neu orientieren.

Wie sehen Sie das Gesamtbild der Formel 1?

Berger: Es hat sich nichts geändert. Die Formel 1 verdient immer noch gutes Geld. In manchen Ländern ist sie auch noch populär. Im Kerngeschäft Europa sinkt das Interesse allerdings. Meiner Meinung nach ist das Produkt Formel 1 nicht mehr gut genug.

Was muss besser werden?

Berger: Ein wesentlicher Faktor ist die Berechenbarkeit. Du weißt vor dem Rennen, wer gewinnt. Das macht den Sport zu wenig attraktiv für die normalen Zuschauer. Es dürfen sich nicht nur die Freaks wiederfinden.

Geht das überhaupt noch anders?

Berger: Der Motorradsport macht es vor. Dort gibt es die Unberechenbarkeit. Bei der MotoGP regiert nur einer: Carmela Ezpeleta sagt, wo es langgeht. Da sind die Strukturen so, dass er wirtschaftlich vom Erfolg der Serie abhängig ist. Deshalb legt er die Regeln so aus, dass die Show stimmt. Er weiß, was die Fans sehen wollen, damit bei ihm die Kasse klingelt. So wie es früher Bernie gemacht hat. Der wirtschaftliche Erfolg bemisst sich daran, wie viele Leute auf der Tribüne sitzen und den Fernseher einschalten. Danach werden alle Schrauben gedreht. In der Formel 1 gibt es nur Gremien. Zu viele Leute reden mit. Der Apparat ist zu schwerfällig und reagiert zu langsam.

Im Motorradsport haben die Hersteller Kosten und Technik im Griff. Ist das auch in der Formel 1 möglich?

Berger: Natürlich. Der entscheidende Faktor muss der Fahrer und nicht der Motor oder die Aerodynamik sein. In der Formel 1 will man immer den Spagat schaffen, eine gute Show mit einer viel zu komplizierten Technik zu bieten. Damit schiebt man den Erfolg zu denen, die das Budget haben, diese Technik am besten darzustellen.

Überschätzen die Hersteller den Nährwert der Technik?

Berger: Ich glaube schon. In meiner Firma muss ich mich immer fragen: Was will der Kunde? Wenn ich das nicht weiß, stirbt die Firma. Wer beschäftigt sich in der Formel 1 damit, was der Fan sehen will? Ich glaube, die Teams wollen sich damit gar nicht beschäftigen. Sie bauen lieber 30 verschiedene Bremsbelüftungen im Jahr. Kein Fan nimmt das wahr. Stattdessen erfinden wir künstliche Hilfen für mehr Überholmanöver und strafen die Fahrer, wenn sie sich beim Überholen mit den Rädern berühren. Das geht alles gegen das Interesse der Fans. Die wollen Zweikämpfe sehen und Fahrer, die ein extremes Auto beherrschen. Im Motorradsport ist es so. Da wird nicht gestraft, wenn sie sich berühren oder vor der Kurve drei Mal die Linie wechseln.

Vettel, Alonso und Hamilton sagen, dass für sie maximaler Fahrspaß mit maximalen Abtrieb verknüpft ist.

Berger: Ich verstehe das nicht. Wieder der Vergleich zum Motorrad. Was die Jungs aufführen, ist spektakulär. Beim Anbremsen quer und das Hinterrad in der Luft. In der Kurve maximale Schräglage. Beim Rausbeschleunigen ein Wheelie. Und was ist die Rundenzeit? 25 Sekunden langsamer als die Formel 1. Die Fans interessiert nicht die Rundenzeit. Es muss schnell und spektakulär aussehen. Schräglage geht im Auto leider nicht, aber alles andere schon. Was machen wir? Wir bauen Autos mit noch mehr Abtrieb, die noch schneller sind. Die Fahrer werden ein Halsmuskel-Problem bekommen, müssen aber nicht mehr gegenlenken. Der Fan hat nichts davon, wenn dem Fahrer die Halsmuskeln wehtun. Die besten Rennen haben wir im Regen. Weil da wenig Grip ist und die Motorleistung nicht die große Rolle spielt.

Geht das auch auf trockener Strecke?

Berger: Das hatten wir doch in der ersten Turbo-Ära. 1400 PS und halb so viel Abtrieb. Das waren Regenrennen im Trockenen. Die MotoGP-Maschinen haben 300 PS, keinen Abtrieb und wenig Auflagefläche vom Reifen. Die Autos von heute bräuchten 2000 PS, um spektakulär zu wirken. Oder halb so viel Abtrieb. Es kommt auf das Verhältnis an. Ich fürchte, die Formel 1 ist mit dem Weg zu mehr Abtrieb den falschen Weg gegangen.

Verstehen Sie die Fahrer, wenn sie über Reifenschonen und Spritsparen jammern?

Berger: Das hatten wir damals auch, nur anders. Wir mussten auf unser Auto aufpassen, damit es bis ins Ziel hält. Das Material war noch gar nicht in der Lage, jede Runde Vollgas durchzustehen. Aber bei uns war es der Fahrer und nicht die Box, der entscheiden musste, ob er Sprit spart, auf die Bremsen aufpasst oder die Reifen schont. Heute sind wir so weit, dass Pirelli vorsätzlich Reifen produzieren muss, die nicht lange halten. Um wenigstens ein bisschen Spannung reinzubringen. Das ist alles zu künstlich.

Ist Motorsport eine aussterbende Sportart?

Berger: Diese Frage muss man sich ehrlich stellen. Wir sehen hier einen Abwärtstrend. Für junge Leute ist das Auto nicht mehr ein Statussymbol, wie es das für uns war. Als ich in die Disco gefahren bin, musste nicht nur die Frisur, sondern auch das Auto stimmen. Trotzdem spielt die Emotion beim Auto noch eine große Rolle. Da geht es nicht nur um einen leisen und sparsamen Motor. Deshalb müssen die Hersteller alles tun, diese Emotionen aufrechtzuerhalten. Und das geht über den Motorsport am besten.

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