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Gerhard Berger - DTM - 2017
Gerhard Berger
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Gerhard Berger Interview Teil 2: "Schlafe vor dem Fernseher ein"

Gerhard Berger sieht die Formel 1 heute aus der Perspektive eines Fans. Im zweiten Teil unseres Interviews macht sich der 56-jährige Österreicher Sorgen über die Sackgasse, in die sich der Sport manövriert hat.

Bernie Ecclestone hatte von den Herstellern eine neue Motorenformel verlangt. Wie würden Sie das Motorenreglement schreiben?

Berger: Geht es nur um den Motor? Wenn man den Motorsport reparieren will, kommt man mit Insellösungen nicht weit. Und der Motor ist nur ein Teil des Problems, das man lösen muss. Der Motorsport muss von Grund auf überdacht werden. Aber sprechen wir über den Motor, weil es gerade aktuell ist. Das Thema hat mehrere Facetten, die das Problem aufzeigen. Die Sackgasse, in der Red Bull gelandet ist. Die Komplexität der Technik. Und ein Reglement, das den Herstellern nicht vorschreibt, eine bestimmte Anzahl von Teams zu beliefern.

Was muss anders werden?

Berger: Jeder Hersteller müsste eine bestimmte Anzahl an Teams beliefern und auch die Kapazitäten dafür schaffen, diese beliefern zu können. Wie viele Teams das sind, hängt von der Zahl der Hersteller und Teams ab. Aber das Feld muss abgedeckt sein. Damit wäre ausgeschlossen, dass ein Hersteller wie Honda nur ein Team ausrüstet. Noch wichtiger ist, dass alle Teams vom Hersteller die gleiche Spezifikation und Homologation bekommen. Die Unterschiede bestehen dann nur noch im Kraftstoff und der Elektronik. Das sind 20 PS mehr oder weniger und kann mit einem guten Auto oder einem guten Fahrer kompensiert werden. Dann bleibt der Sport ein Sport und nicht ein kontrolliertes oder abgekartetes Spiel. So war es ursprünglich auch mal vom Reglement abgedeckt, wurde aber wieder aufgeweicht. Es kann nicht sein, dass ein Herr Marchionne sagt: Du kriegst nur einen 2015er Motor und du nur einen von 2014. Das Reglement muss so etwas verhindern. Ich verstehe die Autokonzerne, dass sie sich vor einem Team wie Red Bull schützen wollen, weil die womöglich dann dem eigenen Team vor der Nase rumfahren. Aber das ist nicht im Interesse des Sports. Und da braucht es einen starken Verband, der so etwas ausschließt.

Ecclestone will einfachere und billigere Motoren, die jeder bauen kann und nicht nur Autokonzerne. Liegt er da richtig?

Berger: Bernie will simplere Motoren, damit sie ein Cosworth auch bauen kann. In Wirklichkeit kann sich der Cosworth die Entwicklung nicht leisten. Und darum kann er sie nicht bauen. Wir dürfen da einfache Motoren und das Kostenthema nicht miteinander vermischen.

Inwiefern?

Berger: Ich glaube, dass simpel nicht das richtige Wort ist. Es wäre falsch, die Technik völlig abzuschaffen. Auch die Hersteller müssen ihre Kompetenz beweisen können. Warum nicht mit einem Motor, der die ganze Saison hält? Das wäre technisch bei dem hohen Leistungsstand mindestens so anspruchsvoll wie eine Batterieentwicklung. Der Motor und seine Nebenaggregate kosten in der Entwicklung einfach viel zu viel. Die Kundenteams sollten dabei nur die Kosten für das Material und die Arbeitszeit tragen. Die Entwicklungskosten müssen zu Lasten der Hersteller gehen. Sie haben ja auch einen Image-Erfolg, wenn ihr Motor gewinnt. Der Verbrennungsmotor selbst könnte so bleiben wie er ist, vielleicht mit einem zweiten Turbolader, um den Sound und die Leistung zu verbessern. Es wäre auch näher an Straßenautos dran. Die Zusatzelemente wie MGU-K oder MGU-H machen die Antriebseinheit wahnsinnig aufwändig, werden aber aus Marketinggründen benötigt. Die Frage ist, ob das Thema Hybrid beim Fan so ankommt wie gewünscht. Ich glaube, dass es ihm gar nicht so wichtig ist. Aber wenn man Hybrid schon unbedingt haben will, stellt sich die Frage, ob man bestimmte Elemente nicht standardisieren kann. Zum Beispiel die Batterie oder die Elektromotoren. Sonst ufern die Entwicklung und die Abstimmung all dieser Elemente so aus, dass es sich am Ende nur noch Firmen wie Mercedes leisten können und wollen. So könnte man sagen: Wir haben einen Umweltfaktor mit im Paket, aber es ist trotzdem bezahlbar.

Wie wichtig sind die 1.000 PS, die Bernie fordert?

Berger: Das ist ein wichtiges Thema. 700 oder 800 PS sind für die Formel 1 einfach zu wenig. Es gibt genug Supersportwagen für die Straßen, die mehr PS haben. 1986 sind wir mit bis zu 1.400 PS herumgefahren. Ohne elektronische Hilfen. Ohne eine perfekte Aerodynamik, die das Auto wie auf Schienen fahren lässt. Wir haben heute so sichere Rennstrecken und Autos, dass man sich mehr Leistung locker leisten kann. Das sehen auch die Zuschauer. Formel 1-Fahren ist heute kein Ritt auf der Kanonenkugel mehr. Es ist ein Schaulaufen von wahnsinnig komplizierter Technik. Der Fahrer fällt hinten runter. Wenn ein Debütant bei Testfahrten nach einem Tag bis auf 3 Zehntel an die Bestzeit rankommt, ist die Anforderung nicht hoch genug. Die Anforderung muss verändert werden.

Wie?

Berger: Das Auto muss mehr Leistung als Grip haben. Das beste Beispiel ist die MotoGP. Die haben 270 PS, wiegen 160 Kilogramm, haben null Abtrieb und eine begrenzte Auflagefläche vom Reifen. Da sieht jeder Zuschauer sofort, was die Jungs draufhaben. Das ist Motorsport pur. In der Formel 1 haben wir das Gegenteil. Das kombiniert mit den leisen Motoren ist weder Show, Herausforderung noch Spektakel. Das wird uns der Fan mittelfristig nicht verzeihen.

Bernie Ecclestone und Jean Todt haben sich das Mandat gegeben, alles wieder selbst zu bestimmen, wenn die Teams und Hersteller keine vernünftigen Vorschläge liefern. Riecht das nach Krieg?

Berger: Grundsätzlich haben Bernie und Jean Recht. Sie wollten den Herstellern noch einmal das Gefühl geben, dass sie bei der Gestaltung der Zukunft mitreden dürfen. Sollten sie einen vernünftigen Vorschlag machen, hätten sie kein Problem, das zu akzeptieren. Es riecht aber eher danach, dass nichts passieren wird. Dann stellt sich die Frage, ob sich Bernie und Jean mit einem neuen Reglement durchsetzen können, Ich glaube, ohne die Zustimmung der Teams wird es nicht gehen. Und das ist das eigentliche Problem. Ein Teilnehmer beobachtet das Thema immer durch seine eigene Brille. Natürlich sagt ein Toto Wolff mit dem Mercedes-Stern auf der Brust, dass die Formel 1 superinteressant ist. Würde ich in seiner Situation auch toll finden. Aber in Wirklichkeit ist es so, dass ich manchmal vor dem Fernseher einschlafe. Weil ich nach der ersten Runde schon weiß, wer das Rennen gewinnen wird. Deshalb braucht es eine neutrale Instanz, die den Fan und den Sport vertritt. Und die Instanz muss die letzte Entscheidung treffen. Bei demokratischen Abstimmungen mit den Teams gibt es viel zu viele schlechte Kompromisse.

Können Ecclestone und Todt den Herstellern noch die Hosen ausziehen oder sind sie schon zu weit gegangen mit ihrer Mitbestimmung?

Berger: Die Welt funktioniert meistens nach dem Prinzip: Wer zahlt, schafft an. Wenn man Hunderte von Millionen braucht, um eine Technik zu entwickeln, die nur noch Mercedes und Ferrari darstellen können, werden die am Ende auch anschaffen.

Mercedes und Ferrari werden sich also ihre Macht nicht mehr wegnehmen lassen?

Berger: Würde ich an deren Stelle auch nicht. Für Mercedes läuft es doch perfekt. Sie haben ihre Hausaufgaben am besten gemacht und werden dafür belohnt. Endlich zeigen sie, dass sie auch in der Formel 1 ein Premium-Hersteller sind und können so an den alten Silberpfeil-Mythos anschließen. Ferrari hat andere Interessen. Marchionne hat die Firma an die Börse gebracht. Der will seine Finanzen auffrischen, und der Erfolg im Sport soll ihm dabei helfen. Alles berechtigt, aber nur aus deren Sicht. Leute, die solche Ziele verfolgen, dürfen nicht gleichzeitig beim Reglement mitreden. Dann ist der Sport gefährdet.

Im Moment haben Mercedes, Ferrari und Honda noch die gleichen Interessen. Wird das auf die Probe gestellt, wenn Mercedes 2016 wieder überlegen vor dem Feld herfährt?

Berger: Die Verlierer werden sagen: Wir brauchen etwas anderes, damit wir wieder eine Chance haben zu gewinnen. Es ist doch noch nicht so lange her, dass genau das passiert ist. Als der Red Bull 4 Mal hintereinander Weltmeister geworden ist, haben alle anderen darauf gedrängt, die Aerodynamik einzubremsen. Jetzt sagt Red Bull: Der Motor ist zu wichtig geworden, wir brauchen andere Motoren. Wir brauchen in der Formel 1 Regeln, bei der das Auto, der Motor, der Fahrer und das Team im Gleichgewicht sind.

Wie sieht die Lösung aus?

Berger: Es gibt genügend gute Lösungen im Sinne der Fans und des Sports, aber sie werden sich nicht durchsetzen, weil sie nie die Zustimmung der Teams finden werden. Bernie und Jean haben ihre Macht verkauft. Es braucht einen fähigen und finanziell unabhängigen Mann, mit allen Wassern gewaschen, mit Sport im Blut, mit umfassendem Wissen und der nötigen Macht ausgestattet, der das Thema von oben herab lenkt. Dann soll jeder entscheiden, ob er mitmachen will oder nicht. Das war das alte System, und es hat funktioniert. Und dort müssen wir wieder hin.

Red Bull hat die Kehrseite der Medaille kennengelernt. Vom Hero zu Zero. Keine Siege, keine Motoren: Hat es Sie gewundert, dass sie trotzdem weitermachen?

Berger: Die Entscheidung weiterzumachen liegt auch daran, dass es Verträge wie das Concorde Abkommen gibt, und dass man Verantwortung gegenüber über mehr als 1.000 Angestellten und ihren Familien hat. So einfach aufhören ist nicht der Stil von Red Bull. Sie haben unter Schmerzen erfahren müssen, dass ihre Gegenspieler Hardcore spielen und auf ihren Vorteil schauen. Man hat sich da in eine Ecke treiben lassen, aus der man schwer wieder rauskommt. Da sind einige Dinge auch ungeschickt gelaufen. Dass es aber überhaupt so weit gekommen ist, daran sind andere schuld. Der Rechteinhaber CVC, Bernie, Jean Todt. Sie hätten nie zulassen dürfen, dass ein Team in so eine Gasse laufen kann. Es muss Mechanismen geben, die das vorher abfangen. Es kann nicht sein, dass jemand der so viel Erfahrung, Erfolg, Geld und Enthusiasmus in diesem Sport investiert, und dann die Schadenfreude vieler aushalten muss, wenn Red Bull keinen Motor bekommt. Deshalb ist es wichtig, dass bei der Motorenversorgung keiner auf der Strecke bleiben darf.

Ecclestone sagt, dass er den Sieger schon vorher kennt. Gab es solche Phasen mit Senna, Schumacher oder Vettel nicht schon früher? Warum haben wir diese Siegesserien besser ertragen?

Berger: Es gibt 4 Unterschiede zu der McLaren-Siegesserie zu meiner Zeit. Erstens, die Fans wurden damals wenigstens noch durch das Fahrspektakel unterhalten. Jeder hat gesehen: Das ist ein Ritt auf der Kanonenkugel. Zweitens: Die Rennen waren trotzdem unberechenbar, weil es so viele Ausfälle gegeben hat. Oder weil so viele Fehler passiert sind. Wer bleibt heute noch ohne Sprit liegen? Der Sport ist heute so perfekt, dass eine Dominanz eines Autos den Unterhaltungswert mehr beeinträchtigt. Drittens: Fehler wurden nicht verziehen. Wer zu schnell war, ist in der Leitplanke geklebt. Heute wird ein Ausrutscher nicht mehr bestraft. Wer sich dreht, wird von riesigen Auslaufzonen aufgefangen. Der Fahrer kommt wieder zurück auf die Strecke und verliert in der Regel noch nicht einmal einen Platz. Viertens: Es gibt nicht mehr 5 Fernsehsender, sondern 200. Man muss sich nicht mehr unbedingt am Sonntagnachmittag um 14 Uhr einen Grand Prix anschauen. Das Angebot ist viel besser und größer als früher.

Also zu perfekt?

Berger: Absolut: Zu geschliffen, zu kontrolliert, zu brav, zu überreglementiert.

Mario Andretti sagt: In der MotoGP ist der Fahrer mit Fallen der Startflagge auf sich allein gestellt. Brauchen wir das auch in der Formel 1?

Berger: Das ist auch nur eine Insellösung. Um den Sport zu reformieren, müssen alle Themen angegangen werden. Wir sind so weit aus dem Fenster rausgefallen, dass es nicht reicht, nur an einer Stelle zu reparieren. Aber natürlich hat Mario Recht. Der Fahrer soll allein entscheiden. Wer außer den Ingenieuren braucht eigentlich die ganze Telemetrie? Sie trägt zur Show null bei. Ich würde sie abschaffen. Oder höchstens 5 Kanäle für Sicherheitsthemen freigeben. Aber selbst da: Wenn die Ingenieure schon die perfekte Technik darstellen wollen, müssen sie halt was bauen, was 2 Stunden lang funktioniert. Und wenn dann halt mal wieder ein Auto stehenbleibt, ist es auch nicht schlimm.

Soll man den Funk auch abschaffen?

Berger: Der Funk ist okay. Wenn die Autos schwer zu fahren sind, hat der Fahrer gar keine Zeit mehr, all die Funkbefehle umzusetzen, die er heute kriegt. Er darf eigentlich gar nicht mehr schnaufen können, um mit der Box zu reden. Ich musste mir früher auf der Rennstrecke erst einmal einen Platz suchen, wo ich den Kopf und die Hände frei hatte, um am Funk zu sprechen. Wir müssen die Fahrer in den Vordergrund stellen, indem sie zuerst einmal gefordert sind, ihr Auto zu beherrschen.

Haben wir mit Ecclestone und Todt die richtigen Leute an der Spitze, die das Ruder noch herumreißen können?

Berger: Ja, aber die Situation ist brutal verfahren. Die Lösung kann nur auf Befehl von oben kommen. Momentan haben wir einen Debattierclub, und hier passt das Sprichwort, dass viele Köche den Brei verderben, wie die Faust aufs Auge. Ecclestone und Todt müssten eine Einheit sein, was leider nicht immer der Fall ist. Beide haben Erfahrung, sie kennen den Motorsport. Und CVC müsste voll dahinter stehen.

Also das Rad wieder zurückdrehen?

Berger: Nicht unbedingt. Man müsste nur erkennen, dass einige Lösungen von früher gar nicht so schlecht waren. Heute wird der Zuschauer mit einem Haufen von Regeln und Wörtern konfrontiert, die er nicht kapiert. Jeden Sonntag kommt ein neuer Begriff dazu. Wir haben DRS, KERS, Token, der Ultrasoft-Reifen, und so weiter. Kein Mensch auf der Welt weiß, was ein Token ist. Die Formel 1 aber diskutiert jeden Tag darüber. Die Leute müssen die ganze Woche arbeiten. Die wollen in den 2 Stunden Grand Prix mit Sport unterhalten werden. Wenn Bernie und Jean nicht in der Lage sind, diesen Schwachsinn von den Zuschauern fernzuhalten, müssen sie sich nicht wundern, dass sich keiner mehr dafür interessiert.

Gehören zum Gesamtbild auch eine gerechtere Verteilung des Geldes und eine Budgetdeckelung?

Berger: Gehört auf jeden Fall dazu. Für mich ist eine Kostenkontrolle zwingend notwendig. Und das Geld sollte genau gleich aufgeteilt werden. Es nützt Ferrari und Mercedes nichts, wenn keiner mehr mitfährt. Sie wollen zwar, dass alle mitfahren, aber am liebsten wäre ihnen, wenn die anderen wenig konkurrenzfähig sind. Deshalb braucht der Sport eine Polizei, die sagt: Alle müssen die Chance haben, konkurrenzfähig zu sein. Es ist nicht hilfreich, dem mehr zu geben, der sowieso schon immer gewinnt.

Kann man Motorsport überhaupt mit Herstellern betreiben?

Berger: Grundsätzlich ja. Aber zwischen der Formel 1 und Le Mans gibt es einen Unterschied. In Le Mans soll der Hersteller im Vordergrund stehen. Es ist ja auch eine Marken-Weltmeisterschaft. Wenn ich Sie frage, wer in Le Mans das Siegerauto gefahren ist, dann tun sich schon viele schwer mit der Antwort. Ich weiß aber, dass Porsche gewonnen hat. In der Formel 1 geht es in erster Linie um den Fahrer-Weltmeister. In dem Windschatten können die Autokonzerne dann ihre Marke präsentieren.

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