Gerhard Berger - 2016 Wilhelm
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Gerhard Berger im Interview

"Ich hätte Wehrlein genommen"

Gerhard Berger hatte 2016 noch den neuen Mercedes-Vertrag für Nico Rosberg ausgehandelt. Wir haben den Österreicher zum Interview getroffen, um über den Rücktritt seines Schützlings und seinen eigenen Ausstieg aus der Formel 1 zu sprechen.

Hat Sie der Rücktritt von Nico Rosberg überrascht?

Berger: Ich habe von Nico am Freitagmorgen nach Abu Dhabi eine SMS bekommen mit dem Inhalt: Ich habe es mir überlegt, ich höre auf. Zuerst habe ich mir gedacht. Ist der noch von der WM-Feier betrunken oder will er mich auf den Arm nehmen? Ich habe nur zurückgeschrieben: Klingt interessant. Komisch war, dass ich einen Tag vorher mit Keke telefoniert hatte, und er nichts davon erzählt hat. Am Freitagnachmittag hat sich dann herausgestellt, dass Nico es ernst meint. Ich sehe es mit gemischten Gefühlen. Jeder, wie er will. Ich hätte das in seiner Situation nicht geschafft. Im besten Auto, mit einem gut dotierten Vertrag, in dem Alter und mit der Gesundheit, wäre ich nie ausgestiegen. Deshalb muss ich vor Nicos Entscheidung den Hut ziehen. Toll, wenn er so konsequent ist. Wir werden sehen, ob er den Rücktritt mal bereut oder nicht.

Wird er in drei Monaten in ein schwarzes Loch fallen?

Berger: Drei Monate sind zu wenig, auch fünf. Das passiert eher in zwei Jahren. Jedenfalls war das bei mir so. Zuerst ist man mal happy, dass man mit der Karriere abgeschlossen hat. Doch irgendwann vermisst du den Motorsport, speziell die Formel 1. Es gibt einfach nichts Vergleichbares. Dann kommt es darauf an, wie du deine Zeit ausfüllst. Mein Glück war, dass ich mit meiner Spedition und dem Logistik-Unternehmen eine Firma habe, die mich beschäftigt. Und dass ich relativ schnell als Rennleiter bei BMW wieder eine Aufgabe bekommen habe. Danach kam Toro Rosso. Für den Auslauf einer Karriere war das natürlich ideal. Ich habe es eigentlich gut erwischt. Und trotzdem fällt es mir bis heute schwer. Eigentlich würde ich gerne mehr Motorsport machen, andererseits will ich nicht auf 21 Rennen im Jahr reisen. Und sind wir mal ehrlich. Die schönste Aufgabe im Rennsport ist es Rennfahrer zu sein.

Würden Sie im Rückblick etwas anders machen?

Berger: Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich so früh wie möglich anfangen und so spät wie möglich aufhören. Ich bin total begeistert von Fahrern wie Mario Andretti, die das durchgezogen haben, bis es nicht mehr gegangen ist. Und zwar über die komplette Palette des Motorsports. Das sind für mich die richtigen Rennfahrer, die Rennfahren leben. Das ist mein Idealbild von einem Rennfahrer. Ich habe das leider auch nicht geschafft. Dabei hatte ich seinerzeit noch ein Angebot von Kranefuss/Penske für sie in der Nascar-Serie zu fahren. Es nicht gemacht zu haben, bereue ich heute noch. Aber ich war damals gesundheitlich angeschlagen. Man muss aber auch akzeptieren, wenn einer am Höhepunkt aussteigt.

Rosberg hat seinen Rücktritt mit den vielen Opfern und dem Verzicht begründet, der ihn mental ausgebrannt hat. Verständlich?

Berger: Das Problem ist, dass du als Rennfahrer die Welt der anderen nicht kennst. Würde man sie kennen, könnte man viel besser verstehen, warum der Normalmensch fragt, ob es wirklich so viele Opfer sind, bei dem Gehalt was ein Rennfahrer kriegt. Rennfahrer ist ein Traumjob. Du verdienst viel Geld und hast im Verhältnis zu einem normal arbeitenden Menschen immer noch relativ wenig Zeiteinsatz. Weil du aber die andere Seite nicht siehst, glaubst du, dass deine Welt der Maßstab ist. Der große Unterschied zur normalen Welt, ist der Druck, der auf dir lastet. Der Druck des Erfolges und der Druck, die Karriere heil zu überstehen.

Diese Einsicht kommt einem nicht, während man noch aktiv ist?

Berger: Diese Traumwelt verstehst du erst später. Mir ist es genauso gegangen. Ich bin erst heute so weit, dass ich am liebsten die Uhr zurückdrehen und das Leben als Rennfahrer 100 Mal mehr genießen würde. Jeden Sieg, jeden Tag an der Rennstrecke. Ich würde nicht mehr wie früher so spät wie möglich am Donnerstagabend anreisen und Sonntag gleich nach dem Rennen wieder weg. Mit meiner heutigen Erfahrung würde ich schon am Dienstag kommen und die Motorsportluft einatmen. Die Menschen, die Autos, die Rennstrecke. In der Zwischenzeit gibt mir diese Atmosphäre so viel Kraft, dass ich mich fast ärgere, es zu wenig ausgekostet zu haben. Früher drehte sich alles nur ums Rennen fahren, Erfolg zu haben, Geld zu verdienen. Der Blick ist immer schon zum nächsten Rennen gegangen. Heute hole ich mir das Motorsport-Feeling manchmal bei Klassik-Veranstaltungen zurück. Ich setze mich in die Autos, probiere jeden Schalter aus, überlege mir, was sich der Konstrukteur dabei gedacht hat. In der aktiven Zeit glaubst du, dass du keine Zeit hast, dich intensiv mit der Materie zu befassen.

Sie haben Rosbergs Vertrag für die nächsten 2 Jahre ausgehandelt. Jetzt hört er auf. Fühlen Sie sich hintergangen?

Berger: Überhaupt nicht. Ich sehe das professionell.

Ist Rosberg ein Weltmeister, an den man sich in 10 Jahren noch erinnern wird?

Berger: Man wird sich an jeden Weltmeister erinnern. Das ist ein besonderer Status.

Warum hat es in diesem Jahr bei Rosberg funktioniert?

Berger: Wenn man Nico gegenüber fair ist, dann hatte er schon 2014 eine Chance. Da hat dann das ERS-System im letzten Rennen nicht funktioniert. Hätte er damals den Titel gewonnen, würde man heute sagen, dass er Hamilton bei zwei von drei Gelegenheiten geschlagen hat. Das Duell war die ganze Zeit über knapp. Nico ist nicht der schnellere Rennfahrer als Hamilton, aber in seinem Gesamtansatz ist er konstanter.

Aber wenn Hamilton mal richtig konzentriert fährt, wie die letzten vier Rennen...?

Berger: ... dann ist er unschlagbar. Aber das gilt für jeden.

Hat Rosberg das Mehrfach-Weltmeister-Gen in sich?

Berger: Ich glaube schon. Er hat das Pech gehabt, dass er Hamilton als Teamkollege hatte. Bei allen anderen hätte Nico die Nase vorne gehabt. Weil er ein exzellentes Gesamtpaket ist. Aber der Hamilton ist natürlich ein Tier, wie es ganz selten in der Geschichte des Motorsports vorkommt. Er ist nicht umsonst Zweiter in der ewigen Bestenliste.

Wenn Sie heute noch aktiv wären, wen hätten Sie am wenigsten gern als Teamkollegen?

Berger: Da muss ich mir keine Gedanken machen. Ich hatte den schlimmsten, den mal sich vorstellen kann. Über Senna geht nichts drüber. Das war Hamilton im Quadrat. Von den heutigen Fahrern wäre Lewis sicher der Unangenehmste. Er ist extrem schnell und mit allen Wassern gewaschen. Er ist ein echter Straßenköter im positiven Sinne.

Sie haben also Verständnis, dass Hamilton in Abu Dhabi versucht hat, das Feld einzubremsen, um Rosberg noch um den Titel zu bringen?

Berger: Absolut. So musst du denken, wenn du Weltmeister werden willst. Mich hat gewundert, warum er damit nicht schon ein paar Rennen früher angefangen hat.

Das beste Cockpit der Formel 1 war vakant. Wen hätten Sie genommen: Bottas oder Wehrlein?

Berger: Ich hätte Wehrlein genommen. Weil ich damit mein Nachwuchsprogramm unterstreiche. Wehrlein gab in diesem Programm ein überzeugendes Bild ab. Wie gut er wirklich ist, kann man sowieso erst sehen, wenn er in einem Top-Auto sitzt. Wehrlein ist im Vergleich zu Bottas sicher ein Risiko. Vielleicht ist deshalb die gescheiteste Lösung nicht immer die nahe liegende und die richtige. Ich halte viel von Bottas. Er ist schnell, ein guter Teamplayer, ein netter Kerl und hat die Chance verdient, sich zu beweisen. Auf der anderen Seite hat er sich von Massa nicht genügend abgesetzt um sich sagen zu können: Er ist der Richtige.

Inwieweit muss Mercedes bei der Fahrerwahl einkalkulieren, dass 2018 Vettel und Alonso frei sind?

Berger: Mercedes ist sowieso gefordert, in naher Zukunft über Fahrer nachzudenken, weil auch Hamiltons Vertrag irgendwann ausläuft. Mercedes braucht jetzt eine Zwischenlösung mit einem Anschluss für 2018.

Ist Mercedes 2017 geschwächt?

Berger: Das wichtigste für Mercedes ist es mit dem zweiten Fahrer einen zu finden, der Hamilton genug fordert, damit er nicht einschläft. Es kann durchaus auch so sein, dass Lewis ohne Nico die Ruhe findet, die er braucht. Weil er sich nicht mehr in Fehler treiben lässt. Ich glaube, dass Mercedes unter dem Strich auch 2017 wieder die Messlatte ist.

Wie wichtig ist für Typen wie Hamilton die interne Konkurrenz? Wäre Senna auch so gut gewesen ohne den Druck von Prost oder Ihnen?

Berger: Senna hat keinen Druck von außen gebraucht. Egal, ob der mit Nakajima oder Prost gefahren ist. Er ist immer ans Limit gegangen. Der hat sich nie an seinem Teamkollegen gemessen. Für ihn waren andere Kriterien wichtig. Ich kann mich noch gut an das Jahr erinnern, als die Williams eine Sekunde schneller waren als wir. Da hat Senna vor der Qualifikation in Imola zu mir im Motorhome gesagt, dass er auf die Pole Position losgeht. Sein Maßstab war nicht ich, sondern die Herausforderung auf den besten Startplatz zu fahren. Auch wenn es auf dem Papier eigentlich unmöglich war. Bei mir war es umgekehrt. Ich habe meine Leistung immer gesteigert, wenn ich vom Teamkollegen Druck bekommen habe. Ich würde sagen, dass der Großteil der Fahrer so tickt.

Motorsport Aktuell Nico Rosberg - Mercedes - GP Ungarn 2016 Mercedes sucht Hamilton-Teamkollege Rosberg-Nachfolger erst 2017 verkündet

Mercedes sucht weiter nach einem Nachfolger für Nico Rosberg.

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