Rennanalyse GP Abu Dhabi 2018

Hülkenberg vom Halo behindert?

Nico Hülkenberg - GP Abu Dhabi 2018 Foto: sutton-images.com 57 Bilder

Nach dem Rennen von Abu Dhabi blieben noch einige wichtige Fragen offen. Alle Antworten zum Hülkenberg-Überschlag, zu den Alonso-Strafen und zu den Strategie-Diskussionen finden Sie in unserer Rennanalyse.

War die Hamilton-Taktik richtig?

Als Kimi Räikkönen in Runde 6 mit Elektrik-Defekt auf der Zielgeraden ausrollte, rauchten an den Kommandoständen die Köpfe. War es sinnvoll, die Situation für einen frühen Pflichtboxenstopp auszunutzen? Immerhin sparte das virtuelle Safety-Car den Piloten sechs Sekunden gegenüber einem Reifenwechsel bei normalem Renntempo. Bei Mercedes reagierte man sofort und rief Hamilton zum Service in Runde sieben. Damit musste er anschließend 47 Runden auf dem neuen Satz Supersoft absolvieren.

„Wir wussten, dass der Supersoft ein guter Reifen ist, der eine komplette Renndistanz durchhält“, erklärte Teamchef Toto Wolff die Gedanken der Strategen. „Wir haben es gemacht, um uns gegen einen Undercut unserer Verfolger abzusichern. Es war somit die sicherere Variante für uns.“ Doch als nach Hamilton nur noch Charles Leclerc und Romain Grosjean die gleiche Taktik verfolgten, zweifelten die Mercedes-Strategen kurz, ob die Entscheidung richtig war. Auch Hamilton war sich nicht sicher: „Unsere Strategen sind bei sowas immer viel zu entspannt. Für mich hat es sich in dem Moment nicht so gut angefühlt.“

Lewis Hamilton - GP Abu Dhabi 2018 Foto: sutton-images.com
Hamilton zeigte in Abu Dhabi, dass er zurecht Weltmeister wurde.

Am Ende ging der Plan aber auf. Nachdem auch die Konkurrenz ihre Boxenstopps absolviert hatte, lag Hamilton wieder in Führung – und gab diese bis ins Ziel nicht mehr ab. „Lewis hatte genügend Reserven, was die Pace angeht“, so Wolff. „Als Vettel von hinten näher kam, hat er immer das Tempo angezogen, wenn es nötig war.“ Etwas Glück war auch dabei. Wäre der kurze Schauer zwischendurch so stark ausgefallen, dass ein weiterer Stopp auf Regenreifen nötig gewesen wäre, hätte Hamilton nicht so leichtes Spiel gehabt.

Ob auch bei Sauber und Haas die Entscheidung zum frühen Stopp richtig war, konnten die Teams nach dem Rennen nicht mit Gewissheit sagen. Leclerc verlor den möglichen fünften Platz an Carlos Sainz. Aber mit seinen Hypersoft-Reifen befand sich der Monegasse von Beginn an im Nachteil gegenüber dem Spanier, der von Platz 11 mit freier Reifenwahl auf der perfekten Ausgangsposition lag. Das gleiche gilt auch für Grosjean, der eine Position gegen Sergio Perez verlor. Der Franzose kämpfte nach der Kollision mit Hülkenberg zudem auch noch mit einem verbogenen Frontflügel.

Warum wurde Bottas so langsam?

Für Valtteri Bottas ging eine Pleiten-Saison mit einer weiteren Enttäuschung zu Ende. Der Vorjahressieger konnte vom zweiten Startplatz den Mercedes-Doppelsieg nicht perfekt machen. In Runde 34 rutschte er plötzlich hinter Vettel zurück. „Ich habe mich bei der Anfahrt in Kurve 5 verbremst. Dann hatte er auf der Geraden mit DRS und Windschatten leichtes Spiel. Ich dachte erst, es wäre mein Fehler gewesen. Doch dann bekam ich vom Kommandostand die Information, dass der Wind die Richtung gewechselt hat. Dazu hat auch noch die Bremse hinten rechts nicht mehr richtig funktioniert.“

Max Verstappen - GP Abu Dhabi 2018 Foto: Wilhelm
Verstappen boxte sich robust an Bottas vorbei.

Bottas musste die Bremsbalance nach vorne verstellen, was das Problem aber auch nicht komplett beseitigte. In Runde 38 presste sich dann Max Verstappen mit einem harten Manöver vorbei am Silberpfeil, bei dem sich beide Autos sogar berührten. Eine Runde später machte auch Daniel Ricciardo im zweiten Red Bull kurzen Prozess mit dem weidwund geschossenen Finnen. „Bei dem Kontakt mit Max habe ich mir den Unterboden beschädigt, was uns Abtrieb gekostet hat“, erklärte Bottas. „Wir haben beide um die Position gekämpft und wollten nicht nachgeben. Es war ein harter aber kein unfairer Zweikampf.“ Zur Sicherheit wechselte Mercedes noch einmal die Reifen. „Das Rennen war ein Spiegelbild der Saison. Am Anfang lief es ganz gut, doch am Ende war der Wurm drin“, klagte der Finne. Bottas verlor durch das Pech im letzten Rennen auch noch WM-Platz 4 an Verstappen.

Mit welchen Problemen kämpfte Verstappen?

Auch bei Verstappen lief nicht alles nach Plan. Das geplante Feuerwerk in den ersten Runden auf Hypersoft-Reifen fiel aus. Verstappen verlor schon am Start viele Positionen. „Wir waren mit der Wassertemperatur am oberen Limit. Dann hat ein Sensor die Leistung reduziert, was er eigentlich nicht hätte machen sollen“, erklärte Red Bull-Sportchef Helmut Marko den verzögerten Beginn. „Durch die Safety-Car-Phasen konnte er den Vorteil der weichen Reifen gar nicht ausspielen.“

Pierre Gasly - GP Abu Dhabi 2018 Foto: xpb
Gasly verteilte Öl auf der Strecke - und auf dem Visier von Verstappen.

Als das Rennen wieder freigegeben war, lagen plötzlich die beiden Force India wieder in der Schusslinie. Beinahe wäre es im Duell mit Esteban Ocon wieder zur Kollision gekommen. Der Vorwärtsdrang wurde aber erst gebremst, als er auf Teamkollege Ricciardo auflief. Die Anfrage nach Stallregie in Richtung Kommandostand blieb ohne befriedigende Antwort. Mit dem Boxenstopp in Runde 17 löste Red Bull das Problem elegant.

Ricciardo ließ Verstappen über die Strategie hinter sich, an Bottas rempelte er sich wie erwähnt vorbei. Doch als er sieben Runden vor Schluss hinter Gasly fuhr, begann der Honda-Motor im Heck des Toro Rosso plötzlich Öl zu spucken. „Erst hat er uns aufgehalten und dann fährt er nicht schnell genug zur Seite“, spottete Marko über seinen Junior-Fahrer. „Max hat sich per Funkt beklagt, dass er nichts mehr sehen kann. Der Renningenieur hat ihm nur geantwortet, dass er ihm das Visier auch nicht abwischen kann.“ Am Ende fuhr Verstappen den dritten Platz aber trotz schlechter Sicht und Spritspar-Modus sicher nach Hause.

Hat der Halo die Bergung Hülkenbergs behindert?

Die spektakulärste Szene des Saisonfinales ereignete sich schon direkt am Start. Nico Hülkenberg verhakte sich im Zweikampf mit Romain Grosjean. „Ich habe nicht gesehen, dass er noch neben mir liegt und haben den Scheitelpunkt von Kurve 9 normal genommen.“ Hülkenberg drehte sich zweimal um die Längsachse und blieb kopfüber an der Bande stehen. „Es hat sich angefühlt, wie in der Achterbahn“, berichtete der unverletzte Pilot später.

Nico Hülkenberg - GP Abu Dhabi 2018 Foto: sutton-images.com
Hülkenberg blieb bei seiner unfreiwilligen Stunteinlage zum Glück unverletzt.

Als Hülkenberg den Qualm aus dem Heck roch und Flammen sah, befürchtete er, dass die Situation brenzlig werden könnte. „Ich konnte mich aus eigener Kraft nicht befreien. Rechts war die Wand im Weg, links der Halo. Und zum Asphalt war ein Spalt von 30 oder 40 Zentimetern. Das war eine unangenehme Situation.“ Es dauerte mehr als drei Minuten, bis der Pilot endlich aussteigen konnte.

Die Frage lautete hinterher, ob der Halo die Bergung erschwert hat. „Ich weiß nicht, wie die Situation ohne Halo ausgesehen hätte. Deshalb kann ich die Frage nicht beantworten“, zuckte Hülkenberg mit den Schultern. Rennleiter Charlie Whiting hatte dagegen eine klare Meinung: „Der Halo hat hier sogar noch geholfen. Dadurch, dass das Auto auf dem Bügel liegt, bekommt der Pilot im Cockpit bei einem Überschlag mehr Abstand zum Asphalt.“

Es kam auch die Frage auf, ob man Hülkenberg nicht schneller aus seiner misslichen Lage hätte befreien können. Auch hier wehrte der FIA-Mann alle Kritik ab: „Es ist das Routine-Vorgehen unter diesen Umständen, das Auto erst einmal auf alle vier Räder zu stellen, was natürlich vorsichtig geschehen muss. Danach konnte er aus eigener Kraft aussteigen. Die ganze Situation war unter Kontrolle. Der Rennarzt zeigte sich sehr zufrieden mit dem Ablauf. Alles wurde so durchgeführt, wie es sein sollte.“

Warum kassierte Alonso drei Strafen?

Fernando Alonso - GP Abu Dhabi 2018 Foto: Wilhelm
Die Donuts auf der Zielgeraden standen nicht im Drehbuch.

Fernando Alonso hätte sein letztes Formel-1-Rennen gerne mit einem WM-Punkt gekrönt. In den Schlussrunden lag der Haas-Renner von Kevin Magnussen auf Platz 10 in Sichtweite. Doch Alonso gingen die Runden aus. Und es fehlte der Speed. Da versuchte es der Spanier mit unlauteren Mitteln. In den Kurven 8 und 9 kürzte der McLaren mit der Fahrt durch die Auslaufzone die Strecke ab und gewann jedes Mal mehrere Sekunden.

„Die Stewards waren sehr überrascht, als sie das gesehen haben“, grinste Rennleiter Whiting anschließend. „Wir haben ihm für jedes der drei Vergehen eine Fünf-Sekunden-Strafe gegeben. Es wäre ja nicht besonders freundlich von uns gewesen, ihm kurz vor Schluss seines letzten Rennens die schwarze Flagge zu zeigen. Über einen Ausschluss wurde auch nie diskutiert.“

Blieb nur noch die Frage, wie Alonso am Ende mit Hamilton und Vettel auf die Zielgerade kam, um im Dreierpack ein paar Donuts zu drehen. Die Aktion war offenbar nicht geplant. „Das war improvisiert“, klärte der Abschiedsmann selbst auf: „Ich bin mit Hamilton links und Vettel rechts von mir die Auslaufrunde gefahren. Und so sind wir auch auf die Zielgerade eingebogen. Das war eine nette Geste.“

GP Abu Dhabi 2018: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit/Rückstand
1. Lewis Hamilton Mercedes 1:39:40.382 Std.
2. Sebastian Vettel Ferrari + 0:02.581 Min.
3. Max Verstappen Red Bull + 0:12.706
4. Daniel Ricciardo Red Bull + 0:15.379
5. Valtteri Bottas Mercedes + 0:47.957
6. Carlos Sainz Renault + 1:12.548
7. Charles Leclerc Sauber + 1:30.789
8. Sergio Perez Force India + 1:31.275
9. Romain Grosjean HaasF1 + 1 Runde
10. Kevin Magnussen HaasF1 + 1 Runde
11. Fernando Alonso McLaren + 1 Runde
12. Brendon Hartley Toro Rosso + 1 Runde
13. Lance Stroll Williams + 1 Runde
14. Stoffel Vandoorne McLaren + 1 Runde
15. Sergey Sirotkin Williams + 1 Runde
16. Pierre Gasly Toro Rosso Ausfall
17. Esteban Ocon Force India Ausfall
18. Marcus Ericsson Sauber Ausfall
19. Kimi Räikkönen Ferrari Ausfall
20. Nico Hülkenberg Renault Ausfall
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