Das lief wirklich schief bei Mercedes

VSC schenkt Vettel 5,9 und 9,8 Sekunden

Lewis Hamilton - GP Australien 2018 Foto: xpb 66 Bilder

Immer noch fragen sich viele, wie Vettel in Melbourne bei nur 11,3 Sekunden Vorsprung in der Runde nach seinem Boxenstopp vor Lewis Hamilton auf die Strecke kommen konnte. Wir haben die genaue Erklärung mit allen Details.

Ging es Ihnen auch so? Als Sebastian Vettel nach seinem Boxenstopp zum GP Australien wieder vor Lewis Hamilton auf die Strecke ging, da hatten wir alle ein großes Fragezeichen im Gesicht. Natürlich wissen wir, dass bei einer VSC-Phase die üblichen Gesetzmäßigkeiten für das Delta, das man braucht um in Führung zu bleiben, außer Kraft gesetzt sind. Wir haben auch geahnt, dass die Differenz zu einem normalen Stopp je nach Rennstrecke zwischen 8 und 12 Sekunden beträgt. Doch Vettel führte am Ende der 25. Runde, als das Rennen noch unter Grün lief, nur mit 11,3 Sekunden vor Hamilton. Das schien uns zu wenig.

Bei der nächsten Zielpassage lag der Ferrari 3,9 Sekunden vor dem Mercedes. Vettel hatte gerade seinen Boxenstopp hinter sich und kreuzte den Zielstrich in der Boxengasse, während sein Gegner aus der letzten Kurve kam. Immer noch mit VSC-Speed. Da war das Rennen für Hamilton schon gelaufen. Hinterher gab es allerlei Erklärungen, mit Rechenfehlern, falschen Annahmen und einem Vettel, der das Maximum aus der Situation gemacht hat. Doch was ist wirklich passiert? Wieso haben 11,3 Sekunden ausgereicht, um in Führung zu bleiben? Und warum war ein Rechenfehler von nur 2,4 Sekunden so kriegsentscheidend?

So schenkt VSC Vettel gratis Zeit auf der Strecke

Um zu verstehen, was in dieser 26. Runde wirklich gelaufen ist, muss man einige Rundenprotokolle studieren und sich vor Augen führen, wo die einzelnen Autos relativ zueinander lagen. Drehen wir das Rad eine Runde zurück. Zieldurchfahrt Runde 25: Vettel führt mit folgenden Abständen vor Lewis Hamilton, Kimi Räikkönen, Daniel Ricciardo, Fernando Alonso und Max Verstappen:

Stand Runde 25 - Zielstrich

Fahrer Rückstand
1. Sebastian Vettel
2. Lewis Hamilton + 11,306 s
3. Kimi Räikkönen + 17,217 s
4. Daniel Ricciardo + 27,544 s
5. Fernando Alonso + 35,717 s
6. Max Verstappen + 57,857 s

Vergessen wir Ricciardo und Alonso. Sie werden wie Vettel eine Runde später zum Reifenwechsel an die Box gehen und von der VSC-Phase profitieren. In diesem Moment läuft das Rennen noch ganz normal. Nur an der Stelle, an der Romain Grosjean seinen HaasF1 geparkt hat, wird doppelt geschwenkte gelbe Flagge gezeigt. Die Rennzeit beträgt exakt 37:52 Minuten, als Rennleiter Charlie Whiting auf den VSC-Knopf drückt.

Vettel fährt in dem Augenblick gerade durch die Kurve 8, befindet sich damit mitten im zweiten Sektor. Hamilton beschleunigt aus Kurve 4 heraus. Das ist rund 350 Meter vor der ersten Sektorgrenze. Sein Rückstand auf Vettel ist zu diesem Zeitpunkt auf 11,6 Sekunden oder rund 700 Meter angewachsen. Vielleicht hat er bei der gelben Flagge mehr gezuckt als Vettel. Nur zur Information: Alonso hat in dem Moment den Zielstrich passiert, und Verstappen befindet sich in Kurve 15, allerdings noch in seiner 25. Runde.

Jetzt kommt es zu einem Phänomen, das viele übersehen. Vettel gewinnt auf dem Rest der Runde quasi gratis Zeit dazu, obwohl sich der Abstand zwischen ihm und Hamilton in Metern nicht vergrößert. Beide müssen ja ab dem Moment gleich schnell fahren. 700 Meter bleiben also 700 Meter. Aber 11,6 Sekunden bleiben nicht 11,6 Sekunden. Weil Hamilton die 700 Meter bis zu dem Ort, an dem Vettel das VSC-Signal bekam, langsamer zurücklegt, als es Vettel getan hat.

In dieser Spanne wächst der Vorsprung Vettels an. Hamilton würde die verlorene Zeit natürlich am Schluss der VSC-Phase aus dem gleichen Grund wieder zurückbekommen. Doch wenn dazwischen einer der beiden Fahrer an die Box geht, ändert sich das Bild. Weil der Zeitgewinn Vettel eine Position schenkt. Da ist es dann egal, ob Hamilton hinterher wieder Zeit gutmacht. Der Schaden ist angerichtet.

Hamilton verliert nach VSC-Signal zu viel Zeit

Als Hamilton Kurve 8 erreicht, hat sich sein Rückstand auf Vettel auf 18,5 Sekunden vergrößert. Hier noch einmal die mit GPS gemessenen Abstände zu Hamilton in Kurve 8:

Stand Runde 26 - Kurve 8

Fahrer Rückstand
1. Sebastian Vettel
2. Lewis Hamilton + 18,5 s
3. Kimi Räikkönen + 25,7 s

Der um 5,9 Sekunden angewachsene Abstand ist mehr als es aufgrund der Distanz und des Geschwindigkeitsdeltas eigentlich sein sollte. Räikkönen verliert mit 2,3 Sekunden im Vergleich dazu weniger an Boden, obwohl er in Relation zu Hamilton ja noch viel mehr davon betroffen ist, länger mit verlangsamter Geschwindigkeit zu fahren. Hamilton hat in diesem Bereich eine Sekunde liegen lassen, die auf sein Konto geht. Dafür gibt es aber eine gute Entschuldigung.

Teamchef Toto Wolff hat erzählt, dass sein Fahrer die VSC-Meldung mitten in einer Kurve bekam. Seit diesem Jahr verlangt das Reglement, dass die Fahrer ab dem Moment der VSC-Nachricht in jedem der 19-Minisektoren mindestens ein Mal positiv sein müssen. Es gibt keine Übergangsphase mehr.

Race-Notes - GP Australien 2018 Foto: FIA
Auf dem Schaubild sind SC-Linie 1 und 2 eingezeichnet. Zwischen diesen Linien gilt das VSC-Delta nicht. Ein Boxenstopp dauert genauso lange, wie unter normalen Rennbedingungen.

Hamilton ist vielleicht ein bisschen zu abrupt vom Gas gegangen, als er sich gerade mitten in der Beschleunigung befand und dabei sicherstellen wollte, positiv zu bleiben. Auch im Vergleich zu Verstappen, der die gesamte Runde von der VSC-Regel betroffen war, macht Hamilton nicht die Zeit gut, die er rechnerisch gutmachen müsste. Immerhin konnte der Engländer 24 Sekunden lag im ersten Sektor noch Vollgas geben. Verstappen nirgendwo. Trotzdem verliert der Holländer in der gesamten Runde 26 nur 3,6 Sekunden. Das ist eigentlich zu wenig.

Die Mercedes-Strategen sehen aber den kleinen Zeitverlust zu Beginn der VSC-Phase nicht als entscheidend an: „Weil Lewis die dort verlorene Zeit später wieder gutmachen kann. Er muss in allen Mini-Sektoren im Durchschnitt positiv bleiben, kann also kleine Zeitverluste später wieder ausgleichen.“

Genauso passiert es auch. Hamilton holt auf dem Rest der Runde noch einmal 1,2 Sekunden auf, bis Vettel ausgangs Kurve 15 in die Boxen abbiegt. Die gleiche Tendenz ist auch bei Räikkönen zu beobachten. Vettel hat in dem Bereich also sogar ein bisschen Zeit verschenkt. Hier der Stand der ersten Drei mit Vettel in Kurve 15:

Stand Runde 26 - Kurve 15

Fahrer Rückstand
1. Sebastian Vettel
2. Lewis Hamilton + 17,3 s
3. Kimi Räikkönen + 23,3 s

An der Safety-Car 1-Linie macht die Formel-1-Arithmetik dem Ferrari-Pilot ein zweites Geschenk. Er darf von hier bis zur Boxeneinfahrt, ab der Tempo 60 gilt, Vollgas geben, während draußen das Rennen unter VSC-Speed weiterläuft. Die Zeit von Boxeneinfahrt bis Boxenausfahrt inklusive Boxenstopp ist so wie bei einem normalen Rennen auch. Nach dem Ende der Boxengasse bis zur Safety-Car-2-Linie ist wieder Vollgas angesagt. Dann muss der Fahrer sich wieder dem VSC-Tempo anpassen. Da lag Vettel aber schon vorn.

Der Mercedes-Computer hat ausgerechnet, dass der Vorteil des VSC-Boxenstopps bei exakt 9,8 Sekunden lag. So weit hat er noch richtig gerechnet. Der 2,4 Sekunden-Fehler entstand entweder in der Kalkulation der Zeit, die Vettel dank seiner fortgeschrittenen Position noch in der Restrunde gutmachen würde, und zwar bevor er zum Boxenstopp kommt. Oder wie Chefingenieur Andrew Shovlin erklärt: „Wir füttern unser Programm natürlich mit den Daten, die wir im Training vor Ort ermitteln. Da testen wir, wie viel Zeit man von der SC1-Linie bis zur Boxeneinfahrt braucht. Es sieht so aus, als wäre dieser Test mit Fehlern behaftet gewesen.“

Inzwischen weiß man: Der Algorithmus ist in Ordnung. Der Fehler kam durch die Eingabe falscher Parameter zustande. Man hätte sich aber laut Shovlin die gesamte Diskussion ersparen können, hätte man Hamilton zwischen Runde 20 und 25 eine andere Zielvorgabe erteilt. „Wir hätten in dieser Phase schneller fahren können, haben Lewis aber mit Rücksicht auf die Reifen und den Spritverbrauch bestimmte Zeiten fahren lassen. Unser Computer hat uns gesagt, dass wir auf der sicheren Seite sind. Es war rückblickend eine Taktik mit zu wenig Sicherheitsreserven.“

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