Lewis Hamilton - GP England 2020 xpb
Lewis Hamilton - GP England 2020
Valtteri Bottas - GP England 2020
Kevin Magnussen - GP England 2020
Kevin Magnussen - GP England 2020 63 Bilder

Rennanalyse GP England 2020

Warum platzten die Reifen?

50 Runden lang war der GP England die erwartete Mercedes-Show. Dann machten drei Reifenschäden das Rennen zum Krimi. In unserer Analyse beantworten wir die Fragen, die nach dem Rennen noch offen blieben.

Warum gab es so viele Reifenplatzer?

Die Szenen erinnerten an den GP England 2013, als das Rennen wegen zahlreicher Reifenplatzer kurz vor dem Abbruch stand. Oder das Rennen 2017 als an beiden Ferrari kurz vor Schluss der linke Vorderreifen explodierte. Diesmal war es noch dramatischer. In den letzten drei Runden flog drei Fahrern der linke Vorderreifen um die Ohren.

Zuerst Valtteri Bottas, dann Carlos Sainz und schließlich Lewis Hamilton. Silverstone ist mit zwölf Kurven über 220 km/h die härteste Prüfung für die Reifen. Vor allem links vorne. Die Autos waren über den Winter deutlich schneller geworden, die Reifen blieben die gleichen. In den schnellen Kurven legten die Mercedes im Vergleich zu 2019 um bis zu 13 km/h zu.

Pirelli-Sportchef Mario Isola hatte vier Stunden nach dem Rennen noch keine Erklärung: "Es kann Verschleiß gewesen sein oder Fremdteile. Wir haben Reifen gesehen, die fast zu 100 Prozent abgenutzt waren. Wir werden das so schnell wie möglich analysieren, weil nächste Woche schon das nächste Rennen ansteht. Notfalls schicken wir Reifen mit einem Van nach Mailand, wo wir bessere Testwerkzeuge haben als hier vor Ort."

Das frühe zweite Safety-Car bürdete den Reifen einen Stint von 39 Runden auf. Dabei spielte es keine Rolle, dass alle in der zweiten Rennhälfte mit der harten Mischung unterwegs waren. Der Verschleiß war am Limit, die Karkasse wegen der gewaltigen Fliehkräfte auch. Pirelli hatte die Luftdrücke der Vorderreifen aus Vorsicht von 24 auf 25 PSI erhöht. Das sollte verhindern, dass die Reifen an der Innenschulter aufbrechen.

Lewis Hamilton - GP England 2020
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Lewis Hamilton begutachtete nach der Zieldurchfahrt den Reifenschaden.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff wollte kein Pauschalurteil abgeben: "Wir müssen abwarten, was wirklich der Grund war. Es kann auch an den vielen Karbonsplittern liegen, die auf der Strecke lagen. Je dünner die Lauffläche, desto verletzlicher sind die Reifen gegen Beschädigungen von außen." Im Verdacht standen Frontflügelteile, die Kimi Räikkönen in der 48. Runde in Becketts verteilt hatte.

Die Mercedes-Fahrer haben sich möglicherweise selbst ins Verderben getrieben. "Ich konnte nie nachlassen, weil Valtteri so viel Druck gemacht hat", erzählte Lewis Hamilton. Erst 13 Runden vor Schluss riss der Kontakt zwischen den beiden Silberpfeilen ab. Bottas berichtete von so starken Vibrationen, dass er kaum die Strecke sehen konnte. Rechts vorne hatte der Reifen Blasen geworfen. Verstappen rapportierte die gleichen Probleme.

Isola stellte klar: "Die Blasenbildung hat sicher nicht zu den Schäden geführt. Sie wurde auch nur auf den rechten Reifen beobachtet, und die Blasen waren weniger schlimm, als es am Fernseher aussah." Bei Bottas platzte der Reifen in Club Corner. Der dümmste Ort, denn so musste der WM-Zweite die ganze Runde mit seinem Dreirad um die Strecke humpeln. Er stürzte auf den elften Platz ab und verfehlte den letzten WM-Punkt um 0,3 Sekunden.

Die Strategen verteidigten ihre Entscheidung, beide Autos auf der Strecke zu lassen. "Weder unsere Reifenmodelle noch die Daten gaben Grund zur Annahme, dass die Reifen nicht halten würden." Ein Sicherheitsstopp hätte Bottas auf jeden Fall den zweiten Platz gekostet. Max Verstappen lag nur zehn Sekunden zurück.

Für Hamilton kam der Reifenschaden aus heiterem Himmel. "Ich beschleunigte aus Luffield raus, als die Drehzahl plötzlich runtergeht weil der Reifen einen höheren Rollwiderstand bietet. Danach habe ich versucht konstanten Speed zu fahren, damit es den Reifen nicht von der Felge runterzieht. Die Box hat mir den Vorsprung zu Max runtergezählt. Vor der letzten Kurve lagen wir bei sieben Sekunden. Da habe ich einfach nur noch Gas gegeben." Die Ingenieure machen sich bereits Sorgen um das zweite Silverstone-Rennen. Die Reifen sind dann eine Stufe weicher, und es rollt eine Hitzewelle auf England zu.

Max Verstappen - GP England 2020
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Verstappen kam kurz vor Schluss noch einmal zum Reifenwechsel. Das kostete den Holländer wohl den Sieg.

Hat Red Bull den Sieg verschenkt?

Max Verstappen freute sich über den zweiten Platz. Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass er das Rennen hätte gewinnen können, hätte ihn das Team nach dem Reifenplatzer von Bottas nicht auf die schnellste Rennrunde angesetzt. "Ich habe heute einen zweiten Platz gewonnen, nicht einen Sieg verloren. Wer weiß, ob ich nicht auch in der letzten Runde einen Reifenschaden gehabt hätte. Lewis hat nicht Glück, sondern Pech gehabt. Ohne seinen Schaden wäre ich ihm nie so nahe gekommen."

Tatsächlich fand Red Bull auf Verstappens zweiten Reifensatz 50 kleine Schnitte, was für Beschädigungen durch Fremdeinwirkung spricht. Verstappen bilanzierte sportlich fair: "Mercedes hat den Sieg verdient. Unter normalen Umständen wäre ich Dritter geworden. Deshalb gibt es auch keinen Grund, irgendetwas zu bedauern."

Wieso war Mercedes so überlegen?

Mercedes degradierte die Konkurrenz zu Statisten. In der Qualifikation betrug der Vorsprung der Silberpfeile über eine Sekunde. Silverstone war mit seinen schnellen Kurven das ideale Geläuf für die Mercedes. Sie nahmen den Red Bull 0,15 Sekunden auf den Geraden, zwei Zehntel zwischen Maggotts und Becketts, zwei Zehntel in Copse und drei Zehntel in Brooklands und Luffield ab. Gleichstand dagegen in Vale und der Loop-Sektion.

Im Rennen reduzierte sich der Vorsprung nach Berechnungen von Red Bull auf vier bis fünf Zehntel pro Runde. Verstappen war trotzdem langweilig. "Kein Auto vor mir, keines hinter mir. Da habe ich meinen Renningenieur über Funk daran erinnert, das Trinken nicht zu vergessen. Normalerweise muss er das immer bei mir machen."

Sebastian Vettel - GP England 2020
Wilhelm
Sebastian Vettel musste sich im Rennen nach hinten orientieren.

Warum war Leclerc so stark und Vettel so schwach?

Charles Leclerc Dritter, Sebastian Vettel Zehnter. Die Story erinnerte an das erste Rennen in Österreich. Oder in Ungarn, als Leclerc am Sonntag keinen Fuß auf den Boden bekam. In allen drei Rennen war einer der beiden Ferrari neben der Spur. Womit der Verdacht entkräftet wäre, Ferrari konzentriere alles auf den Fahrer, der bleibt und lässt den Fahrer, der geht, am langen Arm verhungern.

Vettel war wie in Spielberg ratlos. 23 Sekunden Rückstand auf den Teamkollegen trotz zwei Safety-Car-Phasen erklärten auch die vielen technischen Probleme im Training nicht. Ein undichter Ladeluftkühler und fortwährender Ärger mit dem Bremspedal kosteten den Deutschen rund 120 Minuten Übungsszeit. "Das war nicht optimal, aber ich bin schon so lange dabei, dass mir so etwas nichts ausmachen sollte."

Schon in der Qualifikation fehlten Vettel 0,912 Sekunden auf Leclerc. Der vierfache Weltmeister fand nie seinen Rhythmus. Das änderte sich auch am Sonntag nicht. "Ich hatte von der ersten Runde an kein Gefühl für mein Auto. Jedes Mal, wenn ich mehr Speed durch die Kurve mitnehmen oder später bremsen wollte, habe ich das Auto verloren. Das ganze Wochenende war der Wurm drin, entweder bei mir oder dem Auto. Es kann ja nicht sein, dass über Nacht alles rückwärts läuft."

Hoffnung gibt, dass die Formel 1 in Silverstone bleibt. Das erleichtert die Fehleranalyse. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto kritisierte: "Wir sind happy mit Platz drei, weil wir das Maximum aus einem Auto herausgeholt haben. Wir sind aber unzufrieden mit der Standfestigkeit am anderen Auto."

Ferrari hatte für Silverstone auf ein aggressives Setup mit weniger Abtrieb, dafür mehr Top-Speed gesetzt. Das half für eine Runde. Leclerc sorgte sich umsonst, dass er im Rennen den Preis für die riskante Abstimmung würde bezahlen müssen. Die schwachen Longruns am Freitag hatten zunächst darauf hin gedeutet.

Leclerc bescherte Ferrari das zweite Podium des Jahres mit der gleichen Meisterleistung wie beim Saisonauftakt. Er nutzte die Chancen, die ihm das Rennen bot, passte gut auf die Reifen auf und fuhr ein absolut fehlerloses Rennen. "Das war wegen unserer Abstimmung nicht ganz einfach. Mit unserem Abtriebsniveau war es ein echter Kampf in den Kurven."

Am Ende hat der Verzicht auf Anpressdruck den Ferrari beim Reifenmanagement geholfen. Sie waren in den schnellen Kurven bis zu eine Sekunde langsamer als die Spitzenreiter. Damit haben die Reifen auch nicht so stark gelitten.

Racing Point - GP England 2020
Motorsport Images
Beim Starten des Motors am Auto von Hülkenberg blieb alles still.

Wieso konnte Nico Hülkenberg nicht starten?

Der Traum endete 35 Minuten vor dem Start. Als die Racing Point-Mechaniker den Motor in Nico Hülkenbergs Auto anlassen wollten, braute sich im Heck des Autos mit der Startnummer 27 Unheil zusammen. "Irgendetwas im Antrieb hat sich festgefressen", berichtete Teamchef Otmar Szafnauer. Ersten Analysen zufolge brach ein Bolzen im Kupplungsgehäuse. Der Irrläufer blockierte beim Anlassen des Motors den Antrieb.

Racing Point enttäuschte auf seiner Hausstrecke. Lance Stroll landete nur auf dem neunten Platz. "Die Balance war gut, aber der Speed zu langsam", bedauerte der Kanadier. Die Teamleitung gab dem Timing des zweiten Safety-Cars die Schuld. Es kam zu früh für alle Fahrer, die wie Stroll mit Medium-Reifen gestartet waren.

Davon profitierten die Soft-Starter Lando Norris, Daniel Ricciardo und Esteban Ocon. Strolls Erfahrungen deuten an: Es wäre auch für Hülkenberg ein hartes Rennen vom 13. Startplatz aus geworden. Technikchef Andy Green bemängelte schon im Vorfeld: "Wir machen zu wenig aus unseren Möglichkeiten."

In der Galerie zeigen wir Ihnen noch einmal die Bilder des Reifendramas von Silverstone. Und einige Fotos vom Protest der Umweltaktivisten von "Extiction Rebellion", die im Fernsehen nicht zu sehen waren.

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