GP Indien 2011

Ein Leben auf der Kriechspur

Roller-Fahrer in Indien Foto: Grüner 52 Bilder

Das erste Mal Indien. Ein Tag voller neuer Eindrücke. Weihnachten und Neujahr finden mitten im Oktober statt. Auch an Feiertagen schafft es die Sonne kaum durch den Smog von Delhi. Wer Formel 1-Tempo gewöhnt ist, muss einen Gang zurückschalten. Der Inder bewegt sich auf der Kriechspur.

Bernie Ecclestone sei Dank. Seine Expansionspolitik bringt uns in Länder, von denen wir vor zehn Jahren kaum zu träumen wagten. Jedenfalls nicht im Zusammenhang mit der Formel 1. Zuerst kam Malaysia auf unsere Landkarte. Dann lagen plötzlich China und Bahrain auf der Flugroute der Formel 1-Globetrotter, danach die Türkei, Abu Dhabi und Singapur. Wir sind in Korea gelandet und haben dort das Provinzkaff Mokpo kennen und auch ein bisschen lieben gelernt.

Tollwütige Hunde, Keime im Essen?

Jetzt also Indien. Den Moloch Delhi haben wir elegant ausgebremst. Unser Hotel liegt auf halbem Weg zwischen der Elfmillionen-Metropole und der Rennstrecke. Irgendwie zieht es uns Formel 1-Banausen dort auch nicht hin. Man hat uns erzählt, dass die Fahrt in die City zweieinhalb Stunden dauert. Das Gleiche wieder zurück. Zeit ist Mangelware an einem GP-Wochenende. Das Internet will laufend mit neuen Storys gefüttert werden. Delhi wird also ohne uns auskommen müssen.

Wir haben allerhand gehört, bevor wir in das siebtgrößte Land der Erde reisten. Vor allem soll man mit dem Essen und Trinken aufpassen. Sonst meldet sich schnell Montezumas, pardon Gandhis Rache. Die Teams haben sogar Verhaltensregeln für den Verzehr von Speisen und Getränken an das schwarze Brett gehängt. Auch vor sträunenden Hunden wurden wir gewarnt. Die Mercedes-Piloten haben ernsthaft erwägt, sich vorher gegen Tollwut impfen zu lassen. Panikmache, winken Indien-Kenner ab. Es gibt tatsächlich viele herrenlose Hunde auf der Straße. Gleich am Flughafen wartete ein ganzes Rudel auf uns. Die schienen aber eher von der Schlafkrankheit als von der Tollwut befallen.

Formel 1 zum Neujahrsfest

Noch ein gut gemeinter Rat: Kein Auto ohne Fahrer mieten. Haben wir gemacht. Unser Chauffeur wird zwar kein neuer Vettel mehr, aber er kennt wenigstens den Weg. Vom Flughafen zur Rennstrecke hätte sich ein Unkundiger bestimmt zehn Mal verfahren und womöglich den Grand Prix verpasst. Man kann nicht gerade von vorbildlicher Beschilderung sprechen. Alle Wege scheinen nach Delhi zu führen. Irgendwann das erlösende Schild Noida. Da müssen wir hin.

Der Verkehr präsentierte sich weniger schlimm als gedacht. Was vielleicht daran lag, dass die Inder gerade Divali feiern. Das ist Weihnachten und Neujahr auf drei Tage komprimiert. Die Einheimischen basteln lieber an einem zünftigen Feuerwerk als die Straßen zu verstopfen. Die Arbeit ruht. Trotzdem sieht man die Hand vor Augen kaum. Die Sonne hat Mühe sich durch den Smog von Indiens zweitgrößter Stadt nach Mumbai zu kämpfen. Ich kann mich noch an Mexiko-City in seinen schlimmsten Jahren erinnern. Gegen Delhi war das ein Luftkurort.

Autobahntempo zwischen 60 und 100 km/h

Indien, soviel steht nach Tag eins unserer Reise fest, sorgt für eine Entschleunigung. Das Leben dreht sich hier zwei Gänge langsamer als sonst. Keiner ist in Eile. Zeit scheint nicht Luxus sondern im Überfluss vorhanden zu sein. Das Tempo auf den Autobahnen beträgt zwischen 60 und 100 km/h. Die Autos teilen sich die Fahrspuren mit dreirädrigen Tuk-Tuks und Mopeds, auf denen bis zu vier Personen sitzen. Hin und wieder soll auch eine Kuh dazu kommen. Wir haben nur einmal eine am Straßenrand gesehen. Gleich nach dem Flughafen. Einbahnstraßen sind kein Grund, nicht den Geisterfahrer zu spielen. Man fädelt sich wild hupend aber dennoch gelassen in den Gegenverkehr ein. Da könnten die Chinesen viel von den Indern lernen. Shanghai ist immer auf dem Sprung.

Sauberkeits-Fanatiker werden mit Indien ein Problem haben. Rechts und links der Straße sieht alles aus wie Baustelle oder Müllhalde. Es stehen mehr Bauruinen herum als in Brasilien. Vermutlich ist irgendwann das Geld ausgegangen. Gearbeitet wird noch von Hand. Was bei uns eine Kehrmaschine macht, erledigen in Indien 20 Frauen mit Palmwedeln.

Gerade Linien gibt es nicht

Die neue Rennstrecke ist eine Anlage der Gegensätze. Der Kurs selbst kann sich mit jedem anderen auf der Welt messen. Perfekte Arbeit von A bis Z. Bei den Gebäuden ist den Betreibern entweder die Zeit ausgegangen oder es ging das Augenmaß verloren. Eine gerade Linie gibt es nicht. Überall Dellen, Wellen und Versatz. Da und dort fehlt auch noch etwas. Was aber keinen wirklich stört. Dazu eine Treppe, die ins Nirgendwo führt. Und ein Stromnetz, das mal zuviel und mal zuwenig Spannung liefert. Im Fahrerlager sieht es noch aus wie auf der Großbaustelle, und es macht nicht den Eindruck, dass sich bis zum Sonntag viel ändern wird.

Angeblich sind 78.000 Tickets für das Wochenende verkauft. 110.000 passen in die Arena. Die Zuschauer sollen das zweitschnellste Rennen des Jahres erleben. Zu schlagen sind 238 km/h Schnitt von Spa-Francorchamps. Die Inder, die sich eine Eintrittskarte für den Grand Prix leisten konnten, werden an diesem Wochenende neu auf die Welt kommen. Für sie fahren die Autos mit Lichtgeschwindigkeit.

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