George Russell - GP Italien 2020 Motorsport Images
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
Pierre Gasly - Alpha Tauri - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
Alpha Tauri - GP Italien 2020 - Monza - Rennen 51 Bilder

Unklares Boxen-Signal in Monza?

Russell erkennt LED-Tafeln sofort

Wurde die Entscheidung zur Schließung der Boxengasse in Monza von der Rennleitung nicht eindeutig genug kommuniziert? Die Analyse des Bordfunks verschiedener Fahrer sorgt für eine klare Antwort.

Als Kevin Magnussen mit seinem Haas in Runde 17 des Italien-Grand-Prix neben der Boxeneinfahrt ausrollte, stieg bei den Strategen an den Kommandoständen der Puls. Das Boxenstopp-Fenster war gerade erst aufgegangen. Ein Safety-Car würde den Piloten die Chance zum zeitsparenden Reifenwechsel geben. Der Zeitpunkt, den Pflichtstopp zu absolvieren und dann bis ins Ziel durchzufahren, war ideal.

Doch dann schickte die Rennleitung parallel zum Safety-Car-Signal auch noch die Mitteilung raus, dass die Einfahrt zur Boxengasse gesperrt war. Die Streckenposten konnten das Auto nämlich nicht einfach hinter die Bande schieben. Der Ausschnitt in der Leitplanke war zu eng. Stattdessen mussten sie den havarierten Haas in Richtung Boxengasse aus dem Weg räumen. Da hätte es leicht zu einer gefährlichen Situation kommen können.

Die Mitteilung über die Schließung der Boxengasse erfolgte an die Teams über das sogenannte "Message Board", das im FIA-Kommunikationssystem auf der dritten "Timing Page" ausgespielt wird. Während auf den anderen Seiten nur aktuelle Renndaten, wie die Reihenfolge, Abstände, Rundenzeiten oder Top-Speeds aufgelistet sind, finden sich auf dem Message Board Infos in Schriftform. Hier stehen zum Beispiel aktuelle Wetterdaten und Asphalttemperaturen, aber auch diverse Mitteilungen der Rennleitung, zum Beispiel zur Aktivierung des DRS-Systems, zu gestrichenen Rundenzeiten oder gelben Flaggen.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
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Für Hamilton setzte es eine 10-Sekunden Stop-and-Go-Strafe für die Einfahrt in die geschlossene Boxengasse.

Warnung an Hamilton kommt zu spät

Im Pressesaal wird diese Übersicht den Reportern neben dem Live-Timing als Standard-Auswahl auf den Monitoren zur Verfügung gestellt. An den Kommandoständen hatten aber offenbar nicht alle Teams die Info-Seite geöffnet – oder keinen Blick dafür. So wurde Lewis Hamilton von Mercedes trotz des Verbots zum Boxenstopp reingeholt. Zwölf Sekunden nach Erscheinen der Meldung kreuzte der Weltmeister die Linie am Boxeneingang. Die Nachricht "Stay out, stay out!" erreichte den Piloten zu spät.

Nach dem Rennen wurde der Vorwurf laut, dass die Rennleitung die Teams eindeutiger über die geschlossene Boxeneinfahrt hätte informieren müssen. Hört man sich aber noch einmal die Kommunikation der Piloten mit ihren Kommandoständen in dieser heißen Phase an, dann wird deutlich, dass einige Teams die Situation sofort umrissen haben. Bei anderen dauerte es dagegen etwas länger.

So wurde Pierre Gasly zum Beispiel nur einen kurzen Augenblick nach Erscheinen der Mitteilung gewarnt. Auch bei Red Bull wurde schnell geschaltet. Giampiero Lambiase, der Renningenieur von Max Verstappen, informierte seinen Schützling gerade darüber, dass die Boxengasse gesperrt ist, als Hamilton zum Stopp abbog. Im Hintergrund des Funkverkehrs sind klar die Schlagschrauber von Mercedes zu hören.

Safety-Car - GP Italien 2020
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Zu Beginn einer Safety-Car-Phase ist es für die Piloten nicht leicht, Warntafeln am Streckenrand zu erkennen.

Mercedes besonders unter Zeitdruck

Zur Verteidigung von Mercedes muss erwähnt werden, dass der Rest des Feldes vor der Safety-Car-Phase mehr als zehn Sekunden Rückstand auf den Führenden aufwies. Also hatten auch alle Verfolger zehn Sekunden länger Zeit, das Signal zur Schließung der Boxengasse zu erkennen. Bei McLaren wurde es trotzdem ganz eng. Carlos Sainz bekam erst im letzten Moment die Ansage, nicht abzubiegen. Der Pilot fragte drei Mal nach, ob die Boxengasse auch wirklich gesperrt sei.

Als Sainz Hamilton am Boxenausgang bei der Rückkehr auf die Strecke überholte, versicherte sich der Spanier noch einmal. Dabei hätte es der Pilot auch selbst erkennen können. Neben der Mitteilung an die Teams gibt es nämlich auch ein Warnsystem an der Strecke, damit die Fahrer bei Funkausfällen nicht dumm dastehen.

Weil die Boxeneinfahrt schwer einsehbar direkt hinter der Zielkurve liegt, entschied die Rennleitung auf der Außenseite der Parabolica LED-Tafeln aufzuhängen. In den sogenannten "Event Notes", die vor einem Rennwochenende an die Teams und Fahrer verschickt werden, ist eindeutig festgelegt, dass die Sperrung der Boxengasse durch ein rotes "X" signalisiert wird.

Weil die Piloten aber zu Beginn einer Safety-Car-Phase regelmäßig auf ihr Display schauen müssen, um die vorgeschriebene Delta-Zeit einzuhalten, war es nicht so einfach, die aufleuchtenden Warntafeln wahrzunehmen. Lewis Hamilton erklärte hinterher, dass er nichts Blinkendes gesehen habe. Der Weltmeister schaute in der kurzen Unterbrechung nach dem Leclerc-Crash sogar persönlich in der Rennleitung vorbei, wo ihm dann ein Video seiner Onboard-Kamera vorgespielt wurde.

Race Notes - GP Italien 2020
FIA
In den sogenannten "Race Notes" ist klar angeführt, dass die "Status Panels" für die Boxengasse außen an der Parabolica angebracht wurden.

Russell erkennt Situation direkt

Hört man sich den Boxenfunk der Fahrer noch einmal an, dann erwähnen nur wenige Piloten die Warntafeln. Kimi Räikkönen informierte seinen Ingenieur zwar, dass die LED-Boards blinken, er konnte sich aber keinen Reim darauf machen, was das bedeutet. Weil der Iceman seinen Boxenstopp aber schon kurz zuvor unter Renntempo absolviert hatte, holte ihn der Alfa-Kommandostand nicht rein – im Gegensatz zu Antonio Giovinazzi, der neben Hamilton das zweite "Opfer" wurde.

Es gab aber auch einen Piloten, der die Situation direkt erkannte und auch noch die richtigen Schlüsse zog. Als George Russell durch die Parabolica fuhr, informierte er seinen Ingenieur sofort, dass die LED-Tafeln das Signal zur Schließung der Boxengasse anzeigen. Erst danach erkannte man bei Williams auch an der Boxenmauer, was Sache ist. Offenbar hatte sich der Youngster die "Race Notes" als einer der wenigen Fahrer genau durchgelesen.

Das Beispiel von Russell zeigt, dass es für die Piloten nicht unmöglich war, das Signal aus dem Cockpit zu erkennen. Obwohl Hamilton den Fehler nach dem Rennen auf seine Kappe nahm, muss man die Hauptschuld für die Strafe aber wohl dem Kommandostand zuschieben. Bei Mercedes hatte nur ein einziger Mitarbeiter im Kontrollzentrum in der Fabrik in Brackley erkannt, dass die Boxengasse geschlossen ist. Bis diese Information im Cockpit in Monza ankam, war das Kind aber schon in den Brunnen gefallen.

Vielleicht hätte es Hamilton auch geholfen, wenn er vor dem Rennwochenende einen Streckenrundgang gemacht hätte. Die meisten Fahrer gehen Donnerstags mit ihren Ingenieuren einmal um den Kurs, um sich die wichtigsten Punkte in Ruhe aus der Nähe anzuschauen. Hamilton verzichtet aber traditionell auf den Rundgang.

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