Rennanalyse GP Mexiko 2018

Reifen nur beim Burnout zu heiß

Lewis Hamilton - GP Mexiko 2018 Foto: ams 78 Bilder

In Mexiko wurde das normale F1-Kräfteverhältnis auf den Kopf gestellt. Red Bull dominierte. Mercedes kämpfte auf verlorenem Posten. In der Rennanalyse liefern wir die Erklärung dafür und verraten, was Vettel Lewis Hamilton ins Ohr flüsterte.

Warum war Red Bull so schnell?

Red Bull reiste mit großen Erwartungen nach Mexiko. Und die Verantwortlichen sollten Recht behalten. Nachdem in der Qualifikation die beiden Startplätze in der ersten Reihe gesichert wurden, hätten Max Verstappen und Daniel Ricciardo im Rennen locker einen Doppelsieg klarmachen können. Doch dann sorgte zehn Runden vor dem Ziel ein gebrochenes Kupplungslager am Auto mit der Startnummer 3 dafür, dass nur ein einziger Pilot aus dem Red-Bull-Lager auf dem Podium jubeln durfte.

Verstappen hatte mit dem gewonnenen Start früh den Grundstein für den Erfolg gelegt. Danach kontrollierte der Youngster das Rennen souverän, konnte sich in Runde 48 sogar einen zweiten Sicherheitsstopp leisten, ohne die Führung abzugeben. Im Ziel betrug der Vorsprung auf Verfolger Sebastian Vettel komfortable 17,3 Sekunden. Und das, obwohl der Niederländer in der Schlussphase aufgefordert wurde, sein Tempo zu reduzieren und weniger aggressive Motor-Einstellungen zu verwenden.

Doch warum präsentierte sich Red Bull ausgerechnet in Mexiko so überlegen. Das Geheimnis liegt in der dünnen Luft und dem rutschigen Asphalt: „Hier zählt vor allem mechanischer Grip und Abtrieb“, erklärte Max Verstappen. „Dazu sind die Motorleistung und der Top-Speed keine so entscheidenden Faktoren wie sonst. Wir können viel Zeit in den Kurven gewinnen. Deshalb liegt uns die Strecke so gut.“ 2240 Meter über dem Meeresspiegel kann Red Bull den Vorteil des hohen Anpressdrucks voll ausspielen, ohne für den hohen Luftwiderstand zu bezahlen.

Max Verstappen - Formel 1 - GP Mexiko 2018 Verstappen-Sieg in Mexiko „Ziehe mein eigenes Ding durch“

Außerdem musste die Konkurrenz von Mercedes und Ferrari wegen Problemen mit der Kühlung die Motoren runterfahren. „Da sieht man mal, was dabei herauskommt, wenn man vergleichbare Leistung hat“, grantelte Motorsportchef Helmut Marko. „Dazu hatten wir im Rennen das deutlich reifenschonendere Auto. Nachdem sich Max am Start sensationell gegen Hamilton durchsetzen konnte, hat er anschließend den Sieg souverän nach Hause gebracht.“

Nur eines trübte die Stimmung des Grazers: „Schade, dass es kein Doppelsieg wurde.“ Der Ricciardo-Ausfall nervte einen ganz besonders: Ricciardo selbst. Der Australier kotzte nach dem Rennen ordentlich ab: „Frustration ist gar nicht mehr das richtige Wort dafür. Die Lage ist einfach hoffnungslos. Ich sehe keinen Sinn mehr darin, sonntags noch hier aufzutauchen. Ich brauche die letzten beiden Rennen eigentlich gar nicht fahren. Ich hatte schon ewig kein sauberes Wochenende mehr. Ich bin wirklich nicht abergläubisch, aber dieses Auto ist mit einem Fluch belastet.“

Das Kupplungsproblem hatte sich bereits nach zehn Runden angedeutet. Doch schon vorher lief es für Ricciardo nicht rund. Auf dem Weg in die erste Kurve verlor der Mann aus Perth drei Plätze: „Die Startübungen waren das ganze Wochenende gut. Und dann im Rennen hat plötzlich gar nichts mehr funktioniert. Ich habe da keine Erklärung mehr für. Ich bin fertig mit diesem Auto. Von mir aus soll es Gasly fahren.“

Welche Probleme bremsten Mercedes?

Wenn Lewis Hamilton mit einem Rückstand von 78 Sekunden auf Verstappen Weltmeister wird, dann kann etwas nicht stimmen. Im Training fehlten dem Champion doch nur 0,135 Sekunden auf die Pole Position. Und sechs Runden vor Schluss drehte Valtteri Bottas die schnellste Runde. Das lässt schon die Schlussfolgerung zu: Am Auto lag es nicht.

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Mexiko 2018 Foto: xpb
Lewis Hamilton schleppte sich mit zu kalten Reifen über die Distanz.

Teamchef Toto Wolff fasste die Misere in einem Satz zusammen: „Wir hatten keine einzige Runde, in der wir die Reifen ins Arbeitsfenster gebracht haben.“ Die Reifen wurden nicht zu heiß, wie es ein paar Mal in dieser Saison passiert ist. Sie waren zu kalt. Und damit setzte jener Prozess ein, den die Engländer „Graining“ nennen, was korrekt übersetzt „Körnen“ heißt. Dabei schälen sich mehr oder weniger große Gummischnipsel von der Lauffläche. Wenn genug Gummi abgerubbelt ist, hört das Körnen wieder auf. Normalerweise. Doch bei Mercedes war nichts normal an Hamiltons Jubeltag.

„Wir haben die Oberfläche der Reifen zerstört. Alle hatten links vorne Probleme. Wir auch, nur schlimmer. Dazu noch auf den Hinterreifen“, schüttelten die Ingenieure den Kopf. „Während sich bei den anderen das Problem irgendwann von selbst löste, wurde es bei uns schlimmer bis hin zu dem Stadium, dass sich das Körnen immer tiefer in die Reifen fraß und schließlich kein Gummi mehr übrig war.“ Mit den neuen umstrittenen Felgen, deren Löcher Mercedes sicherheitshalber in Austin und Mexiko stopfte, hatte das Problem übrigens nichts zu tun. In den USA waren die Reifen zu heiß, dieses Mal zu kalt.

Was flüsterte Vettel Hamilton ins Ohr?

Sebastian Vettel hatte trotz der aussichtslosen Lage die Hoffnung auf den WM-Titel noch nicht ganz aufgegeben. Umso geknickter zeigte sich der Ferrari-Pilot in Mexiko, als Lewis Hamilton mit dem vierten Platz rechnerisch alles klar machte. „Wenn man das ganze Jahr auf ein Ziel hinarbeitet, und es dann nicht mehr in Reichweite liegt, dann ist das ein furchtbarer Moment. Es ist doch ganz normal, dass man dann niedergeschlagen ist“, bat der Pilot für die gedrückte Laune um Verständnis.

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Mexiko 2018 Foto: Wilhelm
Vettel zeigte sich in der Stunde der Niederlage als fairer Verlierer.

Doch auch in der Niederlage zeigte Vettel Größe. Der Heppenheimer unterbrach sogar sein Parc-fermé-Interview mit David Coulthard um seinem Rivalen Hamilton die Hand zu schütteln und ihm ausführlich zur fünften Meisterschaft zu gratulieren. „Er ist das ganze Jahr super gefahren. Er war einfach der Bessere von uns beiden. Er hat es verdient“, wiederholte Vettel die anerkennenden Worte anschließend gegenüber der Presse.

„Ich habe ihm gesagt, dass mir der Kampf mit ihm viel Spaß gemacht hat. Ich habe ihn gebeten, dass er weiter alles geben soll, damit wir nächstes Jahr wieder auf dem höchsten Level gegeneinander kämpfen können. Wir sind vielleicht vom Typ her sehr unterschiedlich. Aber ich bewundere seine Leistung auf der Strecke. Der Respekt ist da. Auch wenn es schwerfällt, das zuzugeben: Es gibt leider manchmal Tage, an denen man nicht der Beste ist.“

Warum war das Mittelfeld so langsam?

In Mexiko präsentierte sich die Zweiklassengesellschaft der Formel 1 so weit auseinander dividiert wie sonst noch nirgendwo in dieser Saison. Nico Hülkenberg kam zwar als bester Mittelfeld-Pilot auf Position sechs ins Ziel, wurde dabei aber wie alle seine Leidensgefährten der zweiten Liga gleich zweimal von Sieger Verstappen überrundet. Der Rheinländer machte die besonderen Bedingungen in Mexiko dafür verantwortlich. Die weichen Reifen und der überholfeindliche Charakter des Autodromo Hermanos Rodriguez hatten ungewöhnliche Auswirkungen auf die Taktik.

„Ich war vom Start weg auf einer Einstopp-Strategie festbetoniert“, erklärte Hülkenberg. „Ich musste so lange wie möglich auf den Hypersoft-Reifen aushalten und mich dann mit den Supersofts irgendwie ins Ziel retten. Das Problem im engen Mittelfeld ist, dass man bei einem zusätzlichen Stopp viele Positionen verliert, die man auf der Strecke selbst mit frischen Reifen nicht mehr gutmachen kann. Deshalb ist es sinnvoller im Bummeltempo zu fahren, auf die Reifen aufzupassen und einmal weniger an die Boxen zu fahren. Auch wenn diese Taktik bei freier Strecke eigentlich die schnellere wäre.“ Und warum sind die Top-Teams davon nicht betroffen? „Sie fahren dem Mittelfeld so schnell davon, dass eine große Lücke aufgeht. Sie verlieren deshalb bei einem Stopp nicht so viele Plätze“, so der Renault-Pilot.

Warum ging die Force-India-Taktik nicht auf?

Sergio Perez - Formel 1 - GP Mexiko 2018 Foto: xpb
Zum Entsetzen der Fans musste Perez vorzeitig aufgeben.

Force India hatte sich viel für das Rennen vorgenommen. Die Strategen hatten in der Qualifikation freiwillig auf Top-Ten-Startplätze verzichtet, um dann im Rennen mit frischen härteren Reifen loszufahren und den Taktik-Vorteil zu nutzen. Doch die Rechnung ging nicht auf. „Das war das schlimmste Rennen meiner Karriere“, schimpfte Esteban Ocon. „Es hat einfach nichts funktioniert.“ Nach einem guten Start fuhr sich der Franzose am Hinterreifen von Hülkenbergs Renault einen Teil des Frontflügels ab. Der Reparaturstopp in Runde 1 warf ihn ans Ende des Feldes zurück. „Da war mein Rennen eigentlich vorbei.“ Beim Versuch Boden gutzumachen, legte sich Ocon auch noch mit Brendon Hartley an. Der Toro Rosso verteidigte sich nach Meinung der FIA-Kommissare zu heftig. „Er hat Ocon einfach keinen Platz gelassen“, erklärte Rennleiter Charlie Whiting. „Deshalb ist die 5-Sekunden-Strafe gerechtfertigt.“ Sie warf Hartley nachträglich zwei Plätze zurück von Rang 12 auf 14.

Das Schicksal des zweiten Force India ist ebenfalls schnell erzählt. Zunächst sah Sergio Perez aus wie ein sicherer Punktekandidat. Der Lokalmatador nutzte eine Virtuelle Safety-Car-Phase nach dem Ausfall von Carlos Sainz in Runde 30 zum zeitsparenden Boxenstopp. Mit frischen Reifen kehrte der auf Rang 13 gestartete Mexikaner hinter Hülkenberg auf die Strecke zurück. Doch dann streikten die Bremsen. „Wir hatten mindestens den siebten Platz in der Tasche“, schimpfte Perez nach dem Ausfall in Runde 38. „Mein Pedal wurde plötzlich lang und ich musste das Auto abstellen. Das ist frustrierend. Mir tut es vor allem für das Team und die vielen Fans leid.“

In der Galerie zeigen wir noch einmal die Highlights des Rennens und der anschließend Hamilton-Party.

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GP Mexiko 2018: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit/Rückstand
1. Max Verstappen Red Bull 1:38:28.851 Std.
2. Sebastian Vettel Ferrari + 0:17.316 Min.
3. Kimi Räikkönen Ferrari + 0:49.914
4. Lewis Hamilton Mercedes + 1:18.738
5. Valtteri Bottas Mercedes + 1 Runde
6. Nico Hülkenberg Renault + 2 Runden
7. Charles Leclerc Sauber + 2 Runden
8. Stoffel Vandoorne McLaren + 2 Runden
9. Marcus Ericsson Sauber + 2 Runden
10. Pierre Gasly Toro Rosso + 2 Runden
11. Esteban Ocon Force India + 2 Runden
12. Lance Stroll Williams + 2 Runden
13. Sergey Sirotkin Williams + 2 Runden
14. Brendon Hartley Toro Rosso + 2 Runden
15. Kevin Magnussen HaasF1 + 2 Runden
16. Romain Grosjean HaasF1 + 3 Runden
17. Daniel Ricciardo Red Bull Ausfall
18. Sergio Perez Force India Ausfall
19. Carlos Sainz Renault Ausfall
20. Fernando Alonso McLaren Ausfall
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