Valtteri Bottas & Lewis Hamilton - Mercedes - GP Russland 2020 Motorsport Images
Carlos Sainz - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
Formel 2 Crash - Russland - Sotschi 2020
Valtteri Bottas - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Rennanalyse GP Russland 2020

Hamilton-Sieg ohne Strafe?

Der Grand Prix von Russland produzierte jede Menge Diskussionstoff. Wir haben hinter die Zahlen geblickt, die Stimmen der Beteiligten eingeholt und geben die Antworten auf die wichtigsten offenen Fragen in der Rennanalyse.

Hätte Hamilton ohne Zeitstrafe gewonnen?

Nach der Einfahrt in die geschlossene Boxengasse in Monza unterlief Lewis Hamilton in Sotschi schon wieder ein unnötiger Fauxpas. Der Weltmeister absolvierte seine Startübungen am Ende der Boxenausfahrt und nicht auf dem dafür vorgesehenen Platz direkt hinter der Boxenampel. Dafür kassierte er eine Zehnsekunden-Strafe, die er beim ersten Boxenstopp absitzen musste. Die Fans wurden damit leider um ein spannendes Rennen betrogen. Hamilton konnte in den Kampf um die oberen Stufen des Treppchens nicht mehr eingreifen. Valtteri Bottas cruiste entspannt zum zweiten Saisonsieg.

Die Frage, wie das Duell ohne die Strafe ausgegangen wäre, lässt sich nach Blick auf die Zahlen leicht beantworten. Hamilton war mit seinen weichen Reifen gezwungen, schon in Runde 16 reinzukommen. Die Kritik des Piloten, dass der Stopp fünf Runden zu früh angesetzt war, konnten die Strategen nicht nachvollziehen. Chefingenieur Andrew Shovlin bestätigte, dass der linke Hinterreifen nur noch zehn Prozent Gummi auf der Lauffläche hatte. Die Rundenzeiten gingen vor dem Service dramatisch nach unten.

Bottas konnte dagegen mit seinem Medium-Reifen bis Runde 26 konstante Zeiten setzen. Als er nach seinem Stopp wieder auf die Strecke fuhr, zeigte die Uhr einen Abstand von 15,4 Sekunden zwischen den beiden Mercedes an. Selbst ohne die zehn Strafsekunden wäre Bottas also vor Hamilton gelandet. Dass der Weltmeister mit seinen älteren Reifen noch einmal den Konter gesetzt hätte, ist äußerst unwahrscheinlich.

Die zusätzliche Standzeit hatte Hamilton übrigens auch nicht groß in den Verkehr geschickt. Der Brite musste nur Sebastian Vettel auf der Strecke überholen. Der Zeitverlust hielt sich aber in Grenzen. Der große Profiteur der Hamilton-Strafe war also nicht Bottas sondern Max Verstappen. Der Red-Bull-Pilot wies bereits einen Rückstand von 5,4 Sekunden auf, als der führende Mercedes an die Box abbog. Das wäre in den neun Runden bis zum eigenen Stopp wohl nicht aufzuholen gewesen.

Lewis Hamilton - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Hamilton hatte Glück, dass seine Strafpunkte nachträglich noch einmal gestrichen wurden.

Warum wurden die Strafpunkte wieder gestrichen?

Nach dem Rennen gab es jede Menge Diskussionen, ob das Urteil gegen Hamilton angemessen war. So fragten zum Beispiel einige, warum es überhaupt eine Zeit- und keine Geldstrafe gab, wie zum Beispiel Tempoverstößen in der Boxengasse. Rennleiter Michael Masi hatte eine gute Antwort parat: "Die Stewards waren der Meinung, dass Lewis dadurch einen Performance-Vorteil hatte. Deshalb wurde eine Sportstrafe im Rennen ausgesprochen."

Noch mehr Diskussionen gab es um die beiden zusätzlichen Strafpunkte. Hamiltons Sünderkartei war dadurch nur noch zwei Zähler von einer automatischen Sperre entfernt. "Das ist doch lächerlich", kommentierte der Pilot die Doppelsanktionierung. "Strafpunkte sollte es nur für Crashs oder ähnliche Vergehen auf der Strecke geben. Ich habe doch niemandem geschadet und keinen gefährdet."

Gut drei Stunden nach der Zieldurchfahrt revidierten die Schiedsrichter plötzlich ihr Urteil. Die Strafpunkte wurden überraschend gestrichen. Masi erklärt, was zu dem Sinneswandel führte: "Die Stewards haben mit dem Fahrer und den Mercedes-Verantwortlichen gesprochen. Dabei stellte sich heraus, dass es sich um eine Anweisung des Teams handelte, wo die Startübung durchgeführt werden soll. Lewis hat den Anweisungen nur Folge geleistet. Man entschied, dass die Strafpunkte unverhältnismäßig sind."

Den Vorwurf, dass die Positionierung der Zone für die Startübungen nicht genau genug festgelegt ist, streitet Masi ab. Den Vorschlag, eine Box auf den Asphalt zu malen, hält der Australier für unnötig: "Wir haben es immer so gemacht. Und bisher hat es auch immer funktioniert. Alle anderen Fahrer haben die Position auch dieses Mal korrekt gefunden." Masi wies auch die Anschuldigungen Hamiltons zurück, dass er als WM-Führender besonders im Visier der Aufpasser liegt: "Wenn er ein Problem sieht, kann er gerne kommen. Meine Tür ist immer offen. Wir können über alles diskutieren."

Max Verstappen - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Verstappen verlor das Duell gegen Bottas schon am Start.

Warum konnte Verstappen nicht um den Sieg kämpfen?

Max Verstappen war nach seinem tollen Qualifying von Rang zwei ins Rennen gegangen. Polesetter Hamilton nahm sich durch die weichen Reifen am Start und die Zeitstrafe selbst aus dem Spiel. Doch mit dem Sieg hatte Red Bull trotzdem nichts zu tun. Bottas zog schon auf den ersten Metern am einzigen Konkurrenten vorbei und blieb auf den 53 Rennrunden im Anschluss unerreichbar.

Verstappen erkannte das Problem am Start nicht sofort: "Beim Losfahren in die Formationsrunde aktivierte sich das Anti-Stall-System. Da hatte ich schon Schlimmes befürchtet. Beim richtigen Start hatte ich plötzlich gar keinen Grip. Ich dachte zunächst, dass wir ein technisches Problem haben. Aber dann sah ich im Rückspiegel, dass die ganze rechte Schlange schlecht wegkam."

Bottas nutzte den Gripvorteil auf der sauberen Seite aus und zog mühleos vorbei. Danach fand Verstappen auf den Medium-Reifen nie das richtige Gefühl für die Haftungsgrenze. Das führte zu einem höheren Gummiverschleiß als bei Mercedes. "Erst mit der harten Mischung nach dem Boxenstopp konnte ich das Tempo mitgehen. Aber da war es leider schon zu spät", klagte Verstappen.

Esteban Ocon - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Ocon kam lange nicht an Vettel vorbei. Per Stallregie wurde das Problem geregelt.

War der Renault-Platztausch eine gute Idee?

Renault schien in Sotschi lange das Mittelfeld anzuführen. Doch im Rennen konnte die Konkurrenz das französische Werksteam schnell unter Druck setzen. Esteban Ocon hatte sich im Chaos der Startrunde an Teamkollege Daniel Ricciardo vorbeigemogelt. Doch auf den weichen Reifen zeigte der R.S.20 einen relativ großen Verschleiß. So wurden schon in den Runden 15 und 18 Boxenstopps angeordnet.

Kaum wieder auf der Strecke, stand dem gelben Tandem plötzlich der Ferrari von Sebastian Vettel im Weg. Ocon mühte sich im Heck des Heppenheimers sieben Runden ab. Dann zogen die Strategen die Reißleine. Per Stallregie wurde Ricciardo am Schwesterauto vorbeigelotst. Der Überholkönig fackelte nicht lange. Innerhalb einer Runde hatte er Vettel hinter sich gelassen.

Leider war Ricciardo beim Platztausch in Kurve zwei kurz neben die Randsteine gerutscht. Die Regeln sehen vor, dass die Fahrer in solchen Fällen den Notausgang benutzen müssen, sonst setzt es eine automatische Fünfsekunden-Strafe. "Das war in dem Fall nicht möglich. In der Kurve merkt man erst ganz spät, ob es noch reicht. Wenn man dann noch in den Notausgang abbiegen will, verliert man mehr Zeit als die fünf Strafsekunden", kritisierte der Sünder.

Doch Ricciardo hielt sich nicht lange mit Lamentieren auf: "Ich habe den Fehler auf meine Kappe genommen und mir gesagt, dass ich die Zeit einfach auf der Strecke rausfahren werde. Das ist mir zum Glück auch gelungen." Im Gegensatz zu Ocon kam Ricciardo am Ende weit vor Leclerc ins Ziel. Die Stallregie war also trotz der Strafe die richtige Entscheidung.

Ist der Notausgang in Kurve 2 gefährlich?

Auch in der Startrunde rutschten einige Piloten in Kurve zwei neben die Strecke. Carlos Sainz versuchte die Styropor-Schikane aus spitzem Winkel ohne großen Zeitverlust zu nehmen, blieb aber an der Betonmauer hängen. Dem McLaren riss es die linke Vorderradaufhängung ab. Für Sainz war das Rennen damit früh beendet.

Nach dem Rennen sparte der Pilot nicht mit Kritik: "Ich habe meinen Speed etwas unterschätzt. Das war mein Fehler. Aber man hat im Rennen gesehen, dass viele Piloten neben die Strecke gerutscht sind. Und die enge Schikane direkt neben der Mauer ist einfach keine gute Lösung. Man hat gesehen, dass es potenziell gefährlich ist."

Mit Romain Grosjean fand das Nadelöhr später noch ein weiteres Opfer. Der Haas-Pilot schaffte es aber immerhin, nicht in die Mauer sondern in die Styropor-Blöcke zu krachen. Um das Hindernis wieder aufzubauen musste die Rennleitung eine virtuelle Safety-Car-Phase einrichten.

Rennleiter Masi gab zu, dass es hier noch Verbesserungsbedarf gibt: "Jede Kurve ist anders. Manchmal funktionieren Kiesbetten besser, manchmal asphaltiere Auslaufzonen mit hohen Randsteinen. Hier haben wir versucht, das Einfädeln auf die Strecke so sicher wie möglich zu gestalten. Die Piloten sollen gezwungen werden, das Tempo zu verlangsamen. Wegen des besonderen Layouts der Kurve gibt es aber leider keine Allgemeinlösung. Wir werden uns das für nächstes Jahr auf jeden Fall nochmal anschauen."

Die Bilder vom heftigen Sainz-Crash und dem Horror-Unfall in der Formel 2 finden Sie in der Galerie.

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