Lewis Hamilton - GP Russland 2021 Motorsport Images
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Russland 2021 - Sotschi
Lando Norris - McLaren - GP Russland 2021 - Sotschi
Verstappen - Hamilton - Sainz - GP Russland 2021 - Sotschi
Carlos Sainz - Ferrari - GP Russland 2021 - Sotschi 50 Bilder

Taktik-Check GP Russland 2021

Taktik-Check GP Russland 2021 Mercedes zwingt Hamilton zum Sieg

Der GP Russland war ein zweigeteiltes Rennen. Vor dem Regen und danach. Der Schauer kurz vor Schluss teilte das Feld in Gewinner und Verlierer. Entscheidend war die Runde des Boxenstopps. Max Verstappen erwischte sie perfekt. Im Taktik-Check blicken wir noch einmal auf die entscheidende Phase.

Das Sochi Autodrom ist eigentlich bekannt für ruhige Rennen. Die achte Ausgabe war ganz anders. Es begann schon am Samstag. Bis fünf Minuten vor Ende des Q3 war die Strecke so nass, dass man Intermediates brauchte. Dann war die Zeit reif für Slicks. Lando Norris, Carlos Sainz und George Russell wechselten zum richtigen Zeitpunkt die Reifen und waren die Gewinner. Mercedes zögerte zu lange und zog eine Niete.

Im Rennen lief es genau anders herum. 46 Runden lang war der GP Russland ein Trockenrennen. Dann begann es zu regnen. Erst leicht, dann stärker. Erst zwischen den Kurven 5 und 7, dann flächendeckend. Die Wettervorhersage von Meteo France an alle lautete: Die Intensität des Regens nimmt nicht zu.

Mercedes hat für solche Fälle einen Wetterradar-Experten zur Seite, der die Radarbilder für das Team interpretiert. Und der lag genau richtig. Er las aus den sich bewegenden Wolken auf dem Bildschirm, dass der Regen stärker wird.

Vor und nach dem Regen

Bis Runde 46 sah es gut für Lewis Hamilton und schlecht für Max Verstappen aus. Hamilton hätte als Zweiter zwölf Punkte auf Verstappen gutgemacht, der hinter Fernando Alonso auf Platz sieben verhungerte. Bei den Teams stand es umgekehrt. Red Bull hätte zu diesem Zeitpunkt mit Sergio Perez auf dem dritten Rang 21 Punkte gegenüber 18 von Mercedes abgeräumt. Mercedes hatte mit Hamilton nur ein Auto in den Top Ten. Valtteri Bottas gurkte chancenlos an 14. Stelle herum.

Im Ziel kehrte sich das Bild um. Hamilton gewann den Grand Prix zwar noch, den er auf trockener Piste selbst nach Ansicht der Mercedes-Ingenieure nicht gewonnen hätte. Doch Max Verstappen wurde noch Zweiter und verlor so nur sieben Punkte auf seinen WM-Gegner. Und das bei einem Rennen, das Mercedes favorisierte, bei dem er von ganz hinten startete und auch noch seine Motorstrafe los wurde, die Hamilton immer noch blüht. "Es fühlte sich an wie ein Sieg", gab Teamchef Christian Horner zu.

Als Team hat Red Bull verloren. Nach dem Regen fuhr Mercedes mit 35 Zählern heim, Red Bull nur mit 20. Die zweiten Fahrer gaben den Ausschlag. Valtteri Bottas machte in der Regenphase neun Plätze gut und räumte als Fünfter noch zweistellig ab. Sergio Perez musste sich noch von Alonso überholen lassen, bevor er hinter dem Spanier viel zu spät an die Boxen abbog und auf Rang neun abstürzte. Wieder war eine Podium-Chance vertan.

Max Verstappen - Red Bull - GP Russland 2021 - Sotschi
Red Bull
Neben Hamilton gehörte auch Max Verstappen zu den großen Gewinnern des Regenschauers.

Das goldene Los

In den letzten sieben Runden kam es nur bedingt auf die Regenkünste der Fahrer an. Dazu war die Zeitspanne zu kurz. Entscheidend war der Zeitpunkt des Reifenwechsels. Und wie viel Zeit man in der Phase verlor, als man noch mit Slicks auf der nassen Piste unterwegs war. Je länger man den Wechsel hinauszögerte, desto größer die Chance abzufliegen und Zeit herzuschenken.

Das wurde auch Lando Norris zum Verhängnis. Er verlor in der Runde, als er dann endlich zur Box kam, bei einem Ausrutscher in Kurve 5 massiv Zeit. Anders Alonso. Auch der Spanier war zu spät dran, büßte aber auf den Slicks kaum Zeit ein und konnte so seinen 6. Platz verteidigen.

Die Rundentabelle zeigt ganz klar, was der goldene Moment zum Absprung auf Intermediates war. Die Runden 47 und 48, also gleich zu Beginn der Regenphase. Die 48. Runde stellte sich sogar als noch besser heraus, weil da bereits die ganze Strecke nass war. Die frühen Wechsler liefen Gefahr sich im letzten Sektor das Profil der Intermediates abzurubbeln. Da war es in Runde 47 noch trocken.

Den Auftakt machten Valtteri Bottas, George Russell und Kimi Räikkönen. Alle drei profitierten. Bottas am meisten. Er machte neun Positionen gut. "Auf Platz 14 war das Risiko überschaubar. Als wir Valtteri reinholten, war auch uns noch nicht klar, wie sich der Regen entwickeln würde. Wäre er gleich geblieben oder hätte er nachgelassen, hätten wir den Boxenstopp umsonst gemacht", gaben die Strategen zu.

Russells Pech war, dass Williams nur noch gebrauchte Intermediates auf Lager hatte. So konnte er sich nicht gegen Kimi Räikkönen verteidigen. Alfa Romeo belohnte sich für das richtige Timing mit vier Punkten. Räikkönen sprang von Platz 13 auf acht. Der alte Fuchs hatte das Gefühl, dass es für Slicks zu nass war. Er informierte das Team über den Streckenzustand, das dann prompt reagierte.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Russland 2021 - Sotschi
Wilhelm
Lewis Hamilton kann sich bei seinem Kommandostand für den 100. Sieg bedanken.

Fast ein Notruf für Hamilton

Auch Max Verstappen hatte den richtigen Riecher. Er forderte aktiv einen Reifenwechsel und stand in Runde 48 an der Red Bull-Box. Mit ihm kamen Carlos Sainz, Daniel Ricciardo und Lance Stroll zum Wechsel. Das Risiko für Verstappen war überschaubar, weil sein direktes Umfeld entweder in der Runde davor oder gleichzeitig gestoppt hatte. So kam kurzfristig nur Sebastian Vettel an ihm vorbei.

Daniel Ricciardo belohnte sich mit einem Sprung von Platz sechs auf vier. Carlos Sainz konnte aus dem richtigen Timing keinen Platzgewinn abschöpfen, weil er davor bereits 37 Sekunden Rückstand auf Hamilton hatte. Immerhin behielt der Spanier sein Podium, und das war an diesem Tag schon eine gute Nachricht. Lance Stroll brachte es fertig trotz des richtigen Timings Plätze zu verlieren. Der Kanadier kreiselte vor und nach dem Boxenstopp von der Strecke und ließ dabei viel Zeit liegen.

Eigentlich sollte auch Hamilton in der 48. Runde an die Box kommen. Doch der Weltmeister weigerte sich. "Das Zögern von Lewis hätte uns fast das Rennen gekostet", räumten die Ingenieure im Rückblick ein. Hamiltons Glück war der große Vorsprung zu Platz drei. Da konnte er sich auch eine langsame Runde auf den falschen Reifen leisten.

Am Kommandostand von Mercedes herrschte in der 49. Runde Alarmzustand. "Lewis dachte, er hätte das unter Kontrolle. Er sah Norris vor sich und dachte, dass er ihn bei diesen Bedingungen schlagen kann. Das war für den Moment okay, aber wir wussten, dass der Regen in den nächsten 30 Sekunden zunehmen würde. Und Lewis musste noch eine ganze Runde fahren. Wir haben Lewis noch einmal eindrücklich aufgefordert, reinzukommen und ihm erklärt warum. Wäre Norris da an die Box gefahren, hätte er das Rennen gewonnen."

Strategiechef James Vowles hatte in dem Moment bereits den Finger auf dem ominösen Knopf, der nur im Notfall zum Einsatz kommt. Wird er gedrückt, ist der Boxenstopp ein Befehl ohne die Möglichkeit zum Widerspruch. Doch der zweite eindringliche Aufruf von Renningenieur Pete Bonnington zeigte Wirkung.

Hamilton bestätigte per Knopfdruck am Lenkrad, dass er verstanden hatte. Vowles musste nicht mehr eingreifen. Als Hamilton mit Intermediates wieder ins Rennen ging, hatte er 14,9 Sekunden Rückstand auf Norris. Noch in der gleichen Runde ging er an dem McLaren auf der Strecke vorbei.

Lando Norris - McLaren - GP Russland 2021 - Sotschi
Wilhelm
Lando Norris verpasste den richtigen Zeitpunkt zum Boxenstopp.

Sieg vor Augen kostet den Sieg

Norris zögerte den Stopp viel zu lange hinaus. McLaren hätte ihn gerne an die Boxen geholt, vertraute aber seinem Fahrer. "Bei solchen Bedingungen hat die Einschätzung des Fahrers mehr Gewicht als sonst. Nur er kann wirklich beurteilen, wie es sich draußen auf der Strecke anfühlt. Unser Problem war, dass der Wetterbericht von gleichbleibendem Regen sprach. Das haben wir Lando mitgeteilt. Er hat aufgrund dieser Information seine Entscheidung getroffen", erklärte Teamchef Andreas Seidl.

Auf der Strecke sah es eine Zeitlang noch so aus, dass man auf Slicks überleben kann. In Runde 49 drehte Norris eine Runde mit 1.52,785 Minuten. Bottas war auf Intermediates mit 1.49,681 Minuten nur um 3,1 Sekunden schneller. In der 50. Runde ging die Schere zwischen Slicks und Intermediates schon weiter auf. Norris verlor weitere fünf Sekunden auf seine Zeit davor und eierte mit 1.57,502 Minuten über die Linie. Verstappen schaffte auf den Intermediates 1.52,546 Minuten.

Erst in Runde 51 wurde es richtig schlimm. Inklusive Ausrutscher brauchte Norris in der Runde in die Box 3.11,081 Minuten. Zum Vergleich die IN-Runde von Hamilton zwei Runden zuvor: 1.56,879 Minuten. Norris reihte sich nach seinem Boxenstopp erst als Achter wieder in das Feld ein. Alles zusammengezählt verlor er 85 Sekunden auf Hamilton nur durch den falschen Zeitpunkt des Reifenwechsels.

Verstappen, Bottas, Ricciardo und Sainz haben ihre Kommandostände aktiv darauf hingewiesen, dass es Zeit für einen Reifenwechsel ist. Norris, Hamilton, Perez, Alonso und Vettel haben ihn genauso aktiv hinausgezögert. "Es war wie ein Münzwurf. Jede richtige Entscheidung konnte auch eine falsche sein", verteidigte sich Alonso.

Mit Ausnahme von Hamilton hatten alle Überlebenskünstler einen guten Grund draußen zu bleiben. Norris hatte den Sieg vor Augen. Perez und Alonso ein mögliches Podium. Vettel ein gutes Punkteresultat. Er zählte in der kritischen Phase zu den schnellsten Fahrern im Feld, überholte in kurzer Folge Räikkönen, Ocon, Russell und Stroll und war schon auf Platz sechs vorgefahren. Da war dann die Gier größer als die Vernunft.

Fernando Alonso - Alpine - GP Russland 2021 - Sotschi
Wilhelm
Fernando Alonso hatte das Podium vor Augen und verpasste dadurch das richtige Timing zum Boxenstopp.

Ohne Regen hätte Norris gewonnen

Der erste Teil des Rennens spielte eigentlich keine Rolle. Kluge und schlechte Schachzüge wirkten sich am Ende kaum auf das Ergebnis aus. Nur Norris und Hamilton hatten die Luft für einen freien Boxenstopp. Die Gruppe um Sainz, Perez, Ricciardo, Alonso, Verstappen und Leclerc lag 37 Sekunden zurück, die von Stroll, Vettel, Russell, Ocon, Räikkönen und Bottas 57 Sekunden.

Ohne den Regen hätte Norris den Grand Prix wahrscheinlich gewonnen und McLaren den zweiten Sieg in Folge beschert. Auch wenn Hamilton einen Rückstand von 8,4 Sekunden innerhalb von 16 Runde zugefahren hatte. Kaum hatte sich der Weltmeister im Heck des McLaren festgebissen, drehte Norris die schnellste Runde des Rennens. So als wollte er seinem Gegner zeigen: Ich habe noch Reserven.

Teamchef Andreas Seidl sah Vorteile für Norris: "Hamilton hat es in der ersten Rennhälfte nicht geschafft, an Ricciardo vorbeizukommen, und Daniel hatte keinen Windschatten von vorne. Es ist also anzunehmen, dass er sich mit Lando genauso schwer getan hätte."

Mercedes sieht es genauso. Dort ist man sogar der Meinung, dass Ricciardo absichtlich langsam gefahren ist, damit Norris vorne flüchten konnte. Trotzdem kam Hamilton nicht vorbei. Das Überhol-Delta betrug in Sotschi 1,4 Sekunden. Das hatte Hamilton nicht.

Mercedes lockt McLaren an die Box

Strategisch interessant war der erste Teil des Rennens nur in Bezug auf die Wahl des Boxenstopps. Max Verstappen war mit seinen harten Reifen in Runde 26 eindeutig zu früh dran. Der Holländer klagte über seinen linken Vorderreifen. "Ich brachte das Auto nicht mehr in die Kurven rein."

Mercedes pokerte. Weil Hamilton an Ricciardo nicht vorbeigekommen ist, dachte die Kommandobrücke von Mercedes über einen Undercut nach, wollte in Runde 22 die Reißleine ziehen, änderte aber kurzfristig seine Meinung. "Wir hatten das Problem, dass uns Perez im Genick hing. Es war klar, dass er einen Undercut versuchen würde, sobald Red Bull verantworten konnte, dass er mit Medium-Reifen die Restdistanz schafft", beschrieben die Ingenieure die Zwickmühle, in der sie steckten.

McLaren jedenfalls ließ sich durch die Aktivitäten in der Mercedes-Box auf die falsche Fährte locken und holte Ricciardo an die Box. Mercedes wartete danach noch vier Runden. "Wir haben Lewis reingeholt als wir gerade aus Russells Boxenstopp-Fenster lagen. Ricciardo war auf frischen Reifen sehr schnell und kam rascher an Russell vorbei als wir dachten. Als Lewis sich dann verbremst hat, hatten wir keine Wahl mehr. Wir mussten die Reifen wechseln."

Das Rennen für Hamilton wäre nicht viel anders gelaufen, hätte Mercedes in Runde 22 schon zugeschlagen. "Außer dass Lewis dann im Vergleich zu Ricciardo einen harten Reifensatz mit vier Runden mehr auf der Lauffläche gehabt hätte. Auch Lewis wäre schnell an Russell vorbeigekommen und mit dem Undercut vor Ricciardo geblieben. Wir sind dann so oder so in diesem Pulk mit Stroll, Bottas und Gasly gelandet. Es war also egal."

Sotschi-Regen: Gewinner & Verlierer

Runde Boxenstopp Fahrer Stand Runde 46 Stand Runde 53 Platzgewinn/verlust  
47 Bottas 14 5 -9 nach vorn  
47 Russell 11 10 -1  
47 Räikkönen 13 8 -5  
           
48 Verstappen 7 2 -5  
48 Sainz 3 3 0  
48 Ricciardo 6 4 -2  
48 Stroll 9 11 +2  
           
49 Hamilton 2 1 -1  
           
50 Alonso 6 6 0  
50 Perez 4 9 +5  
50 Vettel 10 12 +2  
50 Gasly 15 13 -2  
50 Ocon 12 14 +2  
           
51 Norris 1 7 +6  
51 Leclerc 8 15 +7  
Runde Boxenstopp Fahrer Stand Runde 46 Stand Runde 53 Platzgewinn/verlust  
47 Bottas 14 5 -9 nach vorn  
47 Russell 11 10 -1  
47 Räikkönen 13 8 -5  
           
48 Verstappen 7 2 -5  
48 Sainz 3 3 0  
48 Ricciardo 6 4 -2  
48 Stroll 9 11 +2  
           
49 Hamilton 2 1 -1  
           
50 Alonso 6 6 0  
50 Perez 4 9 +5  
50 Vettel 10 12 +2  
50 Gasly 15 13 -2  
50 Ocon 12 14 +2  
           
51 Norris 1 7 +6  
51 Leclerc 8 15 +7  
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