Rennanalyse GP Singapur 2018

Mercedes provoziert Ferrari-Fehler

Vettel vs. Verstappen - GP Singapur 2018 Foto: sutton-images.com 62 Bilder

In der Rennanalyse zum GP Singapur erklären wir, wie Ferrari der Patzer bei der Vettel-Strategie unterlaufen konnte, warum Romain Grosjean eine 5-Sekunden-Strafe kassierte und wie sehr Max Verstappen von den Motorproblemen eingebremst wurde.

Warum unterlief Ferrari der Strategiefehler?

Nach dem verpatzten Qualifying befand sich Ferrari von Rennbeginn an in der Defensive. Doch als Sebastian Vettel am Start eine Position gegen Max Verstappen gewann, träumte man im Lager der Scuderia plötzlich wieder vom Sieg. In Runde 14 wurde Vettel an die Boxen geholt, um Hamilton mit einem Undercut in die Knie zu zwingen. Doch der Versuch scheiterte kläglich. Der Abstand war kurz vorher auf gut drei Sekunden angewachsen. Bei vergleichbaren Standzeiten war das in einer Runde nicht aufzuholen.

Zu allem Überfluss kam dann auch noch der Force India von Sergio Perez dazwischen, der verhinderte, dass Vettel seine frischen Reifen nutzen konnte. So rutschte auch noch Max Verstappen vorbei. „Wir haben probiert aggressiv zu sein, aber das ging nach hinten los. Wir wollten mit dem Ultrasoft einen Platz nach vorne springen. Dann habe ich aber im Verkehr etwas Zeit verloren. Und da war uns auch direkt klar, dass es die falsche Entscheidung war, weil der Reifen nicht so gut hält.“

Sebastian Vettel & Lewis Hamilton - GP Singapur 2018 Hamilton baut Vorsprung aus War’s das schon für Vettel?

Die Kritiker waren hinterher schnell zur Stelle. Doch die Verzweiflungstat war Ferraris einzige Chance. Und sie wurde von Mercedes geradezu provoziert. Hamilton hatte in den ersten Runden das Tempo so sehr verlangsamt, dass die Lücke zum Mittelfeld für die Top-Piloten auf Hypersoft-Reifen nicht schnell genug aufging, um nach dem Boxenstopp wieder vor dem Pulk auf die Strecke zu kommen. Als Hamilton dann plötzlich den Hammer fallen ließ und seine Rundenzeiten um drei Sekunden senkte, musste Ferrari schnell handeln. Man ließ Vettel in eine 5-Sekunden-Lücke zwischen Perez und Grosjean fallen, in der Hoffnung die kurze freie Fahrt reiche im Fernduell mit Hamilton aus. „Das war ein nachvollziehbarer Zug“, erkannten selbst die Ingenieure bei Mercedes an.

Für den Rennverlauf hätte es mehr Spannung gebracht, wenn die Attacke erfolgreich gewesen wäre. Vettel hätte sich dann mit seinen Ultrasoft-Gummis gegen Hamilton verteidigen müssen. So schleppte sich der Ferrari mit den weichen Sohlen mühevoll über die Distanz. „Ich hatte erst keine großen Hoffnungen, dass wir es mit den Reifen bis ins Ziel schaffen. Hätten wir noch einen Boxenstopp eingelegt, wären wir auf Platz 6 gelandet. Ich habe deshalb nur versucht mich über Wasser zu halten und über die Distanz zu kommen“, so Vettel.

Warum bekam Grosjean eine Zeitstrafe?

Romain Grosjean verlor durch eine 5-Sekunden-Strafe nachträglich zwei Positionen. Der Franzose war in Runde 38 so sehr in sein Duell mit Sergey Sirotkin vertieft, dass er nicht bemerkte, dass sich die Spitzengruppe im Eiltempo von hinten näherte. „Romain hat die goldene Regel vergessen: Wenn man sich selbst in einem Zweikampf befindet und blaue Flaggen gezeigt bekommt, muss man zur Seite fahren. Das haben wir den Fahrern so oft eingedrillt“, erklärte Rennleiter Charlie Whiting sichtlich angesäuert.

Die Strafe hatte sich der Haas-Pilot demnach redlich verdient: „Die Lichtertafeln blinkten ihm mit seiner Fahrernummer hell entgegen. Und Lewis war dahinter deutlich schneller. Wenn es um das Ignorieren blauer Flaggen geht, war das einer der schlimmsten Fälle, die ich seit langem gesehen habe“, so Whiting. Grosjean zeigte sich nach dem Rennen reumütig: „Wenn ich jemanden blockiert haben sollte, dann tut es mir leid. Das war nicht meine Absicht. Das ging da draußen zu wie in einem Go-Kart-Rennen. Da konnte ich nicht einfach abbremsen. Gasly hing in meinem Getriebe und Sirotkin lag direkt vor meinem Frontflügel. Nachdem ich ihn überholt habe, ließ ich Hamilton sofort vorbei.“

Warum war Bottas sauer auf die Rennleitung?

Valtteri Bottas - GP Singapur 2018 Foto: Wilhelm
Bottas hatte am Start und im Ziel Räikkönen und Ricciardo im Schlepptau.

Auch bei Valtteri Bottas waren die blauen Flaggen ein großes Thema. Als kurz vor Schluss Nico Hülkenberg zur Überrundung anstand, wäre der Finne gerne vorbeigewinkt worden. Doch die Rennleitung ließ für Hülkenberg keine Flaggen schwenken, weil Bottas nicht in das vorgeschrieben 1,2-Sekunden-Fenster kam. Trotz Klagen am Funk hatten die Schiedsrichter kein Erbarmen. „Er hat mir nach dem Rennen gesagt, dass er einfach nicht näher ran gekommen sei“, berichtete Whiting. „Ich will nicht unfreundlich klingen, aber das ist nicht unser Problem. Jeder muss sich an die Regeln halten und wir können ja nicht einfach eine Ausnahme für ihn machen.“

Im Fahrerlager brannte anschließend eine Diskussion auf, ob die Blaue-Flaggen-Marke von 1,2 Sekunden bei Stadtrennen nicht erhöht werden sollte. Whiting hält das für keine gute Idee: „Letztes Jahr lag die Grenze bei einer Sekunde, jetzt sind es 1,2 Sekunden. Weiter hoch sollten wir nicht gehen. Sonst muss ein Fahrer zu stark vom Gas und verliert zu viel Zeit. Das wäre nicht fair. Bis auf Valtteri haben es alle Fahrer geschafft, innerhalb diese 1,2-Sekunden-Grenze zu kommen.“

Hätte Verstappen gewinnen können?

Teamchef Christian Horner glaubt, dass Red Bull in Singapur siegfähig war. Max Verstappen hätte dazu seine einzige Chance nutzen müssen. In Runde 35 beträgt Verstappens Rückstand auf Hamilton 5,0 Sekunden Zwei Runden später hängt der Red Bull dem Mercedes im Rückspiegel. Hamilton gerät in den Überrundungsverkehr. Grosjean, Sirotkin, Gasly und Hartley sind so mit ihren eigenen Zweikämpfen beschäftigt, dass sie Hamilton gar nicht bemerken. Zwischen den Kurven 10 und 13 brennt es plötzlich lichterloh. Hamilton kann einen Angriff von Verstappen gerade noch abblocken. „Wäre Max da vorbeigekommen, hätten wir gewonnen. Auch wenn Lewis schneller fahren konnte. Ricciardo war am Ende zwei Sekunden schneller als Räikkönen und kam nicht vorbei“, erklärt Horner.

Singapur war möglicherweise Red Bulls letzte Chance in dieser Saison noch ein Rennen zu gewinnen. Dabei klagten die Piloten das ganze Wochenende über Zündaussetzer. Renault fand im Qualifikationsmodus keinen Weg, das Problem zu beheben. „Sie haben keinen Prüfstand, auf dem sie eine hohe Luftfeuchtigkeit simulieren können“, erklärte Motorsportchef Helmut Marko. Im Renn-Trimm lief es besser. Doch ganz ohne Handikap ging es auch nicht. „Max und Daniel mussten die Gänge immer bis zur Drehzahlgrenze ausdrehen. Wenn sie früher hochgeschaltet haben, hat der Motor ausgesetzt. Auf einem Stadtkurs kostet das Zeit“, so Horner.

Wer war schuld am Force India-Crash?

Esteban Ocon - GP Singapur 2018 Foto: sutton-images.com
Bei Force India krachte es mal wieder.

Der Crash zwischen Sergio Perez und Esteban Ocon in Kurve 3 sorgte direkt für den ersten Knalleffekt im Rennen. Im Duell der rosa Rennwagen wurde Ocon vom Schwesterauto unsanft in die Mauer bugsiert. Die FIA-Kommissare verzichteten allerdings auf eine Strafe: „Bei der Anfahrt auf Kurve 3 wurde Perez zwischen Grosjean und Ocon eingeklemmt. Bei der Fahrt zu dritt durch die Kurve kam es dann zum Kontakt. Keinem der Fahrer kann die Hauptschuld für die Kollision zugewiesen werden“, hieß es in der Urteilsbegründung.

Perez selbst gab an, dass er nicht gemerkt habe, wie Ocon auf der Außenbahn einen Angriff startete. Doch vom Team bekam der Mexikaner den Schwarzen Peter zugewiesen: „Sergio hat Schuld. Er muss seinem Teamkollegen Platz lassen. Vor allem an einer Stelle, wo es keine Auslaufzonen gibt“, schimpfte Teamchef Otmar Szafnauer. Das Duell der beiden Piloten hat eine lange Vorgeschichte. Nach einer Kollision im Vorjahr in Spa hatte die Teamleitung die Ansage gemacht, dass sich die Fahrer nicht mehr gegenseitig attackieren dürfen. „Wir haben sie jetzt wieder frei fahren lassen, weil wir dachten, sie hätten ihre Lektion gelernt. Aber da haben wir uns geirrt.“ Ab sofort soll wieder der alte Nichtangriffspakt gelten.

In der Galerie zeigen wir noch einmal die Highlights vom Rennen in Singapur.

GP Singapur 2018: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit/Rückstand
1. Lewis Hamilton Mercedes 1:51.11,611 Std.
2. Max Verstappen Red Bull + 8,961 Sek.
3. Sebastian Vettel Ferrari + 39,945
4. Valtteri Bottas Mercedes + 51,930
5. Kimi Räikkönen Ferrari + 53,001
6. Daniel Ricciardo Red Bull + 53,982
7. Fernando Alonso McLaren + 1.43,011 Min.
8. Carlos Sainz Renault + 1 Runde
9. Charles Leclerc Sauber + 1 Runde
10. Nico Hülkenberg Renault + 1 Runde
11. Marcus Ericsson Sauber + 1 Runde
12. Stoffel Vandoorne McLaren + 1 Runde
13. Pierre Gasly Toro Rosso + 1 Runde
14. Lance Stroll Williams + 1 Runde
15. Romain Grosjean HaasF1 + 1 Runde
16. Sergio Perez Force India + 1 Runde
17. Brendon Hartley Toro Rosso + 1 Runde
18. Kevin Magnussen HaasF1 + 2 Runden
19. Sergey Sirotkin Williams + 2 Runden
20. Esteban Ocon Force India Ausfall
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