GP Singapur 2018 Analyse Training

Ferrari Kopf an Kopf mit Mercedes

Valtteri Bottas - GP Singapur 2018 Foto: xpb 67 Bilder

Sebastian Vettel war nach 45 Minuten nur noch Zuschauer. Ein Mauerkuss legte seinen Ferrari lahm. Vettel musste auf Kimi Räikkönens Daten zurückgreifen. Der Finne lieferte sich in den Longruns ein enges Rennen mit den Mercedes-Piloten.

So nahe kamen sich die WM-Kandidaten zuletzt vor 14 Tagen in Monza. Nach einem Verbremser hätte Lewis Hamilton um ein Haar den Ferrari von Sebastian Vettel abgeräumt. In der 44.Minute des freien Trainings lehnte Vettel seinen Ferrari in Kurve 21 mit dem rechten Hinterreifen gegen die Mauer. Für den WM-Zweiten war das Training gelaufen. Er sah mit an, wie sich Teamkollege Kimi Räikkönen mit Lewis Hamilton und Valtteri Bottas ein heißes Rennen um die Bestzeit und die schnellsten Longruns lieferte.

Den nackten Longrun-Zeiten zufolge war Räikkönen auf Hypersoft-Reifen zwei Zehntel und auf Ultrasoft-Gummis 0,6 Sekunden schneller als Valtteri Bottas. Doch auf dem weichsten Reifen wurden bei Räikkönen drei langsame 1.47er Runden nicht mitgezählt. Der große Unterschied auf den Ultrasoft-Reifen erklärt sich dadurch, dass Bottas seinen Dauerlauf zu Beginn des Trainings und Räikkönen am Ende fuhr. Da war die Strecke dank mehr Gummiauflage schon deutlich schneller.

Die besten Rennsimulationen legten die Red Bull-Piloten auf die Bahn. Max Verstappens Hypersoft-Longrun ist wie bei Räikkönen mit dem Makel von zwei langsamen Runden am Ende behaftet, die nicht in die Kalkulation mit eingegangen sind. Der Holländer kämpfte das ganze Training über mit Problemen in der Motorabstimmung. Zündaussetzer fördern auf einem Kurs mit Mauern als Auslaufzone nicht gerade dem Vertrauen.

Für das größte Aufsehen sorgte Daniel Ricciardo. Der Australier nagelte auf den Hypersoft-Reifen eine Serie von 1.44er Zeiten auf die Strecke. Unerreichbar für alle. Doch auf eine Runde fehlen Ricciardo 6 Zehntel auf die Bestzeit. Trockener Kommentar von Motorsportchef Helmut Marko: „Erschreckend langsam.“

Sechs Dinge, die Sie wissen nach dem Training wissen müssen:

1. Was war mit Vettel los?

Mit dem Vormittagsprogramm war Sebastian Vettel zufrieden. Am Nachmittag lief es dann nicht mehr so gut. Zuerst hätte ihn Lewis Hamilton fast von der Bahn geräumt. Dann rasierte er selbst die Mauer am Ausgang von Kurve 21. Damit war das zweite Training nach 45 Minuten für ihn gelaufen.

Lewis Hamilton - GP Singapur 2018 GP Singapur - Ergebnis Rennen Hamilton siegt unter Flutlicht

Der Ferrari wurde mit einer gerissenen Bremsleitung in die Garage geschoben. Das zweite Training ist zwar der ultimative Test für das Rennen, weil es wie der Grand Prix am Sonntag nach Sonnenuntergang stattfindet, doch Vettel nahm das Missgeschick nicht weiter tragisch. „Wir haben genug Daten und Erfahrung, um uns auszurechnen wie die Reifen halten. Entscheidend wird hier sowieso die Qualifikation sein.“

Kimi Räikkönen erledigte den Job. Der Finne wurde zuerst 11 Runden lang mit Hypersoft-Reifen auf die Bahn geschickt, dann für 10 Umläufe auf den Ultrasoft-Sohlen. Entgegengesetzt zu Valtteri Bottas im Mercedes. Deshalb lassen sich die Longruns der Finnen auch nicht gut miteinander vergleichen. Der Gripzuwachs auf der Strecke in Singapur ist erfahrungsgemäß hoch. Im letzten Jahr lag er zwischen dem ersten Training und der Qualifikation bei 2,9 Sekunden.

Im Vergleich zu Hamilton, der wie Räikkönen am Anfang die Hypersoft-Reifen am Auto hatte, schnitt der Ferrari-Pilot zwei Zehntel besser ab. Allerdings kalkulierte das Rechenprogramm für die Longrun-Analyse die letzten drei Runden des Finnen nicht mit ein. Würde man die 1.47er Zeiten mitrechnen, käme Räikkönen auf einen Durchschnitt von 1.46,254 Minuten.

Der nächstjährige Sauber-Pilot fuhr konstantere Rundenzeiten als Hamilton, der hin und wieder eine Abkühlrunde einbaute. Dafür bauten die Reifen am Ferrari auch schneller ab. Mercedes-Teamchef Toto Wolff schloss aus den Zahlen: „Es ist ziemlich eng zwischen uns und Ferrari.“

2. Hat Mercedes die Hinterreifen im Griff

Lewis Hamilton - GP Singapur 2018 Foto: sutton-images.com
Wie gut halten die Reifen am Mercedes?

Es war das große Problem der Silberpfeile in Singapur in den vergangenen Jahren. Die Hinterreifen neigten zum Überhitzen. Und das drückte in den Longruns auf die Rundenzeiten. „Das Problem haben wir bis jetzt im Griff“, freute sich Toto Wolff. Es war allerdings auch relativ kühl in den Abendstunden. Der Belag des Marina Bay Circuit heizte sich nur auf 35 Grad auf. Das half all den Autos, die normalerweise die Hinterreifen mehr belasten. Doch wie Bottas schon am Donnerstag verriet, probiert es Mercedes diesmal mit einer komplett neuen Setup-Philosophie. Offenbar mit Erfolg.

GPS-Analysen sind wie auf allen Stadtkursen mit Fehlern behaftet. Die Speed-Kurven zeigen immer wieder Lücken, vor allem in Sektor 2. Dieser Teil der Strecke ist am weitesten von den Boxen entfernt. So viel lässt sich aber dennoch sagen: Ferrari ist auf den Geraden 5 km/h schneller als Mercedes. Deshalb gewinnen die roten Autos auch den Sektor 1. Im Sektor 2 haben die Silberpfeile die Nase vorn. Im letzten Abschnitt mit den vielen 90-Grad-Kurven herrscht Gleichstand.

3. Hat Red Bull Siegchancen?

Red Bull beherrschte die Longruns. Daniel Ricciardo war ein Wunder an Konstanz auf höchstem Niveau. Kein anderer Fahrer schaffte fünf 1.44er Runden am Stück. Der Red Bull geht wie gewohnt schonender als die Konkurrenz mit seinen Hinterreifen um. Das hilft im Rennen, fordert aber auch seinen Preis auf eine Runde. „Wir sind eine halbe Sekunden langsamer als Ferrari und Mercedes. Das ist zu viel. Es dauert zu lange, bis wir die Reifen im Fenster haben“, übte Helmut Marko Selbstkritik.

In der Qualifikation könnte sich das Problem noch verschärfen. Singapur hat zwar nach Monte Carlo den geringsten Volllastanteil, doch ein starker Motor zählt auch hier. „Wir rechnen mit zwei bis drei Zehntel Verlust, wenn Ferrari und Mercedes im Q3 den Motor aufdrehen“, fürchtet Chefkonstrukteur Adrian Newey. Ein schlechter Startplatz in Singapur ist eine Hypothek, die im Rennen fast nicht wieder gutzumachen ist, so Marko. „Ricciardo ist vier Sekunden schneller als Sainz gefahren und hat trotzdem zwei Runden gebraucht, bis er endlich vorbei war.“

4. Wieso sind die Rundenzeiten so schnell?

Kimi Räikkönen markierte mit einer Runde von 1.38,699 Minuten die Bestzeit. Damit war der Ferrari-Pilot bereits am ersten Trainingstag um 8 Zehntel schneller als die letztjährige Pole Position. Man kann also für den Samstag mit hohen 1.36er Runden rechnen, wenn nicht Regen wieder den Gummi von der Strecke wischt.

Die Gründe für den riesigen Zeitensprung liegen auf der Hand. Die Autos haben seit letztem Jahr noch einmal 10 Prozent Abtrieb zugelegt, und dieses Jahr sind zum ersten Mal die Hypersoft-Reifen im Einsatz. Laut Pirelli liegt das Delta zwischen dem Hypersoft und dem Ultrasoft bei 1,6 Sekunden.

5. Wer ist der Star im Mittelfeld?

Die beste Figur machte Renault. Auf eine Runde bei Carlos Sainz und im Longrun bei Nico Hülkenberg. Mit den Ultrasoft-Reifen fuhr der Deutsche auf Augenhöhe mit Räikkönen und Bottas. Auf den Hypersoft-Sohlen war Hülkenberg so schnell wie Sergio Perez. „Das Reifenmanagement mit den Hypersofts ist extrem schwierig. Du musst brutal aufpassen, dass dir der Reifen nicht einbricht.“

Nico Hülkenberg - GP Singapur 2018 Foto: sutton-images.com
Nur Hülkenberg hatte im Training die neuen Aero-Teile verbaut.

Der verwinkelte Kurs liegt den Renault. Hier kommen die jüngsten Modifikationen am Unterboden und den Leitblechen zum ersten Mal voll zur Geltung. Bis jetzt hat nur Hülkenberg die neuen Leitbleche am Auto. Der zweite Satz für Sainz befand sich zu der Zeit noch im Flugzeug nach Singapur.

Force India ist mit seinem großen Aero-Upgrade zufrieden. „Es tut, was es soll“, erzählt Teamchef Otmar Szafnauer. In der Zeitentabelle machte sich das erst auf den zweiten Blick bemerkbar. Sergio Perez und Esteban Ocon klagten, dass sie keine sauberen Runden auf frischen Reifen hatten. In den Longruns legten die Force India-Piloten los wie die Feuerwehr, doch dann bauten die Reifen auch stark ab. Offenbar passte die Balance noch nicht ganz.

HaasF1 machte auf eine Runde eine gute Figur, hat aber in den Longruns noch Verbesserungsbedarf. Das kann daran liegen, dass der US-Rennstall am Freitag oft mit stark gedrosselter Power fährt. Romain Grosjean und Kevin Magnussen klagten unisono über Untersteuern.

Auch die Toro Rosso-Piloten sind noch auf der Suche nach einer guten Balance. „Wir haben uns mehr ausgerechnet“, gab Pierre Gasly zu. Das Team ließ seine Fahrer die längsten Dauerläufe abspulen. Pierre Gasly legte 16 Runden auf den Ultrasoft-Reifen zurück, Brendon Hartley 18 Runden auf den Ultrasoft-Sohlen. Was wieder einmal zeigt, dass der Toro Rosso ein reifenschonendes Auto ist.

6. Gibt es mal wieder ein Zweistopp-Rennen?

Esteban Ocon - GP Singapur 2018 Foto: xpb
Der Hypersoft-Reifen sorgt für schnelle Rundenzeiten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit könnte sich ein Zweistopp-Rennen wieder lohnen. Das glaubt zumindest Pirelli-Sportdirektor Mario Isola: „Das Delta zwischen Hypersoft und Ultrasoft ist mit 1,6 Sekunden größer als erwartet und zwischen Ultrasoft und Soft mit acht Zehntel kleiner als berechnet. Es wird schwierig werden, sich mit Ultrasoft-Reifen durch das Q2 zu kommen. Wer mit Hypersoft-Reifen losfahren muss, wird sich schwer tun, mit einem Stopp über die Distanz zu kommen. Wir rechnen mit maximal 15 Runden für den Hypersoft.“

Das könnte für alle Fahrer ab Startplatz 11 die Chance sein, mit einem Einstopp-Rennen gegen den Strom zu schwimmen. Obwohl im zweiten Training nur vier Fahrer Longruns mit Soft-Reifen abgespult haben, ist die härteste Mischung laut Isola eine lohnende Alternative. Weil er am ehesten ein Einstopp-Rennen erlaubt.

Die Einsatzdauer der Reifen wird nicht durch den Verschleiß bestimmt, sondern durch den Gripverlust. Nach zehn Runden ging bei den meisten Autos der rechte Vorderreifen in die Knie. Beim Hypersoft-Reifen liegt die Abnutzung im Bereich von einem Zehntel pro Runde. „Mit den Ultrasofts bewegen wir uns dagegen im Hundertstel-Bereich“, so Isola.

Longrun-Analyse GP Singapur 2018

Fahrer ø längster Longrun Runden Reifentyp
1. Verstappen 1.45,385 7 hypersoft
2. Räikkönen 1.45,698 11 hypersoft
3. Bottas 1.45,807 6 hypersoft
4. Hamilton 1.45,871 11 hypersoft
5. Ricciardo 1.45,988 10 hypersoft
6. Perez 1.46,902 10 hypersoft
7. Hülkenberg 1.46,982 14 hypersoft
8. Gasly 1.47,310 16 hypersoft
9. Sainz 1.47,406 14 hypersoft
10. Ericsson 1.47,688 6 hypersoft
11. Ocon 1.47,708 12 hypersoft
12. Vandoorne 1.47,734 10 hypersoft
13. Magnussen 1.47,788 7 hypersoft
14. Grosjean 1.48,123 10 hypersoft
15. Sirotkin 1.48,163 7 hypersoft
16. Leclerc 1.48,640 6 hypersoft
1. Verstappen 1.44,716 7 ultrasoft
2. Ricciardo 1.44,779 8 ultrasoft
3. Räikkönen 1.45,509 10 ultrasoft
4. Hülkenberg 1.45,828 12 ultrasoft
5. Bottas 1.46,195 11 ultrasoft
6. Ocon 1.46,251 6 ultrasoft
7. Perez 1.46,315 6 ultrasoft
8. Gasly 1.46,809 4 ultrasoft
9. Hartley 1.47,680 18 ultrasoft
10. Sirotkin 1.47,780 12 ultrasoft
11. Magnussen 1.47,802 12 ultrasoft
12. Ericsson 1.48,076 16 ultrasoft
1. Sainz 1.46,409 11 soft
2. Grosjean 1.46,787 11 soft
3. Alonso 1,47,682 13 soft
4. Leclerc 1.47,942 15 soft
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