Lewis Hamilton & Sebastian Vettel - GP Toskana 2020 Motorsport Images
Streckenrundgang Mugello - GP Toskana - Formel 1 - 2020
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Streckenrundgang Mugello - GP Toskana - Formel 1 - 2020 38 Bilder

Donnerstags-Team-Check GP Toskana 2020

Vettel „nah dran“ am Rücktritt

Wir haben die zehn Teams in Mugello auf Neuigkeiten abgecheckt. Die Meldung des Tages ist natürlich die Unterschrift von Sebastian Vettel bei Racing Point und der Rauswurf von Sergio Perez. Wir haben die Stimmen gesammelt.

Donnerstag ist der PR-Tag vor einem Grand Prix. Die kurze Woche seit dem GP Italien hat genügend News geliefert. Zuerst ziehen Ferrari und Racing Point ihre Berufungen im Kopierstreit zurück und haben sich alle wieder lieb. Kurz darauf wurden die Bandagen wieder härter. Racing Point wirft Sergio Perez raus und verpflichtet dafür Sebastian Vettel. Der Star im Vorfeld des neunten WM-Laufs ist natürlich die neue Strecke von Mugello. Wir haben uns bei den zehn Teams umgehört.

Mercedes

Lewis Hamilton war noch nie in Mugello. Trotzdem hat er auf einen Spaziergang um die Rennstrecke verzichtet. "Ich gehe am Abend lieber mit Roscoe durch diese wunderbare Landschaft. Das Auto will ich im Rennauto kennenlernen. Das ist manchmal ein kleiner Schock. Aber so mag ich es."

Valtteri Bottas hat etwas mehr Erfahrung mit Mugello. "Ich habe 2012 hier getestet und bin heute die Strecke mit dem Rad abgefahren." Beide Mercedes-Fahrer haben sich geschworen, die Enttäuschungen von Monza abzustreifen. "Die Fehler werden sich nicht wiederholen", kündigt Hamilton an.

Lewis Hamilton - GP Toskana 2020
Motorsport Images
Lewis Hamilton präsentierte sich am Donnerstag in Mugello in einem besonderen Outfit.

Ferrari

Charles Leclerc saß etwas verloren auf seinem Interviewstuhl. 95 Prozent aller Fragen konzentrierten sich auf Sebastian Vettel. Alle wollten wissen, warum er nach seinem letzten Strohhalm griff, in der Formel 1 zu bleiben. Nach zwölf Jahren bei Top-Teams schließt sich der vierfache Weltmeister nun einem Rennstall aus dem Mittelfeld an.

"Ich habe in den letzten Monaten und Wochen viel überlegt. Erst einmal musste ich mir selbst im Klaren sein, ob ich in der Formel 1 bleiben will. Ich war nah dran am Rücktritt. Als ich meine Entscheidung getroffen, habe ich mich dann bei Racing Point genauer umgeschaut." Es sei keine einfache Entscheidung gewesen, berichtet der Ferrari-Pilot.

Er führt drei Gründe an, warum er 2021 nach dann insgesamt 14 Jahren Formel 1 noch einmal ganz von vorne anfängt. "Ich habe ein gutes Gefühl mit dem Team und sehe einen positiven Trend. Racing Point hat gezeigt, was sie mit wenig Geld können. In der Zukunft bietet die Formel 1 allen Teams eine faire Chance."

Vettel kann sich ausrechnen, dass sein neuer Rennstall mit der Mercedes-Kopie auch 2021 in Podiumsnähe herumfahren wird. Spannend wird erst das Jahr 2022, wenn Racing Point wieder auf eigenen Beinen stehen muss, weil man dann den Vorjahres-Mercedes nicht mehr als Vorbild nehmen kann.

Vettel stellt klar. "Ich will vorne mitfahren, und ich sehe in dem Team das Potenzial, das unter den neuen Rahmenbedingungen zu schaffen. Racing Point kann noch wachsen, andere müssen noch schrumpfen. Ich will helfen, mit diesem Team zu wachsen."

Die bis Monza offenen Fragen, ob und wie sein künftiger Arbeitgeber in Zukunft noch sein Vorbild Mercedes kopieren kann oder darf, waren für Vettel nur zweitranging. "Das spielte keine große Rolle. Ich bin überzeugt, dass dieses Team mit wenig Mitteln Großes leisten kann. Das Team hat viele fähige Leute, jetzt haben sie zum ersten Mal die Chance das zu zeigen."

Zum Schluss doch noch ein Wort von Leclerc, der in Monza einen furchterregenden Unfall überlebte. Und am Montag mit Rückenschmerzen aufwachte. "Ich habe mich am Montag noch einmal vom Arzt untersuchen lassen. Es ist alles in Ordnung."

Ferrari - GP Toskana 2020
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Ferrari tritt in Mugello mit einer neuen Lackierung an.

Red Bull

Max Verstappens Ansatz die neue Strecke von Mugello zu lernen unterschied sich zum Rest. Der Holländer organisierte sich ein GT-Auto und drehte vor ein paar Wochen seine Runden. "Das gibt dir ein erstes Gefühl für die Strecke. So hole ich auf die Fahrer auf, die hier schon gefahren sind."

Alexander Albon hat solche Privilegien nicht. Er musste sich auf den Simulator beschränken. Während Verstappen Monza als Wochenende abschreibt bei dem alles schief gelaufen ist, was schieflaufen kann, war Albon trotz des enttäuschenden Ergebnisses zufrieden. Mit Ausnahme des Sonntags natürlich.

Wichtiger aber war, dass ihm im Training nur drei Zehntel auf den Teamkapitän gefehlt haben. "Mein Speed im Training stimmte. Ich war näher an Max dran und fühle mich immer besser im Auto." Verstappen glaubt, dass er nach dem Ausrutscher von Monza die alte Hackordnung wiederherstellen kann. "Wir sollten auf unseren Platz hinter den Mercedes zurückkehren."

Racing Point

Sergio Perez muss schon eine hohe Abfindung bekommen haben, dass er immer noch so freundlich über das Team spricht, das ihn drei Tage nach Monza ohne Vorwarnung vor die Tür gesetzt hat. Der Mexikaner wollte es bis zum letzten Augenblick nicht glauben, obwohl es Anzeichen gegeben hat, dass irgendetwas nicht nach Plan läuft.

Deshalb hatte er bis zu dem Anruf von Teambesitzer Lawrence Stroll am Mittwoch auch keinen Plan B. Sicher auch aus juristischen Gründen. Hätte sich Perez bei anderen Teams umgehört, obwohl er ja einen Vertrag bis Ende 2022 hat, hätte man ihm das als Untreue auslegen können. Was sich wiederum auf die Höhe der Abfindung niedergeschlagen hätte.

Einen kleinen Seitenhieb gegen das Team konnte er sich dennoch nicht verkneifen. Auf die Frage, was sein stolzester Moment in sieben Jahren bei dem Rennstall gewesen sei, nannte Perez nicht seine Podiumsplatzierungen für Force India: "Es ist der Moment, als ich vor zwei Jahren das Team und so viele Jobs gerettet habe."

Wir erinnern uns. Perez klagte, weil sein Gehalt nicht bezahlt wurde. Das trieb Force India in die Insolvenz. Nur so war es möglich, dass Lawrence Stroll und seine kanadischen Investoren den Rennstall geräuschlos übernehmen konnten. Perez will der Formel 1 treu bleiben: "Ein Mal raus, und du kommst schwer wieder rein."

Williams

Die Williams-Piloten erteilten Ross Brawns Wunsch, die Diskussion über die Qualifikationsrennen mit umgekehrter Startreihenfolge wieder aufzunehmen, eine Absage. "Das ist nicht die DNA der Formel 1. Die Ergebnisse wären viele weniger wert", winkt Nicholas Latifi ab.

George Russell sieht es von zwei Seiten: "Aus meiner Position lehne ich es ab, auch wenn ich hin und wieder Punkte bekommen würde. Aber ich würde aussehen wie ein Idiot, weil mich die schnellen Jungs einfach so aufschnupfen würden. Die sitzen in so viel besseren Autos als ich, dass sie locker zehn Meter später bremsen. Ich könnte mich gar nicht richtig wehren. Wenn ich in einem Top-Auto sitzen würde, wäre ich wahrscheinlich dafür. Ich würde wie ein Superheld aussehen, wenn ich mit Leichtigkeit einen nach dem anderen in schlechteren Autos überhole."

Renault

Renault zählte trotz der Plätze 6 und 8 beim GP Italien zu den Verlierern der Lotterie von Monza. "Uns fehlte ein Zehntel in der Rundenzeit", urteilt Daniel Ricciardo. "Vielleicht haben wir nicht optimal auf die gestiegenen Asphalttemperaturen reagiert."

Esteban Ocon pflichtete bei: "Am Anfang war ich frustriert, weil es wie eine verpasste Chance aussah. In einem normalen Rennen wären wir mit zwei Plätzen in den Punkterängen zufrieden gewesen. Das Auto war eigentlich gut in Monza. Nur die Balance hat nicht so gepasst wie in Spa. Wir hatten Probleme in den langsamen Kurven."

Daniel Ricciardo bringt die Aufgeregtheit der Formel 1 in der Vorbereitung auf eine neue Strecke zurück auf den Boden der Tatsachen zurück: "Ich bin im Simulator gefahren und habe mir ein paar Videos aus der Bordkamera-Perspektive angeschaut. Damit lasse ich es gut sein. Man kann alles übertreiben. Lass uns erst einmal fahren. Ich muss nicht der Held des ersten Trainings sein."

Pierre Gasly  - GP Toskana 2020
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Pierre Gasly würde sieben Tage nach dem Monza-Sieg in Mugello gerne nachlegen.

Alpha Tauri

Der frischgebackene GP-Sieger Pierre Gasly lebt immer noch seinen Traum. "Ich bekam Glückwünsche aus der ganzen Welt. Es war überwältigend. Diese Reaktionen haben mir gezeigt: Etwas Großes muss passiert sein." Auch Sebastian Vettel war unter den Gratulanten. Er hatte zwölf Jahre zuvor in Monza den ersten Sieg für Toro Rosso gelandet.

Highlight war natürlich der Anruf von Staatspräsident Emmanuel Macron. "Es passiert nicht jeden Tag, dass dich ein Präsident anruft. Es war ein sehr bewegender Moment für mich." Der Monza-Sieger hat eine hektische Woche hinter sich. Jetzt muss er sich wieder auf den Job in Mugello konzentrieren.

Gasly erkennt bei Alpha Tauri schon seit Beginn der Saison einen positiven Trend. "Das Team und ich sind zusammengewachsen. Wir verstehen unser Auto und sind viel effektiver in der Vorbereitung geworden. So schaffen wir es, das Auto Trainingssitzung für Trainingssitzung zu verbessern. Wir haben nicht das schnellste Auto im Mittelfeld, aber wir holen wahrscheinlich das meiste aus unserem Auto heraus."

Der Franzose hofft, dass sein Sieg dem ganzen Team einen zusätzlichen Boost gibt. "Uns fehlt noch Abtrieb. Jetzt sind bestimmt alle noch mehr motiviert das Auto noch schneller zu machen." Die Red Bull-Bosse haben Gasly nach dem GP Italien brav gratuliert. Gespräche über die Zukunft gab es aber noch nicht.

Wäre ein Aufstieg zu Red Bull jetzt nicht kontraproduktiv, so gut wie es bei Alpha Tauri gerade läuft? Gasly stellt klar: "Ich will regelmäßig aufs Podium, Rennen gewinnen, um den Titel fahren. Dafür will ich auch im bestmöglichen Auto sitzen."

Haas

Kevin Magnussen war noch nie vorher in Mugello, kennt die Strecke also nur vom Simulator: "Und schon da sieht die Strecke grimmig aus." Romain Grosjean war schon Formel 1-Fahrer, als 2012 auf dem Kurs der Toskana getestet wurde: "Mit den modernen Auto wird es mega werden auf dieser Strecke zu fahren. Es gibt keine langsamen Kurven. Du brauchst ein gutes Highspeed-Setup, viel Vertrauen ins Auto. Dafür ist Traktion eher unwichtig."

Magnussen verrät, dass er in Monza mit einem Motorschaden stoppen musste. "Das Triebwerk ist reif für den Schrott", erklärte Teamchef Guenther Haas. Beide Haas-Fahrer haben bereits die zweite Einheit ihrer sechs Antriebskomponenten im Umlauf. Magnussen muss jetzt den dritten Ferrari-Sechszylinder ins Programm nehmen.

Grosjean hat von dem Chaos, das sein Teamkollege durch seinen Ausfall auslöste, nicht profitiert. Er kam auf Platz 12 ins Ziel. Magnussen fühlt sich unschuldig an dem Safety-Car-Einsatz, den er auslöste: "Als der Motor hochging, hatte ich nicht viele Optionen das Auto abzustellen. Ich sah eine Lücke in der Leitplanke, wusste aber nicht, dass die zu klein für mein Auto war. Deshalb mussten wir Richtung Boxengasse schieben."

Mercedes AMG GT R - Safety Car - GP Toskana 2020
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Kevin Magnussen löste in Monza das Safety-Car aus. In Mugello ist der Mercedes von Bernd Mayländer rot lackiert.

McLaren

Lando Norris kennt Mugello von einem Formel-4-Rennen 2015. Was natürlich keine große Hilfe ist. Ein Formel-1-Auto wird gut 30 Sekunden schneller sein. Der Simulator gibt den Fahrern zwar einen guten Eindruck von dem, was sie erwartet, es ist aber kein Ersatz für eine Runde im Auto. "Die Strecke ist trotzdem irgendwie Neuland für uns", erklärt Lando Norris.

Der Engländer erwartet eine Fahrt am physikalischen Limit: "Wir werden die ganze Strecke nie niedriger als in den vierten Gang schalten. Dieser Kurs wird wie kein anderer zeigen, was ein Formel 1-Auto wirklich kann."

Wird es wie Monza eine gute Strecke für McLaren sein? "Mit den Erwartungen ist es so eine Sache", ist Carlos Sainz vorsichtig. "Normalerweise sind wir in Highspeed-Kurven gut. Aber das muss nichts heißen. Wir sind auch nicht nach Monza gegangen im Glauben, dass es so gut läuft." Der Spanier hat den zweiten Platz von Monza abgehakt: "Es war ein wunderbares Wochenende bis auf das Resultat. Wenn du so nah am Sieg bist, kannst du dich über den zweiten Platz nicht so recht freuen."

Im Rückblick kann Sainz mit dem Rennen leben: "Bei genauer Analyse muss ich sagen: Wir hätten nicht viel anders machen können. Ich habe das ganze Rennen Druck gemacht und trotzdem die Reifen geschont. Es hat trotzdem nicht ganz gereicht."

Alfa Romeo

Kimi Räikkönens Formel-1-Karriere begann exakt vor 20 Jahren mit einem Test für Sauber 2000 in Mugello. Das war die Eintrittskarte in die Königsklasse. "Die Zeit fliegt. Die letzten 20 Jahre fühlten sich nicht wie 20 Jahre an", blickt Räikkönen auf eine Zeit zurück, die ihn zum Weltmeister und zum 21-fachen GP-Sieger machte.

Antonio Giovinazzi warnt: "So wunderbar die Strecke sein wird, wenn du mit wenig Sprit allein unterwegs bist, so schwierig wird sie im Rennen sein. Weil es kaum Überholmöglichkeiten gibt, ist die Qualifikation umso wichtiger." Halten wir hier mal fest: Überholen ist schwierig, obwohl die Gerade 1.141 Meter lang ist, 800 Meter davon unter DRS. Irgendetwas stimmt offenbar mit diesen Autos nicht.

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