Rennanalyse GP USA 2018

Mercedes-Poker geht nicht auf

Hamilton vs. Räikkönen - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Foto: Wilhelm 58 Bilder

Mercedes versuchte Kimi Räikkönen in Austin mit einer Zweistopp-Strategie zu knacken. Doch der Plan schlug fehl. In der Rennanalyse erklären wir, warum auch noch Max Verstappen an Lewis Hamilton vorbeiziehen konnte.

Warum verpokerte sich Mercedes?

Als Lewis Hamilton in der elften Runde zum Boxenstopp abbog, sah eigentlich alles danach aus, als könne Mercedes den Champagner für die Meisterparty schon mal bereit machen. Der WM-Spitzenreiter nutzte die virtuelle Safety-Car-Phase nach dem Batterie-Defekt bei Daniel Ricciardo zu einem zeitsparenden Wechsel auf die frischen Soft-Reifen. „Wir hatten eigentlich nichts zu verlieren“, schilderte Teamchef Toto Wolff die Überlegungen der Strategen. „Lewis kam hinter Valtteri wieder auf die Strecke, der ihn natürlich nicht aufgehalten hat. Nach wenigen Runden hing er Räikkönen wieder im Heck und hatte die frischeren Reifen.“

Doch dann lief es plötzlich nicht mehr nach Plan. Trotz des besseren Grips fand Hamilton keinen Weg vorbei am Ferrari. Der Iceman hielt seinen Verfolger clever hinter sich, bis er seine Reifenwechsel-Zielrunde für ein Einstopp-Rennen erreichte. Kaum war Kimi zum Service abgebogen, versuchte Hamilton Attacke zu machen. „Wir haben dann leider schnell gemerkt, dass unser Verschleiß höher war als berechnet“, so Wolff. „Am Ende des Stints hat Lewis viel Zeit verloren. Aber wir konnten ihn nicht früher reinholen. Sonst hätten wir es nicht ins Ziel geschafft.“ So rutschte am Ende auch noch Verstappen durch, den Hamilton in den Schlussrunden vergeblich attackierte.

Doch warum verkalkulierte man sich bei Mercedes so mit dem Verschleiß? Die Ingenieure gaben zu, dass man mit dem Setup daneben lag. Der verregnete Freitag sorgte dafür, dass den Technikern die entscheidenden Daten fehlten. Das dritte Training am Samstag war auch keine große Hilfe. Da lagen die Temperaturen noch deutlich niedriger als im Rennen. Und in der kurzen Zeit entschieden sich die meisten Teams dazu, ihre Longruns auf den weicheren Mischungen zu fahren. „So hat uns heute einfach die nötige Pace gefehlt, um das Rennen zu gewinnen“, gab Wolff zu. „Ferrari und Red Bull waren sehr stark. Bis Mexiko müssen wir die Fehler analysieren und unsere Lehren daraus ziehen.“

Wie kam Max Verstappen nach vorne?

Max Verstappen - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Foto: sutton-images.com
Im Texas-Outfit raste Verstappen von Startplatz 18 bis auf Rang 2.

Neben Räikkönen war Max Verstappen der große Star des Rennens in Austin. Von Startplatz 18 tankte sich der Red-Bull-Pilot bis auf Rang zwei nach vorne. „Das kam sicherlich nicht erwartet“, strahlte der Youngster im Ziel. „Ich hatte eine gute Startrunde und lag schnell auf Platz vier. Dann haben wir den Undercut gegen Bottas geschafft. Die Pace war überraschend gut. Am Ende hätte ich gerne noch Kimi angegriffen. Aber dann sind mir leider die Reifen eingebrochen. Zum Glück konnte ich Lewis noch hinter mir halten.“

Auch Teamchef Christian Horner hätte niemals mit einem zweiten Platz gerechnet. „Eigentlich hatten wir nach dem Undercut gegen Bottas mit einer Zweistopp-Strategie geplant. Doch Max hat die Reifen so gut in Schuss gehalten, dass wir die Taktik umgestellt haben und ohne weiteren Stopp durchgefahren sind. Wir hätten nicht gedacht, dass die Supersoft-Reifen so lange halten würden.“ Auf den letzten Metern musste sich Verstappen gegen die Angriffe von Hamilton verteidigen. Aber der Holländer holte alles raus, und das nicht nur aus seinem Auto: „Ich habe mir sogar den Schuh durchgewetzt. Da habe ich wohl etwas zu viel Gas gegeben“, grinste der 21-Jährige.

Warum waren die Soft-Reifen so anfällig?

Viele Teams wurden von den Reifen auf dem falschen Fuß erwischt. Normalerweise ist die Mischung Soft ein gutmütiger Gummi, der bei vielen Bedingungen guten Grip und ordentliche Haltbarkeit bietet. Doch am Sonntag in Austin lieferte plötzlich der Supersoft über die Distanz den meisten Grip. Er klebte nicht nur besser auf dem Asphalt sondern hielt auch noch länger durch.

Pirelli-Sportchef Mario Isola erklärt das ungewöhnliche Phänomen: „Beim Soft-Reifen hatten wir kaum eine Abnutzung. Die dicke Gummischicht hat sich beim Walken in den schnellen Kurven und beim Beschleunigen schnell aufgeheizt. Damit stieg auch die Gefahr von Blasenbildung.“ Valtteri Bottas war überrascht, wie gut der Supersoft im ersten Stint funktionierte. „Je mehr Gummi man von der Lauffläche fuhr, desto härter konnte man den Reifen rannehmen.“ Wegen der unterschiedlichen Bedingungen im Training und im Rennen konnte dieses Reifenverhalten aber keiner vorhersehen. Von den zehn Teams hatten nur Renault und Haas überhaupt ein paar Proberunden auf den Soft-Reifen gedreht.

Warum drehte sich Sebastian Vettel?

Vettel vs. Ricciardo - Formel 1 - GP USA - Austin - 2018 Foto: sutton-images.com
Vettel zog im direkten Zweikampf mit Ricciardo den Kürzeren.

Es ist wie verhext mit Sebastian Vettel. Schon in Monza hatte er sich im Duell gegen Hamilton gedreht. In Suzuka ereilte ihn das gleiche Schicksal nach einem Zweikampf mit Max Verstappen. In Austin hieß der Gegner Daniel Ricciardo. Das Ergebnis war das Gleiche. „Es scheint fast so, als hätte er verlernt, wie man sich im direkten Zweikampf auf der Strecke verhalten muss“, wunderte sich TV-Experte Martin Brundle.

Sebastian Vettel zeigte sich selbstkritisch. „Ich glaube eigentlich nicht an Pech. Aber die Situation war dieses Mal ein wenig unglücklich.“ Demnach sei der eigentliche Fehler gar nicht im direkten Zweikampf passiert. „Ich war ja vorher schon an Daniel vorbei, kam dann aber schlecht aus Kurve 12 raus. Das erst hat es ihm erlaubt, zu kontern. Dann hatte ich wieder Traktion und habe vor der nächsten Kurve zu ihm aufgeschlossen.“

Wie so oft in diesem Jahr zog Vettel im Nahkampf den Kürzeren: „Ich lag innen, und er hat mich vermutlich nicht gesehen. Es war schwierig für ihn zu erkennen, wo ich mich befand. Ich wollte ihn in dieser Kurve gar nicht überholen, sondern ihn nur für die nächste Ecke unter Druck setzen. Doch dann ging mir der Platz aus. Unsere Räder haben sich berührt und ich habe mich gedreht. Ich konnte nicht weiter reinziehen, war selbst schon am Limit.“ Die Rennleitung sah sich die Szene an, verzichtete aber korrekterweise auf eine Strafe.

Warum wurden Ocon und Magnussen disqualifiziert?

Für Esteban Ocon und Kevin Magnussen hatte der US-Grand-Prix in bitteres Nachspiel. Beide Piloten wurden zwei Stunden nach Rennende von den FIA-Kommissaren aus der Wertung genommen. In beiden Fällen sorgte der Benzinverbrauch für Ärger. Allerdings handelte es sich um unterschiedliche Vergehen.

Ocon musste seine vier WM-Punkte für Platz 8 wieder abgeben, weil er in der Startrunde mehr als die erlaubten 100 Kilogramm Sprit pro Stunde einspritzte. „Das geht auf unsere Kappe“, gab Teammanager Andy Stevenson zu. „Wir haben vor dem Rennen ein neues Mapping für den sogenannten Startmodus eingespielt. In der Software fehlte aber leider die Absicherung gegen zu hohe Einspritzmengen.“ Die Ingenieure erkannten den Fehler sofort in den Daten. Demnach wurde in den Kurven 9 und 14 zu viel Benzin verbraucht. „Wir haben Esteban direkt angewiesen, vom Start- in den Rennmodus zu schalten. Aber da war es schon zu spät“, bedauerte Stevenson.

Im Fall von Magnussen ging es nicht um die Einspritzmenge sondern um den Gesamtverbrauch. Der Däne hatte mehr als die 105 Kilogramm Sprit genutzt, die jedem Fahrer für eine Renndistanz zur Verfügung steht. Im Verteidigungskampf mit Sergio Pérez verlor der Haas-Pilot offenbar den Verbrauch aus den Augen. FIA-Rennleiter Charlie Whiting schüttelte ungläubig den Kopf: „Die Spritmenge wird von den Sensoren direkt gemessen und dem Piloten immer auf dem Display angezeigt. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.“ Haas-Teamchef Guenther Steiner zeigte sich selbstkritisch: „Es liegt in unserer Verantwortung, die verbrauchte Spritmenge zu kontrollieren.“

In der Galerie zeigen wir Ihnen die besten Bilder vom Rennen in Austin.

GP USA 2018: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit/Rückstand
1. Kimi Räikkönen Ferrari 1:34:18.643 Std.
2. Max Verstappen Red Bull + 0:01.281 Min.
3. Lewis Hamilton Mercedes + 0:02.342
4. Sebastian Vettel Ferrari + 0:18.222
5. Valtteri Bottas Mercedes + 0:24.744
6. Nico Hülkenberg Renault + 1:27.210
7. Carlos Sainz Renault + 1:34.994
8. Sergio Perez Force India + 1:41.080
9. Brendon Hartley Toro Rosso + 1 Runde
10. Marcus Ericsson Sauber + 1 Runde
11. Stoffel Vandoorne McLaren + 1 Runde
12. Pierre Gasly Toro Rosso + 1 Runde
13. Sergey Sirotkin Williams + 1 Runde
14. Lance Stroll Williams + 2 Runden
15. Charles Leclerc Sauber Ausfall
16. Daniel Ricciardo Red Bull Ausfall
17. Romain Grosjean HaasF1 Ausfall
18. Fernando Alonso McLaren Ausfall
19. Esteban Ocon Force India disqualifiziert
20. Kevin Magnussen HaasF1 disqualifiziert
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