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Grand Prix-Tagebuch GP China 2017

Die Tristesse von Shanghai

Impressionen - Formel 1 - GP China 2017 - Shanghai - 7.4.2017 Foto: xpb 31 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 2 berichtet Michael Schmidt, was hinter den Kulissen beim GP China passierte.

02.12.2017 Michael Schmidt 1 Kommentar

Würde man eine Umfrage im Fahrerlager machen, auf welchen Grand Prix man am ehesten verzichten könnte, dann hat ein Rennen ganz schlechte Karten: Der Grand Prix von China in Shanghai. Auch ich zähle mich zu den China-Hassern. Weil es kein Formel 1-Rennen gibt, das so wenig Atmosphäre verströmt. Weil du wählen kannst zwischen einem Hotel in der Stadt mit Stau oder einem Hotel nahe der Rennstrecke ohne Infrastruktur. Weil der Himmel über Shanghai ständig grau ist und man schlechtes Wetter erst merkt, wenn es regnet. Weil man immer abhängig von anderen ist. Journalisten dürfen keine Mietwägen fahren. Also muss das Taxi oder der Shuttlebus herhalten. Der Transport vom Hotel zur Rennstrecke ist trotz der erträglichen Distanz mühsam. Der erste Bus fährt uns bis hinter die Haupttribüne. Dort müssen wir in einen anderen Bus umsteigen, der dann den letzten Kilometer ins Fahrerlager zurücklegt. Warum das nicht ein Bus machen kann, haben wir bis heute nicht verstanden.

GP China schnell hinter sich bringen

Deshalb ist der GP China ein Rennen, das man immer möglichst schnell hinter sich bringen will. Zum Glück findet es zu Saisonbeginn statt, wenn die Batterien noch voll geladen sind. Am Ende der Saison wäre es eine echte Tortur. Diesmal hat der Kalender China und Bahrain innerhalb einer Woche platziert. Auch Bahrain ist keine Traumdestination. Viele im Zirkus spotten über den Trip in die Hölle. Bahrain dauert für uns in diesem Jahr auch noch drei Tage länger, weil die Formel 1 dort testet. Kollege Andreas Haupt macht die lange Reise in einem Stück. Er ist noch jung. Ich beschließe, Shanghai am Montag Richtung Deutschland wieder zu verlassen und am Mittwoch an den Arabischen Golf zu reisen. Zuerst einmal muss ich aber ins Reich der Mitte. Der Flieger hebt Dienstagabend in München ab und landet am Nachmittag in Shanghai. Obwohl bei der Einreise der Teufel los ist, komme ich problemlos durch den Zoll. Andreas Haupt ist über das Drehkreuz Dubai geflogen und trifft praktisch zeitgleich ein.

F1 Tagebuch - GP China 2017 - Shanghai Foto: ams
Unser Hotel ist vom Standard zwar besser als das alte, dafür schmeckt das Essen nicht.

Wir organisieren mit einigen anderen Kollegen ein Taxi und fahren Richtung Hotel. Wieder mal ein neues, weil der Veranstalter und die FIA die Location geändert haben. Wir waren eigentlich mit unserem Hotel 2016 zufrieden. Es gab ein gutes japanisches Restaurant und einen Pub ohne laute Musik. Das ist wichtig in China nach einem Tag voller Tristesse an der Rennstrecke. Die neue Bleibe liegt vom Hotelstandard eine Stufe über der alten, doch wir merken schnell, dass wir hier mit Zitronen gehandelt haben. Die Restaurants im Hotel sind alle schlecht. In der Hotelbar spielt Live-Musik in einer Lautstärke, die man lieber den Formel 1-Motoren wünscht. Das Hotel liegt mitten in einer Trabantenstadt. Soll heißen: Drumherum gibt es nur Wohnsilos für eine geschätzte Million Chinesen, die sich Shanghai nicht leisten können.

Überlegungen, am Samstag zu fahren

Eigentlich gibt es nur ein Gericht, das man essen kann. Da wir aber nicht vier Mal hintereinander Nasi Goreng bestellen wollen, wagen Andreas Haupt und der Bild-Kollege Jens Nagler am Freitag einen Ausbruch aus unserem Luxus-Knast. Wir fahren mit dem Taxi in eine Shopping Mall, wo es einen Pizza Hut gibt. Danach kommen wir zu dem Schluss: endlich ein vernünftiges Essen. Nur um zu zeigen wie hoch das Niveau des Essensangebots im Distrikt Anting ist. Der Freitag ist jener Tag, an dem es fast nichts zu berichten gibt. Das Freitagstraining schrumpft von 180 auf 22 Minuten. Shanghai liegt unter einer undurchdringlichen Glocke aus tief hängenden Wolken und Smog. Der Rettungshubschrauber hätte zwar an der Strecke starten, wegen schlechter Sicht nicht aber auf dem Krankenhaus in der Stadt landen können. Ein Transport auf der Straße über 38 Kilometer dauert im Notfall selbst mit einer Polizeieskorte zu lange. Die Überlegung das Rennen am Samstag, dem einzigen schönen Tag zu starten, wird fünf Stunden nach dem ersten Aufflackern wieder verworfen. Ich hätte sofort zugestimmt. So hätte ich umbuchen und China schon am Sonntag verlassen können. Weil das Wetter am Sonntag ähnlich sein soll wie am Freitag, kommt es zu einem Kuhhandel mit dem Veranstalter. Das lokale Krankenhaus in nur fünf Kilometer Entfernung bekommt eine neue Ausrüstung für lebensrettende Operationen.

GP China 2017 - Shanghai - Start Foto: xpb
Der nasse Start brint Spannung. Lewis Hamilton bleibt ruhig und gewinnt den zweiten Grand Prix der F1-Saison 2017.

Auch am Sonntag ist der Himmel grau in grau. Dazu regnet es bis eine Stunde vor dem Start. Ross Brawn sagt zu Chase Carey und Sean Bratches, seinen Kollegen im Formel 1-Vorstand: „Willkommen in der Formel 1-Wirklichkeit. Melbourne ist eine schöne Gartenparty. Shanghai grauer Formel 1-Alltag.“ Komisch, dass dieses für die Industrie angeblich so wichtige Rennen kaum Sponsorgäste anlockt. Kein Fahrerlager ist so menschenleer wie das von Shanghai. Immerhin bietet das Rennen Spannung. Die bei 12 Grad nur langsam abtrocknende Bahn ist ein Angebot an die Zocker, doch nur einer lässt sich darauf ein. Carlos Sainz startet mit Slicks, alle anderen auf Intermediates. Der Asphalt auf der Zielgeraden ist noch glatt wie Eis. Prompt stürzt der Elfte des Trainings auf Platz 18 ab. Trotzdem lohnt sich der Coup. Sainz muss nur einmal an die Box und ist auf Platz 7 der Sieger der zweiten Klasse. Die drei Spitzenteams haben so viel Vorsprung, dass dem Mittelfeld nicht einmal eine Risikostrategie hilft.

Ein Taxifahrer, der sich auskennt

Lewis Hamilton revanchiert sich für die Niederlage von Australien mit einem Sieg vor Sebastian Vettel und Max Verstappen. Die ersten zwei Rennen des Jahres sind Vorboten der Saison. Es geht hin und her zwischen Vettel und Hamilton, je nach Rennstrecke. Valtteri Bottas sieht noch nicht wie ein WM-Kandidat aus. Er dreht sich hinter dem Safety Car. Das ist für einen Rennfahrer die Höchststrafe. Red Bull profitiert von den Fehlern der Konkurrenz. Auch das wird sich im Rest der Saison fortsetzen.

Am Abend nehmen wir den letzten Shuttle zum Hotel und schaffen kurz vor Mitternacht sogar noch ein Nasi Goreng und ein Bier. Für mich geht die Arbeit im Hotelzimmer bis 3 Uhr morgens weiter. Motorsport aktuell muss fertig werden, bevor ich China verlasse. Bild-Kollege Nagler und ich verlassen morgens das Hotel Richtung Flughafen Pudong. Es wird eine Fahrt von zweieinhalb Stunden durch den morgendlichen Stau von Shanghai. Zum Glück haben wir einen Fahrer, der sich auskennt. Er springt von Highway zu Highway immer auf der Suche nach dem flüssigsten Verkehr. Eine Stunde vor Abflug sind wir am Flughafen. Um ein Uhr nachmittags bringt uns die Lufthansa zurück nach Frankfurt, wo wir wegen der Zeitverschiebung noch am gleichen Tag ankommen. Das letzte Hindernis stellt die Deutsche Bahn auf. Der Zug, auf den ich gebucht bin, hat eineinhalb Stunden Verspätung. Zum Glück ist der Zug davor genauso spät dran. Es passt perfekt. Abends um 10 Uhr bin ich in Stuttgart. Wer sagt hier noch, auf die Bahn sei kein Verlass?

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