F1-Tagebuch GP Russland 2017

Verrückte Fahrt im Schumi-Lada

F1 Tagebuch - GP Russland 2017 Foto: ams 34 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 4 berichtet Tobias Grüner, was hinter den Kulissen beim GP Russland los war.

Wenn es vor der Saison darum geht, die Formel 1-Rennen in unserem Team gerecht zu verteilen, dann gibt es Rennen, um die sich fast geprügelt wird und dann gibt es Rennen, die nicht ganz so beliebt sind. Um es vorsichtig auszudrücken: Um das Rennen in Russland hat sich noch nie jemand geprügelt.

An mir ist der Kelch in den letzten beiden Jahren vorbeigegangen. Doch ich kann die Kollegen Leppert und Haupt ja nicht ewig nach Sotschi reisen lassen. Und so bestieg ich zum zweiten Mal den Flieger in die russische Olympia-Stadt. Das erste Mal im Jahr 2014 hatte ich nicht in einer besondrs guten Erinnerung. Die Premiere im Putin-Land stand komplett im Schatten des schweren Jules Bianchi-Unfall beim Suzuka-Rennen in der Woche zuvor.

Grenzkontrolle mit Ostblock-Charme

Und auch dieses Jahr war die Stimmung bei der Ankunft Dienstagnacht um 0.35 Uhr nicht gerade heiter. Die Passkontrolle in der tristen Ankunftshalle braucht immer eine gefühlte Ewigkeit. Die Visa-Kontrollen der ausländischen Journalisten werden von den ulkig behüteten Offizieren stets mit einer peniblen Genauigkeit erledigt, die mich jedes Mal an die innerdeutschen Grenzübertritte in den 80er Jahren erinnert.

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Reisebus mit Neon-Beleuchtung. Genau das, was man um halb vier morgens gebrauchen kann.

Der tägliche Turkish-Airlines-Flieger ist stets die letzte Maschine, die mitten in der Nacht in Sotschi landet. Der Flughafen ist dann wie ausgestorben. Weil auch die Wechselstuben schon geschlossen haben, bildet sich stets eine lange Schlange am einzigen Geldautomaten im Terminal. Ein paar Rubel hatte ich noch von meinem ersten Besuch in der Tasche. Doch nach Krim-Annektion und Wirtschaftssanktionen hatten die Scheinchen in der Zwischenzeit fast die Hälfte an Wert verloren.

Auf dem Parkplatz wartete ein großer Reisebus mit neonblauer Beleuchtung. Mittlerweile war es weit nach 3 Uhr nachts. Nach dem Flug will man nur noch ins Bett. Doch der Busfahrer hatte es nicht besonders eilig. Es mussten erst alle Formel-1-Gäste einsteigen. Und weil es bei den Kollegen von der ARD mit dem TV-Equipment im Zoll Probleme gab, verzögerte sich die Abfahrt um mehr als eine Stunde.

Schöner Wohnen im Olympia-Dorf

Mit dem so oft zitierten glamourösen Leben eines F1-Reporters hat auch das Hotel in Sotschi nichts zu tun. Wie immer waren wir im Olympia-Dorf direkt neben der Rennstrecke untergebracht. Die Bettenburgen überzeugen durch ihre spärlich-funktionale Einrichtung. Nur in Japan sind Zimmer und Betten noch kleiner dimensioniert. Immerhin ging der Check-In im vierten Jahr des Russland-Rennens deutlich schneller als im ersten. Das gleiche konnte man vom Wifi in der Anlage leider nicht behaupten.

Nach der ersten Nacht sah die Welt aber schon viel freundlicher aus. Das Wetter präsentierte sich von seiner schönsten Seite. Leider sieht man im engen Fahrerlager nicht viel von der Sonne. Die Gasse zwischen dem Boxengebäude und den hohen Team-Pavillons liegt praktisch den ganzen Tag im Schatten. Und kaum geht die Sonne unter wird es empfindlich kühl. Urlausstimmung wollte trotz der vielen Touristen im Badeort am Schwarzen Meer nicht aufkommen.

Etwas traurig präsentierte sich auch das kulinarische Angebot. Aus Mangel an Alternativen fanden wir uns jeden Abend mit Kollegen im Restaurant „La Luna“ ein. Dort gab es immerhin Kellner, die der englischen Sprache mächtig waren und Speisekarten, die nicht nur aus kyrillischen Schriftzeichen bestanden. Auf einer kleinen Bühne spielte eine Band lautstark russische Elektro-Schlager, was die Unterhaltung am Tisch etwas erschwerte.

Wodka kommt ungefragt auf den Tisch

Selbst bei den einheimischen Gästen hielt sich das Interesse für die musikalische Darbietung in Grenzen. Wichtiger war, dass der Alkohol-Nachschub nicht ins Stocken kam. Schon beim Anblick des Wodka- und Whiskey-Konsums an den Nachbartischen bekamen wir Mitteleuropäer einen mittelschweren Leberschaden.

Als die Russen unsere ungläubigen Blicke erkannten, wanderte direkt eine Flasche Hochprozentiges auf den Tisch. Alleine trinken macht bekanntlich hässlich, und so gaben Igor und Vladimir erst Ruhe, als auch jeder von uns mit ihnen angestoßen hatte. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde Geburtstag gefeiert. Oder Mittwoch. Diesbezüglich ist mein Gedächtnis etwas lückenhaft.

Ganz genau erinnere ich mich dagegen noch an eine Rückfahrt zum Hotel. Ein Taxi-Besitzer hatte seinen Lada mit zwei fetten Boxen in der Hutablage gepimpt. Als wir ihm auf Nachfrage verrieten, dass wir Formel 1-Journalisten seien, drehte er die Hifi-Anlage bis zum Anschlag auf. Mit einem breiten Grinsen drückte er auf Play und es plärrte ein verrückter russischer Formel-1-Song aus den Lautsprechern, in dem die Namen sämtlicher Piloten genannt wurden – inklusive Schumi.

Der Fahrstil des wahrscheinlich nicht mehr ganz nüchternen Chauffeurs erinnerte ebenfalls mehr an Rennsport als an einen Lada. Es war eine der surrealsten Begegnungen des ganzen Jahres, die wir zum Glück unversehrt überstanden.

Bottas feiert ersten Formel-1-Sieg

Sportlich schien Ferrari lange Zeit alles im Griff zu haben. Doch obwohl die erste Startreihe komplett in Rot erstrahlte, hatte Valtteri Bottas im Rennen seine silberne Nase in der ersten Kurve vorne. Während Lewis Hamilton mit einem überhitzenden Auto kämpfte und nur auf Rang 4 landete fuhr der Neuzugang in seinem vierten Rennen für Mercedes zum ersten Sieg seiner Karriere.

Vettel und Räikkönen konnten auf dem Podium nur applaudieren, als Vladimir Putin den größten Pokal an den Finnen überreichte. So fand das Rennwochenende auf der etwas sterilen Strecke zwischen den Olympia-Gebäuden immerhin doch noch ein emotionales Ende.

Dass es eine schlaflose Nacht wurde, lag aber nicht am Bottas-Sieg, sondern am Turkish-Airlines-Flugplan. Vom Pressezentrum ging es nur mit einem kleinen Zwischenstopp am Hotel direkt weiter zum Airport, wo schon um 2.25 Uhr unsere Maschine in Richtung Istanbul abhob. Beim Blick aus dem Fenster hinunter auf das nächtliche Sotschi war mir klar, dass 2018 wieder Genosse Haupt nach Russland reisen darf.

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