Impressionen - F1 Tagebuch - GP Singapur 2016 sutton-images.com
Impressionen - F1 Tagebuch - GP Singapur 2016
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Grand Prix Tagebuch Singapur 2016

Früher kommen, später gehen

In ihren Grand Prix Tagebüchern liefern die auto motor und sport Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 15 berichtet Michael Schmidt, was hinter den Kulissen beim GP Singapur abgegangen ist.

Der GP Singapur könnte ein echtes Highlight sein. Wenn nur nicht die völlig schrägen Arbeitszeiten wären. Das Fahrerlager sperrt meistens erst um 15 Uhr nachmittags auf. Und erst um 18 Uhr abends ist es voll. Die Nachtschicht dauert am Donnerstag bis Mitternacht, am Freitag bis 2, am Samstag bis 3 und am Sonntag bis 5 Uhr morgens. Also fast schon zum Sonnenaufgang.

Alte Generation sperrt Pressesaal auf

Weil ich nicht den ganzen Tag in unserem traurigen Hotel rumhängen will und auch kein Langschläfer wie meine jungen Kollegen bin, zieht es mich immer um die Mittagszeit an die Rennstrecke. Ist natürlich fast noch keiner da. Außer den alten Hasen wie Giorgio Piola, James Allen, Frederik af Petersen, Mathias Brunner oder Roger Benoit. Wir haben geschätzte 5.000 Grand Prix auf dem Buckel, sind aber trotzdem die ersten im Pressesaal.

Zum Glück gelten die Sperrstunden nur für Teammitglieder. Journalisten und Fotografen dürfen rein, wann immer sie wollen. Sie gehen auch später heim als alle anderen. Das ist die Kehrseite der Medaille.

Wir reisen am Dienstagabend standesgemäß mit Singapore Airlines in die Handelsmetropole am Äquator. Wenn ich ehrlich bin: Ich kann mit der Stadt nicht viel anfangen. Ist mir zu klinisch. Für mich war Singapur vor dem Grand Prix immer nur ein Drehkreuz auf dem Weg nach Australien.

Der Mittwoch ist der einzige Tag, an dem wir abends normal in einem Restaurant essen können. Aber erst einmal geht es vom Flughafen ins Hotel und von dort zur Strecke. Alles ohne Stau mit der U-Bahn. Unser Hotel ist nur 3 Stationen von der Strecke entfernt. Kollege Grüner muss noch die erste Bildergalerie ins Netz hämmern. Geschichten sind noch ein bisschen rar.

Saftige Bierpreise in Singapur

Um 22 Uhr können wir endlich das erste Bier genießen. Wobei Genuss ein weiter Begriff ist. In Singapur hat Alkohol seinen Preis. Hat wohl was mit dem Islam zu tun, der sich auch hier breit gemacht hat. Ein Pint kostet, Allah sei Dank, in den Restaurants gut 10 Euro. Das Essen ist im Vergleich dazu deutlich billiger. War allerdings kein Highlight.

An den nächsten Tagen heißt unsere Stammkneipe Newton Circus. Ein offener Markt, der bis 4 Uhr morgens aufhat. Der einzige in der Stadt. Und das Bier ist hier einen Tick günstiger. Ich werde die Singapurer nie verstehen. Da kaufen sie für viel Geld den Grand Prix ein, locken einen Haufen Fremde in die Stadt, die bis um 11 Uhr abends auf den Tribünen herumhocken und dann feststellen, dass danach fast alles geschlossen ist. Da wäre mal eine Möglichkeit, richtig Kasse zu machen, und dann schießt man sich selbst ins Knie.

Diesmal erzählt man uns am Newton Circus, dass aufgrund eines neuen Gesetzes ab 3 Uhr morgens kein Bier mehr verkauft werden darf. Not macht erfinderisch. Das wusste man schon während der Prohibition. Wir decken uns rechtzeitig zur Sperrstunde mit genügend Tiger Beer-Flaschen ein, die wir in einem eisgekühlten Eimer auf Betriebstemperatur halten. Wir sind nicht die einzigen zu morgendlicher Stunde. Auch die Sky England-Kollegen und die Mercedes-Ingenieure kommen dort jeden Tag zum Essen und zu einem Absacker.

Und von Samstag auf Sonntag auch unsere Force India-Freunde. Wir haben einen kurzweiligen frühen Morgen mit Otmar Szafnauer und Andy Green. Sie trinken ihren Frust über die Bestrafungen für Sergio Perez weg und erzählen uns von ihrer ersten Begegnung mit dem Teilhaber Sahara. Alle mussten dem Firmenchef Subrata Roy beim großen Galadinner die Füße küssen. Bis auf die Europäer, wie Szafnauer und Green dankbar feststellen.

Von dem Ausgabeverbot für Alkohol nach 3 Uhr will plötzlich keiner mehr etwas wissen. Der Nachschub funktioniert auf verschlungenen Wegen, aber er funktioniert. Wir müssen die Sitzung (un)freiwillig verlängern, weil ein grobes Gewitter über Singapur tobt. Man kann nicht mal die 20 Meter bis zum Taxistand laufen.

Roger Benoit feiert den Siebenhundertsten

Am Freitag feiert unser Kollege Roger Benoit vom Schweizer Blick seinen 700. Grand Prix. Mehr hat nur der Technik-Zeichner Piola abgedient. Ich bin mit meinen 570 Einsätzen ein Waisenknabe gegen den Dino aus Zürich. Mercedes veranstaltet eine kleine Party für ihn. Niki Lauda hält eine Ansprache und erinnert den Veteranen an eine der kuriosesten Geschichten seiner Reporter-Laufbahn.

GP Kanada 1979. Benoit zu Lauda: „Hast du eine Geschichte für mich?“ Lauda zu Benoit: „Ich trete heute zurück.“ Der Blick-Reporter gibt zurück: „Selten so gelacht.“ Als Lauda im ersten Training nicht fährt, dämmert Benoit, dass Lauda möglicherweise die Wahrheit gesagt hat. Dumm nur: Der Österreicher hat Montreal mittlerweile schon Richtung New York verlassen.

Gegen Benoit ist Chase Carey ein Greenhorn. Der neue Formel 1-Frontmann von Liberty Media feiert seinen Einstand. Die Fotografen und Kameraleute fallen über ihre eigenen Füße, als der Amerikaner mit Bernie Ecclestone und CVC-Chef Donald Mackenzie durch das Fahrerlager läuft.

Als ich kurz mit Mackenzie spreche, kommt Carey auf mich zu und fragt: „Du hast mich bestimmt an meinem Schnurrbart erkannt?“ Ich antworte wahrheitsgemäß: „Nein, eher an einem TV-Interview, dass er zusammen mit Bernie bei Sky TV die Woche davor gegeben hat.“ Ecclestone kann einem fast leidtun. Keiner interessiert sich für ihn. Ein schwedischer Kameramann rennt ihn fast um. Es heißt, der Mann habe am nächsten Tag keinen Fahrerlagerpass mehr gehabt.

Rosberg besiegt Hamilton – ohne Ausreden

Sportlich ist jeder gespannt, ob Mercedes wie im Vorjahr wieder eine Niederlage kassiert. Doch die Titelverteidiger haben ihre Hausaufgaben gemacht. Nico Rosberg ist unantastbar. Das geht Lewis Hamilton unheimlich auf die Nerven. Singapur ist doch seine Strecke, und plötzlich wird er vom Teamkollegen entzaubert. Und das auch noch in einer entscheidenden Phase der WM.

Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, als Hamilton am Sonntag hinter Rosberg und Ricciardo nur Dritter wird. Es ist das erste Mal, dass er den Ernst der Lage begreift. Dieser Rosberg kann Weltmeister werden. Die Niederlage löst bei Hamilton einen Sinneswandel aus. Ab sofort ist die Formel 1 auch bei Hamilton die Nummer 1. Nix mehr mit Partys, Snapchat und herumfliegen in der Weltgeschichte. Mit dem nächsten Grand Prix in Malaysia soll die große Aufholjagd beginnen.

Für uns beginnt erst einmal die Arbeit. Wir wären um 4 Uhr morgens Montag eigentlich fertig, aber schwere Wolkenbrüche über der Stadt fesseln uns ans Pressezentrum. Erst 5.04 verlassen wir unseren Arbeitsplatz, um uns mit Kollege Benoit noch zu einem Frühstück zu treffen. Jetzt hat auch der Newton Circus zu.

Letzte Anlaufstelle ist das McDonalds am Swiss Hotel. Als wir dort ankommen, kehren die ganzen Partygänger ins Hotel zurück. Nach zwei Burgern aus dem Frühstücksprogramm geht es auch für uns ins Hotel. Um 9 Uhr klingelt der Wecker. Zwei Stunden Arbeit, dann ab zum Flughafen.

Das Gute an dem Abflug zur Mittagszeit ist die Ankunft. Um 20 Uhr am Montag schlagen wir in Frankfurt auf, wo wir mit dem Zug nach Stuttgart fahren. Mein neunter GP Singapur liegt hinter mir. Einen zehnten wird es noch geben. Aber 2018 könnte Schluss mit dem Nachtrennen am Äquator sein. Singapur fordert von Bernie einen Rabatt. Doch der ist auf diesem Ohr taub.

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

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