Grand Prix-Tagebuch GP Singapur 2017

Ein Geschenk für Lewis Hamilton

F1 Tagebuch - GP Singapur 2017 - Formel 1 Foto: ams 29 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die auto motor und sport-Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 14 berichtet Andreas Haupt, was hinter den Kulissen beim GP Singapur passierte.

19:30 Uhr, Startaufstellung, das Asphaltband ist nass, die Grid Girls sind postiert, aus der Boxengasse lärmt es. Nach und nach verlassen die Autos die Garagen. In einer halben Stunde startet der GP Singapur 2017. Über 1.500 Schweinwerfer erhellen den Marina Bay Street Circuit, der sich über 23 Kurven und 5,065 Kilometer erstreckt. Ich bin mittendrin. Es ist mein erstes Mal in Singapur. Neun Mal hatte die Formel 1 zuvor das Rennen in der asiatischen Metropole ausgetragen. Nie hatte es in einem der Trainings, im Qualifying oder Rennen geregnet. Vor zehn Minuten schon. Inzwischen hat es aufgehört, aber die Fahrer müssen das Drehmoment später auf eine nasse Strecke bringen. Ich trage eine hellblaue Regenjacke. Man ist mir heiß. Kollege Schmidt entdeckt mich und grinst: „Warum trägst du denn eine Jacke?“ Das frage ich mich in diesem Moment selbst. Ausziehen, um die Hüfte binden, genießen.

Nach und nach rollen die Fahrer in ihren Autos in die Startaufstellung. Ich fotografiere eines nach dem anderen, halte Ausschau nach technischen Neuerungen. Die Mechaniker schieben die Autos oder schieben Journalisten, Kameramänner, Experten und VIPs zur Seite. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Um 19:44 Uhr verlasse ich die Startaufstellung, hole mir zwei Wasserflaschen im Fahrerlager und gehe hinauf ins Pressezentrum. Ich ziehe die Fotos von der Speicherkarte, lege sie im entsprechenden Ordner auf dem Laptop ab und richte mich dann fürs Rennen ein. Unser Live-Ticker-Tool ist geöffnet: Auf einem A4-Blatt kritzele ich drei Spalten. Die erste für die Startaufstellung, die folgenden für die Boxenstopps.

Start mit Knalleffekt

20:00 Uhr: Die Fahrer wärmen sich in der Einführungsrunde auf. Alle starten auf Intermediates. 20:03 Uhr: Es knallt. Sebastian Vettel, Kimi Räikkönen und Max Verstappen rasseln aneinander. Vettel zieht von der Pole-Position nach links, sein Teamkollege leicht nach rechts und der Red Bull mit der Startnummer 33 sitzt in der Falle. Alle drei scheiden aus. Verstappen und Räikkönen reißen noch den unschuldigen Fernando Alonso mit ins Aus. Lewis Hamilton lacht.

Start-Crash - GP Singapur 2017 Foto: sutton-images.com
Start mit Knalleffekt: Vettel, Räikkönen und Verstappen krachen zusammen.

Am Samstag hinkt Mercedes den Rivalen von Ferrari und Red Bull auf dem winkeligen Kurs hinterher. Es bewahrheitet sich: Sobald eine Strecke maximalen Anpressdruck verlangt, straucheln die Silberpfeile. Am Sonntag sind alle Probleme vergessen. Hamilton fährt erst im Nassen fabelhaft, und lässt auch auf der später trockenen Strecke nichts anbrennen. Er gewinnt ein Rennen, das er aus Sicht von Ferrari und Vettel nicht gewinnen darf. Die grüne Piste ist ein Geschenk für Mercedes. Daniel Ricciardo kämpft mit einem bockigen Getriebe, hätte aber auch ohne die Schwierigkeiten vermutlich nie einen Weg an Hamilton vorbeigefunden.

Der GP Singapur kennt viele Sieger: den eigentlichen Lewis Hamilton. Den viertplatzierten Carlos Sainz, dessen Teamkollege Daniil Kvyat einen Bock schießt in einem Rennen, in dem Durchkommen praktisch Punkte bedeuten. Acht von 20 Piloten scheitern vorzeitig. Nach und nach manövriert sich der Russe selbst ins Abseits in der Gunst von Red Bulls Motorsportlenker Helmut Marko. Jolyon Palmer macht es besser, wird Sechster und stellt seine Kritiker wenigstens für einen Sonntag stumm. Stoffel Vandoorne überzeugt als Siebter. Aber die Formel 1-Welt kennt nur ein großes Thema: Wer war schuld am Startunfall? Vettel, Verstappen, Räikkönen – oder keiner?

Jock Clear auf Inline-Skates

Vor der Reise nach Singapur mache ich mir Gedanken. Wie schwer wird es mir fallen, zu schlafen? In Ungarn hatte ich ja noch meine Probleme. Und jetzt reißen mich die Startzeiten komplett aus dem Rhythmus. In Singapur beginnt unser Arbeitstag zwischen 13 und 14 Uhr und endet weit nach Mitternacht. Das Abendessen könnte auch als verfrühtes Frühstück durchgehen. Nur, dass am Newton Circus Hähnchen-Curry, Schrimps und Ähnliches serviert wird. Und kein Omelett oder Spiegelei.

Am Samstag, also Sonntagmorgen, verabreden wir uns dort mit Force Indias Sportdirektor Otmar Szafnauer. Wir plaudern etwas über die Formel 1. Über alte und moderne Musik – also Michael Schmidt und Szafnauer über die alten Rockhelden, Szafnauer und ich über aktuelle Künstler wie Eminem. So ist für jeden was dabei. Sie merken: So schlimm kann das mit dem Schlaf nicht gewesen sein. Ich achte im Zimmer darauf, dass die Vorhänge richtig zugezogen sind, und alle Lichtquellen wie die digitale Anzeige auf dem Wecker abgedeckt sind. Problemlos schaffe ich sieben oder acht Stunden pro Tag.

F1 Tagebuch - GP Singapur 2017 - Formel 1 Foto: ams
Der Newton Circus ist so etwas wie der Treffpunkt der Formel 1-Gemeinde am Singapur-Wochenende.

Der Newton Circus, ein Food Court, ist so etwas wie der Treffpunkt der Formel 1-Szene am Singapur-Wochenende. Wir treffen dort zum Beispiel noch Mika Häkkinen, sehen die Mercedes-Mechaniker und Ingenieure und Ferraris Einsatzleiter Jock Clear auf Inline-Skates. Bei diesem Anblick reiben wir uns gleich zweimal die Augen. Zurück geht es mit dem Taxi. Weil nachts die U-Bahnen nicht mehr fahren. Die nehmen wir aber vom Flughafen zum Hotel – Preis: 2,40 Singapur-Dollar – und vom Hotel zur Rennstrecke für 1,30 Singapur-Dollar pro Fahrt. Es dauert etwa 15 Minuten. Kollege Schmidt macht sich täglich so früh auf, dass er noch über die Strecke ins Fahrerlager laufen kann. Ich berücksichtige wenigstens ein bisschen den Ratschlag von Kollege Grüner: „Wenn du zu früh an der Strecke bist, büßt du in der Nacht. Wichtig ist nur, dass du vor dem Ende der Sperrstunde ankommst. Sonst wartest du ewig.“ Am Trainingsfreitag passiert mir das Malheur. Ich bin um kurz vor 14 Uhr da, in dem Glauben, dass die Sperrstunde für die Mechaniker erst eine Stunde später aufgehoben wird. Falsch gedacht. Ich bezahle mit einer Viertelstunde Wartezeit.

Mein erstes 1:1-Interview mit Verstappen

Warten ist ein gutes Stichwort. Das machen wir häufig am Flughafen. Diesmal haben wir Glück und treffen Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer und Renault-Pilot Nico Hülkenberg in Frankfurt. Deutsche Fans, die extra nach Singapur reisen, bitten den Rheinländer um ein gemeinsames Foto. Hülkenberg ist locker drauf und erfüllt die Wünsche. Am Donnerstag führe ich ein Interview mit Max Verstappen. Red Bull räumt mir zehn Minuten ein. Immerhin. Sie können sich sicher vorstellen, dass die Stars der Szene gefragt sind unter den Journalisten. Verstappen antwortet kurz und bündig auf meine Fragen. Er schweift nicht aus und redet nicht drum herum. Jede Antwort hat eine gewisse Substanz. Das kennen wir nicht von jedem Fahrer. „Ich bin ehrlich und geradeaus. Ich lüge nicht. Das einzige, was ich will, ist ein Siegerauto. Das ist kein abwegiger Wunsch. Ich bin sehr selbstbewusst. Wenn ich es nicht wäre, würde ich immer noch Kart fahren.“ Der Mann weiß, was er will: schnellstens Weltmeister werden und die Formel 1 dominieren.

Ferrari verschiebt die Presserunden mit Kimi Räikkönen und Sebastian Vettel an diesem Donnerstag wieder und wieder. Für mich ist es doppelt ärgerlich: Ich kann deswegen weder die eine noch die andere besuchen, weil sie in mein Verstappen-Interview reinrutschen. Ohnehin blamiert sich Ferrari selbst. Die Fahrer sprechen hinter dem Teampavillon unter einem kleinen Zeltdach. Die Akustik soll miserabel gewesen sein, berichten die Kollegen. Schade. Aber es ist nicht das erste Mal, dass sich Ferrari in dieser Beziehung unprofessionell aufstellt.

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