Verstappen - Hamilton - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021 Motorsport Images
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021
Verstappen - Hamilton - Bottas - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021
Verstappen - Hamilton - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021 39 Bilder

Hamilton nach DRS-Fauxpas disqualifiziert

Geldstrafe für Verstappen Hamilton nach DRS-Affäre disqualifiziert

Mercedes schlägt sich selbst. Weil das DRS nicht regelkonform war, verliert Lewis Hamilton seine Freitags-Pole in Sao Paulo. Den Rennkommissaren blieb nach Untersuchung des Falls keine andere Möglichkeit, als den Champion aus der Wertung zu nehmen. Max Verstappen wird mit einer Geldstrafe von 50.000 Euro belegt.

Der Freitag von Sao Paulo könnte der entscheidende Tag in der diesjährigen Weltmeisterschaft gewesen sein. Erst wechselte Mercedes den Motor, was Lewis Hamilton in der Startaufstellung am Sonntag um fünf Positionen zurückwirft. Dann patzte das Team, das seit 2014 alle Weltmeisterschaften abgeräumt hat, auch noch mit der Technik, was den Weltmeister auch noch im Sprint nach hinten wirft – und zwar ganz zurück.

Hamilton drehte am Freitag zwar die schnellste Runde. Allerdings verliert er die Pole Position für den Samstagssprint. Bei einer Untersuchung nach der Qualifikation stellte FIA-Technikkommissar Jo Bauer fest, dass sich der Heckflügel am Mercedes mit der Startnummer 44 zu weit öffnet. Erlaubt ist bei aktiviertem DRS maximal eine Spaltbreite von 85 Millimeter. Es waren mehr. Deshalb entschieden die Sportkommissare um kurz nach 14 Uhr Ortszeit am Samstag, den Mercedes aus der Wertung zu nehmen. 18 Stunden, nachdem die Untersuchung eingeleitet wurde.

Auf einem Amateur-Video war noch am Freitag nach der Qualifikation zu erkennen, wie eine Art Distanzscheibe mit einem Durchmesser von 85 Millimetern durch die Heckflügel-Spalte von einem FIA-Techniker unter Aufsicht von Technikkommissar Jo Bauer geschoben wird. Da war klar, dass der Flügel nicht dem Reglement entspricht. Die Vorrichtung, die mit einer Kraft von 10 Newton (rund 1 Kilogramm) eingeführt wird, müsste ab einem gewissen Punkt hängen bleiben. So verlangt es die Technische Direktive TD/011-19.

Die Sportkommissare führen in ihrem Urteil aus, dass die Kugel mit der entsprechenden Kraft an den Außenseiten des Heckflügels durchpasste, und innen nicht. Die FIA-Techniker unternahmen insgesamt vier Versuche mit zwei verschiedenen Distanzscheiben. Jedes Mal fiel der Mercedes durch. Damit verstieß der Weltmeister gegen die Technische Richtlinie sowie folglich gegen Artikel 3.6.3 des Technik-Reglements. Mercedes ist da anderer Meinung. Wenn es die TD nicht gäbe, gäbe es keinen Regelverstoß. Bei einem statischen Test ohne Krafteinleitung würden sich die Elemente nicht verbiegen. Die Messvorrichtung passe nicht durch, das Auto bestehe folglich die Überprüfung und sei deshalb regelkonform. Doch dann müsste man alle Technischen Direktiven anzweifeln, wie zum Beispiel zu den biegsamen Heckflügeln. Sie wären nutzlos.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021
Wilhelm
Das DRS entspricht nicht den Regeln: Hamilton verliert die Freitags-Pole in Brasilien.

Heckflügel-Affäre um Mercedes

Der Technik-Verstoß wurde an die Rennkommissare weitergeleitet. Die bestellten Mercedes für 19:15 Uhr Ortszeit am Freitagabend ein. Teammanager Ron Meadows und Qualitätschef Simon Cole versuchten abzuwenden, was eigentlich nicht mehr abzuwenden war. Nach rund 50 Minuten verließen sie die Anhörung. Alle rechneten zunächst damit, dass es zu einem schnellen Urteil, sprich einer Disqualifikation von Hamilton, kommt. In so einem Fall bleibt den Schiedsrichtern eigentlich keine andere Wahl. Ein Verstoß gegen das technische Reglement macht ein Auto illegal. Da gibt es nur Schwarz oder Weiß. Sie merken: In diesen Zeilen versteckt sich oft das Wort "eigentlich".

Denn Mercedes merkte an, dass das Auto direkt nach der Quali untersucht wurde. Die FIA-Techniker standen sofort auf der Matte. So konnten die eigenen Mechaniker den Flügel nicht begutachten, und auf mögliche Schäden abklopfen. Der Fall bekam insofern eine neue Dimension als dass nach der Quali ein weiteres Video auftauchte – offenbar gefilmt von der Tribüne. Es zeigte, wie Max Verstappen am Mercedes-Heckflügel herumfummelte. Ein Eingriff ins Parc Fermé.

Deshalb leitete die FIA auch noch eine Untersuchung gegen den Red Bull-Piloten ein. Es wurde überprüft, ob Verstappen gegen Artikel 2.5.1 des Internationen Sport-Gesetzbuches verstoßen hat. In dem Absatz heißt es: "Innerhalb des Park Fermés dürfen sich nur die ausgewiesenen Offiziellen aufhalten. Keine Inbetriebnahme, keine Überprüfung, Tuning oder Reparatur des Autos ist erlaubt. Es sei denn, dies wurde von den Offiziellen genehmigt."

Verstappen handelte gleich zwei Mal unrechtmäßig. Zuvor hatte er am eigenen Heckflügel herumgedrückt. Das war insofern bemerkenswert, als das der DRS-Mechanismus an seinem Red Bull am Ende von Q3 nicht richtig funktionierte. Der Flügel klappte am Ende der Zielgeraden mehrmals kurz auf und wieder zu. Man habe mit dem DRS-Mechanismus ein generelles Problem, heißt es dazu bei Red Bull. Sportchef Helmut Marko wehrte ab: "Es ist sowas wie Gewohnheitsrecht, dass die Fahrer ihr eigenes und mal ein anderes Auto berühren. Das war eine reflexartige Reaktion von Max." Man hat es in der Vergangenheit bereits öfters gesehen, zum Beispiel bei Sebastian Vettel.

Mercedes - Red Bull - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo
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Die Autos im Parc Fermé: Verstappen muss für seine Berührungen des Mercedes eine Geldstrafe von 50.000 Euro zahlen.

Der Fall Verstappen

Kurz nach Ende des zweiten Trainings trafen die Sportkommissare eine Entscheidung zu Verstappen. Sie belegten ihn mit einer Geldstrafe von 50.000 Euro. Seine Startposition darf er behalten. Um zu einem Urteil zu kommen, schauten sich die Schiedsrichter sowohl die Fan-Videos, wie auch die Videos der Streckenkameras sowie das Material der Inboard-Kameras an den Autos von Verstappen, Hamilton, Bottas und Alonso an. Diese hätten ein klares Bild von dem Vorfall gezeichnet.

Demnach kletterte Verstappen zunächst aus dem Cockpit heraus, ging an das Heck seines Autos, zog sich die Handschuhe aus und fasste mit der rechten Hand in den Spalt zwischen Flap und Hauptblatt. Hier kontrollierte er wohl, was kaputtgegangen sein könnte. Danach machte sich der Niederländer an das Heck des Mercedes. Er berührte den Heckflügel an zwei Stellen rechts und links vom DRS-Aktuator. Jedoch war die Hand ausschließlich am unteren Heckflügel-Element und nicht am DRS-Mechanismus. Die nach hinten gerichtete Kamera auf dem Überrollbügel von Hamiltons Mercedes verdeutliche außerdem, dass Verstappen keinen starken Druck ausübte. Es habe keine Bewegung am Heckflügel gegeben.

Ob bei Verstappens Berührungen eines der Autos in irgendeiner Form beeinträchtigt wird oder nicht, spielt unter Parc-Fermé-Bedingungen keine Rolle. Sobald das Auto abgestellt ist, hat man im Prinzip die Finger davon zu lassen. Vor allem vom Konkurrenzprodukt. Mercedes konnte deshalb die Argumentation vorbringen, dass das DRS durch Verstappens Tätscheln womöglich beschädigt wurde. Und genau auf diese Berührungen wiesen die Vertreter der Silberpfeile bei der Anhörung auch hin. Was hat Verstappen da überhaupt gemacht? Was hat er damit bezwecken wollen?

Lassen Sie es uns so erklären: In einem Kriminalfall würde man von einer Verunreinigung des Tatorts sprechen. Auch wenn Verstappen den Mercedes nach Ansicht der Videos nur leicht berührte. Ein anderes Beispiel aus dem Mercedes-Lager: "Das ist so, als wenn du eine Doping-Probe abgibst, sie dein Konkurrent aber zur Kontrollbehörde bringt."

Mercedes - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo
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Die Mercedes-Delegation auf dem Weg zur FIA: Die Disqualifikation konnten sie nicht mehr abwenden.

Kein Betrug von Mercedes

Um die Fahrer in Zukunft von solchen Aktionen abzuhalten, sprachen die Kommissare die Geldstrafe aus. Es könne bei einer Wiederholung aber auch ein anderes Strafmaß geben, verweisen die Stewards. Das hängt dann davon ab, ob ein Fahrer dem Auto tatsächlich Schaden zufügt. Jetzt gibt es wenigstens so etwas wie einen Präzedenzfall.

Da den Schiedsrichtern die besagten Videos am Freitagabend noch nicht vorlagen, entschieden sie, ihr Urteil auf Samstag aufzuschieben. Der Heckflügel des Mercedes wurde beschlagnahmt und versiegelt. Um 10:30 Uhr wurde für Samstag ein Mercedes-Vertreter einbestellt. Es ist sicher kein Zufall, dass die FIA den Heckflügel überhaupt inspiziert hat. Das passiert zwar öfter, aber der zeitliche Zusammenhang zwischen Red Bulls Bitte um Klarstellung und dem DRS-Check ist einfach zu auffällig.

Der Herausforderer hatte die FIA-Techniker im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Heckflügel des Mercedes ab einer Geschwindigkeit von 260 km/h verbiegt. Das Auto wird dadurch schneller auf den Geraden. Deshalb hat Verstappen wohl auch hingelangt. Vom fehlerhaften DRS-Mechanismus am Mercedes konnte er zu dieser Zeit ja gar nichts wissen. Das macht diesen Fall so verrückt.

Die FIA sprach Mercedes von jedweder Absicht frei. Es sei deutlich geworden, dass es mit dem DRS-Mechanismus ein Problem gegeben habe – entweder durch mehr Spiel im Aktuator oder an den Stiften. Vielleicht habe sich auch beim Zusammenbau ein Fehler eingeschlichen. Aus dem Mercedes-Lager heißt es, dass der Flügel schon bei vielen Rennsatz in diesem Jahr zum Einsatz kam, und mehrere Prüfungen überstand. Auch vor dem Training checkten die Mercedes-Mechaniker den Flügel ein weiteres Mal. Da war alles in Ordnung.

Selbst Red Bull räumt ein, dass es sich bei dem Fall Hamilton auch um einen Fabrikationsfehler oder ein Versehen handeln könnte. Dafür spricht, dass der Heckflügel am Mercedes von Bottas den Regeln entsprach. Das erklärt, warum der Finne auf der Gerade um 5,5 km/h langsamer war als sein Teamkollege. Aus dem Red Bull-Lager ist zu hören: "Hamilton hat zwei Zehntel auf Bottas gewonnen." Was aber auch mit dem neuen Motor zusammenhängt.

In jedem Fall muss Hamilton zwei Aufholjagden starten. Im Sprint hat er nur 24 Runden, um sich von ganz hinten so weit wie möglich nach vorne zu arbeiten. Das Ergebnis bestimmt, wo er am Sonntag starten wird. Für Strafplätze werden nach dem Motorwechsel auf seine Position angerechnet. Für Max Verstappen eröffnet sich die goldene Gelegenheit, in der Weltmeisterschaft davonzuziehen. Aktuell beträgt sein Vorsprung 19 Punkte. Red Bulls Star könnte nach der Steilvorlage von Mercedes die WM vorentscheiden. Wenn es so läuft, wie angenommen, kann Hamilton nach Brasilien eigentlich nur ein Ausfall seines Rivalen noch helfen. Aber diese Saison hat gezeigt: Es kommt oft anders als man denkt.

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