Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020 xpb
Red Bull - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020
Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020
Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020 36 Bilder

Hamilton nach Achterbahnfahrt auf Pole

Eine Sekunde entscheidet im Q2

Eine Sekunde entschied im Sotschi-Qualifying darüber, ob Lewis Hamilton von der Pole Position oder vom 15. Platz startet. Der Weg zur 96. Trainingsbestzeit war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Trotz des guten Endes, ist bei Hamilton aber nicht alles gut.

Eigentlich sollte es eine einfache Angelegenheit für Mercedes werden. Die Silberpfeile waren nach dem ersten Trainingstag haushoher Favorit. Wenn man die Rundenzeit des Trainingsschnellsten Lewis Hamilton mit der Konkurrenz vergleicht, dann sieht es immer noch wie ein Durchmarsch für den WM-Spitzenreiter aus. Doch Hamilton geht mit drei Handikaps in den zehnten WM-Lauf dieser Saison.

Die erste Startposition ist bei 891 Meter Anlauf zum ersten Bremspunkt eher ein Nachteil als ein Vorteil. Max Verstappen und Valtteri Bottas hoffen auf den Segen des Windschattens. Hamilton kann sich aber nur gegen einen seiner Verfolger verteidigen. Rückblende auf 2019: Charles Leclerc wollte vom besten Startplatz aus den Angriff von Hamilton abwehren und wurde dabei von Sebastian Vettel überrumpelt, der von Platz drei ins Rennen gegangen war.

Hamilton muss den GP Russland außerdem auf den Soft-Reifen beginnen. Verstappen und Bottas starten auf den Medium-Gummis. Sie werden spätestens nach fünf bis sechs Runden einen Gripvorteil haben.

"Wenn sie mich beim Start überholen, ziehen sie mir davon. Wenn nicht, muss ich alles tun, die Reifen so lange wie möglich zu streicheln. Ob mir das einen zweiten Boxenstopp erspart, weiß ich noch nicht. Ich werde heute Nacht viel darüber nachdenken, wie ich dieses Problem lösen kann", grübelte Hamilton.

Die Strategen haben ausgerechnet, dass ein einziger Stopp das schnellste Rennen garantiert. Das hat mit der langen Boxengasse und dem Speedlimit von 60 km/h zu tun. Pirelli prognostiziert den Soft-Reifen eine Lebensdauer von 15 Runden. Vielleicht etwas mehr, wenn der Fahrer vorsichtig damit umgeht und die Strecke mehr Gummi aufnimmt.

Dann gibt es noch ein drittes Problem. Alle Medium-Garnituren im Lager von Hamilton sind angefahren. Das schränkt seine Strategiemöglichkeiten ein. Nach Soft folgt wahrscheinlich hart. Und wenn er einen zweiten Boxenstopp braucht, wieder soft oder ein gebrauchter Medium.

Teamchef Toto Wolff fürchtet, dass Hamilton bei einem frühen Boxenstopp tief ins Feld fallen könnte, vor allem wenn er vorher bewusst langsam fahren muss, um die Reifen am Leben zu halten. "Zum Glück ist Lewis der beste Überholer im Feld."

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020
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Lange musste er zittern, am Ende stand Hamilton aber wieder auf Pole.

Zu wenig Sprit im Tank

Hamiltons Zwänge im Rennen haben eine dramatische Vorgeschichte. Um ein Haar wäre der Weltmeister nicht von vorne sondern vom 15. Platz gestartet. Nachdem ihm bereits in Q1 eine Runde gestrichen werden musste, weil er in Kurve 2 über die Streckenbegrenzungen gerutscht war, passierte ihm das gleiche im ersten Q2-Versuch noch einmal.

Hamilton fuhr am Ausgang der Zielkurve mit allen vier Rädern links vom Randstein, der zuvor von der Rennleitung als Streckenlimit definiert worden war. Damit rutschte der Superstar ohne Zeit ans Ende der Tabelle zurück. "Das ganze Wochenende zuvor bin ich an der Stelle nie zu weit rausgekommen", schüttelte Hamilton den Kopf.

Der Pilot wollte nach der schlechten Nachricht auf seinem Medium-Reifen noch eine zweite Runde auf dem Reifensatz dranhängen, doch Renningenieur Pete Bonnington zitierte ihn an die Boxen zurück. "Wir haben wild hin- und her diskutiert, aber sie wollten unbedingt, dass ich an die Boxen komme", berichtete Hamilton. Chefingenieur Andrew Shovlin erklärt warum. "Wir hatten nicht genug Sprit für eine weitere Runde an Bord."

Hamilton bekam also den zweiten Satz Medium ans Auto, um sich endlich für das Q3 zu qualifizieren. Im zweiten Versuch lag er nach zwei Sektoren bereits zwei Zehntel unter seiner annullierten Q2-Bestzeit von 1.32,085 Minuten, als ihn in der vorletzten Kurve die rote Flagge stoppte, die Sebastian Vettel mit seinem Unfall ausgelöst hatte.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020
Mercedes
Die fünfte Pole Position in Folge - wer soll diesen Hamilton stoppen?

Medium-Reifen zu riskant für zweiten Versuch

Das war Pech. Doch was jetzt folgte, war eine Zitterpartie und auch eine gehörige Portion Glück. Auf der Uhr standen nur noch 2.15 Minuten Restzeit, in der 13 Fahrer ihre Aufwärmrunde inklusive Platz schaffen über die Bühne bringen mussten. Hamilton musste in den sauren Apfel beißen, sich jetzt mit einem Satz Soft-Reifen für den Aufstieg ins Q3 zu qualifizieren.

Wolff erklärt das Dilemma: "Wir konnten uns nicht zu früh in der Boxengasse aufreihen, weil wir sonst den Motor überhitzt und beim Abschalten nicht in der Lage gewesen wären, den Motor mit der MGU-K wieder zu starten. Damit war klar, dass Lewis irgendwo in der Mitte der Schlange hängen würde und seine Reifen nicht optimal aufwärmen kann. Das wäre auf Medium-Reifen zu riskant gewesen." Das kann auch Hamilton bestätigen: "Ich hatte schon Probleme, die Soft-Reifen schnell auf Temperatur zu bringen. In der zweiten Kurve kam mir gleich mal das Heck. Mit den Medium-Reifen wäre die Temperatur bei der Warterei in der Boxengasse total in den Keller gefallen."

Die Aufwärmrunde unter Zeitdruck war dramatischer als der Rest der Qualifikation. Hamilton reihte sich zunächst als neuntes Auto in den Autokorso ein. Einer fiel noch vor der Freigabe des Trainings wieder raus. Lance Stroll passierte genau das, was Toto Wolff ansprach. Der Motor überhitzte beim langen Warten auf Grünlicht. Der Kanadier bezahlte dafür, dass ihn sein Team unbedingt weiter vorne in dem Pulk einreihen wollte und so eine lange Standzeit in Kauf nahm.

Als es endlich losging, registrierte Mercedes, dass es noch eng werden könnte, vor Ablauf der Runde über die Linie zu kommen. Bonnington rief seinem Fahrer zu: "Du musst dich an den Autos vor dir vorbeipressen." Prompt rutschte Hamilton in Kurve 2 neben die Strecke, musste durch den Notausgang und verlor wieder eine Position.

Vor der letzten Kurve kam es dann zum befürchteten Stau. Hamilton bremste seinen Mercedes praktisch bis zum Stillstand herunter um Platz zum Auto vor ihm zu schaffen. Dann hörte er einen verzweifelten Bonnington im Ohr. "Go, go, go..." Exakt eine Sekunde vor Fallen der Zielflagge kreuzte der Mercedes mit der Nummer 44 die Linie.

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Russland - Sotschi - 26. September 2020
Mercedes
Valtteri Bottas muss sich für den Rennsonntag etwas einfallen lassen, will er Hamilton schlagen.

Bottas rätselt über Rückstand

Das Q3 war dann für Hamilton fast schon eine Formalität. Er ließ Valtteri Bottas keine Chance. Ein Vorsprung von 0,652 Sekunden sind ein Wort auf einer Strecke, die eigentlich als Bottas-Revier gilt. Doch der Finne hatte schon im Q2 den Faden verloren.

Nach einer starken Vorstellung am Freitag, stellte Bottas im dritten Freien Training fest, dass sein Auto sich anders benahm als am Tag davor. Anpassungen am Setup brachten im Q1 wieder das Gefühl vom Freitag zurück. Nur um dann wieder zurück auf den Zustand des dritten Trainings zu fallen. "Ich hatte das Gefühl, ich hätte am Auto was gefunden, aber wenn das der Fall gewesen sein sollte, dann haben die anderen noch mehr gefunden."

Ob es mit den gegenüber Freitag um vier Grad niedrigeren Streckentemperaturen oder der geänderten Windrichtung zu tun hatte, konnte der WM-Zweite gleich nach dem Training nicht beantworten.

"Ich habe die Reifen im ersten Q3-Versuch nicht in ihr Fenster gebracht. Aus der letzten Kurve raus hatte ich gleich zu Beginn der Runde einen Quersteher. Da fehlten mir schon in Kurve 2 ein paar Zehntel auf Lewis. Meine zweite Q3-Runde fühlte sich eigentlich ganz gut an. Es waren keine Fehler drin, deshalb verstehe ich nicht ganz, wo ich so viel Zeit auf Lewis verloren habe. Da bleiben noch einige Fragen offen."

Haben wir das nicht schon einmal gehört? Richtig, auch in Spa-Francorchamps büßte Bottas eine halbe Sekunde auf Hamilton ein und wusste nicht warum. Auch damals tröstete er sich, dass der Startplatz hinter dem Stallrivalen angesichts der langen Anfahrt zum ersten echten Bremspunkt ein Vorteil ist. Diesmal kommt noch eine Komplikation dazu. Zwischen den beiden Mercedes steht der Red Bull von Max Verstappen.

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