Hamilton in der Monza-Steilwand

Thank you, Lewis!

Lewis Hamilton - Monza - W196 - F1 2015 Foto: Wolfgang Wilhelm

Es war einer dieser Tage, die man so schnell nicht vergisst. Die Monza-Steilwand kennen die meisten von uns nur als Foto oder Denkmal, das unbenutzt an eine längst vergangene Zeit erinnert. Lewis Hamilton hat die Vergangenheit für uns wiederbelebt. In einem Mercedes W196.

Manchmal möchte man gerne ein paar Jahre älter sein. Zumindest als Motorsport-Fan. Dann hätte man Juan-Manuel Fangio, Alberto Ascari, Stirling Moss, Jim Clark, John Surtees, Jack Brabham, Graham Hill und Jackie Stewart in ihren wunderbaren Rennautos der 50er, 60er und frühen 70er Jahre live erlebt. Und die Rennstrecken, auf denen sie fuhren. Also die Nordschleife, Spa und Interlagos in ihrer ursprünglichen Form, die Targa Florio, Reims, Rouen, Clermont-Ferrand, Montjuich oder Mont Tremblant.

Und natürlich Monza. Nein, nicht das Monza von heute. Das kenne ich seit 1976. Und seit dieser Zeit stand ich jedes Mal ehrfürchtig vor den beiden Steilkurven, die in der Formel 1 zwischen 1955 und 1961 vier Mal kombiniert mit der klassischen Streckenführung benutzt wurden.

1969 fand das letzte 1.000 Kilometer-Rennen auf dem Straßenkurs mit Oval statt. Über die Jahre sind die überhöhten 180 Grad-Kurven immer mehr verwittert und vom Wald verschluckt worden. Als Diskussionen aufkamen, sie abzureißen, wurden sie zum Glück unter Denkmalschutz gestellt und im letzten Jahr sogar restauriert.

Hamilton im W196 durch die Monza-Steilwand

Die Monza-Steilwand hat mich schon beeindruckt, ohne dass irgendein Auto drüber gefahren wäre. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie es wohl gewesen sein muss, als 1955 bei der Eröffnung die Mercedes W196, Maserati 250F und Ferrari 555 Supersqualo mit Tempo 250 durch die um bis zu 38 Grad überhöhten 320 Meter langen Kurven geheizt sind.

Irgendwie lag dieses Bild in unserer Vorstellungskraft weiter entfernt als die alten Rennen auf dem Nürburgring, der Targa Florio oder Reims. Weil Steilkurven für uns nur auf der Carrera-Rennbahn existierten, nicht aber in Wirklichkeit.

Seit ein paar Tagen weiß ich, was wir verpasst haben. Die Klassik-Abteilung von Mercedes hat Sir Stirling Moss und Lewis Hamilton noch einmal mit zwei W196 über die (renovierte) Monza-Steilwand fahren lassen. Moss wie bei seinem Start 1955 in der Stromlinien-Version, Hamilton in der Spezifikation mit offenen Rädern. Es war schon ein Highlight die beiden Silberpfeile mit Tempo 80 hinter dem Kameraauto über den historischen Teil der Strecke fahren zu sehen.

Hamilton verlangt nach Zugabe

Doch der Höhepunkt kam ganz zum Schluss. Hamilton hatte so viel Spaß, dass er um zwei Extrarunden bat. Fotograf Wolfgang Wilhelm und ich haben uns daraufhin am oberen Rand der ersten Steilkurve postiert. Und ein unglaubliches Schauspiel erlebt.

Hamilton hat sich noch einmal mit Speed durch die Steilkurven kanoniert, nur einen Meter von der oberen Leitplanke entfernt. Es war wie eine Zeitmaschine, die uns um 60 Jahre zurückdrehte. Der Weltmeister hat uns gezeigt, was die Zuschauer 1955 gesehen haben. Wir wissen jetzt, wie sich das anfühlt, was wir uns nicht vorstellen konnten. Thank you Lewis.

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