Lewis Hamilton - GP Portugal 2020 Motorsport Images
Carlos Sainz - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Daniel Ricciardo - GP Portugal 2020 41 Bilder

Hamilton siegt dank Reifenflüster-Qualitäten

Hamilton an Schumacher vorbei Sieg des Reifenflüsterers

Am Samstag holte Lewis Hamilton die Pole Position, weil er richtig taktierte. Am Sonntag gewann er seinen 92. Grand Prix, weil er mehr Gefühl für die Reifen hat als Valtteri Bottas. Der Finne rätselte, warum ihm der Speed fehlte.

Michael Schumacher war nur zwei Wochen lang gleichberechtigter Rekordsieger mit Lewis Hamilton. Jetzt gehört die Bestmarke Hamilton allein. Und mit 77 Punkten Vorsprung auf Valtteri Bottas marschiert der Weltmeister stramm richtig Titelverteidigung.

Trotzdem kann er nächste Woche in Imola noch nicht Weltmeister werden, auch nicht wenn er gewinnt und die schnellste Runde fährt und Bottas leer ausgeht. Er hätte dann 103 Punkte Vorsprung, was Bottas mit vier Siegen und vier schnellsten Runden noch übertreffen könnte. Zahlenspiele für Statistiker. Sind wir realistisch: Hamiltons siebter Titel ist mit seinem Sieg beim GP Portugal praktisch in Stein gemeißelt.

Hamilton dankte wie üblich dem Team und erwähnte diesmal auch die unglaubliche Standfestigkeit, die sein Mercedes an den Tag legt. Er ist der einzige Fahrer im Feld, der alle Rennen in den Punkterängen beendet hat. Acht davon als Sieger.

Natürlich lässt es der 35-jährige Engländer immer auch ein bisschen dramatisch aussehen. In der 58. Runde meldete Hamilton über Funk einen Krampf in der rechten Wade. "Als ich aus der Zielkurve raus beschleunige, schießt mir der Schmerz ins rechte Bein. Ich musste kurz lupfen. Zwei Runden lang hat es heftig gezwickt, wenn ich das Gaspedal nieder gedrückt habe. Dann beruhigte sich der Krampf wieder, vielleicht war es das Adrenalin." Mit dem vielen Auf und Ab, den Bodenwellen, den vielen Beschleunigungsphase ist Portimao laut Hamilton eine der körperlich anstrengensten Rennstrecken. "Du kommst eigentlich nie zur Ruhe."

Teamchef Toto Wolff vermutete, dass der Fahrer bei dem extrem harten Rennen dehydriert haben könnte. Hamilton gab zu, dass er während des Rennens nie trinkt. Normalerweise trinkt er immer etwas mehr vor dem Rennen, doch in Portugal ahnte der Brite schon vor dem Start, dass er dieses Mal nicht genug Flüssigkeit zu sich genommen hatte.

Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
xpb
Als Hamilton das Schwesterauto erstmal hinter sich gelassen hatte, geriet der 92. Sieg nicht mehr in Gefahr.

Hamiltons turbulente erste Runde

Auch solche Kleinigkeiten können den Seriensieger nicht stoppen. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits 17 Sekunden Vorsprung auf seinen Teamkollegen. Ein ungewöhnlich großer Vorsprung, den sich Bottas nicht erklären konnte. "Mir fehlte schlicht der Speed, aber ich weiß nicht warum."

Am Anfang hatte es noch ganz gut für den Finnen ausgesehen. Er hatte zwar den schlechteren Start, zog aber in Kurve 8 an seinem Teamkollegen vorbei, als würde der parken. Auch Carlos Sainz machte mit Hamilton in der ersten Runde kurzen Prozess, und um ein Haar hätten ihn auch noch Lando Norris im zweiten McLaren und Max Verstappen geschluckt.

Ab der sechsten Runde war die McLaren-Show vorbei. Dann nahm Bottas das Heft in die Hand und fuhr Hamilton bis auf 2,3 Sekunden davon. Der spätere Sieger ließ sich trotz der turbulenten Anfangsphase nicht aus der Ruhe bringen.

"Ich habe meine Reifen nicht schnell genug auf Temperatur gebracht. Die erste Runde war ganz schlimm, weil es noch leicht genieselt hat. Da waren wir mit den Medium-Reifen klar im Nachteil. Nach einem massiven Quersteher in Kurve 6 habe ich vorsichtig gemacht und Valtteri vorbei gelassen. Ich wollte nur auf der Strecke bleiben und sagte zu mir: Die holst du später alle wieder ein."

In der siebten Runde verdrängte Hamilton den McLaren von Sainz vom zweiten Platz. Aber erst in Runde 15 begann das Pendel zu seinen Gunsten umzuschlagen. Mit vier schnellsten Runden in Folge robbte sich Hamilton an seinen Teamkollegen heran. Im zweiten Versuch war er vorbei.

Doch was drehte das interne Duell der Mercedes-Piloten zu so einem frühen Zeitpunkt? Hatte Hamilton mit seinen Reifen besser hausgehalten? Das Gegenteil war der Fall. Hamilton brauchte eine Zeit, um Vorder- und Hinterreifen in ihr Fenster zu bringen. Er tut sich da generell schwerer als Bottas. Doch Hamiltons Geheimnis lag anschließend darin, wie er die Reifen in diesem Fenster hielt.

Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
xpb
Hamilton stellte in Portimao wieder einmal seine Qualitäten als Reifenflüsterer unter Beweis.

Hamiltons Gespür für die Reifen

Das war an diesem windigen Tag, auf dieser technisch extrem schwierigen Strecke mit seinem ungewöhnlich glatten Asphalt ein echtes Kunststück. Bottas hielt nur die Vorderreifen bei Laune, Hamilton hinten und vorne. "Er ist da ein Phänomen", erklären die Ingenieure. "Lewis hat ein unglaubliches Gespür dafür, was dem Reifen gut tut und was nicht. Wir müssen ihm gar nichts erklären. Er findet das von selbst raus, weil er sich den jeweiligen Bedingungen so gut anpassen kann."

Das ist kein Prozess, der nur zwei Runden dauert. Hamilton gab zu, dass er lange nach den richtigen Linien und Einlenkpunkten gesucht hat, um trotz des böigen Windes konstant schnell zu fahren. "Ich habe mich so vor den Kurven positioniert, dass mir der Wind je nach seiner Richtung geholfen hat. Er kam mal von vorne, von hinten und von der Seite."

Wer zwischendrin immer mal wieder eine langsame Runde einstreute, war schon verloren, weil dadurch am einen oder anderen Ende die Reifentemperatur nach unten aus dem Fenster rutschte. Lektion der Ingenieure: "Wenn dir das beim Vorderreifen passiert, verlierst du vielleicht eine paar Zehntel, kannst aber nach einer gewissen Zeit um das Problem herumfahren. Verstappen ist es mit dem ersten Satz so gegangen. Beim Hinterreifen bist du machtlos. Den hat nur Lewis im Fenster gehalten. Und der Hinterreifen bestimmt die Rundenzeit." Hamilton assistierte: "Der Schlüssel lag darin, immer ein hohes Tempo zu fahren."

Lewis Hamilton - GP Portugal 2020
Wilhelm
Hamilton fuhr am Ende mit deutlichem Vorsprung ins Ziel. Bottas wunderte sich, wo der Pace-Unterschied herkam.

Darum bekam Bottas keine Soft-Reifen

Für Bottas war das Rennen schon lange vor dem Boxenstopp gelaufen. In Runde 35 trennten 7,8 Sekunden die beiden Mercedes-Piloten. Mercedes plante vor dem Rennen mit einem Reifenwechsel in den Runden 40 bis 42. Doch während des Rennens deutete sich an, dass die Medium-Mischung unter Umständen noch zehn Runden länger halten würde. "Wir haben kurz darüber nachgedacht, bis Runde 50 zu fahren und dann auf Soft-Reifen zu gehen."

Doch als Bottas nach 38 Runden plötzlich starke Vibrationen meldete und die Daten den Alarm des Finnen bestätigten, zogen die Strategen die Reißleine. Das war das Zeichen für den Boxenstopp für beide Autos, auch wenn Hamilton noch viel länger hätte fahren können. Wenn das Team mit zwei Autos so klar in Führung liegt, gilt das Prinzip der Gleichbehandlung.

Hamilton bekam als Spitzenreiter den ersten Boxenstopp. Der Engländer wurde mit den harten Reifen weitergeschickt. Als Bottas das hörte, forderte er Soft-Reifen an. Die Strategen verweigerten sie ihm. Es wäre erstens unfair gegenüber Hamilton gewesen und zweitens trauten die Ingenieure dem Soft-Reifen keine 27 Runden zu.

"Wir haben Lewis nur wegen Valtteris Problemen früher reingeholt. Deshalb wollten wir die Strategien auch nicht splitten. Valtteri wurde in ein paar Worten erklärt, dass der Soft-Reifen die falsche Wahl ist." Bottas sah später ein: "Der Soft-Reifen hätte mich auch nicht weiter gebracht. Ich war einfach zu langsam."

Mit den weichen Gummis hätte er vielleicht noch Druck von Verstappen bekommen. Sergio Perez und Esteban Ocon zeigten, dass der Soft-Reifen auch bei kürzeren Distanzen an diesem Tag unbrauchbar war. Red Bull hatte sich mit seiner Wahl auf den weichen Reifen zu starten im Rückblick ein Eigentor geschossen.

Die Ingenieure sind überzeugt: "Wenn Verstappen wie wir auf Medium-Reifen losgefahren wäre, hätten wir immer noch gewonnen, doch es wäre ein wesentlich ungemütlicherer Nachmittag geworden."

Mehr zum Thema Mercedes AMG F1
George Russell - Williams - Formel 1 - GP Bahrain - Sakhir - Freitag - 27.11.2020
Aktuell
Lewis Hamilton - Valtteri Bottas - Mercedes - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola
Aktuell
Mercedes - GP Japan 2019
Aktuell