Lewis Hamilton - GP Toskana Mugello - 2020 xpb
Carlos Sainz - GP Toskana Mugello - 2020
Max Verstappen - GP Toskana Mugello - 2020
Antonio Giovinazzi - GP Toskana Mugello - 2020
Ferrari - GP Toskana Mugello - 2020 51 Bilder

Hamilton bleibt cool im Mugello-Chaos

Reifen ließen Mercedes zittern

Beim Formel 1-Debüt in Mugello flogen die Fetzen. Nur bei Mercedes lief alles nach Plan. Fast alles. Zwischendrin hatten die Seriensieger mal Sorgen um ihre Reifen. Lewis Hamilton behielt trotz zwei roten Flaggen und vielen Unfällen den Überblick.

Zwei Mal lässt sich Mercedes von einem verrückten Rennverlauf nicht austricksen. Der GP Toskana hatte wie das Rennen eine Woche zuvor in Monza alle Chancen auf einen Überraschungssieg. Doch diesmal tappte das Weltmeister-Team in keine der Fallen, die der Rennverlauf den Teilnehmern aufstellte.

Am Ende durfte Mercedes seinen dritten Doppelsieg in diesem Jahr feiern. Er war nach dem Ausfall von Max Verstappen in der ersten Runde eigentlich auch nie in Gefahr. Deshalb erlaubte das Team seinen Fahrern auch im letzten Abschnitt die Jagd auf die schnellste Rennrunde. Lewis Hamilton gewann sie wie das Rennen.

Der nun 90-fache GP-Sieger wirkte erleichtert: "Ich bin heute an einem Tag drei Rennen gefahren. Es war körperlich und mental eines der härtesten Rennen, die ich je bestritten habe. Es war wirklich schwierig konzentriert zu bleiben mit so vielen Re-Starts." Den eigentlichen Rennstart versemmelte der Weltmeister. Selbstkritik: "Schlechte Reaktionszeit, zu viel Schlupf."

Beim zweiten stehenden Start zeigte er Valtteri Bottas wieder einmal, wer der Herr im Haus ist. Obwohl er kurz vorher durch kochende Bremsen noch abgelenkt war, kam er beim Anflug auf die erste Kurve auf gleiche Höhe mit dem Teamkollegen, stieg später in die Eisen und ging außen herum vorbei. Beim letzten Re-Start ließ sich Hamilton nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Eine Runde lang hatte er sogar noch den Renault von Daniel Ricciardo als Puffer zwischen sich und Bottas.

Und was war genau beim Start nach der ersten roten Flagge passiert? Der Mercedes mit der Startnummer 44 rauchte aus den vorderen Felgen wie eine alte Dampflokomotive. Hamilton erzählte, dass sich die Vorderradbremsen in der Formationsrunde unterschiedlich stark aufheizten. Als die Differenz 200 Grad betrug, leitete der Engländer Gegenmaßnahmen ein.

"Ich habe die Bremsen maximal beansprucht, um sie auf eine gleich hohe Temperatur zu bringen. Vor der letzten Kurve habe ich sie dann abkühlen lassen. Auf dem Startplatz waren sie aber immer noch extrem heiß. Auf einer Seite konnte ich sogar Flammen sein. Ich hatte Angst, dass da im Inneren des Radträgers einige Teile schmelzen."

Lewis Hamilton - GP Toskana Mugello - 2020
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Die Pausen machten den Toskana-Grand-Prix besonders anstrengend.

Rechter Vorderreifen von Bottas am Limit

Kaum lag Hamilton in Führung profitierte er vom Vorteil des Spitzenreiters. Bottas konnte sich zwar bis zur 25. Runde in einem Zweisekunden-Fenster halten, bezahlte aber mit einem höheren Reifenverschleiß. "Du rutschst einfach mehr herum und verschleißt deine Reifen eher."

Als er verzweifelt bei seinem Kommandostand nachfragte, ob man ihm beim Boxenstopp andere Reifen geben könne als Hamilton, wollte Mercedes der Bitte des WM-Zweiten nachkommen. "Lewis hätte als Führender als Erster gestoppt und harte Reifen bekommen. Wir hätten Valtteri dann auf Medium-Reifen gesetzt. Das war der Plan", erzählten die Strategen.

Doch in dieser Phase kam es zum einzigen kritischen Moment für die Silberpfeile. Bottas meldete sich plötzlich mit zwei Notrufen an seiner Box. Er spürte starke Vibrationen an der Vorderachse. Da wurden Erinnerungen an Silverstone wach. "Wir mussten Valtteri zuerst reinholen", erklärte Teamchef Toto Wolff den Strategiewechsel. "Seine Vorderreifen waren total abgefahren."

Tatsächlich hatte der Reifen vorne links praktisch keinen Gummi mehr auf der Karkasse, der vorne rechts noch zehn Prozent. Doch das eigentliche Problem war viel gravierender. Nach einem ersten Augenschein durch die Ingenieure stand der rechte Vorderreifen, also der etwas weniger abgefahrene, kurz vor einem Schaden. Möglicherweise verursacht durch ein Wrackteil. Mit so wenig Gummi auf der Lauffläche kann jeder Karbonsplitter, jeder Randstein zu einem Risiko werden.

Hamilton wurde eine Runde später an die Box geflaggt. Er blieb überlegen in Führung und sah diese durch eine zweite rote Flagge aufgefressen. Das gab Bottas eine allerletzte Chance, die Reihenfolge noch einmal umzudrehen. Es sollte nicht sein. So gut sein eigentlicher Rennstart war, so schlecht waren die Versuche zwei und drei.

Beim zweiten lag es vermutlich an der Reaktionszeit, beim dritten an den vielen Gummischnipseln auf der linken Seite der Strecke. Hamilton dagegen bilanzierte zufrieden: "Der dritte Start war mein bester."

Wie immer, wenn es ernst wird, gibt sich dieser Hamilton keine Blöße. Bottas war der Frust über die erneute Niederlage ins Gesicht geschrieben. Mit dem Mut der Verzweiflung forderte er sich selbst zum Kämpfen auf: "Ich darf den Druck einfach nicht nachlassen."

Lewis Hamilton - GP Toskana 2020
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Das teaminterne Duell bei Mercedes wurde bei den Starts und Restarts entschieden.

Ausfall von Verstappen war ein Geschenk

Nach der Erfahrung mit dem zweiten Reifensatz und dem Unfall von Lance Stroll wollte Mercedes kein Risiko mehr eingehen. Beide Fahrer wurden aufgefordert, den Randsteinen fernzubleiben. Die Gefahr eines Reifenplatzers erschien dem Meisterteam zu groß. Die Mercedes-Ingenieure mochten gar nicht daran denken was gewesen wäre, wenn Max Verstappen im Rennen gewesen wäre.

Sie gaben zu: "Wir rechneten damit, dass er uns Beine macht. Normalerweise musst du im Rennen von seiner Qualifikations-Delta drei Zehntel abziehen. Das ist sein Renntempo. Er wäre also auf unserem Niveau gewesen." Die starke Fahrt von Alexander Albon bestätigte die gute Form des Red Bull.

Noch so ein Gedankenspiel an der Boxenmauer von Mercedes. "Mit Max auf unseren Fersen hätten wir die Boxenstopps unserer Fahrer vielleicht noch etwas hinausgezögert. Dann hätten wir das gleiche Reifendrama erleben können wie im ersten Silverstone-Rennen. Zum Glück war uns das eine Warnung. Wir sind heute schlauer und wissen es besser zu deuten, wenn die Fahrer Vibrationen melden."

Der Kritik, dass Bottas den Massencrash mit fliegenden Start nach der ersten Safety-Car-Phase mit seinem langen Warten ausgelöst haben könnte, erteilte Chefingenieur Andrew Shovlin eine Absage. "Es war allen klar, dass der Führende bis zur Startlinie mit dem Beschleunigen warten würde. Valtteri hat sein Tempo bis zu dem Punkt kontrolliert. Es sah mir eher so aus, als hätten im hinteren Feld einige Fahrer zu früh losgelegt und dann wieder abgebremst."

Shovlin behielt auch beim Zählen der Mercedes-Erfolge den Überblick und stellte nach einem chaotischen Rennen fest: "Das war der 100.GP-Sieg des Teams nach seiner Rückkehr in die Formel 1 im Jahr 2010. Ein Kompliment an unsere Truppe."

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