Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen xpb
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
Vettel - Hamilton - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
Sergio Perez - Racing Point - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Hamilton gewinnt in Türkei: Champion mit Meisterleistung

Hamilton gewinnt aus der Defensive Weltmeister mit Meisterleistung

Ausnahmsweise war Lewis Hamilton nur Außenseiter. Doch der neue und alte Weltmeister gewinnt auch Rennen, in dem die Vorzeichen gegen ihn stehen. Weil Mercedes sich auf einen Boxenstopp beschränkte, und weil Hamilton wieder einmal seine Reifen besser las als jeder andere im Feld.

Was macht die großen Rennfahrer aus? Dass sie Rennen gewinnen, die sie eigentlich nicht gewinnen dürfen. Lewis Hamilton startete nur von Platz 6 und hatte nach 18 Runden 24 Sekunden Rückstand auf den Spitzenreiter Lance Stroll. Trotzdem stand er zum zehnten Mal in dieser Saison und zum 94. Mal in seiner Karriere ganz oben auf dem Podium. Und war damit automatisch auch siebenfacher Weltmeister. Sebastian Vettel flüsterte ihm im Parc fermé zu: "Danke, dass wir zuschauen durften, wie du heute Geschichte geschrieben hast. Es war nicht dein Rennen, und du hast es trotzdem gewonnen."

Teamchef Toto Wolff fasste nach der Limonaden-Dusche auf dem Podium das Rennen seines Superstars in zwei Sätzen zusammen: "Lewis hat in einem Auto, das extrem schwer zu fahren war, keinen Fehler gemacht und hat auf seine Chance gewartet. Als sie da war, schlug er zu."

Auch der Sieger konnte es noch nicht ganz fassen, dass er ein Rennen gewonnen hatte, das er schon verloren glaubte. "Als mir Seb und Albon davongezogen sind, dachte ich: Jetzt gleitet dir das Rennen aus deinen Händen. Keine Ahnung, warum. Waren die Reifen zu kalt oder zu warm? Ich habe aber nie aufgegeben und plötzlich wieder Speed gefunden. Dann ging Seb an die Box, und da wusste ich, dass ich draußen bleiben und irgendwie versuchen muss, Temperatur in meinen Intermediates zu halten, die bereits zu Slicks abgefahren waren."

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Der Hund durfte auch in der Türkei nicht fehlen: Hamilton und sein treues Tier Roscoe.

Wenn Schwäche zur Stärke wird

Es ist ein bisschen Technik-Einmaleins nötig, um zu erklären, warum Mercedes und Hamilton nach zwei Trainingstagen in der Defensive doch wieder zu Siegkandidaten wurden. Mercedes hat über die letzten drei Jahre sein Auto immer mehr Richtung Reifenschonen ausgelegt. Lange war dieser Silberpfeil das Gegenteil. "Wir haben seitdem 20 bis 30 Bereiche am Design, der Fahrzeugphilosophie und am Setup geändert, um vor allem die Hinterreifen zu schützen", verraten die Ingenieure. Bei 95 Prozent der Rennen ist das ein Vorteil. Da bestimmen die üblichen Faktoren den Speed. Der Abtrieb, die Motorleistung, der Fahrer.

Im Istanbul Park traf Mercedes auf die anderen fünf Prozent. Auf eine Strecke mit extrem glatten Asphalt, auf niedrige Temperaturen, auf Regen. Da wurde in der Qualifikation eine Stärke zur Schwäche. "Racing Point hat die Reifen nach zwei Runden angezündet, wir erst nach sieben. Leider hast du an einem Samstag diese sieben Runden nicht", bedauerten die Techniker. Zu kalte Hinterreifen resultierten in den Startplätzen 6 und 9. Am Renntag wurde die Schwäche vom Samstag wieder zur Stärke. Mercedes brauchte zwar immer noch länger als viele andere, die Reifen in ihr Temperaturfenster zu bringen, aber waren sie mal drin, gab es kein Halten mehr. Da zählten dann die üblichen Qualitäten. Der Abtrieb, die Power, der Fahrer.

Das Rennen war zunächst schwer zu lesen. Das lag an den Befindlichkeiten der Reifen. Die Intermediates gingen bei allen Autos durch eine Phase des Körnens, vor allem vorne rechts. Das Abschälen der obersten Gummischicht dauerte mal länger, mal weniger lang. Was am Auto, am Setup und am Fahrstil lag. Sobald der Intermediate zum Slick mutiert war, konnte man auf ihm sehr lange konstant schnell fahren. Im Rückblick war es besser, ihn bis zum bitteren Ende zu nutzen.

Die Mercedes-Strategen erklären, warum: "Sobald sich der Intermediate nach Abfahren des Profils stabilisiert hatte, hat er sich konstant abgenutzt. Wer in der Phase, in der der Asphalt immer stärker abtrocknete, neue Intermediates aufzog, konnte fünf schnelle Runden fahren und kam dann in massive Probleme. Weil jetzt die Fahrbahn viel trockener war als am Anfang, hat es den Gummi auch viel schneller runtergezogen als bei den Reifen, die durch einen kontinuierlichen Abnutzungsprozess gegangen sind und die Phase des Körnens auf einem nasseren Untergrund durchgemacht haben. Nachdem der frischere Intermediate da durch war, war es schwerer, ihn auf Temperatur zu halten als einen alten Satz."

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Das Erfolgsrezept: Hamilton wechselte nur ein Mal die Reifen.

Weiterer Stopp nur bei Regen

Hamilton sprach nach dem Rennen von einer Phase der "Verwirrung". Rundenlang hing er im Windschatten von Vettels Ferrari und kam nicht vorbei. Doch ab dem 20. Umlauf ging die Schere plötzlich auf. Innerhalb von fünf Runden fiel Hamilton um vier Sekunden hinter den Ferrari zurück. Das war der Moment, in dem er sein Team zwei Mal über Funk bat, sich etwas einfallen zu lassen und notfalls Reifen zu wechseln. Die Strategen lehnten ab. "Wir hatten zu dem Zeitpunkt bereits die Entscheidung getroffen, dass wir es versuchen sollten, mit dem Satz durchzufahren. Wir hielten einen frischen Satz nur für den Fall bereit, dass doch noch einmal Regen kommen sollte."

Den entscheidenden Hinweis gab Max Verstappen. Der Holländer gewann mit seinem zweiten Satz Intermediates nicht wirklich Land. Er musste durch alle Probleme durch, die mit einer frischen Garnitur zu erwarten waren. Das langsame Aufwärmen, dann das Körnen und am Ende hatte er ein Reifen, der schwerer bei Laune zu halten war als einer, der viel mehr Runden auf der Lauffläche hatte. Red Bull, Ferrari und Racing Point machten es Mercedes einfach. Sie holten nacheinander Alexander Albon, Sebastian Vettel und Lance Stroll in die Box und machten den Weg frei für Hamilton. Der musste nur noch Sergio Perez überholen und lag in Führung.

Ab da glaubte auch Hamilton an den Sieg. Und jetzt kam sein Meisterstück. Er verstand es wieder einmal besser als alle anderen, wie er die kritischen Hinterreifen im Arbeitsfenster halten musste und den rechten Vorderreifen nicht zu stark abnutzen durfte. Als später die Diskussion aufkam, ob man Hamilton noch einmal für einen frischen Satz an die Box holen sollte, hörte man auf den Fahrer.

Dem waren 25 Sekunden Vorsprung auf Perez nicht komfortabel genug. Und er traute sich zu, sein Auto auch bei dem für die letzte Runde angekündigten Regen irgendwie über die Runden zu bringen. Den Gegnern ging es ja auch nicht besser. Jeder war am Ende nur noch mit Reifen ohne Profil unterwegs. Hamilton ging noch etwas durch den Kopf: "2007 habe ich in China die WM verloren, weil ich mit abgefahrenen Reifen an die Box gegangen und dabei ausgerutscht bin."

Hamilton - Wolff - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Der Titel ist eingetütet, jetzt soll bis Jahresende der Vertrag verlängert werden.

Brücken bauen für den Vertrag

Jertzt, wo alle Titel abgehakt sind, ist der Weg frei für Vertragsverhandlungen. Toto Wolff wollte sich nicht darauf festnageln lassen, schon bis zum nächsten Rennen in Bahrain Vollzug zu melden. "Wir werden es bis zum Ende des Jahres schaffen." Der Österreicher stellte auch fest: "Heute hat sich Lewis noch teurer gemacht. Er saß nicht im besten Auto und kam fehlerlos durch ein Rennen, in dem alle anderen Fehler gemacht haben." Baut so einer vor, der in ein paar Wochen ein königliches Gehalt rechtfertigen muss, weil sich Hamilton nicht mit einem Rabatt abspeisen lassen wird?

Immerhin, auch der siebenfache Champion baute Brücken. "Ich fühle mich mental und physisch so stark, als stünde ich am Anfang meiner Karriere", erzählte er Mark Webber beim Sieger-Interview für die TV-Anstalten. "Ich möchte gerne bleiben. Es gibt noch so viel zu tun, nicht nur sportlich. Ich möchte mit Mercedes zusammen für Nachhaltigkeit und eine gerechtere Welt kämpfen." Wolff glaubt, dass Hamilton auch die Herausforderung auf der Rennstrecke nicht missen will: "Er liebt den Wettbewerb, wie alle von uns. Ich sehe uns zusammen für mehr Siege im nächsten Jahr und dann die große Herausforderung, die 2022 vor uns steht."

Auch aus den Worten von Daimler-Chef Ola Källenius lässt sich herauslesen, dass diese Ehe fortgesetzt wird. "Wir sind stolz, dass Lewis Teil unserer Familie ist. Er verbessert sich auch dann, wenn du glaubst, dass er sich schon nahe an der Perfektion befindet. Neben der Strecke wurde er ein leidenschaftlicher Anwalt für Vielfalt und Integration. Als Team und Firma stehen wir hinter ihm."

Noch ein Wort zu Valtteri Bottas. Der Finne landete mit einer Runde Rückstand nur auf Platz 14. Zu keinem Moment schaffte es der Vize-Weltmeister in die Punkteränge. Schuld waren zwei Kollisionen mit einem Renault, die eine Frontflügelendplatte und die Lenkung beschädigten. Den aerodynamischen Schaden bezifferten die Strategen auf ein bis zwei Zehntel. Schlimmer war das Problem mit der schiefen Lenkung. "Valtteri konnte bei Drifts nicht wie gewohnt korrigieren." Bottas selbst meinte nach schmerzvollen 57 Runden: "Ich habe keine Ahnung, wie oft ich mich heute gedreht habe." Wir können nachhelfen. Es waren sechs Ausrutscher.

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