Lewis Hamilton - GP Russland 2020 xpb
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Formel 2 Crash - Russland - Sotschi 2020
Valtteri Bottas - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Fragen zur Hamilton-Strafe

Einen Vorteil erschwindelt

Die Strafe für Lewis Hamiltons Startübungen an verbotener Stelle vor dem GP Russland erregt immer noch die Gemüter. War sie gerecht? Warum im Rennen und nicht danach? Was hat Hamilton falsch gemacht? Wir liefern die Antworten.

Nicht der zweite Saisonsieg von Valtteri Bottas war das Thema beim GP Russland. Auch nicht der spektakuläre Crash von Carlos Sainz, der sich im Notausgang von Kurve 2 total mit dem Tempo verschätzte. Und auch nicht Charles Leclerc, der Lance Stroll in der Startrunde umdrehte und dafür keine Strafe bekam.

Nein, der Vorfall, der nach dem zehnten Saisonrennen die Gemüter bewegte, war die Strafe für Lewis Hamilton. Der Weltmeister musste bei seinem Boxenstopp zwei Mal fünf Sekunden am Stück absitzen, weil er vor dem Rennen auf dem Weg in die Startaufstellung zwei Mal Probestarts an einem Ort durchgeführt hatte, der dafür nicht vorgesehen war.

Mercedes fand die Strafe zu hart und die Anwendung während des Rennens ungerecht. Hamilton behauptete, er mache seine Probestarts praktisch nie in der dafür vorgesehenen Box, sondern immer ein paar Meter weiter. Die Rennleitung berief sich darauf, dass Hamilton sich nicht an die Veranstaltungshinweise gehalten habe, die im Amtsenglisch der Formel 1 "Event Notes" heißen. Viele Fragen, wenig Antworten. Wir versuchen Licht ins Dunkel zu bringen.

Wo liegt der Platz, an dem die Fahrer ihre Probestarts durchführen dürfen?

Das ist von Strecke zu Strecke verschieden. Meistens jedoch direkt hinter der Ampel an der Boxenausfahrt direkt neben der so genannten Fast Lane. Das ist die Spur, auf der die Fahrer normalerweise die Boxengasse verlassen, wenn sie keine Starts üben.

Event Notes - GP Russland 2020
FIA
An der Streckengrafik in den sogenannten "Event Notes" lässt sich gut erkennen, wie weit sich Hamilton von der vorgeschriebenen Position für die Startübungen entfernt hat.

Ist die Stelle in den Event Notes ausreichend präzisiert?

Nein. Dort steht lediglich unter Punkt 19: "Probestarts dürfen nur auf der rechten Seite hinter der Ampel an der Boxenausfahrt durchgeführt werden." Um Zweifel auszuräumen gilt das für die gesamte Zeit, nachdem die Boxengasse vor dem Rennen geöffnet wurde. Die Fahrer müssen genügend Platz auf der linken Seite lassen, damit andere Autos passieren können. Aus Sicherheitsgründen dürfen die Fahrer zu keiner Zeit ohne triftigen Grund in der Fast Lane anhalten. Ein Probestart ist kein triftiger Grund.

So weit, so schlecht. Mercedes und Hamilton haben mit ihrem Einwand Recht, dass diese Formulierung jeden Ort auf der rechten Seite zwischen Ampel und Boxenausfahrt bedeuten könnte. Rennleiter Michael Masi gab auf die Frage, warum man nicht gleich eine Startbox definiert, eine unbefriedigende Antwort: "Weil wir es noch nie so gemacht haben und weil wir glauben, dass es klar ist, was wir damit meinen. Alle anderen Fahrer mit Ausnahme von Hamilton haben ihre Startübungen an der dafür vorgesehenen Stelle gemacht. Auch sein Teamkollege Bottas. Jeder wusste also, was gemeint war."

Wo hat Hamilton tatsächlich seine Starts geübt?

Mindestens 200 Meter weiter vorne. Die Boxengasse in Sotschi weist eine Besonderheit auf. (siehe Skizze) Von der Ampel bis zur eigentlichen Ausfahrt ist es noch ein weiter Weg, der auch noch durch eine blinde Kurve führt. Erst nach der Kurve hat Hamilton seinen Mercedes geparkt. Kurz bevor die Boxengasse in die Strecke biegt. Dort gibt es auch keine Trennung zwischen der Fast Lane und einem möglichen Ort für Probestarts mehr. Was man schon als Regelverstoß werten könnte.

Deshalb ist Hamiltons Hinweis, er führe seine Probestarts in Interlagos auch erst ganz am Ende der Boxengasse, die in die Gerade zwischen den Kurve 3 und 4 mündet, irrelevant. Dort geht es nicht anders und alle machen es so. Direkt hinter der Ampel führt die Boxenausfahrt auf dem Kurs von Sao Paulo nach links steil bergab. Startübungen sind dort nicht möglich. Der Unterschied ist, dass an der Einmündung von der Boxengasse in die Strecke mehr Platz für parkende Autos ist.

Startübung - GP Russland 2020
xpb
An dem Ort für die Startübungen sammelt sich im Laufe des Rennwochenendes immer jede Menge Gummi auf dem Asphalt.

War der Startort von Hamilton gefährlich?

Potenziell ja. Solange nur ein Auto dort startet, konnte das Risiko für die anderen Fahrer gering gehalten werden. Hätten es andere Hamilton nachgemacht, wäre dort eine Schlange gestanden. Das hätte zu Komplikationen führen können mit Fahrern, die mit Vollgas um die blinde Kurve davor biegen. In diesem späten Bereich der Boxengasse gibt es keine Trennung zwischen Fast Lane und Slow Lane mehr.

Stimmt es, dass Hamilton seine Probestarts immer an anderer Stelle durchführt?

So hat es Hamilton behauptet. FIA-Rennleiter Michael Masi widerspricht: "Bisher hat sich Hamilton immer an unsere Event Notes gehalten." Tatsächlich besteht auf dem dafür vorgesehenen Platz Spielraum. Wer nicht auf der Stelle beschleunigen will, wo der meiste Gummi liegt, kann ein paar Meter weiter vorne loslegen oder bei genügend Platz auch rechts und links davon. Er darf nur nicht mit seinen Rädern die Trennlinie zur Fast Lane berühren.

Was ist mit der Forderung, dass die Fahrer in der Boxenausfahrt nach Artikel 36.1 konstantes Tempo einhalten müssen, außer an dem Ort, der für die Probestarts reserviert ist?

Diese Forderung konnte Hamilton nicht erfüllen, da er ja später angehalten hat und per Definition schon in der Boxenausfahrt war.

Lewis Hamilton - GP Russland 2020
xpb
Hamilton musste seine Strafe noch während des Rennens absitzen.

Warum bekam Hamilton eine Strafe im Rennen für ein Vergehen, das vor dem Rennen stattfand?

Michael Masi erklärt das damit, dass sich Hamilton einen sportlichen Vorteil erschwindelt hat, was automatisch mit einer Sportstrafe zu ahnden ist. Wo liegt der Vorteil? Hamilton wollte seine Startübungen nicht an einem Platz machen, der nicht repräsentativ ist. An der von der FIA gewünschten Stelle sammelt sich über das ganze Wochenende viel Reifegummi an. Der Grip ist also extrem gut, deutlich besser, als später auf dem Startplatz auf der Strecke. Damit bekommt der Fahrer auch kein ausreichendes Gefühl dafür, was ihn später beim Rennstart erwartet.

Deshalb wählte Hamilton mit Bedacht eine Stelle mit weniger Grip. Ein klarer Vorteil, wenn man seine Sinne für den wichtigsten Moment im Rennen schärfen will. Masi erklärte auch, warum man dieses Vergehen nicht mit einem Verstoß gegen das Tempolimit in der Boxengasse auf dem Weg in die Startaufstellung vergleichen kann. Auch das hätte eine Strafe gegeben, die aber erst nach dem Rennen in Anwendung gekommen wäre. Weil sich der Teilnehmer dadurch keinen Vorteil für das Rennen verschafft hat. Macht irgendwie Sinn.

Hätte das Team Hamilton davon abhalten sollen?

Der Tipp, sich eine andere Stelle für seine Startübungen zu suchen, kam vom Team. Man sagte Hamilton im Vorfeld, er solle sich eine Stelle "etwas weiter vorne" suchen. Was kein Problem gewesen wäre. Selbst wenn Hamilton fünf Meter vorrückt, hätte keiner etwas gesagt. Mercedes hat offenbar selbst nicht damit gerechnet, dass ihr Fahrer gleich bis ganz ans Ende der Boxenausfahrt fährt.

Er hat zwar explizit gefragt "To the end of the pitwall?", doch das kann auch missverstanden werden. Wo hört die Boxenmauer auf? Am letzten Kommandostand oder dort, wo die Trennmauer zur Strecke tatsächlich endet und Hamilton seine Starts geübt hat. Vielleicht hätte man am Kommandostand checken sollen, wie weit Hamilton geht. Die TV-Bilder wurden ja erst später eingespielt, aber das Team sieht anhand von GPS-Daten oder der Bordkamera, wo sich ihr Fahrer gerade befindet.

War das Strafmaß zu hart?

Das Strafmaß liegt im Ermessen der Sportkommissare. Die waren offenbar der Meinung, dass der Vorteil, den sich Hamilton erschlichen hat, eine Fünfsekundenstrafe rechtfertigte. Und weil er den Vorteil durch eine Wiederholung vergrößerte, verdoppelte sich auch die Strafe.

Zumindest Teil 2 der Strafe war konsequent. Und Hamilton hat tatsächlich davon profitiert. Im Gegensatz zu Charles Leclerc im Vorjahr, konnte er seine Pole Position bis in die erste Kurve verteidigen. Er kam klar am besten vom Fleck.

Übertrieben waren sicher die beiden Strafpunkte, die man Hamilton zunächst auch noch aufbrummen wollte. Nach einer Selbstanzeige des Teams, dass man den Fahrer zu seinem Plan ermutigt habe, revidierten die Sportkommissare das Urteil. Immerhin zeigten sie die Größe ein einmal gesprochenes Urteil zu korrigieren. Das ist bei Schiedsrichtern nicht immer der Fall.

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