Helmut Marko im Interview

„Größte Zitterpartie seit Brasilien 2012“

Ricciardo, Horner & Marko - GP Monaco 2018 Foto: Red Bull 18 Bilder

Daniel Ricciardos Meisterleistung, Max Verstappens Unfall, Red Bull mitten im Titelrennen. Es gibt viel zu sagen über die Lage der Nation beim WM-Dritten. Wir haben bei Helmut Marko nachgefragt.

Wir würden Sie den GP Monaco aus Sicht von Red Bull beschreiben?

Marko: Viel Pech, viel Glück. Ein echtes Casino eben.

Wie gewinnt man ein Rennen ohne Elektro-Power?

Marko: Zuerst einmal mit einem unglaublichen Daniel Ricciardo im Auto. Er hat mit Hilfe der Ingenieure das Manko der ausgefallenen MGU-K wettgemacht, aufgepasst, dass die Bremsen nicht überhitzt haben wie bei Hamilton 2014 in Montreal, und er ist dort schnell gefahren, wo es nötig war. Er musste in den Kurven Tempo machen, was natürlich auf die Reifen gegangen ist. Trotzdem sahen sie besser aus als bei Mercedes und Ferrari. Das war eine echte Meisterleistung. Man muss aber auch sagen, dass er dazu ein gutes Auto brauchte. Das Upgrade von Barcelona war die Basis dafür, dass wir so stark in Monte Carlo waren.

Wie groß war das Zittern an der Boxenmauer?

Ricciardo & Marko - GP Monaco 2018 Foto: xpb
Einer der ersten Gratulanten im Ziel - Helmut Marko

Marko: Sehr groß. Fast unendlich. Wir haben jede Runde gefürchtet, es könnte die letzte sein. Wir wussten ja nicht, was mit der MGU-K los war. Bei einem Defekt können Trümmer den Motor beschädigen. Oder die Bremsen können Feuer fangen. Für uns war es die größte Zitterpartie seit dem GP Brasilien 2012, als Vettel in der Startrunde von Senna umgedreht worden ist und er dann den Rest des Rennens mit einem beschädigten Auto fahren musste.

Stimmt es, dass die Ingenieure Ricciardo schon an die Box holen wollten?

Marko: Die erste Reaktion war schon: Abstellen, damit nicht noch mehr kaputt geht. Dann haben unsere Ingenieure das revidiert. Auf die Renault-Leute haben wir gar nicht gehört. Wir wollten weiterfahren bis zum bitteren oder zum glücklichen Ende. Zum Glück. Heute wissen wir, dass die MGU-K selbst gar nicht kaputt war. Es gab eine Schlamperei bei der Montage.

Christian Horner hat Ricciardos Leistung mit der von Michael Schumacher 1994 in Barcelona verglichen. Ein gerechter Vergleich?

Marko: Ich mag keine Vergleiche. Die Technik der Autos von heute ist viel komplexer als vor 20 Jahren. Ohne die Hilfe der Techniker tut man sich da schwer. Die beiden Strecken sind auch nicht miteinander vergleichbar. Wäre ihm das in Barcelona passiert, hätte er sich nicht vorne halten können. Dazu sind die Geraden zu lang. Ich finde, jede Leistung steht für sich.

Ihr Fazit nach Monaco?

Marko: Der 9. Platz von Verstappen war im Rückblick natürlich enttäuschend, auch wenn er ein gutes Rennen gefahren ist. Bei einem normalen Startplatz wäre das ein Podium gewesen. Der Doppelsieg sollte bei unserer Überlegenheit in Monaco ein Selbstläufer sein.

Was raten Sie Verstappen?

Verstappen & Marko - GP Monaco 2018 Foto: Red Bull
Schaltet Max Verstappen einen Gang runter?

Marko: Er muss jetzt mal zurückstecken. Es ist nicht wichtig, in jeder Phase der schnellste zu sein. Da muss man bei Max in die Tiefe der Psychologie. Er war faktisch am Donnerstag der Schnellste, wenn auch nicht auf dem Papier. Ricciardo ist seine schnellen Runden jeweils später gefahren. Dann hat er im dritten Training seinen letzten Schuss, liegt 3 Zehntel unter seiner Bestzeit und läuft auf Sainz auf. Da muss er die Ruhe haben und die Runde abbrechen. Es geht ja um nichts. Aber wahrscheinlich war im Hinterkopf, dass Ricciardo noch nach ihm auf die Strecke geht und schneller fährt. Max muss begreifen, dass sich so viel Risiko in einem freien Training nicht lohnt.

Ist Verstappen vielleicht überrascht, wie schnell Ricciardo ist? Hatte er ihn als Gegner schon abgehakt?

Marko: Das glaube ich nicht. Max weißt genau, wie stark Daniel ist. Der bringt seine Leistung, wenn es wichtig und notwendig ist, und das in einer atemberaubenden Perfektion. Zu Beginn 2017 hat Daniel etwas geschwächelt, hat sich dann aber aufgerafft. Er hat kapiert, dass da mit Max zum ersten Mal ein Gegner da war, der gleichwertig ist, und er hat sich auf seine Stärken konzentriert. Max ist etwas besser in der Qualifikation. Daniel zeigt im Rennen eine unglaubliche Präzision und in seinen Überholmanövern aus dem Hinterhalt eine Schärfe, die bis auf Baku eigentlich auch immer funktioniert.

Wie sehen Sie das Titelrennen?

Marko: Wir haben ein tolles Auto. Es ist stark in den Kurven, beim Bremsen, in der Traktion. Unsere Aerodynamik ist so gut, dass wir weniger Probleme im Verkehr haben als die anderen. Und unser Auto schont die Reifen. In der Qualifikation leiden wir auf den Geraden. Im Rennen ist es dann aber auch nicht mehr so krass. Das könnte sich mit dem Upgrade von Renault bessern. Ärgerlich ist, dass wir schon zu viele Punkte verschenkt haben. Wir hätten Bahrain mit einer Zweistopp-Strategie und Baku ohne den Crash gewinnen können.

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