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Red Bull-Berater Helmut Marko im Interview

"Klima besser als mit Vettel und Webber"

Red Bull-Berater Helmut Marko ist ein Freund klarer Worte. Wir haben uns mit dem Österreicher Red Bulls Rückkehr zum Top-Team, die Aussichten 2017, den Wirbel um das Wunderkind Max Verstappen und die Technik in der Formel 1 unterhalten.

Wie hat Red Bull nach dem schwachen Jahr 2014 die Wende geschafft?

Marko: Das Jahr 2014 war schon schwer. Aber 2015 hat sich noch schwieriger gestaltet. In dieser Phase war es wichtig, das ganze Team zusammen und die Motivation aufrecht zu halten. Ich glaube, das ist uns bis zu einem gewissen Grad auch gelungen. Dann kam Gott sei Dank der 2016er Renault-Motor, der standfest war und etwas mehr PS hatte. Danach wurde das Upgrade nachgeschoben und Verstappen stieß zu uns. Er hat dem ganzen Team einen Aufschwung gegeben. Ab da hieß die Devise: Wir wollen Zweiter werden. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt deutlich hinter Ferrari lagen. Der Kampf gegen Ferrari hat uns gleichzeitig auch näher an Mercedes herangebracht.

Ferrari hat jeder als die Nummer 2 in diesem Jahr gesehen. Was macht Red Bull besser als Ferrari?

Marko: Ich glaube, wir sind konstanter. Wir waren nicht immer vom Speed her auf ihrem Niveau, aber wir waren von der Strategie und der Verlässlichkeit her einfach die Besseren. Man kann sagen: Wir haben weniger Fehler gemacht.

Red Bull ist für die Kritik an Renault selbst kritisiert worden. War diese Kritik im Endeffekt für das heutige Resultat verantwortlich.

Marko: Sie war notwendig, damit die Änderungen, die wir gefordert haben, durchgeführt wurden. Und die zeigen ja auch ihre Wirkung.

Sind Red Bull und Renault jetzt wieder eine glückliche Familie?

Marko: Wir haben uns jetzt wieder gern.

Red Bull ist während der Saison Schritt für Schritt näher an Mercedes herangekommen. Wie groß ist der Unterschied jetzt noch? Ist es nur der Motor?

Marko: Wenn du mehr PS hast, ist das ganze Leben viel einfacher. Du musst beim Setup nicht immer Kompromisse eingehen. Du bist auch nicht gezwungen ans Limit zu gehen. Mercedes lässt uns in den meisten Rennen nur auf eine gewisse Distanz herankommen, so dass keine Gefahr besteht, dass wir sie mit dem früheren Boxenstopp überholen. Aber ansonsten schonen Sie alles, was an einem Auto wichtig ist, geschont zu werden. Aber in gewissen Bereichen sind wir schneller. Wir sind immer noch der Meinung, dass wir in schnellen Kurven-Passagen mit weniger Abtrieb gleich schnell sind, unter dem Strich also schneller. Das zeigt, dass unsere Chassis-Entwicklung in die richtige Richtung geht. Und die zwei Fahrer respektieren und pushen sich gegenseitig und treiben das ganze Team damit ans Limit.

Red Bull war nie ein Freund dieser Antriebstechnik. Haben Sie sich jetzt damit abgefunden?

Marko: Nein, wir sind noch immer kein Freund dieser Antriebstechnik. Diese Technik ist sauteuer und sie ist zu hochgestochen. Das heißt: Der Fahrer steht nicht im Vordergrund. Die Technik kommt, wie man sieht, beim Publikum nicht an, weil sie einfach zu überzogen ist. Vor allem, weil der Lärm, dieses Infernalische, das einen Fan fasziniert, mit dieser Art von Motor nicht zu erreichen ist. Wir haben weder den Anspruch der Sportprototypen Langstrecken-Rennen zu fahren, noch wie die Formel E die Elektro-Technik zu demonstrieren. Es gibt zwei Kategorien, wo all diese Kriterien im Vordergrund stehen und das reicht. Die Formel 1 sollte pures Racing sein.

Sind Sie guter Hoffnung, dass mit dem 2017er Reglement die Aerodynamik und der Motor wieder im Gleichgewicht sind?

Marko: Nein, ohne guten Motor gewinnt man im nächsten Jahr keine Rennen. Aber man kann natürlich bei einem neuen Reglement vieles verbessern. Oder es gelingt einem ein goldener Schuss. Die Aerodynamik wird sicher wieder wichtiger sein, als es gerade der Fall ist. Vor allem wird es auch die Fahrer mehr fordern. Das heißt, die Spreu vom Weizen trennen. Wir sind guter Dinge, dass wir 2017 von der Motorenseite wieder eine ähnliche Steigerung bekommen, wie wir sie in diesem Jahr erlebt haben.

Trägt Max Verstappen den Titel Wunderkind zurecht?

Marko: Es ist unglaublich, was er leistet und wie reif er für sein Alter ist. Aber hier und da schlagen bei gewissen Aktionen die 18 oder 19 Jahre noch durch. Bedenkt man die wenigen Rennen und sein junges Alter, dann sehen wir hier ein Ausnahme-Talent, wie es nur alle 10 Jahre daherkommt.

Haben Sie ihm deshalb nach dem Rennen in Austin verbal die Ohren lang gezogen?

Marko: Das war einfach notwendig. Wir haben 80 Leute für die Strategie. Sie verfolgen alles im Detail und haben die Übersicht, wann er reinkommen muss, wer dann vor ihm oder nicht vor ihm ist. Das ist ja alles entscheidend. Und da kann er nicht von sich aus in einem Anflug eines Black Outs hereinkommen. Das Rennen entscheidet sich nicht in den ersten 10 oder 15 Runden. Man muss das Rennen und die Reifen einteilen. Dadurch dass er in der Anfangsphase mehr Speed hatte, war er verunsichert oder frustriert. Aber er hing dann zu lange hinter Rosberg fest. Entweder du überholst sofort, wie er es bei Räikkönen gemacht hat, oder du musst dahinter bleiben und die Reifen schonen. Man muss das Gesamtbild sehen. Mit dem Stopp, der geplant war, hätte Max den Rest des Rennens durchfahren und auf einem Podiumsplatz landen können.

Ricciardo und Verstappen kommen im Moment gut miteinander aus. Was ist anders als bei dem Duo Vettel und Webber?

Marko: Die sind nie gut miteinander ausgekommen. Das war im Prinzip immer ein Kampf von 2 Teams und das hindert natürlich auch die Weiterentwicklung. Das gesamte Klima ist besser. Wir sind froh, dass wir das jetzt so haben – 2 absolute Top-Fahrer, die sich gegenseitig respektieren.

Ricciardo ist so etwas wie der Platzhirsch im Team. Wieso geht er so locker damit um, wenn ein junger Fahrer kommt, der ihm seine Rolle streitig machen will?

Marko: Ricciardo ist ein vernünftiger, gescheiter Bursche. Er weiß, dass er Leistung bringen muss. Er lässt sich von Verstappen die Daten geben, fragt auch im Rennen, wenn die Zeit langsamer ist, wo er gegenüber Verstappen verliert. Das hilft ihm, seine Reserven im positiven Sinne zu mobilisieren. Nicht so, wie es im Verhältnis von Vettel und Webber war.

Ricciardo ist eher unspektakulär zum Top-Fahrer aufgestiegen. Wann haben Sie zum ersten Mal gesehen, dass er ein Großer werden kann?

Marko: Da waren ein paar sehr gute Trainingsergebnisse von Ricciardo bei Toro Rosso. In Bahrain hat er sich mal als Sechster qualifiziert. Viel besser, als es das Auto eigentlich erlaubt hat. Das war ein paar Mal der Fall. Auch schon im HRT hat er auf Anhieb Leute wie Liuzzi geschlagen, die sehr viel Routine hatten. Und das mit systematischer Arbeit. Wenn er anfangs hinten lag, hat er so lange gearbeitet hat, bis er vorne lag.

Max Verstappen hat in Austin wegen seiner Spurwechsel beim Bremsen Gegenwind von seinen Kollegen bekommen. Zurecht? Oder ist das eher der Neid der Kollegen?

Marko: Wir haben generell viel zu viele Regeln. Das Komische ist nur, dass sich Hamilton, der direkt betroffen war, gar nicht aufgeregt hat. Es regen sich Leute auf, die nächstes Jahr gar nicht mehr mitfahren. Da gibt es offenbar ein Gefühl, dass da einer daherkommt, dem sie nicht gewachsen sind. Und jetzt versucht man den mit allen Mitteln und Möglichkeiten einzubremsen.

Die meisten anderen jungen Fahrer hätten wahrscheinlich erst einmal 3 Tage darüber nachgedacht. Verstappen hat die Kollegenschelte ziemlich kalt gelassen. Wo nimmt er das Selbstvertrauen her?

Marko: Ich hab das erste Mal länger mit ihm gesprochen, als er Formel 3 gefahren ist. Da war er 16 Jahre alt. Normalerweise rede ich mit einem Fahrer eine halbe Stunde und weiß alles. Oder ich hab das, was ich von ihm wissen will, gesehen. Mit Max habe ich fast 2 Stunden zusammengesessen. Und schon in dem Alter hat sich eine unwahrscheinliche Reife herauskristallisiert. Da wohnte der Geist eines 25-Jährigen im Körper eines 16-Jährigen. Parallel dazu gab es diesen unglaublichen Willen, im Motorsport erfolgreich zu sein. Und auch das Wissen über seine eigene Qualitäten und diese unglaubliche Selbstsicherheit. Die drückt sich auch genau dann aus, wenn er kritisiert wird. Er antwortet ja nicht arrogant, sondern äußert seine Meinung und lässt sich durch Weltmeister oder sonstige, die da monieren, in keiner Weise einschüchtern.

Die Entscheidung pro Kvyat und gegen Gasly bei Toro Rosso zeigt, dass es im Moment ein Mangel an Talenten gibt. Ist das Zufall oder sehen Sie da irgendeinen Trend?

Marko: Ich weiß es nicht, ob es Zufall oder Trend ist. Aber Fakt ist, dass außer Verstappen kein richtiger Knaller unterwegs ist. Und je weiter man in den Kategorien hinunterschaut, desto trauriger wird es.

Toro Rosso-Fahrer sollen in der Theorie ja irgendwann zu Red Bull aufsteigen. Aktuell sind die Fahrer bei Red Bull aber langfristig unter Vertrag. Hat ein Sainz oder Kvyat überhaupt die Chance aufzusteigen?

Marko: Motorsport ist gefährlich. Ich will es nicht hoffen, aber es kann ja immer etwas passieren – krankheitsbedingt oder etwas wie der Zwischenfall mit Alonso bei den Testfahrten. Wenn dann einer ausfällt, wollen wir gute Reserven haben. Die haben wir bei Toro Rosso. Das andere ist, dass Toro Rosso im nächsten Jahr auch mit Renault-Motor fährt. Es wird technisch sicher ein gutes Auto. Und da wollen wir mit 2 Top-Fahrern endlich in der Punkte-Wertung weiter nach vorne kommen. Gasly ist jung. Der kann ruhig noch warten. Es ist kein Malheur, wenn er jetzt noch nicht aufsteigt. Außerdem hätte er in der GP2 den Titel schon dreimal in der Tasche haben müssen, wenn er weniger Fehler gemacht hätte.

Adrian Newey arbeitet in der Formel 1 nur noch Teilzeit. Trotzdem hat Red Bull dieses Jahr einen Aufschwung erlebt. Wie wichtig ist er noch für das Team? Kommt die Entwicklungsabteilung auch ohne ihn zurecht?

Marko: Adrian ist nicht Teilzeit-Mitarbeiter, er ist eine Vollzeit-Arbeitskraft. Aber er teilt seine Arbeit zwischen dem Aston Martin Sportwagenprojekt und dem Rennsport auf. Adrian ist irrsinnig wichtig, weil er einer der erfahrensten und besten Designer. Und natürlich ist er auch ein Racer. Je größer die Chancen für uns sind, desto intensiver und interessierter arbeitet er. Regeländerungen wie 2017 sind immer seine Stärke gewesen. Also, er ist sehr gut eingebunden.

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