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Interview mit Alain Prost

"Nicht klug, Platz 5 auszurufen“

Alain Prost - Renault - Formel 1 - Hülkenberg - Sainz Foto: sutton-images.com 50 Bilder
Interview

Alain Prost ist heute Markenbotschafter von Renault. Der vierfache Weltmeister spricht über das verfehlte Saisonziel des Formel 1-Teams, über Fahrer von heute und gestern und über die Tücken einer Budgetdeckelung.

06.12.2017 Michael Schmidt
Wie lief die Saison für Renault?

Prost: Ich fand es nicht richtig, dass wir zu Saisonbeginn Platz 5 als Ziel ausgegeben haben. Natürlich muss man sich Ziele setzen, aber in unserem Fall halte ich es für falsch, einer Zahl hinterherzurennen. Wichtig ist, dass der Fahrplan stimmt. Dass sich das Team so entwickelt, um das zu erreichen, was wir irgendwann erreichen wollen. Da muss man auch hinter die Kulissen schauen. Wir sind auf Platz 6 gelandet. Das ist natürlich nicht das, was wir wollten. Aber auch ohne den 5. Platz bin ich mit der Entwicklung des Teams zufrieden.

Inwiefern?

Prost: Wir dürfen nicht vergessen, dass Renault nach der Übernahme von Lotus praktisch bei Null begonnen hat. Ich habe immer gesagt, dass es Zeit brauchen wird, und vielleicht mehr Zeit als wir denken. Doch in den letzten zwei Jahren hat sich schon viel getan. Wir haben viele gute Leute an Bord genommen. Junge, talentierte Ingenieure, aber die können nicht gleich Ergebnisse abwerfen. Sie müssen zusammenarbeiten, sich einfügen. Das Team muss sich stabilisieren, möglicherweise Arbeitsprozesse modifizieren. Ich kenne das von meinem eigenen Formel 1-Team vor 20 Jahren. Wir haben mit 60 Leuten angefangen und mit 250 aufgehört. Das war ein langer Prozess. Renault befindet sich gerade in dieser Aufbauphase. Da kann man nicht viel bessere Ergebnisse erwarten, als das, was wir haben. Wir sollten uns in der Phase noch nicht zu viel Druck aufladen. Der kommt später von allein.

Ist die Formel 1 für Renault heute so wichtig wie damals, als Sie für die Marke gefahren sind?

Prost: In den 80er Jahren hatte Renault ein schlechtes Image in Bezug auf die Zuverlässigkeit seiner Autos. Sie sind mit einer neuen Technologie in die Formel 1 eingestiegen, ein echtes Abenteuer zu der Zeit, sie haben Rennen gewonnen und beinahe auch die Weltmeisterschaft, und sie haben die Turbo-Motoren salonfähig gemacht. Danach war das Image der Marke ein ganz anderes. Renault verkauft heute überall in der Welt Autos, wir sind zusammen mit Nissan und Mitsubishi die größte Gruppe der Welt. Wir müssen deshalb in der Formel 1 erfolgreich sein. Vielleicht ist der Sieg nicht ganz so wichtig wie für einen Premiumhersteller wie Mercedes, aber das Ziel muss sein, irgendwann in den Top 3 zu landen.

Renault hat Ihr Talent erkannt, Sie 1981 von McLaren weggeholt und als Galionsfigur für ihr Projekt genutzt. Ist Nico Hülkenberg heute in einer vergleichbaren Situation?

Prost: Das war damals eine andere Situation. Renault war ein rein französisches Team. Ich wurde damals fünf, sechs Mal im Jahr in Fabriken in Frankreich geschickt, um mit Mitarbeitern zu reden, ihnen das Gefühl zu geben, dass wir für eine große Sache kämpfen. Heute ist Renault ein internationaler Rennstall. Nico bedient den deutschen Markt, der wichtig für uns ist, Carlos Sainz Spanien und Südamerika. Das Marketing ist ganz anders geworden. Intern ist es ähnlich wie damals. Bei einem großen Team wie diesem brauchst du einen Motivator. Das müssen auch die Fahrer sein.

Nächstes Jahr gibt Renault Motoren an Red Bull und McLaren. Ist es klug, sich intern so starke Konkurrenz zu schaffen?

Prost: Für mich ist das ein positiver Druck. Obwohl es schwierig wird. Das Werksteam wird nächstes Jahr gegen zwei etablierte Mannschaften fahren, wo die ganze Organisation schon vorhanden ist, die Renault gerade aufbaut. Und beide haben Topfahrer, vielleicht sogar die besten. Auf dem Papier können wir Red Bull und McLaren nicht schlagen. Aber wir werden nächstes Jahr besser sein. Und der Vergleich mit den Kundenteams wird uns helfen, Erfahrungen zu sammeln, um näher an die Topteams heranzurücken. Wir sind hier für längere Zeit. Wichtig ist, dass wir jedes Jahr Fortschritte machen. Am Ende werden wir jeden schlagen müssen, wenn wir gewinnen wollen.

Die Topteams liegen eineinhalb Sekunden vor dem Mittelfeld. Wie schwierig wird es, das aufzuholen?

Prost: Das ist ein riesiger Abstand. Speziell mit den Autos von heute. Du kannst nicht wie früher das Rad neu erfinden. Du kannst nicht jede Woche testen, um aufzuholen. Der Unterschied liegt hauptsächlich im Chassis. Und das holt man nicht in einem Jahr auf. Wir alle wissen, dass die letzten drei Zehntel die schwierigsten sind. Da geht es an die Details. Und die musst du verstehen. Das ist ein langwieriger Prozess. Schauen Sie sich die Autos an. Sie sind so komplex, die Verarbeitung so präzise, die Formen so aufwendig, dass man das nicht im Handumdrehen lernt.

Ihre Ära war mit Senna, Piquet, Mansell und Ihnen fahrerisch überragend besetzt. Sehen Sie gerade ein ähnlich gutes Fahrerfeld?

Prost: Auf jeden Fall. Wir haben nicht nur fahrerische Klasse, sondern auch wie damals unterschiedliche Charaktere im Feld. Hamilton, Verstappen, Vettel, Alonso, auch Ricciardo. Der Unterschied zu damals ist, dass heute nicht alle dieser Fahrer ein Auto zum Gewinnen haben. Wenn du im falschen Auto sitzt, hast du keine Chance. Wir konnten damals noch ein Defizit vom Auto überspielen. Das ist heute nicht mehr möglich. Sehen sich nur Alonso an.

Wir haben die schnellsten Autos aller Zeiten. Nico Hülkenberg hat mir erzählt, dass Ihr Renault RE40 von 1983 trotzdem schwerer zu fahren ist. Wie passt das zusammen?

Prost: Ich bin noch kein aktuelles Auto gefahren, aber eines aus dieser Ära. Bitte nicht falsch verstehen: Diese Autos heute sind wirklich einfacher zu fahren. Nur ein Beispiel. Ich habe mir Brendon Hartley an seinem ersten Trainingstag in Austin angeschaut. Er hat sich unglaublich schnell eingefügt und ist sehr gut gefahren. Das wäre in unserer Zeit nicht möglich gewesen. Aber das gleiche Bild erleben wir auch auf der Straße. Die Straßenautos von heute fahren sich viel bequemer und einfacher als vor 30 Jahren. Die Formel 1-Autos sind ohne Zweifel viel schneller. Aber auch komfortabler. Wir mussten noch mit der Hand schalten, hatten weniger Abtrieb, dafür mehr mechanischen Grip. Das wäre für die Zukunft der Formel 1 die bessere Lösung.

Williams hat Massa in Ungarn durch di Resta ersetzt. Toro Rosso brauchte fünf Tage, um in den USA eine Vertretung für Gasly zu finden. Warum gibt es so wenig Nachwuchs?

Prost: Es gibt eine Reihe guter junger Fahrer, aber sie sind langfristig unter Vertrag in verschiedenen Nachwuchsprogrammen. In meiner Zeit hatten junge Fahrer Verträge, die maximal drei Jahre lang hielten. Dann waren wir frei.

Das Formel 1-Managenent hat seine Pläne für die Motoren ab 2021 vorgestellt. Was erwarten Sie vom Motor der Zukunft?

Prost: Es ist gut, wenn die Motoren einfacher und billiger werden. Ich weiß, dass einige Leute am liebsten zu Achtzylinder-Saugmotoren zurückgehen würden. Für einen Automobilhersteller ist das unmöglich zu rechtferrtigen. Wir brauchen den richtigen Kompromiss.

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Renault baut gerade sein Team auf. Ab 2019 kommt eine Budgetdeckelung. Muss das Team dann wieder schrumpfen?

Prost: Ich sehe nicht, wie das funktionieren soll. Als ich mein eigenes Team hatte, hätte ich mir eine Budgetdeckelung gewünscht. Ich hatte zuletzt 250 Mitarbeiter. Bei McLaren waren es 550. Das Problem war, dass ich in Frankreich für einen Mitarbeiter mehr Geld bezahlt habe als McLaren in England. Man müsste erst einmal jedes Land einzeln behandeln. Das nächste Problem wird sein, die Leute zu entlassen, wenn die Teams gesundschrumpfen müssen.

Ich mag die Technologie der Formel 1. Bis auf die Aerodynamik. Die ist zu extrem geworden. Wir geben auf diesem Gebiet mittlerweile ein Vermögen aus. Und die Aerodynamik bestimmt über Sieg oder Niederlage. Wenn man in der Formel E die Aerodynamik freigeben würde, würde auch da das ganze Geld dafür ausgegeben. Weil es mehr Rundenzeit bringt, als die Batterien zu verbessern. Wenn wir in der Formel 1 Geld sparen wollen, sollten wir Windkanäle verbieten. Das würde die Aerodynamik vereinfachen. Damit gäbe es nicht mehr Prioritäten wie heute. Erst Aerodynamik, dann Motor, dann alles andere. Ich bin einer Budgetdeckelung gegenüber offen, aber ehrlich gesagt pessimistisch, dass sie funktioniert.

Mit einem Kostendeckel könnte Renault aus der Formel 1 ein Profitcenter machen. Wäre das nicht verlockend?

Prost: Es geht nicht darum, ob gut oder schlecht. Natürlich wäre es gut. Die Frage ist, ob es funktioniert. Und wenn es nicht funktioniert, ist es schlechter als vorher. Der Schlüssel ist es, den kleinen Teams eine Chance zu geben, vorne mitzufahren. Wenigstens hin und wieder. Der einzige Weg, das zu ermöglichen, ist, die technischen und sportlichen Regeln zu ändern. Mehr Freiheit in Dingen, die wenig Geld kosten. Wenig Freiheit in Dingen, die teuer sind. Wie die Aerodynamik. Wir müssen die Regeln komplett ändern, weil es sonst für neue Teams unmöglich ist, in die Formel 1 einzusteigen. Bei den etablierten Teams hat sich so viel Wissen angesammelt, dass da keiner mithalten kann. Ich habe da eine klare Idee in meinem Kopf. Leider will keiner zuhören, weil jeder seine eigenen Interessen schützt.

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