Interview mit McLaren-Chef Zak Brown

„Wollten Licht auf McLaren werfen“

Zak Brown - McLaren - Formel 1 Foto: xpb 51 Bilder
Interview

McLaren-Chef Zak Brown spricht im Interview mit auto motor und sport über eines der schwierigsten Jahre des Teams, warum die Trennung von Honda sein musste, über seine Fahrer, warum das Indy-Abenteuer nicht wiederholbar ist und warum McLaren die Pläne der neuen Formel 1-Besitzer unterstützt.

Wie würden Sie diese Saison auf einer Skala von 1 bis 10 benoten?

Brown: Wenn sie nur die Resultate bewerten, dann muss ich uns eine 1 von 10 geben. Wir sind nur Neunter in der Meisterschaft geworden. In Bezug auf die Arbeit des Teams, die Moral in der Mannschaft, unser Indy 500-Abenteuer, unsere Fan-Basis und den Fortbestand unserer Fahrerpaarung war es eine großartige Saison. Wenn wir irgendwann einmal auf dieses Jahr in der McLaren-Geschichte zurückblicken, werden wir es wahrscheinlich am liebsten streichen wollen. Aber wir werden vielleicht auch sagen können, dass es der Start einer neuen Ära war.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt: Wir haben da ein Problem?

Brown: Erste Anzeichen gab es schon vor den Testfahrten. Die Daten waren nicht gerade vielversprechend. Nach dem ersten Testtag mit mehreren Motorwechseln haben wir erkannt: Das ist ein großes Problem. Da ist etwas Fundamentales falsch. Dafür gibt es keine schnelle Lösung. In dieser Phase haben wir uns überlegt, wie wir da am schnellsten wieder rauskommen. Es kam alles auf den Tisch. Eine Auszeit nehmen, den Motorpartner wechseln, andere Motorenhersteller zur Zusammenarbeit mit Honda bitten. Wir haben alle Szenarien durchgespielt, aber keine von ihnen war praktikabel. Beim Grand Prix vom Kanada haben wir die Entscheidung getroffen: Es ist Zeit für einen anderen Motor.

Wie schwierig war es in der Frühphase, das Team zu motivieren, das Auto so weiterzuentwickeln, als würden Sie um Siege fahren?

Brown: Ich war ja neu im Team und musste auch erst Erfahrung sammeln. Was mich am meisten überrascht hat: Ich musste die Jungs nicht motivieren. Sie geben immer alles. Das steckt in ihren Köpfen drin, so sind sie gepolt. Das ist die Kultur dieses Teams. Deshalb haben sie auch so viele Weltmeisterschaften gewonnen. Wir wussten natürlich auch, dass sich jede Entwicklung in diesem Jahr nächste Saison auszahlen wird. Hätten wir die Hände in den Schoß gelegt, hätten wir 2018 dafür büßen müssen. Das Team um Eric Boullier hat einen tollen Job gemacht. Alles, was wir in der Fabrik entwickelt haben, hat auch auf der Rennstrecke funktioniert.

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McLaren hat offensichtlich ein gutes Chassis. Aber wie schwierig ist es, ein ehrliches Urteil zu treffen. Können Sie so einfach sagen: Hätten wir 80 PS mehr, würden wir gewinnen?

Brown: Mit GPS-Messungen kannst du zu 90 Prozent herausfinden, wo du landen würdest, hättest du mehr Motorleistung. Oder ein besseres Auto. Die letzten 10 Prozent musst du dann auf der Rennstrecke beweisen. Wir können messen, wie viel Zeit wir auf der Geraden verlieren. Was im Dunkeln liegt, ist, wie die Aerodynamik funktionieren würde, wenn wir mit 10 Meilen pro Stunde schneller auf die Kurve zufahren. Wir haben ein gutes Gefühl, wie wir mit mehr Power abschneiden würden, aber die Wahrheit erfährst du nur auf der Rennstrecke.

In den letzten paar Rennen konnte McLaren auf jeder Rennstrecke aus eigener Kraft in die Punkte fahren. Wie haben Sie den Schalter umgelegt?

Brown: Das Auto war zum Schluss auf allen Strecken gut genug, auf die Plätze 8, 9 oder 10 zu fahren. Für weiter nach vorne hätten wir die Hilfe anderer gebraucht. Ich würde zwei entscheidende Punkte nennen: Die letzten Entwicklungen am Auto haben uns einen guten Schritt nach vorne gebracht, und der Motor wurde standfester.

Wie haben Ihre zwei Fahrer die Enttäuschung weggesteckt, dass sie mit diesem Auto keine Bäume ausreißen konnten. War es leichter für den erfahrenen Alonso oder den Rookie Vandoorne?

Brown: Frustriert waren beide. Hin und wieder haben sie es auch gezeigt. Dafür haben wir Verständnis. Sportler müssen Emotionen zeigen. Aber ihre Kritik war nie destruktiv. Sie haben trotz der Enttäuschungen immer gekämpft. Stoffel konnte damit besser leben, weil er wusste, dass seine erste Saison ein Lehrjahr sein würde. Für Fernando war es schlimmer. Er wollte gewinnen, und es ging nicht.

Was war schlimmer: die Defekte oder das Defizit an Motorleistung?

Brown: Es war beides gleich schlimm. Wenn ich wählen könnte, hätte ich lieber mehr Power gehabt. Dann wären wir wenigsten in der Lage gewesen, zu zeigen, das wir vorne fahren können.

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Ihr neuer Motorpartner Renault hatte auch seine Probleme mit der Zuverlässigkeit. Sehen Sie das mit Sorge?

Brown: Nicht mehr als es mit jedem anderen Motorpartner gewesen wäre. Wer am Limit entwickelt, muss Schäden in Kauf nehmen. Wir schauen auf die positive Seite: Max Verstappen hat mit einem Renault-Motor den Grand Prix von Mexiko dominiert. Renault kennt seine Probleme und sie wissen, was sie tun müssen. Sie haben am Ende der Saison noch einmal Gas gegeben, um nächstes Jahr besser zu sein. Ich bin happy, dass sie diese Entwicklungsarbeit jetzt machen und nicht am Anfang des nächsten Jahres. Im Moment sind wir nur Zuschauer.

Muss sich McLaren 2018 mit Red Bull vergleichen lassen?

Brown: Red Bull ist ein großartiges Team. Es liegt aber auf der Hand, dass wir mit ihnen verglichen werden. Wir haben den gleichen Motor. Für uns ist es eine großartige Messlatte. Und wir werden uns daran messen lassen.

Ihr größter Coup in diesem Jahr war der Start beim Indy 500. Wurde diese Idee auch deshalb geboren, um Fernando Alonso bei Laune zu halten?

Brown: Wir haben uns nie die Frage gestellt: Was können wir tun, damit Fernando happy ist? Es ging mehr darum, das Erbe von McLaren wieder aufleben zu lassen. Wir sind eine Gruppe von Rennverrückten und haben in der Vergangenheit an vielen Rennserien außerhalb der Formel 1 teilgenommen. Wir wussten, dass Fernando einmal das Indy 500 fahren wollte. Und wir wollten es auch. Amerika ist ein wichtiger Markt für uns. Diese Umstände haben die Idee geboren. Wir haben es für die Marke getan. Wir konnten nicht einfach nur rumsitzen und unser Schicksal in der Formel 1 akzeptieren. Wir wollten wieder etwas Licht auf McLaren werfen.

Hat Sie das Echo auf diesen Einsatz überrascht?

Brown: Ja. Und es wird schwer sein, das zu wiederholen. Angefangen von der Ankündigung. Keiner hat davon gewusst. Es gab nicht mal Gerüchte. Wir haben alle überrascht. So etwas wird uns kein zweites Mal gelingen. Es war großartig, dass Fernando mitgemacht hat. Nicht viele Fahrer würden beim Indy 500 antreten. Unsere Anteilseigner fanden es auch großartig und haben es von Anfang an voll unterstützt.

Wäre ein Einsatz von Alonso in Le Mans vergleichbar?

Brown: Es wäre eine große Geschichte, aber nicht so gewaltig wie Indianapolis. Weil es nicht aus heiterem Himmel kommt. Fernando hat angekündigt, dass er eines Tages in Le Mans fahren wird. Alle sind vorbereitet. Er fährt in Daytona, er hat ein Le Mans-Auto getestet.

Zurück zu den Motoren. Renault und Honda haben immer noch ihre Probleme mit diesem Motor, obwohl wir bereits im vierten Jahr der Hybrid-Ära sind. Ist die Lehre daraus, dass diese Motoren zu kompliziert sind, dass wir etwas einfacheres, billigeres brauchen?

Brown: Es könnte nächstes Jahr mit drei Motoren pro Auto noch schwieriger werden. Mercedes und Ferrari haben es im Griff. Renault ist konkurrenzfähig, arbeitet aber noch an der Standfestigkeit. Honda hat seine Mühe. Auf dieser Erkenntnis kann man sagen: Die Entscheidung für diese Motoren vor fünf Jahren war möglicherweise falsch. Die große Frage ist: Sollen wir den nächsten Motor auf dieser Basis vereinfachen oder etwas ganz Neues bauen? Wir brauchen etwas, dass bessere Rennen ermöglicht. Mit einer zu komplexen Technik ist das nicht zu machen.

Die neuen Besitzer haben einen Masterplan. Das große Bild ist bekannt, die Details noch nicht. Wie sehen Sie die Pläne von Liberty?

Brown: Wir unterstützen sie in vollem Umfang. Ihre Pläne, wo sie den Sport hinbringen wollen und wie sie es im Prinzip umsetzen wollen sind richtig. Es ist kein einfacher Job. Sie haben ein Produkt gekauft, das in vielen Punkten seine Schwächen hat. Das kann man nicht über Nacht reparieren. Und Liberty muss es vor dem Hintergrund tun, dass jedes Team seine eigene Agenda hat. Der Teufel steckt im Detail.

Der Sport soll billiger werden. Findet das auch Ihre Unterstützung?

Brown: Absolut. Die Budgets sind außer Kontrolle geraten. Das Geld, das du zum Gewinnen brauchst, ist nicht mehr tragbar. Und man braucht gar nicht so viel, um großartige Rennen zu veranstalten. Die Fans beklagen sich über die hohen Ticketpreise. Doch warum sind sie so hoch? Weil wir so viel Geld brauchen, um Rennsport zu betreiben. Das zwingt die Rechteinhaber, möglichst viel Geld einzuspielen, um es an uns auszuzahlen, weil wir unsere riesigen Budgets finanzieren müssen. Und eine Einnahmequelle sind die Veranstalter. Das übt zu viel Druck auf das System aus. Druck, der unnötig ist. Du kannst die besten und schnellsten Rennautos mit den besten Fahrern der Welt um 150 Millionen Dollar fahren lassen. Es ist nicht nötig, dafür 400 Millionen auszugeben.

In so einem System muss auch McLaren Personal abbauen. Was ist schwieriger für eine Firma: zu wachsen oder zu schrumpfen?

Brown: Für uns ist es einfacher, das Problem zu lösen als für andere Teams, weil McLaren sehr vielseitig ist. Wir nehmen an anderen Rennserien teil, bauen Straßenautos. Beides ist ausbaufähig. Wir können unsere Angestellten in andere Projekte stecken.

Wie schwierig ist es für Sie, Sponsoren nach einer Saison mit bescheidenen Resultaten zu finden?

Brown: Es war sehr schwierig. Zum Glück habe ich auf diesem Gebiet Erfahrung. Es dauert ein Jahr, bis du neue Partner gefunden hast. Während der Saison findest du keine, erst recht nicht, wenn du in Problemen steckst wie wir. Deshalb konnten wir potenziellen Sponsoren nicht mehr die Geschichte verkaufen, dass nächstes Jahr alles besser wird. Das war einer der Gründe, warum wir einen neuen Motorlieferanten brauchten. Wir mussten beweisen, dass wir bereit sind, Dinge zu ändern und unsere Fahrer zu halten. Die Leute glauben immer noch an McLaren, sie glauben an Renault, und sie glauben an Alonso und Vandoorne. Sie haben Vertrauen, dass wir wieder erfolgreich sein können. Deshalb kann ich sagen, dass unsere Gespräche mit neuen Sponsoren sehr gut verlaufen.

Die Qualitäten von Alonso sind bekannt. Wie gut ist Stoffel Vandoorne?

Brown: Ich glaube, Fernando ist der beste und kompletteste Fahrer der Welt. Stoffel hatte als Neuling eine sehr schwierige Saison. Wegen der Zuverlässigkeitsprobleme kam er nicht so viel zum Fahren wie er sollte. Er musste viele Strecken neu lernen. Trotzdem war er in der zweiten Saisonhälfte sehr nah an Fernando dran, auf einigen Strecken sogar schneller. Er ist ein großartiger Rennfahrer. Wir sind happy mit ihm.

Mit Lando Norris an Bord werden Sie bald die Qual der Wahl haben.

Brown: Ich betrachte das als Luxusproblem. Lando ist das größte Talent im Motorsport und ein kommender Formel 1-Star. Deshalb habe ich vor der Zukunft keine Angst. Wir haben ein sehr gutes Auto, freuen uns auf unseren neuen Motor, haben drei exzellente Fahrer und die volle Unterstützung unserer Anteilseigner und ein Rennteam, das hungrig ist. Für mich könnte die neue Saison morgen beginnen.

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