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Interview mit Formel 1-Weltmeister Lewis Hamilton

Vierkampf-Vorfreude und Rücktritts-Frage

Lewis Hamilton - GP Abu Dhabi 2017 Foto: sutton-images.com 52 Bilder
Interview

Lewis Hamilton erzählt im Gespräch mit auto motor und sport, wie er das Ruder in der WM nach der Sommerpause herumgerissen hat, warum er Fernando Alonso als Gegner am meisten fürchtet und in welcher Zerrissenheit er sich in der Frage befindet, wann der beste Moment zum Rücktritt ist.

04.12.2017 Michael Schmidt 1 Kommentar
Haben wir nach der Sommerpause einen noch besseren Hamilton gesehen?

Hamilton: Der Wendepunkt war eigentlich Silverstone. Es war wie wenn ein Segler nach einer Flaute plötzlich Wind bekommt. Ein gut gesetzter Schlag von Anthony Joshua, der den Gegner anzählt. Genau dieses Gefühl hatte ich in Silverstone. Wir sind nach Ungarn gefahren und waren nicht schnell. Aber das hat uns nicht runtergezogen. Weil wir wussten, was wir können. Es war ein schwieriges Wochenende in Budapest, aber es hat das Team zusammengeschweißt, nach allem was dort passiert ist (Stallregie Bottas). Und das gab dem ganzen Team einen Ruck. Obwohl wir in Ungarn nicht gewonnen haben, war es für die Einheit des Teams ein großer Sieg. Danach haben wir alle viel besser zusammengearbeitet.

Sie sprachen aber auch von einer großen Veränderung in der Sommerpause.

Hamilton: Ich habe die Pause genossen. Es war eine wunderbare Zeit. Ich war sehr vorsichtig darin, wie ich meine Energie auf diese vier Wochen aufgeteilt habe. Am Anfang ließ ich es ruhig angehen, habe mich erholt. Dann das Training gestartet und bin extrem ausgeglichen zu den nächsten Rennen gekommen. Ich fühlte mich unglaublich stark. Ich hatte mich in der Pause auch mit meinem Auto beschäftigt, habe versucht, es besser zu verstehen, herauszufinden, was es von mir will und wie ich es fahren muss, damit es macht, was ich will.

Lewis Hamilton - GP Mexiko 2017 Hamilton im Weltmeister-Porträt Der beste Hamilton aller Zeiten
Sind Sie jemals in einem Rennauto gefahren, das so schwer zu verstehen war?

Hamilton: Der McLaren 2008 war auch heikel. Das Auto von 2009 einfach schrecklich. Aber der Mercedes von diesem Jahr war das Auto, das am schwierigsten zu verstehen war. Einige der Probleme schleppen wir seit Jahren mit uns herum. Diese Saison hat uns gezeigt, dass wir sie lösen müssen. Ich hoffe, dass einige Defizite nächstes Jahr verschwinden. Aber vielleicht tauchen dann neue auf. Wir mussten für diese Saison ein neues Auto bauen und das hat die Probleme zum Teil vergrößert. Die Reifen haben das Fahrverhalten verändert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es war ein wunderbares Auto, aber es war nicht immer einfach, es zum Arbeiten zu bringen.

Haben wir nach der Pause den besten Hamilton aller Zeiten gesehen?

Hamilton: Ja. Ich wollte noch einmal einen Schritt machen. Aber das ist ja eigentlich immer so. Du kommst zu einem Rennen und willst dein Potenzial und das des Autos voll ausschöpfen. Wenn du dann einmal im Auto setzt, willst du das noch übertreffen. Den letzten Tropfen herauspressen, was kein anderer schafft. Das gleiche ist hier im großen Bild passiert. Manchmal passiert es dann, dass dein Auto es nicht zulässt, das Maximum rauszuholen. Da ich es aber besser verstanden habe, konnte ich besser damit umgehen. So haben wir selbst in Rennen, in denen wir nicht so stark ausgesehen haben, mehr rausgeholt als gedacht.

Haben Sie ihre eigenen Grenzen verschoben?

Hamilton: So einfach ist das nicht. Es gibt einen schmalen Grat zwischen das Auto zu überfahren und mehr rausholen als möglich. Die Leute haben gesagt, dass wir dieses Jahr das beste Auto hatten. Aber es hatte auch seine Problemzonen. Was wir in Ungarn erlebt haben. Aber mit diesen Situationen konnte ich jetzt besser umgehen.

Also Schadensbegrenzung?

Hamilton: Nein, so denke ich nicht. Es geht nicht darum, Schaden zu begrenzen. Es geht darum, wie viel ich geben kann. Da habe ich mich verbessert. Du hast nur eine bestimmte Menge Energie. Die Kunst ist es, sie optimal einzusetzen. Ich habe da eine gute Balance gefunden. Die Leute haben mich oft gefragt, warum ich zwischen den Rennen so viel herumreise. Weil ich das für meine innere Balance brauche.

Wie wichtig war das Treffen mit Toto Wolff letzten Winter?

Hamilton: Wenn du ins Büro gehst, und du hast das Gefühl, dass dein Chef dich nicht da haben will, dann belastet das das Arbeitsklima. Du kannst einfach nicht mehr die beste Leistung bringen. Dieses Treffen war wirklich wichtig. Ein Neustart. Wenn ich jetzt an der Rennstrecke ankomme, wissen alle Leute, dass ich mein Maximum gebe. Und damit arbeiten sie auch noch eine Spur härter. Diese Zweifel haben wir ausgeräumt.

Sie waren wieder der Teamkapitän?

Hamilton: Ich sehe mich nicht als Teamkapitän. Ich bin nur ein Glied in einer langen Kette. Das Geheimnis ist es, die Verbindung zwischen den Kettengliedern so stark wie möglich zu machen.

Wie sehen Sie das Duell mit Vettel. Ist er unter Ihrem Druck eingebrochen?

Hamilton: Das wäre nur Spekulation. Von außen ist das schwer zu beurteilen. Du machst immer so viel Druck wie du kannst und hoffst darauf, dass der andere eine Schwäche zeigt. Das ist wie im Tennis. Wenn Federer gegen Nadal spielt, wartet der eine auf eine kleine Schwäche des anderen. Ein halbes Prozent reicht da schon aus. So war das auch zwischen uns. Ich glaube der Schlüssel lag darin, wer die konstantesten Leistungen gezeigt hat. Ich vergleiche diese Saison mit einem 100-Meter-Lauf von Usain Bolt. Er kommt ja auch oft schlecht aus den Startblöcken. Doch dann schlägt er zurück. Ich war auch am Ende der Saison besser.

Kennen Sie Vettel nach diesem Duell besser?

Hamilton: Natürlich. Ich werde Ihnen aber nicht erzählen, was ich über Sebastian gelernt habe. Ich gehen davon, dass er nächstes Jahr gestärkt zurückschlägt. Aber ich habe keine Angst davor. Wenn ich alles gebe, kann ich gegen jeden dagegenhalten.

War es ihre beste Saison?

Hamilton. Meine kompletteste und sauberste. Mit Russland und Monaco bin ich nicht zufrieden. In Österreich hatte ich die Getriebestrafe. Sonst habe ich mir keine Fehler vorzuwerfen. Das macht mich stolz.

Max Verstappen - GP Mexiko 2017 Schmidts F1-Blog Mehr Crashs im nächsten Jahr
Nehmen wir an, Mercedes, Ferrari, Red Bull und McLaren haben 2018 gleichwertige Autos. Welchen Gegner fürchten Sie am meisten?

Hamilton: Ich sehe Vettel, Verstappen, Alonso und mich in einem engen Rennen. Man, wäre das ein Kampf. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr gegeneinander fahren. Wir sind alle ein bisschen verschieden. Ein paar Millimeter vielleicht, aber nach außen sieht es größer aus. Auch im Rad-an Radkampf. Mit Sebastian werde ich mir nach den diesjährigen Erfahrungen mehr Platz lassen. Auch bei Max, aber aus anderen Gründen. Er geht im Zweikampf hohe Risiken ein. Der härteste Knochen ist Fernando. Ich habe den höchsten Respekt vor ihm. Wenn du ihn schlagen willst, musst du alle Karten richtig ausspielen. Du kannst mit ihm wirklich auf engstem Raum kämpfen. Sein Renninstinkt ist eine Macht. Auch Max hat viel davon, und er wird noch besser werden. Was wäre das für ein Vierkampf. Sogar ich würde Geld dafür bezahlen.

Wie viel und wie oft denken Sie außerhalb der Rennstrecke über die Formel 1 nach?

Hamilton: Eigentlich jeden Tag. Aber ich bin nicht besessen davon. Wenn du zu viel darüber nachdenkst, kann das auch kontraproduktiv sein. Kurz vor dem Rennen in Brasilien habe ich unserem Ingenieur Andrew Shovlin eine SMS geschrieben: Wie wird unser Auto dort laufen? Mit welchen Problemen müssen wir rechnen? Haben wir eine Chance zu gewinnen? Ich denke also schon regelmäßig darüber nach, aber weil ich auch viele andere Dinge im Kopf habe, geht mir oft die Zeit aus. Ich habe viele Projekte außerhalb des Motorsports, die eine genaue Planung verlangen. Ihr werdet sie in den nächsten Jahren erfahren.

Wie schalten Sie ab?

Hamilton: Ich versuche jeden Tag abzuschalten. Mein Job streift meine Gedanken, aber er beherrscht sie nicht. Ich muss immer etwas zu tun haben. Die Leute fragen oft: Wäre es nicht besser mal auszuspannen? Für mich nicht. Meine Zylinder müssen immer unter Feuer stehen. Runter bringen mich nur Filme und Musik. Wenn ich mir einen Film anschaue, versuche ich mir immer vorzustellen, ich wäre einer der Darsteller.

Welchen Unterschied hat Ihre Diät gemacht?

Hamilton: Energie hatte ich schon immer mehr als genug. Aber seit ich kein Fleisch mehr esse, versumpfe ich nicht mehr. Ich habe keine Magenprobleme mehr, fühle mich sauberer. Es ist nicht einfach, eine Diät zu beginnen, bei all den Versuchungen. Aber wenn du die Grenze einmal überschritten hast, dann kannst du plötzlich kein Fleisch mehr sehen. Und ich mochte es mal. Ich will nicht mal mehr in Steakrestaurants gehen, weil ich die nicht unterstützen will. Für mich ist der Verzicht kein Kampf. Ich lebe jetzt von Salat und esse viel mehr Kohlenhydrate. Davor habe ich das Gegenteil gemacht. Es hat mein Leben verändert. Ich fühle mich so gut wie nie.

Was hat Sie dazu gebracht?

Hamilton: Freunde, die als Veganer leben. Sie haben mir Dinge erzählt, von denen ich keine Ahnung hatte. Als ich gesehen habe, was Fleisch essen anrichtet, habe ich mich Schritt für Schritt davon wegbewegt. Seit zweieinhalb Jahren esse ich kein rotes Fleisch mehr, seit Anfang des Jahres kein Hühnerfleisch, und ich habe von Fisch gelebt, bis ich diese Dokumentation gesehen habe.

Sie haben keinen Trainer. Warum?

Hamilton: Ich wollte zurück zu meinen Wurzeln. Vor der Formel 1 hatte ich auch keinen Trainer. Ich erinnere mich an die Tage, als ich um 6 Uhr morgens aufstand, weil mein Dad um diese Zeit zur Arbeit ging. Ich bin ins Fitnessstudio gegangen und habe hart trainiert, weil mein Vater hart gearbeitet hat und ich mir sagte, ich darf nicht nachlassen, wenn ich dieses Ziel Formel 1 erreichen will. Einmal habe ich so hart trainiert, dass ich abends auf dem Weg nach Hause im Auto eingeschlafen bin. Heute will ich keinen Trainer mehr, weil ich so selbst bestimmen kann, was ich mache. Sie treten dich, nörgeln herum, sagen dir, was du machen sollst. Trotzdem kannst du dabei selbstgefällig werden. Und auch ein bisschen faul. Weil du dich ja immer auf das Programm des Trainers verlässt. Jetzt bestimme ich selbst Tempo und Umfang.

Wie sehr sind Sie als Person gereift?

Hamilton: Du wächst jeden Tag. Du verbesserst dich ständig, im Treffen von Entscheidungen, im Einhalten deiner Werte und im Wertschätzen bestimmter Dinge, die dir wichtig sind. Beim Fahren fühle ich mich heute wie im Alter von 8 Jahren im Kart. Ich genieße es. Aber unser Sport besteht nicht nur aus Fahren. Es geht darum, alle Puzzlesteine an die richtige Stelle zu bringen.

Wie lange wollen Sie noch Formel 1 fahren?

Hamilton: Ich habe noch ein Jahr Vertrag mit dem Team und ich möchte die Zusammenarbeit auch verlängern. Aber ich nähere mich dem Punkt, wo ich mich frage, was danach kommt. Wie stark werde ich den Rennsport vermissen? In den nächsten fünf Jahren würde mir bestimmt etwas fehlen. Also warum nicht weitermachen so lange es geht? Aber das ist auch wieder schwierig. Dann verpasst du Dinge im richtigen Leben. Das besteht nicht nur aus Formel 1. Ich habe mich mit meinem besten Freund kürzlich über dieses Thema unterhalten. Ich freue mich schon auf die Zeit, in der ich an einem Platz lebe, in dem Routine in mein Leben kommt. Jedes Jahr, das ich länger fahre, verzögere ich diesen Wunsch. Eigentlich ist dafür immer noch Zeit, wenn ich mal 40 bin. Aber als meine Tante an Krebs starb, da hat sie an ihrem letzten Tag gesagt, dass sie ihr ganzes Leben mit dem Plan gelebt habe, irgendwann etwas anderes zu tun. Und dann ging ihr die Zeit aus. Das gab mir zu denken. Deshalb koste ich jeden Tag maximal aus. In diesem Kampf befinde ich mich gerade. Ich will einerseits weiter Rennen fahren, andererseits etwas anderes tun. Hoffentlich entscheide ich das Richtige zur richtigen Zeit.

Haben Sie Angst vor dem Tag Ihres Rücktritts so wie viele Arbeiter oder Angestellte eine gewisse Lehre nach ihrer Arbeit fürchten?

Hamilton: Das ist ein Gemütszustand. Ich habe diese Angst nicht. Viele werden sagen, weil ich finanziell alle Freiheiten habe. Ich muss mich nicht um meine Pension sorgen. Aber das ist es nicht. Ich habe meine Stärken auf anderen Gebieten entdeckt und hätte nichts dagegen, in irgendeiner Firma ganz unten anzufangen, wenn das meine Bestimmung wäre. Ich habe auch kein Problem damit, noch mal in eine Lehre zu gehen, weil ich mir gerne neue Fähigkeiten aneigne. Das ist riskant, aber das mag ich.

Neuester Kommentar

Wen interessiert Lewis Hamilton? Ich bin kein Brite. Ich würde lieber Seb interviewen .

Brazilian 5. Dezember 2017, 09:49 Uhr
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