Jost Capito - Williams - 2021 Williams
Williams - Formel 1 - GP Portugal 2021
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F1-Interview Williams-Geschäftsführer Jost Capito

Interview mit Williams-CEO Jost Capito „Ich hätte mich nicht entschuldigt“

Williams-CEO Jost Capito spricht im Interview mit auto motor und sport über den Wiederaufbau des Traditionsteams, die Formel 1 als Effizienz-Wettbewerb, den "zukünftigen Weltmeister" George Russell und seinen offenen Umgang mit den Piloten.

Sie sind seit Februar im Amt. Was haben Sie für eine Mannschaft vorgefunden? Williams, einst erfolgsverwöhnt, liegt seit ein paar Jahren ja fast am Boden.

Capito: Man kann nicht sagen, es liegt am Boden. Das Team hat eine schwierige Zeit hinter sich, weil in den letzten Jahren die finanziellen Mittel nicht vorhanden waren, um zu investieren und entsprechend nach vorne zu kommen. Trotzdem ist das Team zusammengeblieben, und nicht zerfallen. Es sind viele gute Leute dageblieben. Williams hat nicht nur eine Historie, sondern auch eine gewisse Art zu arbeiten – hat immer noch den familiären Charakter. Es wird sich sehr um die Mitarbeiter gekümmert. Und die arbeiten gerne bei Williams. Aber durch die letzten Jahre hat man sich eine gewisse Akzeptanz für schlechte Plätze angewöhnt. Ganz klar.

Die neuen Besitzer investieren stark. Sie haben Interesse am langfristigen Erfolg. Damit sind die Möglichkeiten gegeben, das Team wieder aufzubauen. In erster Linie braucht es Motivation, um die Talente wieder zum Arbeiten zu bringen, und ihnen die Möglichkeiten zu geben, sich zu entfalten. Mit Investitionen allein ist es nicht getan. Man muss die Investitionen auch zum Arbeiten bringen. Das ist meine vorrangige Aufgabe. Dass die Investitionen auch effizient genutzt werden.

Wie motiviert man denn eine Mannschaft, die seit 31 Rennen auf Punkte wartet?

Capito: Über den Führungsstil, die Kommunikation. Dass man wieder Glauben ins Team bringt, dass es wieder nach vorne geht. Das sieht man natürlich durch die Investition, aber es braucht auch Kommunikation. Wenn die Mitarbeiter sehen, dass nach vier oder fünf Jahren wieder investiert wird, verschafft das einen Glauben: Es geht wieder. Man muss auch entsprechende Ziele setzen, die kurz-, mittel- und langfristig erreichbar sind. Die man nachvollziehen kann. Die messbar sind. Wenn man das Monat für Monat macht, sehen die Mitarbeiter: Wir haben uns dieses Ziel gesetzt, und es auch erreicht. Ein ständiges Bewusstsein, und auch die Erkenntnis, dass es wieder nach vorne geht: Dann wird das Team auch wieder motiviert.

Williams - Formel 1 - GP Portugal 2021
Wilhelm
Williams wartet seit 31 Rennen auf die nächsten Punkte.

Wo wird denn genau investiert?

Capito: Es gibt Updates für den Windkanal, für den Simulator. Der Maschinenpark wird erneuert. Es wird viel in 3D-Drucker investiert, in Erneuerung von Software und Programmen. Aber da muss man sich natürlich einarbeiten. Es muss sich einspielen.

Es gibt Kritiker, die sagen: Williams hat zwar einen Investor, verkauft aber gleichzeitig einen Testtag an Roy Nissany, und lässt ihn in Spanien im ersten Training fahren. Wie passt das zusammen?

Capito: Es sind verschiedene Sachen. Die neuen Investoren sind seit Ende letzten Jahres da. Es ist eine sehr gute Zusammenarbeit. Dorilton akzeptiert bestehende Verträge. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass wir jungen Fahrern auch mal die Chance geben, zu fahren. Das ist bei Roy der Fall. Es besteht ein Vertrag und er hat am Freitag ja auch keinen schlechten Job gemacht. Das darf man nicht verkennen.

Wie zufrieden sind Sie generell mit dem Fortschritt am Auto? Hat Williams die Ziele erreicht?

Capito: Für dieses Jahr ist es schwer zu sagen, weil man so viel beibehalten musste. Die Token waren vergeben, ohne die Aerodynamik zu berücksichtigen. Von daher konnte man relativ wenig machen. Die Ergebnisse in diesem Jahr sind eigentlich irrelevant. Man muss sehen, dass sich das Team als ganzes nach vorne bewegt. Das kann man nicht an den Ergebnissen festmachen. Das würde uns sicher nicht motivieren, weil da einfach keine Schritte zu erwarten sind.

Ich sehe schon Ergebnisse in der Motivation und in der Arbeitsweise. Der elfte Platz im Qualifying in Portimao war hervorragend. Da ist George knapp am Q3 vorbei geschrammt. Das darf man nicht verkennen. Das ist eine Anstrengung und ein riesiger Fortschritt im Vergleich zum letzten Jahr, zwei Autos in Q2 zu haben. Auch davor in Imola war es nicht schlecht. Im Rennen kommen leider die Schwächen des Autos zum Tragen. Die sind bekannt. Es dann allein an den Ergebnissen festzumachen, wie wir mit dem Team weiterkommen, wäre deshalb falsch.

Wo hat denn Williams die Token investiert?

Capito: Das wollen wir nicht sagen. Wir haben nur einen genommen. Für eine weitere Änderung bei der Aerodynamik hätten wir zwei gebraucht.

Wie schwer wird es denn, George Russell zu halten?

Capito: Wenn Mercedes einem Fahrer ein Angebot macht, ist es für jeden schwierig, ihn zu halten. Egal, welcher Fahrer, in welchem Team.

Aber wie stellt sich Williams auf einen möglichen Verlust und Ersatz ein. Das Team muss ja auch planen. Er ist ein herausragender Fahrer, der Schwächen des Autos teilweise überfährt.

Capito: Es ist im Moment noch zu früh. Es laufen verschiedene Verträge aus. Irgendwann wird die Silly Season beginnen. Sie soll man nicht früher anfangen lassen, als man es muss. Im Moment wäre es falsch, sich auf Alternativen zu konzentrieren oder zu fragen, was ein Fahrer nächstes Jahr macht. Das ist meiner Meinung nach zu früh. Wir müssen uns erst darauf konzentrieren, das Team wirklich zum Funktionieren zu bringen.

Schöpft Williams das Budget-Cap komplett aus?

Capito: Nein.

Wird das mit den neuen Investoren irgendwann klappen?

Capito: Das ist natürlich das Ziel. Die Obergrenze fällt ja noch weiter. Es macht für uns aber keinen Sinn, einfach nur Geld reinzupumpen, um das Budget-Cap zu erreichen. Man muss es sinnvoll ausgeben und schauen, was man mit dem Team machen kann. Wir haben die finanziellen Mittel, die wir auch verwenden können.

Nicholas Latifi - Williams - Formel 1 - GP Spanien - 7. Mai 2020
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Der FW43B ist nicht das langsamste Auto im Feld. Haas steht schlechter da. Das größte Problem für Williams ist die Windanfälligkeit.

Wo steht Williams finanziell ungefähr?

Capito: Das sagen wir nicht.

Sind Sie weit weg von den 145 Millionen US-Dollar?

Capito: Wir sind schon ein Stück weit weg.

Da fehlt also Entwicklungsbudget.

Capito: Wir sind nicht in der Position, dass wir mit mehr Geld mehr tun könnten. Was wir machen wollten, ist mehr, als wir momentan machen können. Über die Zeit wird es keine Alternative geben. Wenn man vorne mitfahren will, muss man an die Obergrenze heran. Aber es geht nicht nur um das Geld. Man muss es effizient einsetzen. Die Formel 1 wird ein Effizienz-Rennen: Wer hat am meisten für Entwicklung vom Budget-Cap übrig.

Von der Teamgröße ist Williams ja gut aufgestellt.

Capito: Ja, für das Budget-Cap ist es passend. Wir haben knapp 700 Mitarbeiter, und müssen nicht zurückfahren.

Was setzt man sich für Ziele 2022 mit einem vollständig neuen Reglement für das Auto?

Capito: Man kann sich konkrete Ziele setzen, wohin man mit dem Auto kommen will. Ob es dann konkurrenzfähig ist, werden wir sehen. Man kann sich aber keinen Platz festsetzen. Das wäre absolut falsch. Wir können keine Wunder erwarten. Wir kommen von weit hinten. Die Teameigentümer wissen, dass es ein langer und ein steiniger Weg nach vorne ist. Das an einer Position festzumachen, die wir vielleicht nicht erreichen, und das Team dann komplett abstürzt, weil einfach die Ziele nicht erreicht werden, wäre falsch. Wir müssen Ziele für das neue Auto setzen. Und wenn wir die erfüllen, sehen wir, wo wir stehen. Ab da können wir definieren, wie es weitergeht.

Haas verfolgt einen geraden Weg. Sie machen nichts mehr am 2021er Auto. Wie geht Williams es an?

Capito: Wir konzentrieren uns auf das 2022er Auto. Alles, was noch übrig ist an Windkanalzeit, verwenden wir für das 2021er Auto.

Das aktuelle Modell steht also noch im Windkanal.

Capito: Ja.

Warum?

Capito: Die Schwächen am Auto sind bekannt, und wir müssen damit leben. Aber das Team muss auch in einen Rhythmus kommen, Verbesserungen zu machen. Ich kann dem Rennteam nicht sagen: Ihr nehmt das, was ihr am Wochenende kriegt, die Einstellungen und das war es. Sie müssen ja auch an die Arbeitsweise gewöhnt werden. Es ist demotivierend zu sagen, ihr bekommt gar nichts mehr, ihr könnt keine Ideen mehr einbringen. Das wäre falsch. Man muss das Rennteam auch am Leben erhalten und es nicht abschalten.

Es gab eine Zeit, da war bei Williams das Ersatzteillager praktisch leer. Ich gehe davon aus, das ist mit den neuen Investoren anders.

Capito: Wir mussten nach dem Unfall von George in Imola natürlich Teile nachproduzieren. Unser Ersatzteillager ist sicher nicht so, wie das bei den ganz großen Teams. Man muss auch die entsprechenden Produktionskapazitäten zur Verfügung haben. Wir können das machen und haben keine Knappheit durch den Unfall.

Wie viel Schrott hat der Unfall eingebracht?

Capito: Wenn wir es in Arbeitsstunden rechnen, um alles wieder herzustellen, sind es 6.000 gewesen. Da kann man sich ausrechnen, was der Schaden gekostet hat.

George Russell - Imola - Formel 1 - GP Emilia Romagna - 2021
Wilhelm
Capito sieht das Positive: Der Highspeed-Crash von Imola habe den Teamgeist neu entfacht.

Wie sehr schmerzt so etwas?

Capito: Als Rennteam muss man damit umgehen können. Ich habe George vor dem Rennen gesagt: 'Hör zu, wir sind hier nicht zum Spazieren fahren. Wenn irgendwo eine Lücke auftaucht, und du meinst, du kannst überholen, dann tu das.' Wenn was passiert, gibt es von mir keinen Vorwurf. Das ist halt so. Ich werde einen Teufel tun und ihm sagen, er soll in Zukunft nichts mehr riskieren. Dann muss man halt irgendwo Budgets umschichten und neue Teile herstellen.

Die Motivation im Team war hervorragend. Wir haben verschiedene Schichtmodelle. Da haben Mitarbeiter in der Werkstatt angeboten, zu helfen, die eigentlich gar nicht eingeteilt waren. Das war ein Superzeichen. Das hat es in der letzten Vergangenheit nicht gegeben. Deshalb kann man das Positive aus dem ganzen sehen. Der Teamgeist kommt wieder. Die Mitarbeiter wollen freiwillig arbeiten, sie strengen sich extra an. So ein Unfall, der Wiederaufbau des Autos, das schweißt ein Team zusammen. Für die Entwicklung des Teams war es gar nicht schlecht.

War es nötig, dass sich Russell nach dem Rennen entschuldigt hat?

Capito: Nein. Ich hätte mich nicht entschuldigt. Aber es ist ihm überlassen. Wenn er meint, es ist richtig, werde ich einen Teufel tun und ihm sagen, er soll das lassen. Ich mache ihm keine Vorwürfe. Da ist jeder anders.

Sie lassen Ihre Fahrer entscheiden.

Capito: Ja. Das war immer mein Prinzip. Die Fahrer sollen ihre Persönlichkeit behalten, sich selbst treu sein. Sie sollen dem Team nicht nach dem Mund reden, sondern offen und ehrlich ihre Meinung sagen.

Wie ist die Entwicklung von Nicholas Latifi?

Capito: Im letzten Jahr war er Rookie. In Imola war er absolut hervorragend. Er bereitet sich sehr gut vor. Das Team, das er um sich herum hat, ist sehr professionell. Ich glaube, er ist besser als sein Ruf. George als Teamkollegen zu haben, ist wie Hamilton als Teamkollegen zu haben. Das ist keine leichte Aufgaben. Die meistert Nicholas wirklich gut. Ich bin sehr zufrieden.

Jost Capito - Williams - F1 - Formel 1
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Jost Capito lässt seinen Piloten viele Freiheiten.

Sehen Sie in Russell einen künftigen Weltmeister.

Capito: Absolut, zu 100 Prozent.

Wie ist er denn zum Team? Beschreiben Sie ihn mal.

Capito: Er ist absolut super. Er isst mit dem Team in der Kantine, spricht mit allen, wenn er im Simulator testet. Er geht in der Firma ins Gym. Er ist oft da. Er steht zu allen in Kontakt. In Meetings, im Debriefing ist er sehr gut. Ich bin sehr beeindruckt. Nicht nur von ihm fahrerisch, sondern wie reif er für sein Alter ist. Ich habe so etwas selten gesehen.

Williams war immer die Unabhängigkeit heilig. Im nächsten Jahr kauft das Team bei Mercedes noch das Getriebe ein. Wieso geht man diesen Weg?

Capito: Das hat nichts mit der Unabhängigkeit zu tun. Wir sind weiter unabhängig. Wenn man Teile kauft, macht man sich nicht abhängig von irgendjemanden. Motor und Getriebe sind eine Einheit. Wenn man die bekommen kann, muss man es nehmen. Das wird zusammen entwickelt, ist so vernetzt inzwischen.

Wie sehen Sie es mit den Partnerschaften zwischen Ferrari und Haas, Mercedes und Aston Martin?

Capito: Wir sprechen nicht über die anderen. Wir als Williams wollen unabhängig bleiben. Wenn man das Ziel hat, irgendwann wieder um die Weltmeisterschaft zu fahren, gibt es keinen anderen Weg. Da kann man kein Zweite-Wahl-Team sein.

Ist Ihnen das kein Dorn im Auge?

Capito: Wir müssen halt besser sein. Es gibt keinen Groll. Es kommt ja auch vor, dass Ingenieure so von einem Team zum anderen wechseln. Wir müssen einfach ein Team aufbauen, mit dem wir erfolgreich sein können.

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