Pirelli - Intermediate - GP Eifel 2020 - Nürburgring xpb

Wetter für GP Eifel: F1 bräuchte Winterreifen

Schmuddelwetter für GP Eifel Die Formel 1 bräuchte Winterreifen

Das Formel 1-Comeback auf dem Nürburgring verspricht Spannung. Es ist so kalt, dass die Reifen kaum auf Temperatur kommen werden. Fahrer und Ingenieure stellen sich deshalb auf ein kompliziertes Rennwochenende ein. Ist Mercedes durch den DAS-Trick im Vorteil?

Die Formel 1 steuert auf einen der kältesten Grand Prix zu. Die Eifel zeigt sich mal wieder von ihrer typischen Seite. Es ist kalt, regnerisch und windig. Wie es im Oktober nicht anders zu erwarten war. Die durchschnittliche Temperatur um diese Jahreszeit beträgt in der Eifel unter zehn Grad. Für das Rennwochenende werden Temperaturen im einstelligen Bereich vorausgesagt. Immerhin: Ganz so kalt wie beim GP Kanada 1978 dürfte es nicht werden. Damals hatte es zwischen zwei und vier Grad. Es war das kälteste Formel 1-Rennen jemals.

Die Fahrer freuen sich trotzdem über die Rückkehr an den Nürburgring. Der 5,148 Kilometer lange Kurs stellt sie vor eine neue Herausforderung: Es geht auf und ab, manche Kurven sind überhöht und der Auslauf ist begrenzt. Zum Beispiel in Kurve sieben. In der Dunlop-Kehre wartet neben dem Randstein ein breites Kiesbett. Der Nürburgring bestraft Fehler. Und die dürften wegen des Wetters passieren.

Lewis Hamilton - GP Deutschland 2007
Motorsport Images
1995, 1999, 2000 und 2007 erlebte die Formel 1 ein Regenrennen auf dem GP-Kurs des Nürburgrings.

Graining als Gefahr

Eigentlich bräuchte die Formel 1 Winterreifen für die Bedingungen, die auf sie warten. Die Slicks werden bei einstelligen Temperaturen nur schwer in ihren Wohlfühlbereich kommen. "Die Reifentemperaturen werden der Schlüssel für das Wochenende sein. Nur, wenn du die Reifen im Fenster hast, kannst du das Potential des Autos entfalten", weiß Sebastian Vettel. Auf zu kalten Reifen rutschen die Autos nur herum. Haas-Pilot Romain Grosjean befürchtet deshalb: "Für die Show dürfte es gut sein, für die Fahrer ziemlich schwierig."

Pirelli bestimmte die Mischungen C2 bis C4. Damit ging der italienische Reifenlieferant den Mittelweg. Nicht zu weich und nicht zu hart. Pirelli begründet es mit einer Vielzahl unterschiedlicher Kurven und den nicht vorhandenen Informationen über das Fahrverhalten der aktuellen Fahrzeuggeneration auf dem Nürburgring. Die Königsklasse war seit 2013 nicht mehr in der Eifel. Die Hybrid-Monster sahen die Rennstrecken dieser Welt erst ein Jahr später. Pirelli wollte nicht zu aggressiv, aber auch nicht zu konservativ sein, sondern eine Vielzahl an unterschiedlichen Umständen abdecken.

Doch für solch kühle Temperaturen sind Rennreifen nicht geschaffen. Bei Asphalttemperaturen von unter 15 Grad drohe verstärkt Graining, heißt es von Pirelli. Das wird durch zu große Temperaturunterschiede zwischen Reifenoberfläche und -Kern verursacht. Die Reifen werden von innen nach außen nicht gleichmäßig erhitzt und beginnen dann zu körnen.

Fünftes Regenrennen auf GP-Kurs?

Graining ist nicht das einzige Problem. Ist es zu kühl, leidet die generelle Performance. Es braucht schon mehr als 15 Grad auf dem Asphalt, damit der Soft (C4) und der Mediumreifen (C3) vernünftig arbeiten und Haftung liefern. Und der harte Reifen (C2) mindestens 20 Grad, sagt Pirelli. Die wird es am Wochenende nie geben, es sei denn, der Sommer fällt plötzlich über die Eifel her. Nur mal so: Am Donnerstag lagen die Temperaturen in der Spitze bei 12 Grad (Asphalt) und elf Grad (Luft).

"Mit dem harten Reifen werden wir besonders zu kämpfen haben", glaubt Williams-Fahrer George Russell. Haas-Kollege Kevin Magnussen fürchtet selbst im Falle eines trockenen Qualifyings und mit den weicheren Trockenreifen einen Reifenpoker. "Es dürfte schon schwierig werden, für eine schnelle Quali-Runde Temperatur zu generieren." Bei einem Safety Car im Rennen schwant ihm Böses. "Da wird es extrem schwierig, die Reifen wieder auf Temperatur zu bringen."

Und als sei nicht alles schon kompliziert genug drohen noch Wetterkapriolen. Sowohl für den Trainingsfreitag, als auch den Qualifikationssamstag und den Rennsonntag sind Regenschauer angekündigt. Es spricht vieles für das fünfte Regenrennen in der Eifel seit der Eröffnung des GP-Kurses 1984. Dann müssen die Teams den Intermediate und Regenreifen auspacken. Deren Arbeitsfenster liegt zwar tiefer als bei den Slicks, doch zu tief dürfen die Asphalttemperaturen nicht fallen. Die kritische Grenze des Intermediate liegt bei ungefähr acht Grad, um den Reifen anzuzünden. Die größe des Fensters variiert – je nachdem, wie viel Wasser auf der Strecke ist.

Lewis Hamilton - GP Russland 2020
Mercedes
Das DAS-System, das über das Lenkrad betätigt wird, könnte für Mercedes der Joker in der Kälte werden.

DAS als Mercedes-Joker?

Die Teams werden die Trainings dazu nutzen, um ein Setup auszutüfteln, das es den Fahrern trotz der Kälte erlaubt, die Reifen doch irgendwie warm zu bekommen. Mehr Flügel für mehr Last zum Beispiel. Die gängigste Mögkichkeiten ist es, einen Teil der Bremsenergie über die Felge in den Reifen zu leiten. "Aber auch da sind die Möglichkeiten begrenzt", meint Kimi Räikkönen. Mercedes könnte ein Ass im Ärmel haben: das DAS-Lenkradsystem, mit dem sich die Spur unter der Fahrt über Ziehen und Drücken des Lenkrads verstellen lässt. Es wird angenommen, dass durch das Anwinkeln der Vorderreifen mehr Energie im Reifen und damit mehr Temperatur erzeugt wird. Und die Vorderreifen sind bei diesen Verhältnissen am kritischsten. Die Hinterreifen werden durch die Antriebsmomente leichter schneller warm.

Die Fans dürfen sich auf ein spannendes Rennwochenende freuen, mit vermutlich vielen Klagen der Fahrer über die Reifen. Die Ingenieure werden sich schon vorher die Köpfe zerbrechen über das richtige Downforce-Level, Flügeleinstellungen, Bodenfreiheit, das mechanische Setup. Alles, um die Reifen zum Arbeiten zu bringen.