Laurent Rossi - Alpine - F1 - 2021 xpb
Alpine A521 - F1-Auto - 2021
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F1-Interview Laurent Rossi: "Sieg ändert nichts"

Alpine-Chef Laurent Rossi im Interview „Ein Sieg ändert nichts“

Alpine-Direktor Laurent Rossi geht mit dem eigenen Team hart ins Gericht. Wir haben uns mit dem neuen starken Mann im französischen Team über seine Einschätzung zum Auto und dem Motor unterhalten und über die große Chance ab 2022.

Hat Alpine Ihre Erwartungen in die Saison erfüllt?

Rossi: Bis jetzt liegen wir im Plan. Auch wenn wir noch zu viele Schwankungen haben. Zu Saisonbeginn sind wir als Siebter hinterhergehinkt. Die Tatsache, dass wir uns den fünften Platz zurückerobert haben, ohne uns für 2022 zu schaden, zeigt, dass wir das Potenzial haben, zurückzuschlagen. Das wird an Bedeutung gewinnen, wenn wir 2022 um die Positionen kämpfen, die wir uns erhoffen. Bis jetzt bin ich mit der Saison zufrieden.

Was war gut, was schlecht?

Rossi: Das Auto war zum Saisonbeginn nicht so gut, wie wir das erwartet haben. Und das Auto bestimmt die Rundenzeit. Das hat einige Fragen aufgeworfen, wie gut wir uns an Regeländerungen anpassen können. Wir haben dann aber schnell reagiert. Das war eine schlechte und gute Erfahrung zugleich. Wir haben ebenfalls zu Beginn der Saison operativ nicht immer die besten Entscheidungen getroffen. In der Reifenwahl, im Reifenmanagement. Das war frustrierend. Wenn das Auto schon nicht schnell genug ist, musst du wenigstens alle anderen Bereiche optimieren. Daraus haben wir gelernt. Wir haben uns Schritt für Schritt verbessert, sind aber immer noch nicht am Ziel. In Spa haben uns auf den Regenreifen zwei Sekunden gefehlt. Dafür sind wir jetzt in der Qualifikation viel besser geworden, die Autos aus dem Verkehr rauszuhalten. Das hört sich nebensächlich an, ist aber für uns, die wir immer an der Schwelle zu den Top 10 kämpfen, extrem wichtig. In der Rennstrategie sind wir richtig stark geworden. Budapest hat das gezeigt. Wir haben einen guten Job gemacht, unsere Positionen zu verteidigen. Na ja, Fernando hat da auch ein bisschen mitgeholfen.

Ferrari hat den Rückstand zur Spitze halbiert. Wie sieht das bei Alpine aus?

Rossi: Bei uns ist es eher der gleiche Rückstand wie letztes Jahr. Andere sind leider in die Lücke gesprungen, wie Ferrari und McLaren. Wir haben nur Fortschritte auf uns selbst gemacht, auf die Top-Teams aber etwas verloren.

Laurent Rossi - Alpine - F1 - 2021
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Laurent Rossi durfte nach dem Ungarn-Sieg mit Esteban Ocon auf dem Podium jubeln.

Ferrari schreibt 60 Prozent des Rückstandes dem Motor zu, 40 Prozent dem Auto. Und bei Ihnen?

Rossi: Genau andersherum. Wir hatten im Winter Probleme mit dem Windkanal. Das hat uns zwei Wochen Entwicklungszeit gekostet. Dazu haben wir beim Design nicht alles richtig gemacht. In einer groben Schätzung gehen bei uns zwei Drittel zu Lasten des Autos und ein Drittel auf den Motor.

Wie wichtig war der Sieg in Ungarn als Beweis dafür, dass es die richtige Entscheidung war, in der Formel 1 weiterzumachen.

Rossi: Der Sieg war gar nicht so wichtig. Wir haben grundsätzlich unseren Blick auf die Formel 1 verändert. Vorher war die Formel 1 immer ein Thema für den Gesamtvorstand und die gesamte Renault-Gruppe. Jetzt teilt sich diese Gruppe in vier Marken auf, und Alpine ist eine davon. Die Formel 1 gehört zu Alpine und liegt damit hauptsächlich in den Händen unseres Präsidenten Luca de Meo und mir. Wir haben entschieden, dass wir die nächsten fünf bis zehn Jahre in der Formel 1 bleiben. Ein Sieg ändert nichts an unserer Strategie. Er hilft aber, daran zu glauben. Eine Saison ohne Sieg, womit wir ja rechnen mussten, hätte auch nicht unsere Pläne beeinflusst.

Ist Platz 5 Pflicht?

Rossi: Platz 5 war immer und ist immer noch das Minimalziel. Mehr geht in diesem Jahr bei realistischer Betrachtung nicht.

Im ersten Lockdown der Coronakrise hat Renault entschieden, die Neukonstruktion des Motors auf 2022 zu verschieben und sie mit der Anpassung an den E10-Sprit zu verbinden. War das im Rückblick richtig oder falsch?

Rossi: Ich glaube nicht, dass es ein Vorteil ist, mit einer Entwicklung zurückzuhalten. Ich würde sogar sagen, dass es besser gewesen wäre, wir hätten schon dieses Jahr eine Evolution des Motors gehabt. Das hätte uns eine bessere Basis für den 2022er-Motor gegeben. Wir müssen jetzt einen signifikanten Schritt machen, der zwei Schritte von den anderen übertrifft.

Alpine - F1-Auto 2022 - Team-Lackierung
Alpine
Alpine hofft wie alle Mittelfeldteams auf den Sprung nach vorne mit den 2022er Autos.

Alle Mittelfeld-Teams setzen darauf, dass ihnen die Budgetdeckelung und der technische Neustart die goldene Chance bieten, zu Mercedes und Red Bull aufzuschließen. Die Rechnung kann aber nicht für alle aufgehen?

Rossi: Ich glaube trotzdem, dass es für alle eine realistische Chance ist. Wenn wir die Höhe der Investitionen der Top-Teams mit ihrer Leistung auf der Strecke in den letzten 20 Jahren vergleichen, dann geht das Hand in Hand. Force India war vielleicht die einzige Ausnahme. Sie waren besser als ihr Budget. Ab nächstem Jahr kämpfen wir alle mit dem gleichen Geld um die gleichen Punkte. Wir dürfen natürlich nicht ignorieren, dass die großen Teams mit ihrem Geld in der Vergangenheit bessere Einrichtungen und Werkzeuge geschaffen haben. Aber mit der Zeit wird sich das angleichen und der Wettbewerb wird gerechter sein. Es ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Sie wollen jetzt bestimmt wissen, was genau uns gegenüber den anderen Mittelfeld-Teams auszeichnet, die das genauso sehen?

Exakt.

Rossi: Wir sind schon seit 45 Jahren in der Formel 1, und viele Leute im Team haben eine immense Erfahrung. Dann sind wir immer noch ein Werksteam. Das bringt Vorteile bei der Integration von Chassis und Motor. Das Resultat ist ein besseres Paket. Die Kundenteams müssen sich immer an den Motor anpassen, der geliefert wird. Dazu kommt, dass wir als Teil der Renault-Gruppe nun Planungssicherheit haben. Wir können etwas aufbauen. Nicht wie früher, als jede Saison wieder alles infrage gestellt wurde. Das hat immer wieder dazu geführt, dass die Ziele und Pläne geändert wurden. Jetzt halten wir an einer Marschroute fest. Teil einer großen Gruppe zu sein, bringt uns Vorteile beim Einkauf, der Logistik, künstlicher Intelligenz und der Software. Wir können uns so darauf konzentrieren, das bestmögliche Auto zu bauen.

Wie nah liegt Alpine am Budgetdeckel?

Rossi: In diesem Jahr passt er uns wie ein Maßanzug. Für die Reduktion der nächsten beiden Jahre müssen wir ein paar kleine Anpassungen tätigen. Wir fühlen uns mit den Zahlen, so wie sie vorgeschrieben sind, komfortabel.

Wann hat Alpine die Entwicklung des 2021er-Autos gestoppt und sich voll auf 2022 konzentriert?

Rossi: Zwischen Baku und Frankreich. Es ist ja immer ein fließender Übergang. Aber nach Baku war der A521 nicht mehr im Windkanal, und die meisten Ingenieure haben sich mit dem nächstjährigen Auto beschäftigt.

Alpine A480 - LMP1-Auto - WEC - 2021
Alpine
Wie es in Le Mans mit Alpine weitergeht, steht noch nicht fest.

Ist es ein Nachteil, dass Renault keine Kunden mehr für seinen Motor hat?

Rossi: Es ist ein Zeichen. Wir besitzen in der Szene offenbar keinen Kredit mehr. Man muss es so nüchtern sehen. Unser Motor war nicht mehr attraktiv für Kunden. Wir haben uns da in der Vergangenheit technisch auch oft ein Eigentor geschossen, weil wir unsere Antriebseinheiten zu sehr den Wünschen der Kunden für ihr Chassis angepasst haben. Das hat zu Reibungsverlusten geführt und Kapazitäten gebunden. Wenn dann der Kunde nicht zufrieden war, wurde in zwei Richtungen entwickelt, womit wir uns selbst geschadet haben. In einer idealen Welt sollte man einen Motor bauen, und mit dem müssen die Kunden leben. Dann hat auch das Werksteam einen Nutzen, weil es mehr Daten bekommt. Im Moment profitieren wir davon, uns auf uns selbst zu konzentrieren. Wenn sich alles mal eingespielt hat, wäre es schon interessant, wieder ein oder zwei Kunden zu haben. Jetzt aber soll der Fokus auf dem bestmöglichen Motor für uns liegen.

Alpine hat viele junge Fahrer in seinem Programm, aber keinen Platz für sie. Was machen Sie mit denen?

Rossi: Ich stimme Ihnen zu. Die Knappheit an Plätzen in der Formel 1 war nicht vorhersehbar, als wir unsere Junioren unter Vertrag genommen haben. Die Jungs sind alle gut, und wir versuchen dem gerecht zu werden und etwas für sie zu finden. Im Moment können wir nur schauen, dass jeder von ihnen eine gute Zukunft im Rennsport bekommt. Zum Beispiel Lundgaard in den USA. Auch für Zhou haben wir ein Szenario im Hinterkopf. Vielleicht ergibt sich ja noch etwas für ihn. Er verdient es, denn er ist ein supertalentierter Fahrer.

Geht Alpine mit einem vollen Programm nach Le Mans?

Rossi: Wir schauen uns das an. Es muss für uns ein Geschäftsmodell sein. Erstens müssen wir dort erfolgreich sein. Zweitens profitabel. Es muss Nutzen für unsere Straßenautos abwerfen. Nach unserem Plan soll sich Alpine ab 2025 selbst tragen. Ich erwarte in den nächsten zwei Monaten eine Entscheidung.

LMDh oder Hypercar?

Rossi: Wir prüfen beides. Es geht auch darum, bei welchem der beiden Projekte wir von unseren Ressourcen besser profitieren können.

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