Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019 Wilhelm

Leclerc in der Mauer

"Das war einfach nur dumm"

Charles Leclerc wollte die Pole Position, doch der große Favorit startet nach einem Unfall nur auf Platz 9. Allerdings mit Medium-Reifen. Kann das vielleicht ein Vorteil sein?

Bis zur ersten K.O.-Runde der Qualifikation hätte jeder Charles Leclerc auf die Pole Position gewettet. Der Ferrari-Pilot führte alle Ranglisten an. Seine Überlegenheit schien so groß, dass Ferrari beiden Fahrern für das Q2 Medium-Reifen mit auf den Weg gab. Kein anderes Team traute sich, den zweiten Qualifikationsabschnitt auf der mittleren Reifenmischung zu überstehen.

Leclercs Zeit von 1.41,995 Minuten reichte am Ende locker zum Weiterkommen. Sebastian Vettel dagegen musste noch einmal nachlegen. Er stand nach dem ersten Versuch mit den Medium-Gummis nur auf Rang 11. Ferrari ließ beide Fahrer auf der Strecke. Sie sollten auf dem bereits angefahrenen Satz nach einer Abkühlrunde eine zweite Attacke reiten. An den Zwischenzeiten von Leclerc ließ sich bereits ablesen, dass dies ein Ritt auf Messers Schneide war.

Prompt steckte Ferraris großer Hoffnungsträger seinen SF90 mit Tempo 100 frontal in die TecPro-Barriere von Kurve 8. Das ist die Einfahrt in das Nadelöhr der Strecke. Vettel hätte seinen Ferrari an der gleichen Stelle kurz zuvor fast verloren, streifte mit dem Hinterreifen knapp die Bande.

Leclerc kritisiert sich selbst

Die TV-Bilder zeigten, dass beide Ferrari-Piloten Mühe hatten, ihre Autos abzubremsen. Für die Medium-Reifen war es eigentlich schon zu kalt. Bei Leclerc blockierten vor dem Unfall die Vorderreifen.

Der 21-jährige Monegasse war untröstlich. „Ich verdiene, was ich mir eingebrockt habe, und das macht mich traurig. Das war einfach nur dumm. Die Pole Position wäre möglich gewesen. Ich habe sie in den Müll geworfen.“ Dann erklärte der Unglücksrabe den entscheidenden Moment im Detail: „Ich habe Kurve 8 so angebremst, als wäre ich auf den Soft-Reifen unterwegs. Leider bin ich auf Medium-Gummis gefahren.“

Charles Leclerc - Ferrari - GP Aserbaidschan 2019
Motorsport Images
Leclerc ging nach dem Unfall hart mit sich selbst ins Gericht.

Dann schaltete Leclerc wieder in den Attacke-Modus. „Ich werde mich noch drei oder vier Stunden lang ärgern und aus dem Fehler lernen. Noch ist nichts verloren. In Baku kann man gut überholen, und wir haben ein schnelles Auto.“ Die Abgeklärtheit und Offenheit mag überraschen, doch so sind alle Topfahrer in der Formel 1 gestrickt.

„Ich kann mit Charles mitfühlen. Ein eigener Fehler ist das schlimmste. Da bist du dein schärfster Kritiker. Mit Erfahrung kommst du vielleicht ein bisschen besser drüber hinweg. Als ich jung war, habe ich mich bei so etwas drei Stunden lang eingesperrt“, fühlte Lewis Hamilton mit. Auch Vettel sagte: „Das sind die Momente, die du als Rennfahrer hasst, die aber jedem von uns passieren können.“

Einziger Fahrer mit Medium-Reifen in den Top 10

Leclerc hatte noch Glück im Unglück. Seine vorgelegte Zeit von 1.41,995 Minuten überstand das Q2. Und weil Antonio Giovinazzi zehn Startplätze verliert, wird der Monegasse im Rennen an 9. Stelle starten. Was in Baku kein großer Beinbruch ist, wie Valtteri Bottas bestätigt: „Auf keiner anderen Strecke kannst du so gut überholen.“

Da muss sich Leclerc keine großen Sorgen machen. Von den Autos, die vor ihm stehen, haben nur der Racing Point von Sergio Perez und der Sauber von Kimi Räikkönen den besseren Top-Speed. Die Mercedes waren am Ende der Geraden trotz Windschatten 5 km/h langsamer als die Ferrari ohne einem Zugpferd vorne dran.

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019
Wilhelm
Im Rennen darf Leclerc auf den Medium-Reifen starten.

Leclerc ist auch der einzige Fahrer in den Top Ten, der mit Medium-Reifen startet. Kann das vielleicht der entscheidende Vorteil sein? Wenn alles normal verläuft, eher nicht. Laut Pirelli hält der Medium-Reifen nicht viel länger als der Soft-Gummi. Beide sind in der Lage 25 Runden zu schaffen.

Doch Leclercs Startreifen hat nach Ansicht der Strategen zwei entscheidende Nachteile. Er wärmt sich viel schlechter auf, was beim Start mitten im Pulk viele Plätze kosten kann und bei einem Re-Start nach einem Safety-Car den Piloten vor das gleiche Problem stellt. „Wir hätten deshalb den Medium für den Start-Turn nicht riskiert“, meinten die Mercedes-Ingenieure.

Sie sehen aber eine ganz andere Gefahr. Leclerc ist mit seiner härteren Mischung in der Lage 25 Runden konstant schnell zu fahren. Mit dem Soft-Gummi hätte man am Ende mit einem Zeitverlust rechnen müssen. Was kein Schaden ist, wenn alle gleich lang bis zum ersten Boxenstopp fahren.

„Doch was passiert“, so die Mercedes-Fraktion, „wenn uns Vettel zu einem frühen Boxenstopp zwingt und Leclerc dann eine alternative Strategie fahren kann?“ Dazu müsste Ferrari wieder Stallregie betreiben, Vettel für Leclerc fahren lassen. Das böse Thema könnte uns am Sonntag wieder einholen.

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