Lewis Hamilton im Interview

„Monza für Ferrari der Tiefschlag“

Lewis Hamilton - GP Mexiko 2018 Foto: Mercedes 75 Bilder

Lewis Hamilton hat mit Juan-Manuel Fangio gleichgezogen. Wir haben uns mit dem fünffachen Weltmeister über die Saison, die Schlüsselmomente und seine Zweikämpfe mit Sebastian Vettel unterhalten.

Sie haben mit Juan-Manuel Fangio gleichgezogen. Was bedeutet das für Sie?

Hamilton: Fangio ist so etwas wie unser Gottvater. Es ist verrückt, dass ich auf eine gleiche Anzahl WM-Titel gekommen bin wie er. Aber er hat seine fünf Titel in einer viel gefährlicheren Zeit geholt als ich. Ich bin sein Auto aus den 50er Jahren einmal zusammen mit Stirling Moss auf der alten Monza-Strecke gefahren. Sir Stirling hat mir erzählt, dass die Fahrer früher gebetet haben, bei einem Unfall aus dem Cockpit zu fallen, weil so die Überlebenschancen größer waren. Ist das nicht verrückt? Heute sind wir froh, dass wir so tief im Auto sitzen wie möglich und fest angeschnallt sind. Ich bin dankbar, dass ich heute fahren kann mit so viel mehr Technik im Auto.

Ein Wort zu Ihrem WM-Gegner Sebastian Vettel.

Hamilton: Er hat stark gekämpft dieses Jahr. Es gab ein paar schwere Zeiten für ihn, aber wie er jetzt in Mexiko mit einer starken Leistung zurückgeschlagen hat, zeigt dass er ein großer Champion ist. Der Druck auf ihn muss immens sein nach so vielen Jahren, die Ferrari nun schon auf den Titel wartet. Wir haben beide großen Respekt voreinander.

Wie sieht Ihre WM-Saison im Rückblick aus?

Hamilton: Unglaublich lang, unglaublich hart. Mental und physisch, für alle. Für die Fahrer hauptsächlich vom Kopf her. Zu bestimmten Phasen der Saison war Ferrari wahnsinnig stark. In der ersten Saisonhälfte hatten wir keine Ahnung, wo das hinführen würde. Aber genau die Momente, in denen wir ins Hintertreffen geraten sind, waren die besten der Saison. Wir haben nicht nur sieben Punkte verloren, sondern manchmal auch mehr, aber dann haben wir uns zusammengerauft und den Weg zurück gefunden. Das Team und die Fahrer. Ich glaube, das war der Schlüssel. Darauf kann das ganze Team stolz sein.

Wie schwierig war es in Ferraris starken Phasen nicht in Panik zu geraten?

Hamilton: Normalerweise überfährst du das Auto in solchen Momenten. Die Kunst ist es, nicht zu übertreiben. Ich habe gelernt, ein Auto zu überfahren, genau bis zu dem Punkt, an dem der Schuss nach hinten losgeht. Nennen wir es kontrolliertes Überfahren. Nach der Sommerpause waren wir alle voller Hoffnung, dass uns unser Technik-Upgrade zurückbringen wird. Nach dem McLaren-Upgrade 2009 war es das größte, das ich je hatte. Und dann taucht Ferrari mit einem noch größeren Upgrade auf.

Nach dem Sieg von Ferrari in Spa und der ersten Startreihe in Monza sah es so aus, als hätte Ferrari die besseren Karten in der Hand. War Ihr Sieg in Monza der Wendepunkt?

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Hamilton: Wir wussten, dass Monza ein wichtiges Rennen werden würde. Ich habe mich für den dritten Startplatz qualifiziert. Mit einer perfekten Runde wäre der zweite Platz möglich gewesen, aber ich habe da und dort je ein halbes Zehntel liegengelassen. Ich war sauer auf mich. Da fährst du so viele Trainingsrunden, und dann unterlaufen dir so blöde Fehler in der Qualifikation. Das hat mir Samstagnacht viel zu denken gegeben. Ich habe lange darüber gegrübelt, wie aggressiv ich das Rennen angehen sollte. Das ist ein feiner Grad zwischen einem Unfall und einer verpassten Chance. Genau das mag ich an unserem Sport. Du kannst es nicht berechnen. Jede erste oder zweite Kurve ist eine andere Story. Ich würde schon sagen, dass unser Sieg in Monza aus psychologischer Sicht der größte Tiefschlag für Ferrari war. Für Seb waren es die zwei Momente, in denen ihm Fehler unterlaufen sind. Wenn das Team einen Fehler macht, ist es schon schmerzhaft, aber du als Fahrer, das ist schrecklich. Das nimmst du dir zu Herzen. Wir hatten also gegen alle Prognosen Hockenheim und Monza gewonnen. Aber wir mussten es auch noch in Singapur durchziehen, auf einer Strecke, auf der uns Ferrari normalerweise zerstört. Wir haben dort als Team einen grandiosen Job erledigt. Besonders wie wir uns in den Trainingssitzungen vorbereitet haben, wie wir in der Qualifikation immer zum richtigen Zeitpunkt auf die Strecke gingen, anders als Ferrari, die ihre Fahrer in den Verkehr geschickt haben.

Hat das Team operativ dazugelernt?

Hamilton: Wir hatten auch unsere Probleme, aber alle in der ersten Saisonhälfte. Australien hätten wir gewinnen müssen. In China und Kanada waren wir schockierend langsam.

Warum sind Mercedes und Sie in der zweiten Saisonhälfte immer so stark?

Hamilton: Das ist so, als würdest du ein Buch schreiben und beim Schreiben die Geschichte entwickeln. Du lernst laufend über das Auto, die Reifen, die Abstimmung. Nach jedem Rennen sagst du dir, du hättest hier vielleicht mehr Flügel, dort mehr Bodenfreiheit, da eine andere Balance fahren sollen. Es strömen so viele Informationen auf dich ein, die du verarbeiten musst. Dann kommt die Sommerpause, und du hast endlich die Zeit, die Stärken und Schwächen der ersten Saisonhälfte zu analysieren, alle die offenen Fragen mit Antworten füllen. Wenn du das richtig machst, bist du im zweiten Teil der Saison automatisch stärker.

Sie hatten in dieser Saison mehr Highlights als je zuvor. Warum?

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Hamilton: Ich kann mich auf mein Team um mich herum verlassen. Mein Job ist es, das Beste aus ihnen herauszuholen. Beim Briefing, im persönlichen Verständnis. Wenn es mal schlecht läuft, musst du sie aufrichten. Das hat in diesem Jahr sehr gut funktioniert. Ich kann im Regen in Hockenheim nur deshalb drei Sekunden schneller fahren, weil sie mir ein perfektes Auto hinstellen. Das ist etwas, das man lernen muss. 2007 wäre ich nicht dazu in der Lage gewesen. Ich habe mich sogar im Vergleich zum letzten Jahr noch einmal verbessert, und das war schon ein sehr gutes Jahr. Trotzdem habe ich mich hinterfragt und Dinge gesucht, in denen ich mich noch steigern kann. Wenn du den Titel gewinnst, ist es einfach die Welle zu reiten und sich großartig zu finden. Ich will immer mehr. Wenn mir in den Meetings etwas auffällt, das wir besser machen können, dann bitte ich meine Jungs, sich Notizen zu machen, damit wir im Winter darüber reden. Und wenn sie es nicht aufschreiben, dann bestehe ich drauf. Ich sage ihnen dann, dass sie es vergessen werden, und ich werde es auch vergessen, sie daran zu erinnern.

Sie haben in diesem Jahr keine Fehler gemacht. Wie schwer ist das über eine lange Saison?

Hamilton: Es ist brutal schwer. Aber ich habe schon Fehler gemacht, nur nicht solche, die man von außen sieht. Da verlierst du in einer Qualifikationsrunde ein Zehntel, und das kostet dich eine Position. Ich versuche auch die zu minimieren, aber in den ersten 18 Rennen sind mir vielleicht eine Handvoll solcher Fehler passiert. In den Rennen habe ich sie fast alle wieder gutgemacht.

Was ist die Grundlage: Erfahrung, Disziplin, Aufmerksamkeit?

Hamilton: Alles zusammen, aber Disziplin und Vorbereitung sind das wichtigste. Die Jungs wollen dir 100 Bücher zum Lesen geben. Du musst wissen, welche die wichtigen sind, weil du nicht die Zeit hast, alles zu studieren. Die Erfahrung sagt dir dann, wann du im Rennen Tempo machen musst, wann nicht und dass du das Rennen nicht in der ersten oder zweiten Kurve gewinnst.

Hatten Sie je das Gefühl, die WM gleitet Ihnen aus den Händen? Zum Beispiel als Ferrari stärker war?

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Hamilton: Ich wusste immer, dass sie nicht meilenweit weg von uns lagen. Irgendwie mag ich diese Aufgabe, gegen ein besseres Auto zu fahren. Das erinnert mich an meine Kartzeit, als ich ein schlechtes Kart hatte, das mein Vater nur schön aussehen ließ. Ich musste immer von hinten starten und im Rennen die Defizite ausgleichen. Für diese ein, zwei, drei Zehntel extra werden wir bezahlt. Als ich meine Vertragsverhandlungen geführt habe, habe ich ihnen gesagt, dass sie dieses kleine Extra noch brauchen werden, wenn es um den Unterschied zwischen Platz eins und zwei geht.

Brauchen Sie dieses Feindbild „gegen alle Widerstände“ um sich zu Höchstleistungen anzutreiben?

Hamilton: Von einem Feindbild würde ich nicht sprechen. Ich denke nie, das Glas ist halb leer. Immer das Gegenteil. Wenn es in Budapest in der Qualifikation anfängt zu regnen, dann denke ich nicht. Shit, das wird jetzt schwierig. Ich sehe es als Chance. Ferrari hatte im Trockenen das schnellere Auto. Hier war der Moment, den Unterschied auszumachen. Oder Hockenheim, als plötzlich der Regen eingesetzt hat. Da habe ich mir gesagt: Jetzt hole ich Seb ein und ich weiß, dass er vielleicht das gleiche denkt, weil ihm Ferrari bestimmt gesagt hat, dass ich näher komme. Und dieser Druck treibt ihn vielleicht in einen Fehler. Ich glaube an die Magie der Psychologie.

Auch daran, dass er den Fehler macht und nicht Sie?

Hamilton: Wenn Mayweather in den Boxring steigt, dann sagt seine Körpersprache: Ich gewinne den Kampf. Auch wenn der Gegner größer und stärker ist. Der wird nicht nervös, weil er weiß, was der andere kann oder auch nicht. Bei mir ist es genauso. Als ich in Sotschi hinter Seb auf die Strecke zurückgekommen bin, wusste ich, dass ich wieder vorbeikommen würde. Ich kenne seine Stärken, seine Schwächen, und ich weiß, wo ich besser bin. Und dann auf in den Kampf.

Wussten Sie in dem Moment, dass seine Batterie leer war?

Hamilton: Ich hatte keine Ahnung davon. Ich habe nur sichergestellt, dass ich genug Saft habe. Und zwar für diese Gerade und die nächste. Nicht dass er dort den Spieß wieder umdreht.

Hat sich Vettel da zu hart verteidigt?

Vettel - Hamilton - GP Russland 2018 - Sotschi - Rennen Foto: xpb
Der Kampf Hamilton vs. Vettel in Russland erhitzte die Gemüter.

Hamilton: Es war an der Grenze. Die Top-Fahrer wie Fernando oder Seb fahren alle so. Aggressiv, aber nicht rücksichtslos. Wir haben dann ein Rennen später mit Charlie Whiting darüber diskutiert, ob Seb ein oder zwei Mal die Spur gewechselt hat. Charlie hat gesagt, dass er nach rechts gelenkt, dann die Lenkung etwas zurückgenommen und dann wieder stärker nach rechts gelenkt hat. Also ein Spurwechsel. Ich habe zu Charlie gesagt, dass er damit einen Präzedenzfall schafft und habe alle anderen Fahrer gefragt, was sie davon halten. Nur einer meinte, es wären zwei Spurwechsel gewesen. Und das war Max. Ausgerechnet der Erfinder von zwei Spurwechseln. Wegen Max haben wir diese Regel überhaupt.

Fernando Alonso wird die Formel 1 verlassen. Bedauern sie es, dass sie zuletzt nicht mehr mit gleichen Waffen gegen ihn fahren konnten so wie 2007?

Hamilton: Die Leute unterschätzen diese Saison. Ja, ich hatte das Glück, meine Karriere gleich in einem Top-Team starten zu dürfen. Es ist für einen jungen Fahrer manchmal einfacher, in einem kleinen Team zu lernen, in dem du nicht so viel Druck hast. Aber in einem Top-Team gleich gegen einen zweifachen Weltmeister bestehen zu wollen, plötzlich berühmt zu sein und so viel zu reisen, das war eine riesige Aufgabe und eines der härtesten Jahre meines Lebens. Ich wünsche mir, ich hätte damals schon gewusst, was ich heute weiß. Ich bedaure nicht, dass er nicht in einem besseren Auto sitzt. Klar, er hätte mehr WM-Titel haben können, aber es ist ja auch nicht so, dass er nicht die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Es kommt eben darauf an, dass du außerhalb des Cockpits die richtigen Entscheidungen triffst. Wenn du glaubst wie er, du kontrollierst den Fahrermarkt, musst du dich nicht wundern, wenn du am Ende ohne etwas in den Händen dastehst. Es gab ja auch noch Seb und mich auf den Markt. Als Fernando seinen Platz bei Ferrari aufgegeben hat, hat Seb zugegriffen, und er hat auch nicht Sebs Platz bei Red Bull gekriegt, weil sie den Max gegeben haben. Trotzdem habe ich immer noch großen Respekt vor ihm. Er ist ein phänomenaler Fahrer, und ich glaube sein Ruf hat auch in den letzten Jahren nicht gelitten. Die Leute sehen, welche Leistungen er in der Formel 1 und außerhalb bringt.

Ist auch Glück dabei, sich für das richtige Team zu entscheiden?

Hamilton: Ich sehe es nicht als Glück an, dass ich bei Mercedes gelandet bin. Vor der Unterschrift habe ich meine Hausaufgaben gemacht und mit unterschiedlichen Leuten aus unterschiedlichen Team gesprochen. Ich habe für jede Option eine Liste mit Pro und Contra erstellt und den Teams die richtigen Fragen gestellt. Von Ross Brawn wollte ich damals wissen, was Mercedes plant um besser zu werden. Ich habe ihm gesagt: Du hast 400 Leute, McLaren hat 800. Wie willst du in der Entwicklungsgeschwindigkeit mit denen mithalten? Seine Antworten haben dann für mich ein Bild ergeben, das mich überzeugt hat. Ich wusste, es würde etwas länger dauern, aber Mercedes ist halt auch eine solche berühmte Marke, dass ich mir sicher war, sie würden irgendwann gewinnen.

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