Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul xpb
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
Valtteri Bottas - Lewis Hamilton - Mercedes - GP Österreich 2020 - Spielberg
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Österreich 2020 - Spielberg
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Siebenfacher Weltmeister Hamilton im Interview

Lewis Hamilton im Interview „Es ist einfacher, sich zu verschlechtern“

Siebter WM-Titel, neuer Vertrag, Kampagnen für mehr Vielfalt: Über diese Themen hat Lewis Hamilton schon genug gesagt. Wir haben ihn über seine Arbeit hinter den Kulissen gefragt. Hamilton hat uns erzählt, wie aus dem Mercedes ein Auto wurde, das auch langsame Kurven gut kann.

Wie kann sich einer verbessern, der schon fast perfekt ist?

Hamilton: Ich kann mich nicht an jedes einzelne Jahr erinnern, in dem ich in der Formel 1 gefahren bin. Aber 2020 fühlt sich als die Saison an, in der ich im Durchschnitt auf dem höchsten Niveau gefahren bin. Das ist einerseits der natürliche Fortschritt, obwohl du es nicht immer perfekt hinkriegen kannst. Der Unterschied zu früher war, dass uns die Auswirkungen der Corona-Pandemie mehr Zeit gegeben haben, über unsere Fehler nachzudenken. Letztes Jahr bin ich starke Rennen gefahren, war aber in der Qualifikation nicht so gut. Deshalb bin ich mit dem Ziel in diese Saison gegangen, an meinen Schwächen zu arbeiten, ohne die Stärken aufzugeben. Ich habe es geschafft, in der Qualifikation besser zu werden, habe mich aber auch im Rennen gesteigert. Das kam für mich überraschend.

Was haben Sie verändert?

Hamilton: Wir haben die gleichen Reifen wie 2019. Ich habe besser gelernt, sie zu nutzen. Ich verstehe nun auch die technische Seite des Autos besser, die Fahrzeugabstimmung. Es gibt an diesen Autos so viele Einstellungen, dass es leicht, ist irgendetwas zu vergessen. Und dann hast du bis zur Qualifikation zum Beispiel nicht alle möglichen Differenzial-Settings ausprobiert. Dir läuft immer irgendwie die Zeit davon. Am Ende wirst du in eine schnelle Entscheidung gedrängt. Da sind wir effizienter geworden, was auch an der Kommunikation mit meiner Crew liegt.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Spanien 2020 - Barcelona
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Lewis Hamilton raste in neun der 14 Grand Prix auf Pole-Position und gewann zehn Rennen.

Gibt es dann für 2021 überhaupt noch etwas zu verbessern?

Hamilton: Es wird immer schwieriger. Und immer einfacher, sich zu verschlechtern, wenn man gewisse Dinge schleifen lässt. Jeder Athlet kommt irgendwann an dem Punkt an, wo er nur noch im Detail an Stellschrauben drehen kann. Ich stehe nicht still. Ich weiß, was ich tun muss, um mich mental und körperlich in die bestmögliche Position zu bringen. Dann liegt es daran, die Dinge zu erkennen, die noch besser gehen können.

Sie sind der Meister des Reifenmanagements. Kam das auf natürlichen Weg, oder gab es da mal eine Erleuchtung?

Hamilton: Ich bin mir über die Bedeutung des Reifenmanagements seit meiner GP2-Zeit bewusst. Da hat sich an meinem Fahrstil nichts grundlegendes geändert. Auf die Reifen aufzupassen, hat nicht nur etwas mit deinem Fahrstil zu tun. Es hängt auch davon ab, was das Team daraus macht. Als ich bei McLaren war, habe ich das Team unter Druck gesetzt, ihnen meine Vorstellungen von Reifendrücken und Reifentemperaturen vermittelt, aber sie haben nie wirklich zugehört. Das wollte ich bei Mercedes ändern.

Am Anfang war auch das ein Kampf, mal verschiedene Dinge auszuprobieren. Du kannst ein Auto entwickeln, eine gute Fahrzeugabstimmung austüfteln, doch den größten Beitrag zur Rundenzeiten machen die Reifen aus und wie du das meiste aus ihnen auf eine Runde und auf die Distanz rausholst. Es gibt Dinge wie das Setup oder die Aero-Balance, die das mit beeinflussen. Ich habe Druck gemacht, wie ich die Aero-Balance haben will. Seit 2014 haben wir sie Schritt für Schritt in meine gewünschte Richtung verändert. Die Ingenieure haben ihre Simulationen, die ausrechnen, wie die beste Fahrzeugbalance aussehen muss. Aber diese Simulationen werden nie das tun können, was ich als Fahrer tun kann.

Ich habe das Gefühl für das Auto auf meiner Seite. Durch den Prozess dem Team zu sagen, was ich will und auch mal kreativ zu denken, habe ich auch viel gelernt. Das ist ein Geben und Nehmen. Und wenn du dann ein gutes Resultat bekommst, hast du das richtige Argument auf deiner Seite. Dann kannst du sagen: Schaut her, lasst uns mal was probieren, auch wenn es sich verrückt anhört. Das hat uns als Team besser gemacht.

Macht die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren an einem Auto die großen Fahrer aus?

Hamilton: Als junger Fahrer verstehst du nicht, wie Michael Schumacher seinerzeit so ein erfolgreiches Paket mit Ferrari auf die Räder stellen konnte oder wie ich jetzt mit Mercedes. Die Hälfte glaubt, dass ich einfach das Glück habe, in einem guten Auto zu sitzen. Heute weiß ich zu schätzen, was Michael damals getan hat. Du musst am Ruder stehen, um diese Gruppe von schlauen, entschlossenen und kreativen Leuten in eine Entwicklungsrichtung zu lenken, so dass das Auto mit dem Fahrer irgendwann perfekt harmoniert.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Türkei - Istanbul - Freitag - 13.11.2020
F1/FIA
Kein Fahrer hat ein solches Gefühl für die Reifen entwickelt wie Hamilton.

Gibt es da einen Standardprozess, wie man sich ständig verbessert?

Hamilton: Ich treffe mich im Schnitt jede Woche mit meinem Team, um die Lage zu besprechen. Auf meinen Wunsch wurde diese Gruppe vergrößert. Ich weiß auch immer, in welche Richtung wir mit dem nächsten Auto gehen. In der Vergangenheit kam es oft vor, dass mir die Aerodynamiker im Windkanal erzählt haben, welche Probleme sie abstellen wollen und was ihre nächsten Schritte am Auto sind. Immer mal wieder musste ich ihnen sagen: Das ist nicht unser Problem. Mir war dieses direkte Gespräch immer wichtiger. Ich wollte nicht mehr aus zweiter Hand hören, was die Aerodynamiker planen. Da geht viel zu viel verloren.

Am Ende des Jahres sage ich meinen Jungs, dass sie es verdient haben, den Erfolg zu genießen, dass wir aber vorher über die kritischen Punkte am Auto sprechen müssen. Dann sprechen wir auch darüber, wie wir unsere Kommunikation verbessern können. Ob wir uns öfter oder weniger oft treffen sollen. Oder wir gehen durch unsere Checkliste und ich sage ihnen: Dieser Punkt ist nicht so wichtig, dafür solltet ihr den höher auf der Liste setzen. Lasst uns die fünf Minuten, die wir dadurch gewinnen, besser nutzen.

Was am 2019er Auto wurde auf Ihre Kritik hin verbessert?

Hamilton: Ingenieure glauben oft, dass sie alles besser wissen. Einige hören vielleicht auch gar nicht so gerne dem Fahrer zu. So war es jedenfalls bei McLaren. Bei Mercedes ist das anders. Ich gehe nicht zu den Ingenieuren und sage ihnen: Mach dies, mach das. Ich sage, hey hier stimmt was nicht, da können wir was besser machen. Dann denken sie darüber nach und kommen zurück und fragen: Wie wäre es, wenn wir es so machen? So arbeiten wir uns gemeinsam Schritt für Schritt voran.

Ein Bespiel: Wir haben das längste Auto im Feld. Das komische ist: Keines der anderen Teams hat uns kopiert, dabei gewinnen wir die meisten Rennen. Sie sind so in ihrem Konzept gefangen, dass sie da nicht ausbrechen wollen. Die Länge gibt uns überragenden Abtrieb, aber sie macht das Auto auch weniger wendig. Letztes Jahr war unser Auto gut in schnellen und mittelschnellen Kurven, nicht aber in langsamen. Bei den Wintertests war immer noch eine ähnliche Tendenz zu erkennen. Ich habe Druck gemacht, dass wir das Auto anders abstimmen, um diesem Problem beizukommen. Und es hat sich verbessert, ohne zu viel zu verraten. Wir haben nicht mehr das Problem, das Auto schnell zu drehen.

Beißt die Vorderachse besser zu?

Hamilton: Ich wollte schon immer Autos, die an der Vorderachse gut reagieren. Aber mit diesen Reifen gibt es Grenzen. Wenn du da drüber hinausgehst, werden die Reifen zu heiß. Deshalb kannst du mechanisch an einem Ende des Autos nur bis zu einem bestimmten Punkt reagieren, ohne das andere Ende zu verschlechtern. Das ist wie eine Schaukel. Letztes Jahr war unser Auto sehr stark im Heck. Deshalb hatten wir viel mehr untersteuern. Dieses Jahr sind wir mit der Aero-Balance ein Stück mehr nach hinten gegangen, was uns mechanisch vorne mehr Freiheiten gab. Das Auto benimmt sich jetzt bei stärkerem Lenkeinschlag und Rollverhalten besser in den langsamen Kurven.

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