Sebastian Vettel - Ferrari - Testfahrten - Barcelona - 10. März 2017 xpb

Longrun-Analyse vom Barcelona-Test 2017

Nur Ferrari deckt Karten auf

Die schnellsten Runden in Barcelona geben ein gutes Bild vom Kräfteverhältnis der Formel 1. Sie wurden durch die Rennsimulationen bestätigt. Doch das Fragezeichen bleibt: Haben sich Mercedes und Red Bull zurückgehalten?

Die einzelne Rundenzeit muss bei Testfahrten nicht viel bedeuten. Das weiß inzwischen jeder. Die harte Währung sind die Longruns. Wenn man welche hat. Und genau da liegt in diesem Jahr das Problem. Es gab viele Quasi-Rennsimulationen im Verlauf der acht Testtage von Barcelona, aber nur ganz wenig echte.

Nur Rennsimulationen geben echte Eckpunkte

Ein Mercedes-Analyst erklärt, warum drei aneinander gestückelte Longruns an einem Nachmittag nicht das gleiche sind wie ein nachgestelltes Rennen: „Wenn das Auto nach jeweils 20 Runden wieder für 10 Minuten in der Garage verschwindet, weißt du nicht, was da passiert: „Füllen sie Sprit auf oder nicht? Ändern sie das Setup oder nicht? Welcher Reifensatz genau kommt auf das Auto? Wenn er gebraucht ist, wie viel Runden hat er vorher abgespult?“

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Test - Barcelona - 9. März 2017
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Ein Rennen mit echten Boxenstopps dagegen gibt den Spionen der Konkurrenz Eckdaten, mit denen sie arbeiten können. Sie kennen zu jedem Zeitpunkt die Spritmenge, sie wissen, dass sich die Abstimmung mit Ausnahme von Flügeleinstellungen nicht verändert, und normalerweise beginnt jeder Stint mit einem frischen Satz Reifen. Auch das ist überprüfbar.

Vettel fuhr Spanien-GP in drei Stints

Aber es gibt ja noch GPS. Wenn es funktioniert. In der ersten Testwoche von Barcelona saßen die Teams ziemlich auf dem Trockenen. Die FIA testete Modifikationen am GPS, an dem alle Teams partizipieren. An den ersten vier Tagen fiel das System immer wieder aus. In der zweiten Woche wurde es besser. Aber immer noch nicht perfekt. „Wir sehen die Speeds an bestimmten Punkten auf der Strecke, haben aber Mühe Brems- und Beschleunigungsphasen nachzuvollziehen“, erklärte Renault-Einsatzleiter Alan Permane.

Wenig Rennsimulationen, Ausfälle beim GPS: Wird da am Ende die Analyse der Dauerläufe zur Kaffeesatzleserei? Nicht ganz. Wir haben uns von jedem Team mindestens einen Longrun herausgepickt. Wenn er uns verdächtig schnell vorkam auch noch einen zweiten. Am Ende bestätigt das Bild die Bestzeiten-Tabelle. Was ein Beweis für eine gewisse Nachhaltigkeit ist. Ferrari liegt vorn. Sebastian Vettel spulte ein echtes Rennen ab, und sein Durchschnittswert von 1.24,247 Minuten über insgesamt 57 verwertbare Runden nötigte auch Mercedes Respekt ab.

Vettel fuhr das Rennen in drei Stints. Reifenfolge: soft-soft-medium. Die ersten 12 Runden ergaben im Mittel 1.24,893 Minuten. Die nächsten 19 Umläufe war Vettel durchschnittlich 1.23,929 Minuten schnell. Den langen Schluss-Turn über 28 Runden legte er im Schnitt mit 1.24,164 Minuten zurück. Der Medium-Reifen drückte aufs Tempo. Da half auch die abnehmende Benzinmenge nichts. Die letzte Runde fuhr Vettel in 1.24,978 Minuten.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - Test - Barcelona - 9. März 2017
Stefan Baldauf

Rätsel der Top-Speed-Werte

Ferrari legte die Karten auf den Tisch. Bei der Konkurrenz bleiben Fragezeichen. Lewis Hamilton war am dritten Tag bei 58 Runden in vier Abschnitten durchschnittlich mit 1.24,757 Minuten unterwegs. Das wäre eine halbe Sekunde pro Runde langsamer. Doch zwischen dem zweiten und dem dritten Stint lagen 28 Minuten Pause. Da kann alles Mögliche in der Garage passiert sein. Inklusive auftanken. Komisch ist, dass die Rundenzeiten im Schlussabschnitt um durchschnittlich 1,8 Sekunden fallen, obwohl zwischendurch nicht abgetankt wurde. Mercedes fertigte Hamilton zwischen den letzten beiden Abschnitten ganz normal vor der Box ab. Nach 20 Sekunden Stillstand ging es weiter.

Aus Mercedes-Kreisen hören wir, dass Hamiltons Longrun am Tag 2 repräsentativer sei. Obwohl der nur 30 Runden dauerte und aus zwei Stints bestand. Doch bei der Durchsicht der Topspeeds kommen einem tatsächlich Zweifel. Bei dem Rennen über 58 Runden von Tag 3 kam Hamilton fast nie über 305 km/h hinaus. Nur in einer einzigen Runde gibt es mit 327.2 km/h eine Spitze. Bei Vettels Dauerlauf an Tag 7 ist Ähnliches zu beobachten. Ein Ausreißer mit 336.4 km/h, dann gemächlicher Speed zwischen 303 und 311 km/h. Dass es auch anders geht, demonstrierte Hamilton bei der kürzeren, offenbar relevanteren Simulation über 30 Runden. Da lag der Mercedes-Pilot auf der Zielgeraden immer über der 315 km/h-Marke.

Der Schnitt von Hamiltons Hammer-time wäre atemberaubend: 1.23,461 Minuten über eine halbe Renndistanz. Dieser Longrun passt auch mit einem Dauerlauf von Valtteri Bottas vom siebten Tag zusammen, in dem der Finne 43 Runden in drei Abschnitte zerlegte und auf einen Durchschnitt von 1.23,634 Minuten kam. Auch hier streute Mercedes Nebel. Bottas stand ein Mal 25 und dann 18 Minuten in der Garage.

Red Bull hält zurück

Red Bull betrieb ein ähnliches Verwirrspiel. Die Longruns von Daniel Ricciardo sind praktisch gar nicht zu deuten. Max Verstappen hat zwei im Angebot. Wir haben den langsameren, weil realistischeren von Tag 6 ausgesucht. 54 Runden in drei Stints mit einem Schnitt von 1.25,306 Minuten.

Am zweiten Tag war der Holländer auf drei Turns über 35 Runden deutlich schneller unterwegs: 1.24,066 Minuten wären ein besserer Wert als der von Vettel. Doch die Pausen zwischen den Dauerläufen waren mit 21 und 24 Minuten verdächtig lang. Allerdings dümpelte Verstappen auf der Zielgeraden bei allen Longruns mit gemächlichem Tempo von 302 bis 307 km/h herum. Mercedes hat ausgerechnet, dass Red Bull rund sieben Zehntel hinter den Silberpfeilen und Ferrari lag. Kommentar: „Das könnte der Motor-Faktor sein. Wenn die aufdrehen, sind sie dran.“

Max Verstappen - Red Bull - Testfahrten - Barcelona - Freitag - 10.3.2017
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Hauen und Stechen im Mittelfeld

Das Verfolgerfeld ist auch bei den Rennsimulationen dicht gedrängt. Esteban Ocon, Felipe Massa, Sergio Perez, Carlos Sainz und Jolyon Palmer lieferten sich mit einem Abstand von 0,227 Sekunden vom Schnellsten bis zum Langsamsten aus dieser Gruppe ein Gefecht mit hauchdünnen Abständen. Wobei sich Renault einer realistischen Betrachtung entzog. Die gelbschwarzen Autos hatten so viele Defekte, dass man kaum einen Longrun erkennen konnte. Palmer lieferte mit 23 Runden in zwei Portionen nur ein unvollständiges Bild.

Carlos Sainz und Sergio Perez strampelten am letzten Testtag jeweils 67 Runden ab. Der Unterschied war minimal. Force India gewann mit 1.25,525 gegen 1.25,593 Minuten. HaasF1 musste den Longrun am letzten Tag wegen vieler kleiner Gebrechen absagen. Kevin Magnussen bot in den Tagen vorher zwei Dauerläufe an, von denen der bessere mit 1.26,314 Minuten rund 8 Zehntel hinter dem Mittelfeld lag.

Sauber liegt noch deutlicher zurück. Insgesamt fehlten 1,4 Sekunden auf Williams, Toro Rosso und Force India. Noch schlechter erging es McLaren-Honda. Von Longruns kann man bei den bedauernswerten Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne nicht wirklich sprechen. Das Beste, was wir gefunden haben, war Tag 5 von Vandoorne. Der Belgier schaffte tatsächlich 9 und 7 schnelle Runden am Stück. Mit einer Verschnaufpause von 14 Minuten dazwischen. Der indiskutable Mittelwert von 1.28,820 Minuten ist ein Indiz dafür, dass Honda offenbar die Leistung auf ein Minimum herunterschraubte, um ein Viertel der Renndistanz zu überleben. Der höchste gemessene Top-Speed in dieser Phase betrug 313.0 km/h. Sonst blieb der McLaren unter der 300 km/h-Grenze.

Longrun-Analyse der Barcelona-Testfahrten

Fahrer Team Zeit Runden Tag
Bottas Mercedes 1.23,634 Min. 43 Tag 7
Vettel Ferrari 1.24,247 57 Tag 7
Hamilton Mercedes 1.24,757 58 Tag 3
Räikkönen Ferrari 1.24,861 41 Tag 8
Verstappen Red Bull 1.25,306 54 Tag 6
Ocon Force India 1.25,457 59 Tag 7
Massa Williams 1.25,499 53 Tag 5
Perez Force India 1.25,525 67 Tag 8
Sainz Toro Rosso 1.25,593 67 Tag 8
Palmer Renault 1.25,684 23 Tag 2
Stroll Williams 1.26,105 55 Tag 7
Magnussen HaaF1 1.26,314 43 Tag 7
Ericsson Sauber 1.26,995 48 Tag 7
Vandoorne McLaren 1.28,820 16 Tag 5
Fahrer Team Zeit Runden Tag
Bottas Mercedes 1.23,634 Min. 43 Tag 7
Vettel Ferrari 1.24,247 57 Tag 7
Hamilton Mercedes 1.24,757 58 Tag 3
Räikkönen Ferrari 1.24,861 41 Tag 8
Verstappen Red Bull 1.25,306 54 Tag 6
Ocon Force India 1.25,457 59 Tag 7
Massa Williams 1.25,499 53 Tag 5
Perez Force India 1.25,525 67 Tag 8
Sainz Toro Rosso 1.25,593 67 Tag 8
Palmer Renault 1.25,684 23 Tag 2
Stroll Williams 1.26,105 55 Tag 7
Magnussen HaaF1 1.26,314 43 Tag 7
Ericsson Sauber 1.26,995 48 Tag 7
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