Jackie Stewart - Matra MS80 - GP Deutschland 1969 - Nürburgring sutton-images.com

Das eigenwillige Matra-Team

Ein Rüstungskonzern macht Formel 1

1000. GP

Matra gelang, was Gordini, Talbot und Bugatti in den 50er Jahren untersagt blieb. Es wurde 1969 das erste französische Team, das eine Weltmeisterschaft gewann. Wir erinnern noch einmal an die Geschichte des ungewöhnlichen Rennstalls.

Matra ist ein Kunstwort und steht für Mecanique Avion Traction. Die 1941 eingetragene Firma begründet sich auf dem Rüstungs- und Luftfahrtunternehmen Capra. Im Motorsport war Matra ein Quereinsteiger. 1964 trug der damalige Chef Marcel Chassagny im Pariser Vorort Vélizy die Societé Matra Sports ins Handelsregister ein. Matra wurde Automobilhersteller. Nach schnellen Erfolgen in der Formel 3 und Formel 2 drängte Rennleiter Jean-Luc Lagardère in die Formel 1. Lagardère muss man sich als den französischen Luca di Montezemolo vorstellen. Charismatisch, elegant, weltmännisch. Staatschef Charles de Gaulles zählte zu seinem Bekanntenkreis.

Die Karriere von Matra in der höchsten Spielklasse war kurz, aber sie hinterließ Spuren. Beim GP Monaco 1967 tauchte der Name Matra zum ersten Mal in der Starterliste eines Grand Prix auf. Nach dem GP USA 1972 verschwand er wieder. Dazwischen lagen 60 Einsätze, neun Siege, vier Pole-Positions, 155 WM-Punkte und ein WM-Titel. Das Highlight war 1969 die Weltmeisterschaft von Jackie Stewart. Das Team hatte 16 Mitarbeiter und ein Budget von einer Million Dollar. Der Matra MS80 war das überlegene Auto der Saison.

Geld von Staatschef de Gaulle

Was blieb außer dem sportlichen Erfolg in Erinnerung? Matra, das waren ab 1970 eigenwillig geformte Autos in himmelblauer Lackierung mit einem infernalisch kreischenden Zwölfzylinder-Motor im Heck. Den erfolgreichsten Vertreter haben heute, 50 Jahre später, nur noch die wenigsten vor ihrem geistigen Auge. Vielleicht weil es ein ganz normales Rennauto mit einem Cosworth-Motor war. Und weil Ken Tyrrell, der Teamchef, aus England kam. Der bestand darauf, das Matra-Chassis mit einem Cosworth-Motor zu bestücken und nicht mit dem V12 aus eigener Produktion. Matra akzeptierte, weil man bei Motor noch lernen wollte.

Jackie Stewart - Matra Cosworth MS10 - GP England 1968 - Brands Hatch
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Matra-Star Jackie Stewart im MS10 beim GP England 1968 in Brands Hatch.

Der Matra MS80 schlug gewissermaßen aus der Art. Er war kein rein französisches Produkt. Wahrscheinlich war er deshalb so erfolgreich. Jackie Stewart gewann mit der französischen Antwort auf Lotus, Brabham und McLaren den Fahrertitel. Gleichzeitig ging auch noch der Konstrukteurs-Pokal an die Grande Nation. Stewarts Teamkollege Jean-Pierre Beltoise wurde in der Endabrechnung mit 21 Punkten Fünfter.

Nach dem WM-Erfolg fragte Charles de Gaulle den Matra-Rennchef, warum ein französisches Rennauto ohne französischen Motor fahre. Lagardère antwortete: „Weil wir nicht genug Geld für die Entwicklung eines eigenen Motors haben, Monsieur le Président.“ De Gaulle spendierte sechs Millionen Francs aus der Staatskasse mit der Bedingung, dass das Geld im Erfolgsfall zurückgezahlt werden müsse. Matra konnte das Geld behalten.

Matra bezahlte mit dem Motor viel Lehrgeld. Bei der Konzeptfindung gingen die Konstrukteure herrlich naiv vor. Man fragte sich: Was ist der stärkste Motor im Feld? Antwort: ein Ferrari. Und welchen Motor baut Ferrari? Einen V12. Also musste es ein V12 sein. Und so laut, dass man sich an ihn erinnert.

1968 gab der Matra-Zwölfzylinder im Chassis MS11 sein Debüt. Weil das Triebwerk anfangs kaum über 400 PS abgab, gönnte sich die Ingenieure um Georges Martin 1969 eine Auszeit. Doch für 1970 bestand Lagardère auf dem Einsatz eines reinrassigen Matra. Ken Tyrrell lehnte ab und kaufte sich lieber einen Marc. Ende 1968 kam es in Albi zu einem heimlichen Test. Jackie Stewart erzählt: „Wir sind morgens um sechs Uhr gefahren, damit uns keiner sieht. Es war ein wunderbares Stück Technik. Typisch für einen Zwölfzylinder ließ sich der Motor kinderleicht fahren. Die Power setzte im Gegensatz zum Cosworth-V8 butterweich ein. Du hattest das Gefühl, schnell zu sein, aber du warst es nicht. Der kleine Cosworth-Motor passte besser ins Auto, und er hatte mehr Top-Leistung.“

Matra MS80 - Rennwagen
Daniel Reinhard
Das Weltmeister-Auto - der Matra MS80.

Drei Mal den Sieg knapp verpasst

Ab 1970 machte Frankreichs Rennstall der Herzen auf eigene Faust weiter. Mit eigenwilligen Autos, die wie ein Zwitter aus Formel-Auto und Sportwagen aussahen. An die breite Nase wurden zuerst kurze Stummelflügel geschraubt und später Kotflügelartige Boxen. Die Seitenkästen waren erst kantig, später rund. Über dem Motor thronte eine Airbox. Die Eigenheiten waren durchaus durchdacht. In den folgenden Jahre kopierten viele Teams Matras Ideen. Die Sportwagen-Nase und die Airbox wurden Standard.

Doch Erfolge fuhren die anderen ein. Der die MS180-Baureihe von Matra schaffte zwischen 1970 und 1972 nur einige Achtungserfolge. Drei Mal fuhr Matra ganz knapp am Sieg vorbei. 1970 führte Jean-Pierre Beltoise in Clermont-Ferrand schon mit 17 Sekunden, als er einen schleichenden Plattfuß ignorierte und viel zu spät zum Reifenwechsel die Boxen ansteuerte. 1971 verlor Chris Amon in Monza in aussichtsreicher Position das Helmvisier. Der Neuseeländer musste unplanmäßig an die Box. 1972 kostete ein Reifenschaden Amon beim GP Frankreich die klare Führung. Der Pechvogel wurde im generalüberholten Typ MS120D trotzdem noch Dritter. Danach war die Luft raus. Bei Matra und bei Amon. Ende des Jahres sperrte Matra sein Formel 1-Team zu.

Die Franzosen waren mit ihrem eigenen Projekt an der mangelnden Standfestigkeit des Motors, am großen Durst des Zwölfzylinders und an dem zu weichen MS120-Chassis gescheitert. Ab 1973 konzentrierte sich Matra ganz auf Sportwagen-Rennen, wo man 1972 die 24 Stunden von Le Mans gewonnen hatte. Der viel geschmähte Motor tauchte später wieder im Ligier auf. In seiner zweiten Karriere waren dem V12 mit seinem unverwechselbaren Sound immerhin drei GP-Siege vergönnt.

Jackie Stewart - Matra MS80 - GP Deutschland 1969 - Nürburgring
Jackie Stewart - Matra MS80 - GP Deutschland 1969 - Nürburgring Jackie Stewart - Matra Cosworth MS10 - GP England 1968 - Brands Hatch Jean Pierre Beltoise - Matra MS11 - GP Deutschland 1968 - Nürburgring Johnny Servoz-Gavin - Matra Ford MS10 - Graham Hill - Lotus 49 - GP Monaco 1968 20 Bilder

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