Lewis Hamilton - Mercedes - GP Aserbaidschan 2021 - Baku - Samstag xpb
Lance Stroll - Aston Martin - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Samstag - 5.6.2021
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Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Samstag - 5.6.2021
Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Samstag - 5.6.2021 32 Bilder

Mercedes atmet auf: Eine Wende aus dem Nichts

Mercedes atmet auf Eine Wende aus dem Nichts

GP Aserbaidschan

Es sprach bis zur Qualifikation alles für eine Pleite. Nach drei Trainings zum Vergessen kehrte Mercedes auf die Erfolgsstraße zurück. Lewis Hamilton verpasste zwar seine 101. Pole-Position, doch wenigstens steht nur ein Ferrari vor ihm. Den WM-Rivalen Red Bull bezwang Mercedes nach einer schlaflosen Nacht.

Drei Trainingssitzungen lang fuhren die Mercedes hinterher. Teilweise sogar mit erschreckend großem Rückstand und außerhalb der Top 10. Red Bull, Ferrari, McLaren, Alpha Tauri und Alpine hatten ein schnelleres Auto. Es drohte eine Pleite, wie sie der Serienweltmeister schon lange nicht mehr erlebt hat. Das Aus mit beiden Autos in Q2 war ein mögliches Szenario.

Nicht einmal der dritte Platz im dritten Training machte große Hoffnung. Ein monströser Windschatten schenkte Lewis Hamilton sechs Zehntelsekunden. Sonst wäre er am Rande der Top 10 gelandet. Valtteri Bottas war eher der Maßstab. Der Finne belegte im Abschlusstraining den 13. Rang.

Zwei Stunden später waren die Sorgen verfolgen. Plötzlich flog der schwarze Rennwagen über die 6,003 Kilometer. Plötzlich schwächelte Mercedes in keinem Sektor mehr. Zumindest mit dem Weltmeister im Auto. Die Vorderreifen auf Temperatur, das Vertrauen im Auto da. Hamilton deutete mit einer Bestzeit in Q1 an, dass er heute doch wieder um die Pole-Position fahren würde.

Am Ende verpasste er sie zwar um 0,232 Sekunden und war trotzdem neben Charles Leclerc der große Gewinner. "Das Auto war wie verwandelt. Wie Tag und Nacht. Das war heute der größte Schritt, der uns jemals zwischen einem dritten Freien Training und dem Qualifying gelungen ist. Das Team hat einen riesigen Job gemacht, um ein Desaster abzuwenden. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie toll ich mich nach diesem Umschwung fühle", sprach der Rekordweltmeister in die Mikrophone.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Aserbaidschan 2021 - Baku - Samstag
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Selten hat sich ein zweiter Platz für Lewis Hamilton so gut angefühlt.

Nur die Reifentemperaturen als Problem?

Das Wochenende begann mit einem durchwachsenen ersten Training. Da schafften es beide Fahrer wenigstens noch in die obere Tabellenhälfte. Wie groß die Probleme waren, zeigte die zweite Übungseinheit. Und auch nach der dritten kratzten sich die Ingenieure am Kopf. "Wir haben ein unterirdisches Auto in den Kurven sieben bis zwölf und in Kurve 15. Es muss mit den Reifentemperaturen zu tun haben. Sonst bist du nicht plötzlich eine Sekunde weg. Doch wenn wir wüssten, woran genau es hapert, könnten wir es abstellen und auch sagen."

Hamilton litt wie seine Ingenieure. "Das waren schwer zu beschreibende Gefühle. Wir sind einfach nicht vom Fleck gekommen. Egal, was wir unternommen haben. Wir konnten die Probleme nicht lösen. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Jungs weiter anzutreiben."

An den schwarzen Silberpfeilen kamen die Pirellis einfach nicht auf Temperatur. Vor allem die vorderen. Das ist auf einer Strecke mit vielen 90-Grad-Kurven Gift. Weil hier besonders die Vorderachse beißen muss. Doch Red Bulls Ingenieure glauben nicht, dass die Reifen allein die Erklärung für die Misere beim Hauptrivalen waren. "Ja, auf der Zielgeraden kühlen sie aus. Aber danach kommen ausreichend Kurven. Vor allem im Mittelteil. Dazu waren die Mercedes im ersten Sektor nicht schlecht. Deshalb kann es allein an den Temperaturen nicht gelegen haben. Zumal kein anderes Team bei diesen hohen Streckentemperaturen Probleme damit hat."

Die Asphalttemperatur kletterte teilweise über die 50-Grad-Marke. Und trotzdem kämpften die Mercedes. Sämtliche Experimente in den Trainings mit der Aerodynamikkonfiguration und dem Setup schlugen fehl. Mercedes testete verschiedene Heckflügel. Für mehr und weniger Anpressdruck. Mit einer Stütze oder mit zwei Pfeilern. Jedoch wollte keine Maßnahme so recht fruchten.

Bottas zieht Hamilton

Es zählt zu den großen Stärken, dass sich die Weltmeister selbst in einer scheinbar aussichtslosen Situation nicht aus der Ruhe bringen lassen. "Wir haben ein Nein nicht gelten lassen, die Köpfe zusammengesteckt und getüftelt. Bis zehn Minuten vor der Qualifikation haben wir immer noch gegrübelt", berichtete Hamilton.

Dass selbst bis ins Q1 Ungewissheit herrschte, ob die Setupänderungen endlich das Auto in seinen Wohlfühlbereich treiben würden, verdeutlichte der Fakt, dass die W12 mit unterschiedlichen Flügeln in die Qualifikation gingen. Bottas setzte auf das Exemplar für mehr Abtrieb, Hamilton auf das für etwas weniger Luftwiderstand. Für den Finnen war es der falsche Griff. Ihm fehlte trotzdem das letzte Vertrauen ins Auto. Und jetzt steht er mit dem falschen Heckflügel auf dem zehnten Startplatz. So dürfte ihm das Überholen schwerer fallen.

Hamilton hingegen hatte das glücklichere Händchen. Und fand mit dem umgebauten W12 endlich Grip in der Qualifikation. "Das Auto war wie das ganze Wochenende immer noch knifflig zu fahren. Doch Lewis hat Vertrauen geschöpft, Valtteri dagegen weiter gekämpft. Das wirkt sich auf einer solchen Strecke stark aus", erklärt Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

1,2 Sekunden wie es das Ergebnis darstellt, war Bottas aber nicht. Im ersten Versuch musste er dem Teamkollegen Windschatten geben. Das brachte Hamilton drei Zehntel. Eine Verbesserung im Finale schaffte wegen der Unfallorgie keiner. "Lewis war an diesem Wochenende an der Reihe. Er durfte sich aussuchen, ob er vor oder hinter Valtteri fährt. Nächstes Mal ist es anders. Da darf Valtteri bestimmen. Wir wechseln ab", führt Wolff aus.

Lewis Hamilton - Max Verstappen - GP Aserbaidschan 2021 - Baku - Samstag
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Max Verstappen musste Hamilton in der Qualifikation den Vortritt lassen.

Hoffen, nicht überreagiert zu haben

Trotz des brandheißen Asphalts wickelten die Mercedes als einzige Autos zwei Aufwärmrunden ab, um die Reifen von innen heraus zu erwärmen. Der Kniff funktionierte. Aus einem Problemfall wurde ein schnelles Auto, das sowohl beim Topspeed als auch in allen drei Sektoren konkurrenzfähig war. So wendete der WM-Zweite ein Desaster ab – und qualifizierte sich sogar vor dem großen Rivalen Max Verstappen an zweiter Stelle.

Der Optimismus ist zurückgekehrt. Für den Rennsonntag rechnet sich Mercedes gute Siegchancen aus, weil das Auto bereits auf den Longruns am Freitag überzeugte. Da war man deutlich schneller als Ferrari, weil der W12 die Reifen konservierte, und auf Augenhöhe mit Red Bull. Die Frage ist nur, ob Mercedes wie zuletzt in Monte Carlo nicht wieder über das Ziel hinausgeschossen ist.

Vor zwei Wochen hatte man sich ebenfalls durch die Trainings gequält und über fehlende Reifentemperaturen geklagt. Nur war das Ausmaß nicht ganz so schlimm wie in Baku. Mercedes überreagierte, und machte den W12 im Renntrimm zu einem Reifenfresser. Das soll dieses Mal nicht passieren. "Wir haben nicht die gleichen Umbauten wie in Monaco gemacht, nicht alles abgeklebt am Auto, um Temperatur in die Reifen zu kriegen", sagt Wolff. Abdichten lassen sich zum Beispiel die Bremshutzen, um die Kühlung zu verringern und dadurch Hitze zu erzeugen, die auf den Reifen abstrahlt. "Wir verstehen die Situation besser. Ich hoffe, dass wir keine Rennperformance hergeschenkt haben, und glaube es nicht. Mit Gewissheit können wir es allerdings nicht sagen."

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