Valtteri Bottas - GP England 2019 Motorsport Images

Mercedes mit siebtem Doppelsieg

Bottas durch Taktik benachteiligt?

Valtteri Bottas blieb der Sieg in Silverstone verwehrt. Ein Safety-Car brachte ihn um alle Chancen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff grübelte: „Wir müssen analysieren, ob wir Valtteri durch unsere zweigleisige Taktik vielleicht unbeabsichtigt benachteiligt haben.“

Es war vielleicht der einzige Makel eines großartigen Rennens. Der GP England wurde nicht auf der Strecke entschieden, sondern in der Boxengasse. Das Safety-Car in der 20. Rennrunde begünstigte Lewis Hamilton, der während der Neutralisation seinen Reifentausch abwickelte. Das sparte ihm mehr als sieben Sekunden verglichen mit einem Boxenstopp unter Renntempo.

Hamilton war am Rennsonntag von Silverstone der schnellere Mann. Und er hielt seine Reifen besser in Schuss. Deshalb ist sein Sieg verdient, auch wenn die Umstände glücklich waren. Der nun sechsmalige England-Sieger schaffte den Spagat zwischen Attacke und Zurückhaltung. Angriff, um Bottas in Reifenprobleme zu treiben. Zurückhaltung, um den ersten Rennteil auf den Medium-Reifen ausdehnen zu können. Sonst hätte er gar nicht vom Safety-Car profitiert.

Mercedes fährt zweigleisig

Bottas verteidigte sich in den ersten 16 Runden bravourös gegen den anstürmenden Teamkollegen, rieb sich dabei allerdings den Medium-Reifen auf. Der Zustand der Gummis diktierte den ersten Stopp. „Die Reifen waren runtergefressen und in besorgniserregendem Zustand“, erzählen die Mercedes-Strategen. Die Mechaniker steckten dem Auto mit der 77 dieselbe Mischung ein zweites Mal auf. Damit war klar, dass Bottas ein weiteres Mal an die Box kommen musste. Es ist Vorschrift, im Rennen zwei verschiedene Sorten zu fahren.

Hamilton dehnte den ersten Rennteil durch gutes Reifenmanagement aus. „Wir besprachen vor dem Rennen, dass der Zweitplatzierte eine abweichende Strategie bekommt“, führt Mercedes-Teamchef Toto Wolff aus. Mercedes wollte seinen beiden Piloten mit verschiedenen Taktiken die Möglichkeit geben, das Rennen zu gewinnen. In der Befürchtung, der Start bestimme bereits das Ergebnis.

Der Zweite, in diesem Fall Hamilton, bekam für den zweiten Stint die harten Reifen. Damit hatte der Engländer zwei Reifenmischungen verwendet, und konnte ohne weiteren Stopp durchfahren. Doch Mercedes plante auch für Hamilton mit einer Zweistopp-Taktik. „Sie wären im Mittelteil auf den jeweils anderen Mischungen ihr Rennen gefahren, und wären hinten heraus wieder zusammengekommen“, erklärt Wolff. Das Schicksal hatte andere Pläne.

Hamilton - Bottas - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
xpb
Die beiden Mercedes wurden durch den ersten Boxenstopp voneinander getrennt.

Ohrfeige für Bottas

Ohne Safety-Car hätte Bottas in jedem Fall die Führung behalten. „Wir müssen analysieren, ob wir Valtteri durch unsere zweigleisige Taktik vielleicht unbeabsichtigt benachteiligt haben“, meint der Teamchef. Auf der anderen Seite: Hätte man Hamilton eine Runde nach dem Teamkollegen in die Box gerufen, hätte es dem Weltmeister geschadet. Dann hätte er umsonst formidables Reifenmanagement betrieben.

Warum Bottas im zweiten Stint den Medium-Reifen erhielt, und Hamilton den harten, erklären die Strategen: „Entweder gibst du beiden den harten Reifen oder nur dem hinteren. Der besser platzierte Fahrer genießt Priorität. Wenn wir es anders herum machen, also Valtteri auf den harten Reifen setzen und Lewis auf den Medium, verkürzen wir Valtteris zweiten Stint unnötig. Dann muss er hinten heraus länger auf den Mediums fahren, während Lewis den harten Reifen hat.“

Hamilton hatte das notwendige Glück. Doch es gibt keinen Zweifel daran, dass der schnellere der beiden Mercedes gewann. Hamilton fuhr in seiner eigenen Liga. Das zeigt die schnellste Rennrunde auf 32 Runden alten Reifen im letzten Umlauf, nachdem Hamilton sich gegen einen zweiten Reifentausch ausgesprochen hatte. Hamilton drehte sie, obwohl einer der Vorderreifen eine Blase warf. Bottas war auf gebrauchten Softreifen im Vergleich der schnellsten Rennrunden um 43 Tausendstel langsamer. Eine Ohrfeige für den Finnen.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
Wilhelm
Hamilton hätte in Silverstone wohl auch ohne das Safety-Car gewonnen.

Verstappen so schnell wie Mercedes

Bottas konnte sich glücklich schätzen, überhaupt Zweiter geworden zu sein. Ohne die Kollision zwischen Sebastian Vettel und Max Verstappen hätte der Mercedes-Pilot sogar vom Podest fallen können. Zu diesem Zeitpunkt lagen beide in seinem Boxenstoppfenster. Und beide konnten auf ihren harten Reifen durchfahren. Heißt: Bottas hätte sich mit seinen Softgummis erst einmal an Verstappen und Vettel vorbeiboxen müssen.

Für den Ferrari hätte es wohl gereicht. „Wir waren im Schnitt eine halbe Sekunde schneller als sie“, erzählten die Strategen. Bei Verstappen lag der Fall anders. Der Niederländer hatte nicht Hamiltons Geschwindigkeit, war aber mindestens so schnell wie Bottas. „Wir konnten es nur selten zeigen, weil Max zu 99 Prozent des Rennens hinter einem roten Auto hing“, sagte Red Bulls Teamchef Christian Horner.

Bleibt noch eine Frage zu klären: Hätte Mercedes es nicht Verstappen gleichtun müssen, und während des Safety-Cars ein zweites Mal die Reifen tauschen? „Damit wären wir vor Verstappen gewesen, aber gleichzeitig hinter Vettel geblieben. Wir hätten Valtteri auf harte Reifen setzen müssen. Damit wäre es schwer geworden, Vettel zu überholen.“

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