Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - 4. Juli 2020 Motorsport Images
Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - 4. Juli 2020
Alex Albon  - GP Österreich 2020
Max Verstappen  - GP Österreich 2020 22 Bilder

Mercedes analysiert Getriebe-Probleme

Geänderter Kabelbaum als Lösung?

Mercedes hat zwischen den Spielberg-Rennen fieberhaft nach Lösungen für das Elektrik-Problem am Getriebe gesucht. Am Kabelbaum und im Umfeld der Schaltbox werden neue Teile ihren Dienst verrichten. Ob damit alle Gebrechen ausgelöscht sind, wird Mercedes erst nach dem Freitag wissen.

Es war eine Zitterpartie, obwohl Mercedes eigentlich keinen echten Gegner hatte. Der W11 ist zweifellos das schnellste Auto im Feld. In der Qualifikation schenkte Mercedes dem schnellsten Verfolger Red Bull eine halbe Sekunde ein. Im Rennen hatte man Max Verstappen nur elf Runden lang klein im Rückspiegel. Und doch wäre Mercedes am vergangenen Wochenende in Spielberg beinahe gestolpert. Über die Strategie, aber vor allem über die Standfestigkeit.

Als George Russell in seinem Williams ausrollte, lagen Valtteri Bottas und Lewis Hamilton zwar einsam an der Spitze, aber ungünstig auf der Strecke. "Wir hatten gerade so Zeit, zu reagieren", führt Strategiechef James Vowles aus. Die Taktiker entschieden sich gegen einen Boxenstopp. "Valtteri lag an der Linie für die Boxengasseneinfahrt. Lewis etwa eineinhalb bis zwei Sekunden dahinter. Wir hätten beide reinholen können, doch dann hätte Lewis angestanden und viele Positionen verloren. Weil unsere Gegner dahinter das Gegenteil gemacht hätten."

Aggressive Kerbs gegen Mercedes

Beide Mercedes verzichteten auf einen zusätzlichen Reifenwechsel. Man legte sich fest, das Rennen mit dem harten Reifensatz zu Ende zu fahren. Aus gutem Grund. Das Weltmeisterteam hatte Angst um seine beiden Autos. Beide Fahrer waren angehalten, ihre schwarz lackierten Silberpfeile zu schonen und die Randsteine zu meiden. In diesem Fall war es besser, die Doppelführung zu halten. "Mit einem Stopp wären wir zurückgefallen. Dann hätten wir überholen müssen, was unser Auto zwangsläufig strapaziert hätte. Das hätte die Gefahr eines Ausfalls deutlich erhöht."

Gegen Verfolger Alexander Albon, dessen Team auf die Mercedes-Taktik reagieren konnte, wähnte man sich mit der doppelten Absicherung in Sicherheit. Womit die Strategen nicht rechneten, war, dass der Red Bull-Pilot auf den Softreifen so schnell sein würde. Der Thailänder hätte vermutlich gegen die verwundeten Mercedes sogar gewinnen können, wäre es nicht zur Kollision mit Hamilton gekommen.

Das Grundproblem von Mercedes aber war weniger die Strategie, sondern vielmehr die Standfestigkeit. Ohne Zuverlässigkeitssorgen wären die Silberpfeile nie Gefahr gelaufen, überholt zu werden. Die schnelle Strecke von Spielberg mit ihren Geraden und den aggressiven Randsteinen setzten dem Getriebe zu. Die Kerbs müssen in die Ideallinie einbezogen werden, sonst gehen einige Zehntelsekunden flöten. Mercedes konnte es sich erlauben, sie auszulassen, solange das Rennen ohne Safety-Cars ablief, weil der Vorsprung und die Überlegenheit so groß waren, ohne einen Max Verstappen im Rücken. Doch nach den Neutralisationen und auf den alten Reifen drehte sich das Blatt.

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Wilhelm
Mercedes war in Spielberg eine Macht. Doch die Standfestigkeit macht dem Weltmeister große Sorgen.

Neue Teile für Spielberg

Die Randsteine schütteln die Autos vor allem in den Kurven 7, 8, 9 und 10 durch. Die Autos nehmen diese Ecken mit Geschwindigkeiten von 200 bis 260 km/h. Entsprechend hoch fallen die Kräfte auf das Material aus. Für Frontflügel, Aufhängungen, Steuergeräte und Sensoren ist das Rattern über die Querfugen eine Belastungsprobe. Spielberg gilt als materialmordend. Das halbe Feld bekam es zu spüren.

Mercedes stellte bereits am Trainingsfreitag fest, dass man Probleme mit dem Getriebe hat. Nicht mit der Mechanik, sondern der Elektronik. Die Sensoren litten. Die elektrischen Störfeuer verwirrten auch die umliegenden Komponenten. Im Rennen wurden die Probleme noch größer. Größer als die Ingenieure zuvor angenommen hatten. Beinahe wäre die Getriebesteuerung aus dem Tritt gekommen.

Die Ursachen für die Getriebeprobleme sind identifiziert. Für das zweite Rennen in der Steiermark will das Weltmeisterteam zumindest einen Teil davon lösen. Dafür haben die Techniker in der heimischen Fabrik in Brackley seit letzten Freitag geschuftet. Teamchef Toto Wolff führt aus: "Die Probleme sind uns zum ersten Mal am Freitag aufgefallen, weshalb wir in der Fabrik und an der Rennstrecke sofort damit begonnen haben, an Maßnahmen für die nächsten Rennen zu arbeiten. An diesem Wochenende werden wir neue Teile einsetzen, um unsere Situation zu verbessern."

Russell-Ausfall isoliert

Diese neuen Teile betreffen das elektrische Umfeld rund um das Getriebe. Mercedes hat am Kabelbaum nachgebessert, der wegen der schmalen Bauweise im Heck ganz offenbar mit anderen Komponenten in Berührung kam, was zu Interferenzen führte. Zur Erinnerung: Den alten Kabelstrang hatten die Mechaniker im Auto von Bottas bereits vor der Qualifikation ausgetauscht. Trotzdem hatte auch der Rennwagen mit der Startnummer 77 große Probleme über die 71 Runden.

Noch weiß der Titelverteidiger nicht, ob die Schnellreparatur tatsächlich die Technik-Gebrechen nur lindert oder sogar vollständig kuriert. Dafür muss Mercedes erst einmal mit beiden Autos am Trainingsfreitag Kilometer sammeln. Parallel zur Mannschaft an der Rennstrecke wird die Fabrik wieder mitanalysieren. Am Freitagabend kommen dann alle Datensätze auf den Tisch. Spätestens danach weiß Mercedes, ob man dieses Mal Vollgas geben kann oder wieder die Randsteine meiden muss.

Den Weltmeister umtreiben noch weitere Sorgen. Der Ausfall von Williams-Pilot George Russell zeigte, dass der Mercedes-V6 noch nicht so kugelsicher ist wie in der Vergangenheit. Im Motorenwerk Brixworth wurde die Ursache gefunden. Ein Problem mit dem Zahnradantrieb legte den Williams auf Eis. Die Techniker geben etwas Entwarnung: Sie glauben, es sei ein isoliertes Problem und betreffe nur diesen einen Motor im Williams. Russell bekommt für das zweite GP-Wochenende des Jahres bereits den zweiten Motor, die zweite MGU-H und den nächsten Turbolader.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Motorsport Images
Red Bull verließ das erste Rennen mit einem Doppelausfall.

Honda mit Gegenmaßnahmen

Auch der schärfste Rivale war zwischen den Grands Prix in der Steiermark nicht untätig. Red Bulls Motorenpartner Honda überprüfte die Schäden, die für Verstappen und Albon das Aus bedeuteten. In beiden Fällen soll die Elektrik schuld gewesen sein – die Ursachen jedoch waren verschiedener Natur.

In jedem Fall berichtet Honda, dass es keine Motorschäden gebe und man Gegenmaßnahmen eingeleitet hat. "Wir wollen am Sonntag mit beiden Autos von Red Bull und Alpha Tauri ins Ziel kommen." Man wird es müssen. Sonst droht der WM-Zug bereits nach beiden Heimspielen abzufahren.

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