Alarmstimmung bei Mercedes

Pannenserie kostet WM-Führung

Lewis Hamilton - GP Kanada 2018 Foto: Wilhelm 55 Bilder

Ferrari hat Mercedes beim GP Kanada eine empfindliche Niederlage zugefügt. Die Teamleitung erkannte in allen Bereichen Defizite und forderte eine Generaloffensive für die drei heißesten Wochen im GP-Kalender.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff sprach von einem Weckruf. Sein Außenminister Niki Lauda von Alarmstimmung. Sebastian Vettel startete von der Pole Position und kontrollierte das Rennen von der Spitze weg. Valtteri Bottas landete 7,3 Sekunden hinter dem Sieger auf Platz 2 und wäre am Ende fast noch von Max Verstappen überrollt worden. Lewis Hamilton biss sich im Kampf mit Daniel Ricciardo um Platz vier die Zähne aus. Die WM-Führung ging an Vettel zurück.

Wolff machte nach dem Grand Prix eine klare Ansage: „Wir sind nach Montreal in dem Glauben gekommen, dass unser Auto stark sein würde. Jetzt reisen wir mit der Erkenntnis ab, dass Ferrari in allen Phasen das bessere Auto hatte. In der Qualifikation und im Rennen.“

Auf Strecken wie Monte Carlo und Singapur mag man das akzeptieren. Nicht aber auf einem Kurs, auf dem Power eine Rolle spielt und auf dem man seit 2015 immer gewonnen hat. Niki Lauda wurde noch deutlicher: „Ferrari hat heute das bessere Auto, den besseren Motor und den besseren Spritverbrauch. Sie haben uns in Disziplinen überholt, in denen wir mal vorne lagen. Jetzt muss in allen Bereichen etwas passieren.“

Hamilton musste Leistung zurückdrehen

Niki Lauda & Toto Wolff - GP Kanada 2018 Foto: Wilhelm
Toto Wolff und Niki Lauda schlagen Alarm. Ferrari war in allen Bereichen besser.

Wolff mahnte die vielen kleinen Pannen an, die in Summe Mercedes den Sieg gekostet haben könnten. Der Verzicht auf die Ausbaustufe des Motors, weil fünf Tage vor dem Rennen auf dem Prüfstand ein Triebwerk zu Bruch gegangen ist. Die Entscheidung nur fünf Satz Hypersoft-Reifen zu buchen. Lewis Hamiltons Motorproblem im Rennen, das den Weltmeister zeitweise dazu zwang von Modus Plus auf Normal herunterzudrehen. Und die Benzinnöte von Valtteri Bottas, die Max Verstappen noch gefährlich nahe kommen ließen.

Zu den Punkten in der Einzelkritik. Wolff verteidigte die Entscheidung, die Spec 2-Motoren in den Transportkisten zu lassen, obwohl man damit mindestens ein Zehntel verschenkt hat. „Bei der Entwicklung musste du immer eine gute Balance zwischen Zuverlässigkeit und Rundenzeit finden. Wir haben in den letzten Jahren demonstriert, dass wir da immer einen guten Weg bestritten haben.“

Bei der Reifenwahl gibt Wolff zu, dass man aus der Sicht von heute seine 13 Reifengarnituren anders zusammengestellt hätte. „Bei mehr Sätzen Hypersoft hätten wir unseren Fahrern mehr Möglichkeiten gegeben, sich auf diesen Reifentyp einzuschießen. Vielleicht ist uns da die Pole Position verloren gegangen. Und damit hätte auch das Rennen anders laufen können.“

Hamilton war von der ersten Runde an in die Defensive gedrängt: „Ich habe schon in der zweiten Kurve einen Power-Verlust gespürt und musste dann große Risiken eingehen, um an den Red Bull dranzubleiben.“ Schuld war ein defektes Ventil im Wasserkreislauf. Das ließ die Motortemperaturen ansteigen.

Als Sofortmaßnahme wurde Hamilton gebeten, nicht mehr die höhere der beiden Power-Stufen für das Rennen anzuwählen. Das Problem diktierte ihm auch den frühen Boxenstopp in Runde 16.

Mercedes ist für solche Fälle gerüstet. Die Mechaniker entfernten die Abdeckfolien auf den kiemenartigen Kühlauslässen neben dem Fahrerkopf. Danach lief der Motor wieder im grünen Bereich. Meistens jedenfalls. „Ich habe im Kampf gegen Ricciardo in der vorletzten Runde noch mal ein Leistungsloch gespürt und bis zum Schluss gezittert, dass ich überhaupt ins Ziel komme“, übertrieb Hamilton.

Valtteri Bottas hatte andere Sorgen. Er fuhr nach seinem Boxenstopp in Runde 36 nur noch mit Blick auf die Sprituhr. „Montreal ist für alle knapp mit dem Benzin. Aber Vettel konnte trotz Spritsparen schneller fahren als ich. Und Verstappen kam mir immer näher. Vor der Ziellinie bin ich voll vom Gas. Da wäre Max fast noch vorbei. Ich bin mit den letzten Tropfen ins Ziel.“

Die Mercedes-Strategen hatten entschieden, dass Bottas erst in der zweiten Rennhälfte den Fuß vom Gas nehmen sollte. „Vor dem Boxenstopp wollten wir so nah wie möglich dranbleiben. Deshalb haben wir das Spritsparen auf später verschoben.“

Benzinverbrauch macht Lauda Sorgen

Valtteri Bottas - GP Kanada 2018 Foto: sutton-images.com
Bottas kam nur ganz knapp vor Verstappen ins Ziel, weil er am Ende extrem Spritsparen musste.

Der Benzinverbrauch macht Lauda die meisten Sorgen. „Da waren wir mal die Nummer eins, und jetzt können das Ferrari und Renault besser als wir.“ Der Österreicher hofft, dass sich zumindest auf der Motorseite die Lage beim nächsten Rennen in Paul Ricard wieder entspannt. „Da kriegen wir dann unseren neuen Motor. Das sollte uns helfen.“

Lauda lässt trotzdem nicht locker: „Wir haben auch beim Auto verloren.“ Ferrari machte mit neuen Leitblechen aerodynamisch ein spürbaren Schritt. Deshalb kommt Wolff zu dem Schluss: „Jede kleine Verbesserung an Auto oder Motor kann jetzt wichtig sein. Wir müssen in allen Bereichen ansetzen.“

Lewis Hamilton sieht dagegen noch keinen Grund der Panik. Vettel führt nur mit einem Punkt, und die Saison ist noch lang. Man müsse in solchen Situationen auch positiv denken: „Ich hätte auch ausfallen können. Unser Auto hat Potenzial. Wir müssen ab jetzt nur die schlechten Tage minimieren und die Fehlerquote so gering wie möglich halten.“

Hamilton sagte aber auch: „Ferrari hat das konstanteste Auto. Und Red Bull ist uns jetzt ebenbürtig.“ Teamkollege Bottas räumt ein: „Ferrari hat Fortschritte beim Auto und Motor gemacht. Bei uns hat nicht viel gefehlt, aber doch genug. Das zeigt, wie schwer das Gewinnen geworden ist.“

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