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Wie viel Stallregie darf sein?

Fairplay könnte sich für Mercedes rächen

Ferrari setzt alle Karten auf Sebastian Vettel. Mercedes muss beide Fahrer spielen und hielt sich an das Versprechen, dass Lewis Hamilton den Platz an Valtteri Bottas zurückgibt. Doch das Fairplay könnte sich rächen. Wenn Hamilton am Ende drei Punkte fehlen.

Es sind zwei unterschiedliche Ansätze zum Erfolg zu kommen. Ferrari setzt aus einer Tradition heraus alle Karten auf einen Fahrer. Das war früher bei Niki Lauda und Jody Scheckter so und in der jüngeren Vergangenheit mit Michael Schumacher. In der modernen Ära ist Sebastian Vettel die Nummer 1 im Stall. Der Punktestand rechtfertigt die Konzentration auf einen Fahrer. Vettel ging mit 79 Punkten Vorsprung auf Kimi Räikkönen in den GP Ungarn. Jetzt beträgt die Differenz 86 Zähler. Räikkönen wird 2017 nicht mehr Weltmeister werden.

Mercedes mit klaren Spielregeln

Bei Mercedes ist die Ausgangsposition anders. Lewis Hamilton trennten vor dem elften WM-Lauf nur 22 Punkte von Valtteri Bottas. Beide haben noch realistische Titelchancen. Deshalb gelten die Regeln des Fairplay. Die internen Regeln sehen einen Platztausch vor, wenn der schlechter platzierte Fahrer schneller ist und eine Chance hätte, bei freier Fahrt Positionen gutzumachen. Gelingt das Vorhaben, bleibt die Reihenfolge bestehen. Sonst wird zurückgetauscht.

Mercedes erinnert seine Fahrer bei jeder Strategiesitzung vor dem Rennen daran. Auch wie der der Rücktausch stattzufinden hat. „Lewis wusste, dass er es in der letzten Kurve der letzten Runde machen muss. In einer langsamen Kurve ist das Risiko am geringsten“, verrät ein Ingenieur. Nur wenn Hamilton Bedenken wegen dem näher rückenden Max Verstappen angemeldet hätte, hätte Mercedes die Aktion abgebrochen. So lag es auch ein bisschen in der Hand des Fahrerrs, Fairplay zu zeigen. „Ich habe es für das Team getan und auf mein Herz gehört“, sagte Hamilton. Bottas lobte: „Ich bin dem Team und Lewis zu Dank verpflichtet. Sie habe ihr Versprechen eingelöst.“

Hamilton bekam zwei Mal 5 Runden

Nach dem Rennen schlugen die Wogen hoch. Man hatte schon während des Rennens beobachtet, dass es zwischen Chefstratege James Vowles, Teamchef Toto Wolff und den Renningenieuren zu einer angeregten Diskussion gekommen war. „James bekam noch von sechs bis sieben Ingenieure aus der Fabrik Daten und Informationen zugespielt“, verriet Wolff.

Kurz nachdem Hamilton über Funk den Hinweis gegeben hatte, dass er schneller fahren, sein Tempo aber nicht nutzen könne, gab der Kommandostand den Befehl, die Positionen zu tauschen. In der 46. Runde ließ Bottas seinen Teamkollegen in der ersten Kurve vorbei. Hamilton bekam zwei Mal fünf Runden Zeit, den Ferrari D-Zug vor ihm zu knacken. Es kam nicht einmal zu einem Versuch, obwohl der WM-Zweite schneller unterwegs war wie die roten Autos vor ihm. Sebastian Vettel hielt die Partie wegen seiner Lenkprobleme auf.

Räikkönen jammerte zwar am Funk, dass der Druck von hinten größer würde, doch der Finne verband damit die leise Hoffnung, dass man ihn doch an die Front schickt, um den Sieg zu sichern. Doch dann wäre Vettel schutzlos in die Hände der Silberpfeile gefallen. Hinterher gab Räikkönen zu, dass er sich wegen Hamilton nicht allzu viele Sorgen machen musste. „Er wäre nur vorbeigekommen, wenn mir ein grober Fehler unterlaufen wäre.“

Die Gewissennot der Mercedes-Strategen

Als klar war, dass Hamilton seine Mission nicht erfüllen konnte, lief die Aktion Wiedergutmachung an. Doch inzwischen waren ein paar Schwierigkeiten dazugekommen. Hamilton hatte sich mittlerweile um 7,8 Sekunden von Bottas abgesetzt. Er kam besser durch den Verkehr. Und im Rückspiegel von Bottas wurde der Red Bull von Verstappen immer größer.

Toto Wolff verriet hinterher, in welcher Gewissensnot sich die Entscheidungsträger befanden: „Wir haben intern ausführlich diskutiert, ob wir den Rücktausch noch durchführen sollten. Wenn Verstappen davon profitiert hätte, hätten wir wie Deppen ausgesehen. Deshalb haben wir alle Pros und Kontras abgewägt und uns am Ende auch mit der Unterstützung von Lewis für das Teamplay entschieden.“

Die Absprachen wurden noch erschwert, weil zeitweise der Funkverkehr ausgefallen war. „Wir hatten ständig Kontakt zu den Fahrern, konnten sie aber immer mal wieder nicht hören“, erzählt Teammanager Ron Meadows. Die Fahrer mussten in diesem Fall mit der Marker-Taste bestätigen, dass sie die Befehle verstanden hatten. Die Experten im Team nehmen an, dass ein überhitztes Glasfieber-Kabel an den Kommunikationsproblemen schuld war. In der heißen Phase funktionierte der Funk. „Sonst hätte wir so komplexe Absprachen nicht hingekriegt“, sagt Meadows.

Wann sattelt Mercedes das Pferd?

Nach dem Rennen musste sich die Mercedes-Teamleitung die Frage gefallen lassen, ob es nicht fahrlässig war, Hamilton drei Punkte zu stehlen. Wolff hatte sich die gleiche Frage auch gestellt: „Wenn uns am Ende des Jahres diese drei Punkte fehlen, werden alle sagen, dass wir die WM in Budapest verschenkt haben. Und ich werde der erste sein, der sich ins Knie schießt. Manchmal aber ist es wichtiger, zu seinen Werten zu stehen und eine sportlich faire Entscheidung zu treffen. Es war aber bestimmt die schwierigste Entscheidung der letzten fünf Jahre.“

Wolff und sein Außenminister Niki Lauda wussten, dass der Teamfrieden und das Betriebsklima gelitten hätten, wenn man sich trotz der geringen Punktedifferenz seiner Fahrer schon im elften Rennen auf Hamilton festgelegt hätte. „Irgendwann müssen sie das Pferd satteln, das sie um den WM-Titel laufen lassen wollen“, meinte Red Bull-Teamchef Christian Horner. Red Bull hatte den doppelten Platztausch vor zwei Jahren in Monte Carlo praktiziert. „Aber wir sind damals nicht um den WM-Titel gefahren.“

Mercedes und Ferrari haben unterschiedliche Erfolgskonzepte. Was auch daran liegt, dass das Teamduell im Lager der Silberpfeile meistens ausgeglichener verlief. „Am Ende fahren zwei Autos im Kreis“, philosophierte Wolff. „Wenn nur der Sieg um jeden Preis zählt, dann schlägt das irgendwann einmal zurück. Wir hoffen, dass ein Fairplay wie heute unserer Marke hilft und mehr Autos verkauft. Da müssen wir es verschmerzen können, wenn uns hinterher die Leute vorwerfen, dass nur das Ergebnis zählt, und dass die Leute schnell die Umstände vergessen.“

Vettel geht mit 14 Punkten Vorsprung auf Hamilton und 33 Zähler auf Bottas in die Sommerpause. Mercedes hätte am liebsten gehabt, wenn der GP Belgien schon am nächsten Wochenende stattfinden würde. „Um das Ergebnis wieder geradezurücken.“ Wolff warnt davor den engen Abstand im Ziel und die bessere Vorstellung auf den Soft-Reifen im Vergleich zu Ferrari als Trost zu sehen: „Wir haben heute wegen Vettels Problemen das wahre Tempo der Ferrari nicht gesehen.“

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Fairplay ist besser als der Sieg um jeden Preis. Mercedes muss Bottas die Chance lassen, solange er sie hat
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