Mercedes-Motorenchef Andy Cowell

"Unsere Gegner kennen das Ziel"

Lewis Hamilton & Andy Cowell - Mercedes - Formel 1 - 2014 Foto: Wilhelm 28 Bilder

Der Antrieb von Mercedes war 2014 das Maß aller Dinge. Selbst die Konkurrenz schätzte den Vorteil des Mercedes V6-Turbo auf rund 60 PS. Wir haben bei Motorenchef Andy Cowell nachgefragt, ob dieser Vorsprung in einem Winter einzuholen ist.

Der Mercedes-Motor war 2014 haushoch überlegen. Können das Ferrari, Renault und Honda überhaupt aufholen?

Cowell: Die Regeln, die Physik und die Chemie sind für alle gleich. Deshalb hat jeder die gleiche Chance. Ich sehe keinen Grund, warum es unseren Mitbewerbern nicht gelingen sollte, einen gleich guten Motor zu bauen wie wir. Natürlich stehen wir nicht still. Aber je weiter oben du in der Entwicklung stehst, umso flacher wird die Kurve, dich zu verbessern. Andererseits haben wir bei Formel 1-Motoren gelernt, dass es kaum Grenzen gibt. Beim Sauger haben wir lange geglaubt, das Drehzahllimit liegt irgendwo bei 14.000/min. Zum Schluss gab es Motoren, die über 20.000/min geschafft haben.

Ihre Gegner müssen erst einmal aufholen, bevor sie in der Lage sind, Mercedes zu überholen.

Cowell: Ja, aber sie kennen das Ziel. Dank der GPS-Messungen wissen sie genau, in welchen Bereichen wir was leisten. Das ist ihr Vorteil. Ferrari und Renault werden höher zielen, als das, was wir vorgelegt haben. Honda ist ein bisschen eine Unbekannte, doch wir sollten die Fähigkeiten der Japaner nicht unterschätzen. Wir werden einen großen Schritt vorwärts machen, aber ich kann nicht garantieren, dass dies reicht um besser zu sein als die Konkurrenz.

Es gab Gerüchte, Mercedes würde die Saison mit dem alten Motor beginnen, und die Evolution erst später nachschieben.

Cowell: Ich versichere Ihnen, dass wir mit dem 2015er Motor in die Saison einsteigen. Schon ab dem ersten Test in Jerez waren alle Neuentwicklungen in dem Motor drin. Wir haben in den Bereichen Verbrennung, innere Reibung und Energieumwandlung viele neue Ideen einfließen lassen. Nach den zwölf Testtagen werden wir entscheiden, welche der Änderungen wir ohne Risiko auf die Zuverlässigkeit in Melbourne an den Start bringen. Es ist unser Ziel, den bestmöglichen Motor so früh wie möglich einzusetzen. Wenn alles nach Plan läuft, dann wird er auch das variable Einlasssystem an Bord haben, dass die Regeln in diesem Jahr neu erlauben.

Werden Sie sich einige Token aus strategischen Gründen für später reservieren?

Cowell: Das entscheiden wir in Abhängigkeit davon, wie zuverlässig unsere Motorenevolution ist. Die neue Regel, wonach wir im Rahmen der 32 Token bis zum Saisonende entwickeln dürfen, gibt uns die Luft, uns für kritische Entwicklungen mehr Zeit zu nehmen.

Die Konkurrenz muss an das Konzept ihrer Antriebsquellen ran. Konnten Sie sich auf Detailarbeit beschränken?

Cowell: Oberflächlich betrachtet kann man viele Änderungen an unserer Antriebsquelle als Evolution bezeichnen. Mit etwas Erfahrung in dem Geschäft, würde ich einige davon aber revolutionär nennen. Sie werden sie wahrscheinlich nicht sehen. 90 Prozent der Modifikationen sind von außen nicht erkennbar. Sie wurden am Herz im Inneren unseres Triebwerks vorgenommen.

Wo lag das Hauptaugenmerk?

Cowell: Es ist kein Geheimnis, dass wir im letzten Jahr einige Zuverlässigkeitsprobleme hatten. Das mussten wir ausbessern. Die Regel, dass in diesem Jahr nur noch 4 statt 5 Motoren pro Fahrer erlaubt sind, macht diese Aufgabe nicht einfacher. Die Kühlung bestimmter Komponenten spielte da eine Rolle.

Reichen die vom Reglement erlaubten 32 Token aus, um ihren Vorsprung aufzuholen?

Cowell: 32 Token entsprechen 48 Prozent des Motors. Wenn Sie sich die Liste der erlaubten Änderungen nur im Bereich des Brennraums anschauen, dann sind zwei Token schon unheimlich viel.

Die Hybrid-Formel ist gerade erst ein Jahr alt, und Bernie Ecclestone fordert schon wieder ein neues Motorenformat. Wie muss das aussehen?

Cowell: Ich glaube, dass die aktuelle Architektur locker 1.000 PS und mehr Sound hergibt, wenn wir die Durchflussmenge erhöhen. Dabei sollten wir jedoch den Gedanken der Energie-Effizienz nicht verwässern. Es wäre eine Schande, wenn wir dieses Ziel aus den Augen verlieren. Der Technologie-Transfer vom Motorsport in die Serie ist für die Formel 1 wichtig. Deshalb ist auch Honda gekommen.

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