Mercedes-Niederlage in Bahrain

„Hatten den Sieg schon in der Hand“

Bottas & Vettel - GP Bahrain 2018 Foto: Wilhelm 69 Bilder

Den GP Australien hätte Mercedes gewinnen müssen. Das Rennen in Bahrain hätte man gewinnen können. Teamchef Toto Wolff erklärt, wie dem Titelverteidiger ein Sieg durch die Finger rutschte.

Mercedes ging als großer Favorit in die Saison. Doch nach zwei Rennen hat Ferrari zwei Mal gewonnen, und Mercedes war zwei Mal nur zweiter Sieger. Sebastian Vettel führt die Rangliste vor Lewis Hamilton mit 55:33 Punkten an. Die Prognosen gingen eher vom Gegenteil aus.

Beim GP Australien schlug das virtuelle Safety-Car und ein Eingabefehler im Strategieprogramm den Favoriten. In Bahrain kam eine Summe von vielen Gründen zusammen. Es begann mit der Getriebestrafe für Hamilton, die den Engländer 15 Sekunden kostete, bis er sich in Runde 9 auf Platz 4 freigeschwommen hatte. Und es endete damit, dass Valtteri Bottas die Zeit ausging. Der Finne war im Finale bis zu zwei Sekunden pro Runde schneller als Vettel. Doch ihm blieb nur noch ein Angriff auf den Ferrari. Und den wehrte Vettel locker ab.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff machte aus seinem Frust keinen Hehl. „Wenn mir am Samstag nach der Qualifikation einer die Plätze 2 und 3 angeboten hätte, hätte ich sofort unterschrieben. Doch so wie das Rennen gelaufen ist, war es frustrierend. Zwei Red Bull und Räikkönen sind ausgefallen. Und wir hätten nur noch 2 Runden mehr gebraucht. Dann hätte sich Vettel nicht mehr wehren können.“ Hamilton meinte verbissen: „Bei mir wären es 5 Runden extra gewesen.“

Bottas störte die Kreise der Ferrari

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com
Bottas hielt stets Sichtkontakt zu Vettel. So musste der Ferrari-Pilot die Taktik umdisponieren.

Wenn Mercedes nach zwei Rennen eine Zwischenbilanz zieht, dann müsste das Fazit lauten: Den GP Australien hätte man gewinnen müssen. Das Rennen in Bahrain hätte man gewinnen können. Die Ingenieure sehen es genauso. Mercedes hat in Bahrain viele Chancen ungenutzt liegen lassen.

Es begann mit der Getriebestrafe für Hamilton. Vom 9. Startplatz musste schon ein mittleres Wunder passieren, damit der Weltmeister das Rennen noch gewinnen konnte. Er hatte eigentlich nur eine Option. Ein langer erster Stint auf Soft-Reifen, dann das Rennen mit den Medium-Gummis zu Ende fahren.

Dazu brauchte Hamilton einen Bottas, der die Kreise der Ferrari stört. Dieser Plan gelang. Bottas splittete die beiden Ferrari. Überraschenderweise konnte der Finne auf den Supersoft-Reifen am Ende des Stints die Lücke auf Vettel von maximal 3,3 Sekunden auf 2,2 Sekunden wieder schließen. Das war schon auf den Longruns am Freitag zu erkennen. Den Ferrari ging bei den Dauerläufen hinten raus die Puste aus.

Die Reifenprobleme der Mercedes vom Samstag waren plötzlich wie weggeblasen. „Das Überhitzen der Hinterreifen war nur bei einer aggressiven Runde ein Problem. Bei längerer Laufzeit haben sich die Temperaturen stabilisiert“, erklärten die Reifenexperten von Mercedes. Trotzdem meinten sie selbstkritisch. „Wir hätten Bottas im Q2 wie Lewis auf Soft-Reifen qualifizieren lassen sollen. Dann wären unsere taktischen Möglichkeiten noch größer gewesen.“

Ferrari wählte Plan B

Kimi Räikkönen - GP Bahrain 2018 Boxen-Unfall bei Ferrari Mechaniker erleidet Beinbruch

Ferrari schützte sich mit Vettel zum frühestmöglichen Zeitpunkt gegen einen Undercut von Bottas. Räikkönen wurde mit seinem Boxenstopp nur eine Runde später erneut als Köder eingesetzt. Er sollte Bottas so früh wie möglich zu einer Reaktion zwingen. Doch die Reaktion von Mercedes fiel anders aus, als sie Ferrari erwartet hatte.

Während Ferrari im zweiten Stint mit Soft-Reifen erkennbar auf zwei Stopps setzte, machte der Rivale das Gegenteil. Bottas bekam Medium-Gummis mit auf die Reise. Ein klares Indiz dafür, dass Mercedes das Auto mit der Nummer 77 auf einen Stopp umpolte. „Wir haben an Alonso gesehen, dass der Medium-Reifen schnelle Zeiten zulässt. Und unser Auto hat schon bei den Longruns am Freitag gezeigt, dass es mit diesem Reifentyp gut harmoniert“, erklärte Wolff.

Das war der Moment, in dem der Mercedes-Chef glaubte, das Pendel wäre zu Gunsten der Silberpfeile ausgeschlagen. „Da hatten wir den Sieg in der Hand.“ Vettel lag in der 30. Runde nur 4,1 Sekunden vor Bottas und 22,8 Sekunden vor Hamilton. Damit hatte er sein Boxenstopp-Fenster bereits verpasst.

Ferrari blieben jetzt zwei Möglichkeiten zu reagieren. Entweder Vettel würde wie geplant einen zweiten Boxenstopp einlegen, dabei hinter die Mercedes fallen und dann mit einem Satz Supersoft zur großen Attacke blasen. Oder er würde das Risiko eingehen, die Garnitur Soft mit den Fingerspitzen über 39 Runden tragen und auf den Angriff der Mercedes-Piloten warten.

Plan A war der wahrscheinlichere. Weil es keinerlei Erfahrungswerte gab, ob ein Satz Soft so lange halten würde. „Wir hätten es Sebastian nicht zugetraut. Nicht wegen des Verschleißes, sondern wegen der Abnutzung und dem Gripverlust“, gab Pirelli-Sportchef Mario Isola zu.

So dachte auch Mercedes. Man wappnete sich für Ferraris Plan A. „Wenn Vettel noch einmal gewechselt hätte, bestand die Gefahr, dass er uns mit weicheren und frischeren Reifen überrennt. Deshalb mussten wir unsere Fahrer etwas bremsen, damit die Medium-Reifen am Ende genug Leben in sich haben würden, um sich zu verteidigen“, erklärten die Strategen aus dem silbernen Lager.

Bottas beim Angriff zu zaghaft

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com
Auf dem Zielstrich fehlten Bottas nur 0,6 Sekunden zum Sieg.

Ferrari versuchte nun mit Räikkönen einen letzten Joker zu ziehen. Sein vorgezogener zweiter Boxenstopp in Runde 35 sollte Bottas aus der Reserve locken. Doch die Rechnung ging nicht auf. Ferrari vermasselte den Boxenstopp und hatte fortan nur noch eine Patrone im Köcher.

Die Ferrari-Box war wegen der Versorgung des verletzten Mechanikers für zwei Runden blockiert. Wäre Vettel danach zu einem zweiten Stopp an die Box gekommen, wäre er 3 Sekunden hinter Hamilton und 17 Sekunden hinter Bottas auf die Strecke zurückgekehrt. Für Hamilton hätte es noch gereicht. Für Bottas wahrscheinlich nicht mehr. Je länger er auf den Supersoft-Reifen Tempo gemacht hätte, desto mehr wäre deren Vorteil geschwunden.

Nach Runde 38 war Mercedes klar, dass ihr Gegner auf der Strecke bleiben würde und sie selbst zum Jäger statt dem Gejagten würden. Zwei Runden später kam von der Ferrari-Box die Bestätigung: „Seb, wir fahren jetzt nach Plan B.“ Und da rächten sich für Mercedes zwei Dinge. Bottas kam schlechter durch den Verkehr als Vettel. Dabei blieben 2,5 Sekunden auf der Strecke. Und man hatte ihn mit Rücksicht auf die Lebensdauer der Reifen zu sehr gebremst.

„Unser Fehler“, gaben die Strategen zu. „Wir haben unsere Fahrer zu konservativ fahren lassen.“ Hamilton beschwerte sich hinterher, dass er sich vom Kommandostand falsch dirigiert fühlte. Man werde über die Kommunikation zwischen Box und Fahrer reden müssen. Der Engländer konnte zwar seine Ingenieure hören, die aber nicht ihn. „Es gab zu viele Windgeräusche. Das war sicher ein Nachteil. Aber es hat Lewis nicht das Rennen verloren.“

Bis 12 Runden vor Schluss konnte Vettel seinen Verfolger noch auf Distanz halten. Bottas fehlten 6,7 Sekunden. Dann verringerte sich der Abstand dramatisch. Vettel fand sichtbar keinen Grip mehr. „Die letzten fünf Runden waren echt schwierig. Die Reifen habe rapide abgebaut.“ Vorwürfe an Bottas, er hätte Vettel zu zaghaft attackiert, lassen die Ingenieure nicht gelten: „Wir wissen, wie schwierig Überholen auf dieser Strecke ist. Und Vettel ist nun mal ein Fahrer, den man nicht so leicht überholt. Er war nicht umsonst vier Mal Weltmeister.“

Für Toto Wolff wird diese Saison ein gnadenloser Dreikampf zwischen Ferrari, Red Bull und Mercedes. „Je nach Rennstrecke wird das Pendel zu einem anderen Team ausschlagen.“ Mercedes muss schleunigst sein Reifenproblem lösen, auch wenn es sich im Rennen nicht so dramatisch darstellte wie im Training. Den Rückstand auf Ferrari kommentierte Wolff nüchtern: „Wir haben zwei Mal sieben Punkte verschenkt. Punkte, die du liegen lässt, schmerzen besonders.“

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