Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Test - Bahrain - 13. März 2021 Motorsport Images
Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - Test - Bahrain - 14. März 2021
Mick Schumacher - Haas - Formel 1 - Test - Bahrain - 14. März 2021
Pierre Gasly - Alpha Tauri  - Formel 1 - Test - Bahrain - 14. März 2021
Esteban Ocon - Alpine - Formel 1 - Test - Bahrain - 14. März 2021 59 Bilder

Was bremst Mercedes? Zwölf Tage Zeit für Rätsel

Was bremst Mercedes? Zwölf Tage Zeit für ein Rätsel

Mercedes hat beim Test in Bahrain weniger Kilometer abgespult als jedes andere Team. Doch das umtreibt den Weltmeister nicht. Viel wichtiger ist es eine Lösung für das unberechenbare Heck des Autos zu finden. Bis jetzt gibt es noch nicht einmal einen Ansatz.

Zwölf Tage sind nicht viel Zeit, wenn man ein Problem lösen muss, für das man noch keine Erklärung hat. Mercedes sucht Rundenzeit. Lewis Hamilton verlor in seiner schnellsten Runde 1,1 Sekunden auf Max Verstappen, und dabei war der Weltmeister auf einer weicheren Reifenmischung unterwegs als sein WM-Gegner. C5 gegen C4, das sind auf der Uhr noch einmal drei Zehntel.

Den Titelverteidiger treiben nicht die 304 Runden um, mit denen man auf dem letzten Platz der Testkilometer steht. Die lassen sich erklären. Mercedes hatte von Anfang an nicht vor, den Distanzrekord zu brechen. Eine echte Rennsimulation beispielsweise war nie geplant. Das lag an den Umständen. 70 Prozent der Autos sind eine Übernahme von 2020. Die Haltbarkeit aller mechanischen Bauteile ist bekannt. Deshalb rückte der Fokus auf Aerodynamik-Checks und Setup-Vergleiche. Also lieber kürzere Ausfahrten, um ein möglichst breites Spektrum an Versuchen abzubilden. Damit war Mercedes nicht allein. McLaren und Alpine fuhren ein ähnliches Programm.

Auch der Getriebeschaden am ersten Tag machte keinen im Team nervös, auch wenn er erst nach der Rückkehr des Getriebes in die Fabrik hundertprozentig geklärt werden kann. Alle anderen Standzeiten in der Garage waren dem Problem geschuldet, das die Ingenieure dem neuen Mercedes W12 in 24 Teststunden nicht austreiben konnten. Das Heck des Autos führt ein Eigenleben. Nichts zeigt das besser wie zwei fulminante Dreher und einige Beinahe-Abflüge von Hamilton. Wenn der Unfehlbare so oft seinen Grenzbereich überschreitet, ist etwas faul.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Test - Bahrain - 14. März 2021
Motorsport Images
Mercedes sucht nach Antworten: Der W12 führt noch ein Eigenleben.

Mercedes mit instabiler Instabilität

Mal klebte der Mercedes auf der Straße, mal nicht. Mal glaubten die Ingenieure für den einen Kurventyp eine Lösung gefunden zu haben, dann trat das Problem in anderen Kurven wieder auf. Manchmal musste sich nur der Wind drehen, und die vermeintlich bessere Balance war schon wieder beim Teufel. Auch dass der Silberpfeil hauptsächlich mit den Kurven 1, 8 und 13 auf Kriegsfuß stand, trug nicht zur Aufklärung bei. "Unser Auto liegt im Heck nicht so stabil wie in den letzten Jahren. Im Moment verstehen wir nicht warum. Es gibt kein bestimmtes Muster. Wir werden unsere gesamte Energie darauf verwenden, in den zwölf Tagen bis zum Saisonstart eine Antwort auf diese Frage zu finden."

Der holprige Start erinnert ein bisschen an 2019, als es acht Testtage dauerte, bis Mercedes den zunächst unberechenbaren W10 zähmte. Davor ging im Team schon die Angst um, dass man sich vielleicht mit dem Frontflügelkonzept verzockt hatte. Tatsächlich lag es an der Fahrzeugabstimmung.

Doch diesmal ist alles anders. In dem gut gefüllten Problemlösungs-Baukasten der Ingenieure findet sich bis jetzt noch kein Ansatz. "Vor zwei Jahren waren wir weiter. Da fiel der Groschen. Diesmal können wir noch nicht einmal sagen, woher die Instabilität rührt. Von der Aerodynamik, von den neuen Reifen, vom Zusammenspiel zwischen beidem?" Die Logik sagt, dass die Seuche in den Komponenten steckt, die sich im Vergleich zu 2020 geändert haben. Das sind die Aerodynamik und die Reifen. Der Rest des Autos blieb gleich. "Es ist also unwahrscheinlich, dass die Aufhängungen etwas damit zu tun haben."

Zu früh für die Konzeptfrage

Der Verdacht mancher Experten, der kastrierte Unterboden könnte das Fahrzeugkonzept von Red Bull mit einem starken Anstellwinkel favorisieren, hört sich nur in der Theorie gut an: "Das müsste man im Windkanal durch einen Vergleichstest klären. Bis jetzt gibt es aber kein Indiz dafür, dass generell Autos mit einer niedrigen Anstellung wie unseres davon betroffen sind. Wir wären ja froh, wenn es so einen Hinweis gäbe. Dann wären wir einen Schritt weiter."

Es macht jetzt auch keinen Sinn, wenn die Aerodynamik-Abteilung in Aktionismus verfällt. Ein Upgrade würde nichts bringen, weil es am Ziel vorbeischießen würde. Prinzipiell produziert das Auto den Abtrieb, den der Windkanal den Ingenieuren versprochen hat. Es ist auch nicht so, dass der Anpressdruck erkennbar in den Keller fällt, bevor das Heck ausbricht. "Jeder fundamentale Aerodynamik-Fehler würde sich an den Daten zeigen."

Auffällig war auch der eher bescheidene Topspeed der beiden Mercedes. Verschwörungstheorien, Mercedes bluffe mal wieder, sind aus der Luft gegriffen. Die Fahrer durften jeden Tag zu bestimmten Zeiten die maximale Power nutzen. Mercedes bestückte seine Autos jedoch mit größeren Flügeln als Red Bull und Alpha Tauri. Das erklärt den Rückstand auf der Gerade.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - Test - Bahrain - 13. März 2021
Jerry André
Am zweiten Testtag rutschte Weltmeister Hamilton rückwärts ins Kiesbett.

Red Bull hat 369 Runden Vorsprung

Bleibt die Frage, wo Mercedes nach den drei Testtagen wirklich steht. Das konnten auch die Datenanalysten im Team nicht beantworten. Nie sei es schwieriger gewesen, aus den Testzeiten etwas herauszulesen. Allein die unterschiedlichen Streckenbedingungen haben die Rundenzeiten um bis zu eineinhalb Sekunden schwanken lassen. Dazu kam, dass jedes Team die halbierte Testzeit anders nutzte. So waren die unterschiedlichen Autos praktisch nie unter gleichen Bedingungen auf der Strecke.

Rennsimulationen waren zu Vergleichszwecken plötzlich nur noch halb so viel wert. Es kam mehr denn je darauf an, zu welcher Tageszeit sie stattfanden. Deshalb verzichteten so viele drauf. Nicht Daten, sondern das Bauchgefühl legt das neue Kräfteverhältnis fest. Und da drängt sich Red Bull auch aus Sicht von Mercedes als Favorit auf. Selbst, wenn bis zum Saisonstart eine Lösung gefunden wird, geht der Serien-Weltmeister mit Rückstand in die neue Saison. Red Bull hat beim Bahrain-Test ein funktionierendes Paket optimiert. Das sind 369 Runden Vorsprung.