Toto Wolff - Mercedes - GP Brasilien 2021 - Samstag Motorsport Images
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Brasilien - Sprint - Samstag - 13.11.2021
Valtteri Bottas - Mercedes - GP Brasilien - Sprint - Samstag - 13.11.2021
Valtteri Bottas - Mercedes - GP Brasilien - Sprint - Samstag - 13.11.2021
Max Verstappen - Red Bull - GP Brasilien - Sprint - Samstag - 13.11.2021 31 Bilder

Mercedes beklagt hartes Strafmaß nach DRS-Vorfall

Mercedes beklagt hartes Strafmaß „Fall hätte nicht zu Stewards dürfen“

Auf der Strecke gewann Mercedes am Samstag von Sao Paulo. Valtteri Bottas holte den Sprint-Erfolg, Lewis Hamilton begrenzte als Fünfter den Schaden. Doch die Niederlage vor den Sportkommissaren schmerzt den Titelverteidiger. Teamchef Toto Wolff spricht nach der Disqualifikation von einer Bagatelle, die nie hätte bei den Schiedsrichtern landen dürfen.

Es war ein Tag der gemischten Gefühle bei Mercedes. Zweieinhalb Stunden vor dem Sprint am Samstag verlor Lewis Hamilton die Pole Position, die er sich am Freitagabend von Sao Paulo gesichert hatte. Die Sportkommissare kannten keine Nachsicht. Das DRS am Auto mit der Startnummer 44 entsprach streng genommen nicht den Regularien. Hamiltons Mercedes war durch die Tests nach der Qualifikation gefallen.

Am Samstagabend von Sao Paulo war die Stimmung schon wieder besser. Valtteri Bottas hatte Max Verstappen den Sprint-Sieg geklaut. Und Hamilton war vom letzten Startplatz bis auf den fünften Rang vorgefahren. Dadurch wächst sein Rückstand in der Weltmeisterschaft zwar um zwei Punkte auf jetzt 21 Zähler an. Jedoch startet der Weltmeister am Sonntag bereits in den Top 10. Dann wird die Strafe von plus fünf Plätzen wegen des fünften Motors angerechnet.

Als Zehnter verfehlte Hamilton das bestmögliche Ergebnis nach dem Motortausch vor dem Rennwochenende also nur um vier Positionen. Das nennt man Schadensbegrenzung nach einem turbulenten Tag. Teamchef Toto Wolff schwärmte nach dem Husarenritt seines Superstars durch das Feld. "Lewis hat 15 Autos überholt. Und Valtteri hat den Sprint nach dem Start kontrolliert. Es ist schön, die Politik für einen Moment zu vergessen." Die Startrunde muss man bei Hamiltons Aufholjagd in Bezug auf die "echten" Positionswechsel eigentlich abziehen. Danach überflügelte er noch neun Konkurrenten. Das allein verdient Applaus. "Aus der Notlage heraus hat sich eine Widerstandsfähigkeit gebildet. Jetzt zeigen wir es allen", fasste Wolff zusammen.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Brasilien 2021 - Sprint
Motorsport Images
Lewis Hamilton begrenzte mit einer starken Fahrt im Sprint den Schaden.

Kann Hamilton noch gewinnen?

Die Vorstellung der Mercedes muss Red Bull für das Hauptrennen Sorgen bereiten. Bottas bot Verstappen nach gewonnenem Start keine Angriffsfläche. "Valtteri hatte das Rennen total unter Kontrolle. Wir hatten ein tolles Auto. Die Strategie mit den weichen Reifen hat gepasst. Sie haben keine großen Probleme gemacht. Unser Topspeed war hervorragend."

Das hat man auch an Hamiltons Fahrt von ganz hinten nach weit vorne gesehen. Es fehlten ihm sogar nur knapp mehr als zwei Sekunden, um noch Dritter zu werden, und einen Extra-Punkt aus dem Sprint zu entführen. Wolff wagt die Prognose: "Lewis kann das Rennen morgen noch gewinnen." Dafür sollte Bottas erneut den Start für sich entscheiden. Dann könnte er Verstappen aufhalten, damit der in der Frühphase nicht zu weit wegzieht.

Für die Dauer des Sprints rückte die Disqualifikation in den Hintergrund. Danach war sie wieder allgegenwärtig. Mercedes musste schwer schlucken, kurz vor Beginn des Mini-Rennens über 100 Kilometer nach hinten versetzt zu werden. "Lewis konnte nicht glauben, was da passiert ist. Bei gleichzeitigem Respekt vor der Aufgabe, der sich die Stewards und die Technikkommissare jedes Rennen stellen müssen", berichtete der Teamchef.

Gegen den Modus Operandi

Mercedes fühlt sich ungerecht behandelt. Der Zeitpunkt der Entscheidung stößt auf. "Zwei Stunden vor dem Sprint werden wir disqualifiziert. Und dass, obwohl wir nur minimalst über den 85 Millimetern für das geöffnete DRS lagen. Der Zeitpunkt und die Härte der Reaktion überraschen uns. Wir hatten nicht erwartet, dass so in die Weltmeisterschaft eingegriffen wird. Sondern mit Nachsicht gerechnet. Aber das Fallbeil ist gefallen.

Auch die Art und Weise, wie der Vorfall überhaupt ins Rollen kam, missfällt den Serien-Weltmeistern. "In diesem Fall wurde gegen den gängigen Modus Operandi gehandelt", sagt Toto Wolff. "Vielleicht auf Druck eines anderen Shareholders." Gemeint kann in diesem Fall nur Red Bull sein.

Es war der Herausforderer, der den Stein ins Rollen brachte. Red Bull hatte die FIA nach dem Freitagstraining darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Heckflügel des Mercedes bei einer Geschwindigkeit ab 260 km/h unrechtmäßig verbiegt. Zumindest nach Ansicht der Ingenieure. Es geht hierbei um das untere Heckflügelblatt, dass sich offenbar unter erhöhter Belastung zugunsten von mehr Topspeed verformt. Schon oft hat Red Bull in dieser Saison in verschiedene Richtungen geschossen, um den Mercedes-Vorteil auf den Geraden zu erklären. Wenn man sich im Fahrerlager umhört, könnte diesmal mehr Substanz an den Vorwürfen sein.

Um 0,2 Millimeter geschlagen

Ohne die Hinweise hätten die FIA-Techniker nach der Freitags-Quali wohl nicht direkt eine Untersuchung des Flügels gestartet. Dabei kam heraus, dass die Spalte zwischen Hauptblatt und Flap mehr als die erlaubten 85 Millimeter bei aktiviertem DRS beträgt. Mercedes wurde also eine ganz andere Sache zur Last gelegt. "Die linke Seite war okay. Die Mitte auch. Nur rechts hat die Vorrichtung um 0,2 Millimeter durchgepasst." Dabei handelt es sich um ein geschätztes Maß, weil diese Winzigkeit eigentlich kaum sichtbar ist. Die Distanzscheibe, die die FIA für die Tests verwendet, rutschte gerade so durch. Aber erst mit dem vorgeschriebenen Druck von zehn Newton.

Die statischen Tests ohne Belastung hatte der Mercedes bestanden. Doch das hilft in diesem Fall nichts. Die TD/011-19, eine Klarstellung des Reglements, regelt, was ein Auto erfüllen muss. Das sieht man auch bei Mercedes ein. "Am Ende des Tages gibt es die Technische Direktive. Das ist Schwarz oder Weiß. Das akzeptieren wir", sagt Wolff.

Im Lager des Titelverteidigers beklagt man aber fehlende Kulanz bei einem Verstoß im Minimalbereich. Wolff spricht gar von einer Bagatelle. "Der Fall hätte nicht mal bis zu den Stewards weitergeleitet werden dürfen. Aber gestern hat der Puffer für entsprechende Nachsicht gefehlt. Leider sehen die FIA-Techniker nur diese Sache. Sie haben nicht das ganze Bild der WM im Blick." Mercedes moniert, dass man keine Chance hatte, das eigene Auto nach der Qualifikation auf einen Schaden zu untersuchen. "Die FIA hat Ermessensspielraum, ob wir Zugang erhalten oder nicht. In dem Fall nicht." Einzig ein Mechaniker konnte aus der Ferne sehen, dass etwas mit dem Heckflügel nicht stimme.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Brasilien - Sao Paulo - Freitag - 12.11.2021
Wilhelm
Die Disqualifikation nach der Qualifikation hat bei Mercedes eine Trotzreaktion hervorgerufen.

Vielleicht nur eine lockere Schraube

Ein Schaden oder vielleicht Ermüdung des Materials hat wohl zu mehr Spielraum zwischen den Heckflügelelementen geführt. Weil man das Auto selbst nicht anschauen konnte, kann Mercedes es nicht mit Sicherheit festmachen. Jedenfalls hatte das Team den Flügel schon mehrmals im Einsatz, und bei der Technischen Abnahme vor dem Rennwochenende kam es zu keinen Unregelmäßigkeiten. Wolff vermutet, dass sich vielleicht sogar nur eine Schraube gelockert habe.

Eine absichtliches Vergehen ist ausgeschlossen. Auch deshalb ist man bei Mercedes frustriert. "Sie haben unsere Zeichnungen vom Heckflügel. Sie haben den Flügel selbst physisch vorliegen. Nach uns hätten sie ihn in tausend Teile zerlegen können, um alles zu checken." Beim Titelverteidiger mahnt man auch an, dass der Schaden erst am Ende der Qualifikation auftrat. Und einem selbst dadurch die Hände gebunden waren. "In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass es Teams erlaubt wurde, bei Schäden zu reparieren. Wenn es während des Qualifyings passiert wäre, hätten wir es auch dürfen. Danach wurde es uns untersagt."

Red Bull beispielsweise durfte seine Heckflügel während der Qualifikation in Mexiko richten. Laut Mercedes sogar zwei Mal, und ohne Aufsicht von FIA-Technikkommissar Jo Bauer. Und zu diesem Zeitpunkt stehen die Autos bereits unter Parc fermé. Ja, die Regeln erlauben bei defekten Teilen einen Austausch. Doch Mercedes argumentiert, dass dann mit zweierlei Maß vorgegangen wird. Wenn man es unter der Quali darf, warum dann nicht auch danach? Da ist schon gewissermaßen etwas dran. Während der Qualifikation kann ein Auto aber auch nicht durchgecheckt werden, danach eben schon. Und wenn es dann nicht den Regularien entspricht, kann es nur eine Entscheidung geben.

Doch man könnte auch die Frage stellen, warum Mercedes die FIA nicht direkt aufmerksam gemacht hat. Das Auto wird zu jeder Zeit über die Telemetrie überwacht. Wolff spricht sogar von einem Performance-Nachteil durch das DRS. Den hätte Mercedes eigentlich sofort feststellen müssen. Denkt man. Antwort aus dem Team: "In der Hektik der Qualifikation konzentrierst du dich voll auf deine Performance. Du willst das Beste aus dem Paket holen. Da schaust du nicht vertieft in die Daten. Und der vermutete Schaden war auch minimal. Das kannst du erst im Nachhinein feststellen."

Kein Protest von Mercedes

Mercedes legt den Fall trotz des Ärgers zu den Akten. Das Team verzichtete auf einen Protest. "Eine Berufung hätte uns bei einer Niederlage alle Punkte gekostet. Und es hätte sich über Wochen hingezogen", erklärt Teamchef Wolff. Doch auf eines macht der Österreich die Formel 1 aufmerksam. "Bei den nächsten Rennen werden alles genau beobachten. Jedes Klebeband, das von einem anderen Auto abfällt, werden wir melden." Das Urteil könnte die Büchse der Pandora geöffnet haben. Zeigt bald jeder jeden an?

Die WM hat man noch nicht abgehakt. Die Disqualfikation hat eine Trotzreaktion hervorgerufen. Die Rolle ist nun aber eine andere. "Die Prozente stehen gegen uns. Wir sind definitiv der Underdog. Aber nach heute habe ich sogar große Freude daran. Wir haben nichts mehr zu verlieren."

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