Das Regengeheimnis von Mercedes

Aufrüstung an allen Fronten

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Ungarn 2018 - Qualifying Foto: Wilhelm 42 Bilder

Mercedes feiert die erste Startreihe beim GP Ungarn. Sie war ein Geschenk des Regens. Mercedes hat das beste Auto für die Regenreifen. Und einen Lewis Hamilton in Topform. Teamchef Toto Wolff will sich aber nicht nur auf Geschenke verlassen.

Der GP Ungarn ist wegen des Regens in der Qualifikation ein Rennen mit freier Reifenwahl. Als Mercedes-Teamchef Toto Wolff gefragt wird, auf welchen Reifen seine beiden Fahrer am Sonntag starten werden, gab er kurz und bündig zur Antwort: „Auf Regenreifen.“ Das sind im Moment die Reifen, auf denen Mercedes seinen Hauptgegner Ferrari am ehesten schlagen kann.

Mit Regenkönig Lewis Hamilton im Cockpit. Mit einem Auto, das mit diesen Reifen besser funktioniert als der Rest. Der Mercedes verliert bei dem größeren Durchmesser, dem speziellen Walkverhalten der Regengummis und der höheren Bodenfreiheit weniger Abtrieb als die Autos, die von ihrem Konzept her wie Ferrari und ganz speziell Red Bull stärker nach hinten angestellt sind. Abtrieb ist übersetzt auch Reifentemperatur. Und da war bei Mercedes an diesem verregneten Nachmittag in Budapest alles im grünen Bereich. „Der einzige, der auf Regenreifen mithalten konnte, war Kimi. Und da haben wir den letzten Versuch nicht gesehen, weil ihm Grosjean im Weg stand“, faste Wolff zusammen. Das heißt: Hätte Räikkönen eine freie Runde gehabt, hätte Mercedes auch mehr zittern müssen.

Hamilton gewinnt vier Zehntel in drei Kurven

Lewis Hamilton und Valtteri Bottas hatten jeweils nur einen Schuss, und sie waren genau da in Hochform. Bottas legte vor, Hamilton zog nach. Wenn man die beiden schnellsten Runden der beiden Mercedes-Fahrer übereinanderlegt, dann war es ein aufregenderes Duell, als es Hamiltons Vorsprung von 0,26 Sekunden vermuten lässt. Hamilton lag bis zur Kurve 3 in Führung. Dann zog Bottas vorbei, mit dem Teamkollegen immer dicht dran, bis er ihm in den Kurven 8 und 9 deutlicher davonzog. Doch im Finale schlug die Stunde des Weltmeisters. In den Kurven 12, 13 und 14 nahm Hamilton dem Finnen vier Zehntel ab. Hauptsächlich mit der Linienwahl. Bottas gab zu: „Ich hatte in den letzten zwei Kurven leichte Quersteher.“

Die Fahrer lobten ihr Auto und die Strategie: „Das Team hat alles richtig gemacht, immer zur richtigen Zeit auf die richtigen Reifen gesetzt. Aber wir Fahrer lagen auch nicht so falsch“, lächelt Bottas. Ausschlaggebend war, dass Mercedes nur vier Minuten vor Ende des Q3 noch die Reißleine zog und seinen beiden Fahrer einen frischen Satz Reifen mitgab. Mercedes-Reifenexperte Andrew Shovlin verrät, dass man nicht nur blind der Konkurrenz gefolgt war: „Wir hatten vor drei Jahren in Brasilien ein Schlüsselerlebnis. Da haben wir es nicht gemacht. Seitdem wissen wir, wie viel mehr Grip ein frischer Satz Regenreifen bringt.“

Verteidigungsschlacht für Mercedes

Am Renntag wird sich Mercedes den Wetterprognosen zufolge nicht auf den Beistand von Regen verlassen können. Damit droht der zwölfte WM-Lauf des Jahres für Hamilton und Bottas eine Verteidigungsschlacht zu werden. Ferrari wird auf trockener Piste wieder stärker sein und genau die Stärken ausspielen, die sie in den freien Trainingssitzungen gezeigt haben. Ein Leistungs-Plus auf den Geraden, das von Mal zu Mal größer wird und bessere Longruns auf den Ultrasoft-Reifen.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Ungarn - Budapest - Qualifying Nur Regen kann Ferrari stoppen Start und Reifenwahl als Trumpfkarte

Bei einem kürzeren Anlauf in die erste Kurve würde Mercedes wahrscheinlich auf den Ultrasoft-Reifen ganz verzichten. Doch die regelmäßig guten Starts der Ferrari erlauben das nicht. Der Vorteil des weicheren Reifens kann bis zu acht Meter ausmachen. „Das können wir nicht vernachlässigen“, fürchtet Bottas. Teamchef Toto Wolff fordert: „Wichtig ist, dass wir auch noch zwei Autos in der ersten Kurve vorne haben.“ Das erleichtert das Reifenmanagement. Für Hamilton liegt der Schlüssel darin, wie er die Reifentemperaturen kontrollieren kann. „Wenn uns das gelingt, haben wir eine gute Chance. Der Hungaroring zählt zu den drei Strecken, auf denen es am schwersten ist zu überholen.“

Wird das Debüt des Spec3-Motors verzögert?

Toto Wolff ließ sich von dem für Mercedes so erfreulichen Trainingsergebnis nicht blenden. „Ich würde mich noch mehr freuen, wenn wir diesen Speed auch auf trockener Strecke finden würden. Er steckt in dem Auto drin, doch wir vermissen ihn seit dem Rennen in Österreich.“ Weil Mercedes trotz der kurzen Geraden erneut auf den Vollgaspassagen vier Zehntel auf Ferrari liegen ließ, macht Brackley und Brixworth mobil.

Die Kernfrage ist, ob Ferraris Stärke auf den Geraden allein vom Motor her rührt. GPS-Messungen können trügerisch sein, wenn man versucht auseinander zu dividieren, wie viel die Aerodynamik und wie viel die Antriebseinheit zu einem Zeitgewinn beiträgt.

Wolff deutet in seinem Kommentar bereits an, dass man sich bei der Suche nach der verlorenen Zeit nicht nur auf den Motor konzentriert. „Ferrari hat alle anderen abgehängt. Sie haben ein sehr gutes Chassis und einen außergewöhnlich guten Motor. Wir werden nicht in die alte Schallplatte verfallen und jammern, dass wir zu wenig Power haben. Schließlich haben wir mit dem Motor vier Jahre auf der Sonnenseite gelebt. Jetzt sind wir zum ersten Mal die Herausforderer und müssen schauen, wie wir den Vorteil von Ferrari aufholen können.“

Wolff nahm alle in die Pflicht. Motorenmann Andy Cowell genauso wie den neuen Chefdesigner John Owen. „Wir kennen das Ziel. Ferrari zeigt es uns jedes Wochenende auf der Strecke. Im Augenblick arbeiten mit Volldampf daran, das wieder wettzumachen.“ Im Zuge dieser Maßnahmen die Einführung des Spec 3-Motors verschoben werden muss, ist noch nicht entschieden. „Es ist schwierig, mehr Leistung zu finden, ohne Zuverlässigkeit zu opfern. Ein Ausfall killt dich mehr als eine Zehntelsekunde, die dir abgeht. Wir untersuchen, wie viel Leistung wir bis Spa oder Monza herausholen können, und entscheiden dann, ob wir unseren Plan ändern.“

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